Das Kaiserreich und die Frauenbewegung

veröffentlicht 18. Januar 2021
Prof. Dr. Hedwig Richter, Historikerin und wissenschaftliche Beirätin des DDF
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Prof. Dr. Hedwig Richter, Historikerin und wissenschaftliche Beirätin des DDF

Als Historikerin beschäftigen Sie sich intensiv mit dem Kaiserreich und der Situation der Frauen. Wenn wir auf diese Zeit blicken – welches Rollenverständnis herrschte damals vor?

Wie überall herrschte auch im Kaiserreich ein dichotomes Geschlechterbild. Die Menschen ordneten die Geschlechter zwei Sphären zu. Der öffentliche Raum etwa galt als männlich, der häusliche Bereich als weiblich. Auch wenn die historische Geschlechterforschung seit längerem zeigt, dass die Sphären nicht so streng getrennt waren, wie lange angenommen, so boten sie doch für die meisten einen normativen Rahmen.

Frauen nutzten zunehmend diese Einteilung als Argument für politisches Engagement. Denn Themen wie Erziehung, Hygiene, Gesundheit, Familienpolitik, Kampf gegen Armut wurden immer wichtiger – und die Frauenbewegungen forderten, dass sie Einfluss und eine Stimme in diesen Bereichen hatten. Diese „Domestication of politics“, wie die Historikerin Paula Baker diesen Prozess nennt, war ein wichtiger Bestandteil der Massenpolitisierung: Frauen forderten, dass die ,häuslichen‘ Themen in die Politik kommen und brachten sich damit selbst in die Öffentlichkeit ein. Das Private wurde politisch.

In ihrem aktuellen Buch Demokratie. Eine deutsche Affaire erzählen Sie die deutsche Demokratiegeschichte eng verwoben mit der Frauenbewegungsgeschichte. Was verbindet diese miteinander?

Allgemein gilt in der Geschichtsschreibung, dass das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts die Zeit der Massenpolitisierung war. Überraschenderweise wird dabei häufig vergessen: Den größten Teil machten die Frauen aus. Erstmals traten sie in großer Zahl auf und verlangten mit lauter Stimme nach ihren Rechten, und erstmals trat für weite Kreise der Bevölkerung die Gleichheit der Frau in den Horizont des Denkbaren. Natürlich gab es auch schon zuvor Feministinnen wie Olympe de Gouges in Frankreich oder Louise Otto-Peters in Sachsen, die Gleichheit auch für Frauen forderten. Aber sie blieben mutige Pionierinnen, die alles in allem wenig Gehör fanden.

Dieser große Aufbruch, den wir kaum überschätzen können, nahm in der Zeit des Kaiserreichs seinen Anfang – weltweit übrigens. Überhaupt lässt sich diese Zeit nur global verstehen. Überall wurde die Forderung nach einem Stimmrecht auch für Frauen laut. Die ersten Staaten wie Neuseeland oder Finnland führten das Wahlrecht sogar schon ein. Frauen vernetzten sich international. In Berlin wurde 1904 die erste internationale Organisation für das Frauenstimmrecht gegründet. Das ganze Ausmaß, was den Aufbruch der Frauen betrifft, wird übrigens erst deutlich, wenn wir sehen, dass er alle Schichten und politischen Richtungen erfasste: Sozialistische und bürgerlichen Frauen, aber auch – auf oft verstörende Weise – die ultrakonservativen, wenn die etwa ein Wahlrecht für weiße Frauen in den Kolonien forderten oder eigene Abteilungen in den Kriegervereinen.

Damit bleibt die Geschichte der Demokratie häufig eine männliche Erzählung.

Natürlich gilt in der Geschichtsschreibung wie auch sonst, dass Frauen unsichtbar gemacht werden. Die reiche Forschung zur Frauengeschichte findet noch viel zu wenig Eingang in die sogenannte allgemeine Geschichte. Speziell die Demokratiegeschichte wird seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überraschenderweise als Revolutionsgeschichte erzählt. Gewiss spielten Revolutionen eine wichtige Rolle – und auch Revolutionärinnen. Aber es führt zu einem schiefen Bild, wenn darüber die Reformen vergessen werden.

Frauen waren viel eher als Reformerinnen aktiv. Die Politikwissenschaftlerin Dawn Teele bietet in einer vergleichenden Studie über die Einführung des Frauenwahlrechts weltweit eine einfache Erklärung dafür: Die Frauenbewegungen um 1900 agierten in Rechtsstaaten (wie den USA, Deutschland oder Australien), in denen eine Revolution wenig Sinn ergeben hätte. In den letzten Jahren hat die Transformationsforschung für das 20. Jahrhundert zudem gezeigt: Friedliche Transformationen führen eher zu Demokratien als gewalttätige Umstürze. Die Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth hat darauf hingewiesen, dass in diesen friedlichen Transformationsprozessen Frauen viel stärker engagiert sind. Vermutlich lässt sich das mit einigen Abstrichen auch auf das 19. Jahrhundert übertragen.

