Hedwig Dohm
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ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Hanns Hanfstaengl / TMA_0585
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Hedwig Dohm Geboren am in Berlin Gestorben am in Berlin

Über Hedwig Dohm

Frauenwahlrecht, Frauenstudium, ökonomische und soziale Gleichstellung - dies und mehr forderte Hedwig Dohm für ihre Geschlechtsgenossinnen Ende des 19. Jahrhunderts. Sie schrieb gegen die Antifeminist/innen ihrer Zeit an und wurde zu einer der bedeutendsten Stimmen der historischen Frauenbewegung.

Die Geschichte der Frauenbewegungen kennt so manche Persönlichkeit, die bereits zu ihren Lebzeiten mit ihren Ansichten und Forderungen polarisierte und bei ihren Zeitgenoss/innen Missgunst und gar heftige Ablehnung hervorrief, bevor die Nachwelt ihre Brillanz und Originalität zu schätzen wusste. Zu diesen außergewöhnlichen Charakteren zählt Hedwig Dohm.

Hedwig Dohm gilt als brillanteste und radikalste Feder der historischen Frauenbewegung und als bedeutendste Vordenkerin des radikalen Flügels. Bereits 1873 forderte sie das Stimmrecht für Frauen und kämpfte für deren rechtliche, soziale und ökonomische Gleichstellung. Als feministische Theoretikerin und Autorin zahlreicher Essays, Romane und Novellen gehört sie zu den wichtigsten Autorinnen der Wende zum 20. Jahrhundert.

 

„Ein leidenschaftlich unglückliches Kind“1

Hedwig Dohm wurde am 20. September 1831 in Berlin geboren. Sie war das vierte Kind – und die erste Tochter von Gustav Adolph Schlesinger und Henriette Wilhelmine Jülich. Sie erfuhr eine für das 19. Jahrhundert typische geschlechtsspezifische Erziehung: Während die Eltern bei Hedwigs Brüdern Wert auf eine gute Ausbildung legten, durfte die hochintelligente Tochter nur die Mädchenschule besuchen. Mit 15 Jahren musste Hedwig ihre Schulausbildung gezwungenermaßen beenden. In der Hoffnung auf mehr Bildung rang sie ihren Eltern ein Lehrerinnenseminar ab, das sie aber ebenfalls als „stumpfsinnig“2 empfand.
Erst als sie im Alter von 22 Jahren den Autor Ernst Dohm heiratete, der als Redakteur beim Satiremagazin Kladderadatsch arbeitete, bekam sie Zugang zu intellektuellen Kreisen. Hedwig Dohm betrieb in Berlin einen Salon, in dem einflussreiche Frauen ihrer Zeit wie Helene Lange oder Adele Schreiber sowie berühmte Männer wie etwa Franz Liszt und Fritz Reuter verkehrten. Im Alter von 40 Jahren – zu diesem Zeitpunkt hatte Dohm bereits fünf Kinder großgezogen – begann sie, über die Frauenfrage zu schreiben.

 „Ich schwärme für Freiheit“ 3 – Radikal und furchtlos für die Frauenfrage

Innerhalb von fünf Jahren publizierte Hedwig Dohm vier Bücher, die in der Radikalität ihrer Forderungen und der furchtlosen satirischen Analyse ein absolutes Novum darstellten und die sie mit einem Schlag zu einer der bekanntesten wie auch gefürchtetsten intellektuellen Stimmen ihrer Zeit machten: 1872 erschien Was die Pastoren von den Frauen denken, ein Jahr später folgte Der Jesuitismus im Hausstande, 1874 veröffentlichte die Berlinerin Dohm Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau und schließlich 1876 Der Frauen Natur und Recht.4

Hedwig Dohm: Der Frauen Natur und Recht.

 

In ihren Schriften attackierte sie mit Humor und Scharfsinn die Unterdrückung der Frauen auf allen Gebieten: Hedwig Dohm widerlegte die unterstellte ‚Natur der Frau‘ und hielt der Idee eines biologistischen Geschlechterdualismus – hier das Gefühlswesen Frau, dort der rationale Mann – ihre Idee von Frauen und Männern als sogenannte Ganzmenschen entgegen. Sie plädierte für die gleichberechtigte Bildung und Ausbildung von Mädchen sowie für die freie Wahl eines Berufs, der Frauen die ökonomische Selbstständigkeit sicherte. Sie forderte das Recht auf selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch, kritisierte das Eherecht, die Mystifizierung der Mutterschaft und die Doppelmoral und sah in Prostitution eine „abstoßende Karikatur von Erotik“, sie kämpfte gegen die unzureichende sexuelle Aufklärung junger Mädchen sowie den Jugendwahn, der „das Weib entmenscht“.5