Warum werden Frauen aus der Geschichte des Kaiserreichs so oft ausgeblendet, obwohl sich gerade in der Geschlechterordnung so viel tat?

Die Fixierung auf Revolutionen trägt wesentlich zur Ausblendung der Frauen bei. Wenn man sich die Bilder der Frauen anschaut von Clara Zetkin bis Hedwig Dohm und Minna Cauer: Das waren Menschen in langen Röcken, ohne dramatische Pistolen und Barrikaden. Sie schrieben, sie trafen sich, sie verfassten Petitionen und organisierten Rechtshilfestellen, Armenküchen und Zeitschriften. Das erscheint heute oft langweilig. Die Männer auf den Barrikaden waren sich übrigens ihrer Männlichkeit sehr bewusst, darüber gibt es viele Zeugnisse. Und: Der nach den Revolutionen so typische Backlash hat meistens dazu geführt, dass die Frauen noch schlechter dastanden als vor den Revolutionen.

Es gibt mindestens zwei weitere Gründe, warum die erste Welle der Frauenbewegung in Deutschland so wenig Beachtung findet. Zum einen die Exotisierung des Kaiserreichs: Wenn es als absonderlich autoritäres Land dargestellt wird, dann passt es eben nicht ins Bild, dass seine Frauenbewegung stark war. Zum anderen waren die Nazis wesentlich am Verschwinden der ersten Feministinnen beteiligt: Frauen mit jüdischen Wurzeln wie Alice Salomon wurden verfolgt. Etliche Frauenrechtlerinnen wie Helene Stöcker  mussten vor den Nazis fliehen und starben vergessen im Exil, andere wie Gertrud Bäumer mussten ihre Arbeit aufgeben oder stark einschränken. Das Frauenvereinsleben wurde zerstört. Viele Nachlässe gingen verloren.

Das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper sei ein zentrales Merkmal demokratischer Gesellschaften, schreiben Sie. Was bedeutet das für das Kaiserreich?

Um 1900 galt noch ziemlich selbstverständlich, dass Frauen nur sehr beschränkt Anspruch auf ihren Körper hatten. So wurde häusliche Gewalt nicht verfolgt, es war schwer, eine Vergewaltigung zur Anklage zu bringen. Einen Begriff für sexuelle Belästigung gab es erst gar nicht. Prostitution war erlaubt, unterwarf die Frauen jedoch einer brutalen Polizeiwillkür. Vieles aber kam um 1900 ins Wanken. Ähnlich wie heute durch #MeToo und #Aufschrei wurden Selbstverständlichkeiten hinterfragt und konnten so neu justiert werden.

Frauenrechtlerinnen thematisierten häusliche Gewalt, forderten ein Ende der Prostitution, die sie als frauenverachtend ansahen. Viele wandten sich auch gegen die Doppelmoral, die dem Mann alle Freiheiten ließ und die Frau strengen Regeln unterwarf. Frauen setzten sich für alternative Lebensmodelle ein. Sie kämpften beispielsweise für die Anerkennung des Single-Lebens – also für die Möglichkeit, jenseits der Familie als freier Mensch leben zu können. All das war aber an eine wichtige Voraussetzung gebunden: Bildung, um mit einem Beruf selbständig leben zu können. Deswegen widmete sich ein Großteil der aktiven Frauen der Bildungsfrage (keineswegs nur in der bürgerlichen Frauenbewegung). Viele setzten sich zugleich auch für das Wahlrecht ein.

Eine beachtlich große Anzahl an Frauenrechtlerinnen lebten auch in Gemeinschaft mit anderen Frauen. Das war gesellschaftlich akzeptiert. Die Zeit war ein großer Aufbruch für trans- und homosexuelle Menschen. Großartige, autonome Persönlichkeiten wie Johanna Elberskirchen oder Magnus Hirschfeld begannen damit, Homosexualität wissenschaftlich zu untersuchen – und stießen damit auf Widerstand, aber auch auf Anerkennung. Deutschland war auf diesem Gebiet führend. 1897 wurde in Berlin die weltweit erste Organisation gegründet, die für die Entkriminalisierung von Homosexualität kämpfte.

Das veränderte Körperbild war also Teil der Emanzipationsbewegung?