In ihren Essays und Feuilletons prangerte die Autorin nicht nur die gesellschaftlichen Missstände bezüglich der Stellung der Frauen an. Hedwig Dohm – Absolventin einer Mädchenschule – zeigte keinerlei Respekt gegenüber den zeitgenössischen anerkannten Intellektuellen. Friedrich Nietzsche fiel ihrem bissigen Spott ebenso zum Opfer wie Paul Möbius, Autor des damaligen antifeministischen Bestsellers Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes. Auch gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen sparte Hedwig Dohm nicht mit Kritik. Sie beklagte das Verhalten der Frauen, die offensichtlich an ihrer Situation nichts ändern wollten, und forderte sie auf: „Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn!“6

Dem gemäßigten Flügel der Frauenbewegung, der den Geschlechterdualismus und die angebliche natürliche Bestimmung der Frau zur Hausfrau und Mutter nicht infrage stellte, waren Dohms Ideen schlicht zu radikal. „Radikal heißt wurzelhaft“, erklärte Dohm, „und bezeichnet am besten das Wollen und Handeln jener streitbaren Frauen, die die Axt an die Wurzel der Übel legen.“7 Erst als der radikale Flügel um 1890 erstarkte, fand Hedwig Dohm mit Minna Cauer, Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann Schwestern im Geiste, denen sie sich anschloss und mit denen sie sich organisierte.

Sie wurde Gründungsmitglied des Frauenvereins Reform, der eine umfassende Bildungsreform und den Zugang von Frauen zu den Universitäten forderte, und trat auch Helene Stöckers Bund für Mutterschutz und Sexualreform bei, der sich unter anderem für das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper, das Recht auf Abtreibung und gegen die Stigmatisierung lediger Mütter einsetzte. Auch im von Minna Cauer gegründeten Verein Frauenwohl für das Recht von Frauen auf Bildung und Berufstätigkeit engagierte sich Dohm.8

Publizistin und Pazifistin

Die neu gegründeten Zeitschriften des radikalen Flügels der Frauenbewegung boten der scharfsinnigen Autorin neue Möglichkeiten: Zwischen 1895 und ihrem Tod 1919 veröffentlichte Hedwig Dohm mehr als 80 Artikel. Außerdem veröffentlichte sie zahlreiche Feuilletons vornehmlich in linken und liberalen Zeitungen und Zeitschriften wie zum Beispiel in Die Zukunft oder in der auflagenstarken Vossischen Zeitung. Zugleich suchte Dohm nach anderen literarischen Formen, um ein größeres Publikum zu erreichen. Sie begann, Romane und Novellen zu schreiben, in denen sie anhand individueller Frauenschicksale deren Unterdrückung sowie Wege der Befreiung aufzeigte. Innerhalb von sechs Jahren veröffentlichte Hedwig Dohm ihre Romantrilogie: Schicksale einer Seele (1899), Sibilla Dalmar (1896) und Christa Ruland (1902). In diesen drei Büchern schilderte sie das Leben dreier Frauengenerationen des 19. Jahrhunderts und thematisierte zugleich die Veränderungen der weiblichen Lebenswelt an der Schwelle zum 20. Jahrhundert.

Hedwig Dohm war nicht nur radikale Feministin, sondern auch Pazifistin. Im Ersten Weltkrieg war sie eine der wenigen öffentlichen Stimmen im deutschen Kaiserreich, die mit Texten wie Der Missbrauch des Todes oder Wäre ich ein glühender Patriot dem allgemeinen nationalen Kriegswahn widerstand. Nach Ende des Ersten Weltkriegs erlebte die Frauenstimmrechts-Pionierin als 87-Jährige, wie der Rat der Volksbeauftragten im November 1918 das Wahlrecht für Frauen verkündete. Hedwig Dohm starb am 1. Juli 1919 in Berlin.

Autor*in
bearbeitet von Jessica Bock M. A.

geb. 1983, Studium der Mittleren und Neueren Geschichte, Promotion zur ostdeutschen Frauenbewegung von 1980 bis 2000 am Beispiel Leipzigs an der TU Dresden, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim DDF im Bereich neue und ostdeutsche Fauenbewegung.

Netzwerk von Hedwig Dohm

Zitate von Hedwig Dohm

Menschenrechte haben kein Geschlecht.
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Quelle
Dohm, Hedwig: Der Frauen Natur und Recht. Zur Frauenfrage zwei Abhandlungen über Eigenschaften und Stimmrecht der Frauen, Berlin 1876, S. 185.
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Man kommt sich auf dem Gebiete der Frauenfrage immer wie ein Wiederkäuer vor. Das liegt an der Taktik der Gegner.
Alles, was ich schreibe, steht im Dienste der Frauen.
Ich bin des Glaubens, dass die eigentliche Geschichte der Menschheit erst beginnt, wenn der letzte Sklave befreit ist, wenn das Privilegium der Männer auf Bildung und Erwerb abgeschafft, wenn die Frauen aufhören, eine unterworfene Menschenklasse zu sein.
Untätigkeit ist der Schlaftrunk den man dir, alte Frau, reicht. Trink ihn nicht! Sei etwas! Schaffen ist Freude! Und Freude ist fast Jugend.
Nicht freiwillig werden die Männer ihre Geschlechtsherrschaft fahren lassen, die sie für ein legitimes Recht halten, und die doch nur ein uraltes Privilegium ist, das im Laufe der Jahrhunderte ihr Rechtsbewusstsein korrumpiert hat.
Wer weiß, am Ende ist die ganze moderne Frauenbewegung nicht als eine Revolte gegen das Mürbeprügeln der Weiber, und sie bezweckt nichts als die Emanzipation des Weibes vom Stock.
Es handelt sich in der Tat bei der Frauenfrage um eine soziale Revolution, eine gewaltige und wunderbare, wie die Welt keine zweite gesehen, eine Revolution, in der einzig und allein mit geistigen Waffen gekämpft wird.
Eine sittliche Erhebung des menschlichen Geschlechts ohne eine volle Reform der Frauenzustände halte ich für unmöglich.

Biografie von Hedwig Dohm

20.09.1831

Geburt in Berlin

Hedwig Schleh heiratet den Kladderadatsch-Redakteur Ernst Dohm, vormals Elias Levy, dessen Familie ebenfalls vom Juden- zum Christentum konvertiert ist.

Geburt der Tochter Gertrude Hedwig Anna Dohm (Mutter von Katia Mann)

1867

Hedwig Dohm veröffentlicht unter dem geschlechtsneutralen Namen ,H. Dohm' ihr erstes Werk: ‚Die spanische Nationalliteratur’.

1902

In ihrem Buch ‚Die Antifeministen’ analysiert die so oft wegen ihrer Überzeugungen attackierte Feministin die Typologien und Taktiken ihrer Gegner.

1910

In ihrem Werk ‚Erziehung zum Stimmrecht der Frau’ beschreibt sie das Stimmrecht als ersten Schritt auf dem Weg zur Emanzipation.

Am 30. November 1918 trat in Deutschland das Reichswahlgesetz mit dem allgemeinen aktiven und passiven Wahlrecht für Frauen in Kraft.

Frauen konnten erstmals wählen und gewählt werden.

01.06.1919

Tod in Berlin

Fußnoten

  • 1. Dohm, Hedwig: Kindheitserinnerungen einer alten Berlinerin, in: Boy-Ed, Ida et al.: Als unsere großen Dichterinnen noch kleine Mädchen waren, Leipzig/München 1912, S. 28.
  • 2. Rohner, Isabel: Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm – eine Biografie, Taunus 2010, S. 24.
  • 3. Dohm, Hedwig: Die Opfer der Mode, in: Freidenker, 9. Jg., 1880, Nr. 18, hier S.  70.
  • 4. Rohner: Spuren ins Jetzt, S. 64.
  • 5. Dohm, Hedwig: Die alte Frau, in: Die Zukunft, 12. Jg., 1903, Bd. 42, hier S. 22–30.
  • 6. Dohm, Hedwig: Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung, Berlin 1902, S. 165.
  • 7. Dohm, Hedwig: Frauenrechtlerinnen, in: Nord und Süd. Monatsschrift für internationale Zusammenarbeit, Bd. 94, 1900, S. 93–103.
  • 8. Rohner: Spuren ins Jetzt, S. 109.
Ausgewählte Publikationen
Müller, Nikola: Hedwig Dohm (1831–1919). Eine kommentierte Bibliografie, Berlin 2000.
Rohner, Isabel: Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm – Eine Biografie, Taunus 2010.
Müller, Nikola / Rohner, Isabel (Hg.): Briefe aus dem Krähwinkel, Edition Hedwig Dohm Bd. 4, Berlin 2009.
Müller, Nikola / Rohner, Isabel (Hg.): Feuilletons 1877–1903, Edition Hedwig Dohm Bd. 5, Berlin 2016.
Dohm, Hedwig: Die Antifeministen, Berlin 1902.
Dohm, Hedwig: Was die Pastoren von den Frauen denken, Berlin 1872.
Dohm, Hedwig: Die Mütter, Berlin 1903.
Dohm, Hedwig: Der Frauen Natur und Recht, Berlin 1876.
Dohm, Hedwig: Schicksale einer Seele, Berlin 1899.