Wesentlich für diese Entwicklungen war: Der Körper erhielt neue Aufmerksamkeit. Wichtig dafür war, dass um 1900 die Reallöhne auch der Ärmsten anstiegen und alle mehr zum Leben hatten. Bessere Nahrung und Kleidung oder die großen Fortschritte in der Hygiene und Medizin ermöglichten den Menschen rein körperlich ein Leben in Würde. Dergleichen wurde mit Selbstermächtigung und Selbstregierung gleichgesetzt. »Es ist nicht der schlechteste Charakterzug unserer Zeit, daß der blinde Autoritätenglaube zu schwinden beginnt, dass das Verlangen nach Belehrung alle Kreise unseres Volkes ergriffen hat«, hieß es etwa in den Blättern für Volksgesundheitspflege.

Doch zur „Hygiene“ gehörten auch problematische, rassistische Seiten: Sie wurde oft als „Rassenhygiene“ verstanden und sollte einem gesunden „Volkskörper“ dienen. Die schwedische Frauenrechtlerin Ellen Key etwa war eine der Vorkämpferinnen für Euthanasie und Eugenik, ähnlich wie die Frauenrechtlerinnen Helene Stöcker oder Margarete Sanger in den USA. Auch diese Bewegungen waren international.

Bis heute ist das Bild vom Kaiserreich durch Militarismus, Pickelhaube und Untertanengeist bestimmt und wird teils geschichtsrevisionistisch verklärt. Welche Chancen bieten Frauen- und Geschlechtergeschichte für neue Lesarten dieser Epoche?

Keine Frage gab es im Kaiserreich Militarismus und Nationalismus. Es erscheint mir abwegig, diese Zeit zu verklären, da die Vorteile einer Demokratie so offensichtlich sind. Mein Kollege, der Historiker Christoph Nonn, betont zudem, dass die entscheidende Massenbewegung in Deutschland damals nicht der Militarismus oder ein verschärfter Nationalismus oder der Antisemitismus waren, sondern der Sozialismus. Ich würde hinzufügen: Wohl mindestens ebenso die Frauenbewegung. Wobei die Sozialdemokratie die erste Partei war, die sich das Frauenwahlrecht ins Programm schrieb.

Die Sozialdemokratie setzte sich kämpferisch und selbstbewusst für die ,Massen‘ ein. Und mit ihrer aggressiven Politik und leidenschaftlichen parlamentarischen Arbeit im Reichstag (der übrigens ziemlich viel Macht hatte) waren sie letztlich erstaunlich erfolgreich, nachdem sie die Sozialistengesetze in den 1880er Jahren überstanden hatten. Die Arbeitszeit wurde drastisch gekürzt, Arbeitsschutzgesetze wurden eingeführt, der Kinder- und Mutterschutz ausgebaut; in gewisser Weise waren die von Bismarck eingeführten Sozialversicherungen auch dem revolutionären Brodeln der Sozialdemokratie zu verdanken. Um 1900 galt Deutschland als führend, was den Sozialstaat betrifft. Der Sozialstaat aber ist eine der zentralen Säulen freiheitlicher Demokratien.

Sobald wir das zur Kenntnis nehmen, sehen wir plötzlich auch, wie viele Mütter unserer Demokratie es gibt. Marie Juchacz etwa, eine Mitgründerin der Arbeiterwohlfahrt, aber auch eine Frau wie die Katholikin Hedwig Dransfeld, die im Caritasverband aktiv war.

Prof. Dr. Hedwig Richter ist seit Januar 2020 Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München. Für ihre Forschung wurde sie unter anderem mit dem Anna-Krüger-Preis des Wissenschaftskollegs zu Berlin und mit dem Demokratiepreis der Demokratiestiftung der Universität zu Köln ausgezeichnet.

Neben ihrer akademischen Tätigkeit schreibt Prof. Richter u.a. für die FAZ und die Süddeutsche Zeitung, 2020 erschien ihr neuestes Buch Demokratie. Eine deutsche Affäre. Seit 2020 ist Prof. Dr. Hedwig Richter Teil des Wissenschaftlichen Beirats des DDF.  

Weitere Informationen zur Frauenbewegung im Kaiserreich bietet der Überblickstext Raus aus dem Korsett im DDF-Blog.

Mit dem Dossier „Der § 218 und die Frauenbewegung. Akteurinnen – Debatten – Kämpfe“ widmet sich das DDF in Interviews, Texten und Fundstücken aus den i.d.a.-Einrichtungen der wechselvollen Geschichte dieses zentralen Themas der Frauenbewegungen. Ab Mai 2021 im DDF.

Stand: 18. Januar 2021
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