Plakatausschnitt mit der Überschrift "Der Club der Frauen an seine Mitschwestern"
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FFBIZ - das feministische Archiv e.V., Signatur: F Rep. 10 o. O. 18.6 (341)
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Die Anfänge und Entwicklung der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert

verfasst von
  • Prof. Dr. Susanne Schötz
veröffentlicht 05. Juli 2023
Im Interview mit dem DDF berichtet Prof. Dr. Susanne Schötz über die Anfänge der deutschen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert und welches Verhältnis führende Akteurinnen und Vereine zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs hatten.

DDF: Wo liegen die Anfänge der Frauenbewegung in Deutschland?

Susanne Schötz: Die Anfänge der Frauenbewegung lagen bekanntlich nicht erst im Kaiserreich. Nach einer Verstärkung frauenemanzipatorischer Aktivitäten im Vormärz und in der Revolution von 1848/49 gilt die Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) 1865 in Leipzig als Geburtsstunde der organisierten Frauenbewegung Deutschlands. Der ADF unter Vorsitz von Louise Otto-Peters  war die erste gesamtnational ausgerichtete Frauenorganisation, deren Ziel die Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern war, die damals weder in Ehe und Familie, noch in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik existierte. Frauen besaßen auf fast keinem Gebiet die gleichen Rechte wie Männer und lebten zumeist in Abhängigkeit vom männlichen Willen und Letztentscheidungsrecht. Doch aufgrund des deutsch-deutschen Bruderkrieges von 1866, der Schaffung des Norddeutschen Bundes 1867 sowie des deutschen Nationalstaats 1870/71 unter Ausschluss Österreichs geriet der ADF gleich in seiner Anfangszeit in schweres Fahrwasser. Er verlor seine österreichischen Mitglieder und fürchtete in den Kriegswirren um seinen Bestand. Nichtsdestotrotz gelang es ihm nach der Reichsgründung rasch, sich zu konsolidieren, neue Mitglieder zu gewinnen – 1877 sollen es etwa 12.000 gewesen sein – und sich in Deutschland auszubreiten.

Kurz nach dem ADF entstanden in einer ersten Welle zwischen 1866 und 1869 auch andere Vereine, die von Frauen gegründet, geleitet oder dominiert wurden und auf unterschiedlichen Feldern die Lebenssituationen von Frauen verbessern wollten. Einige traten dem ADF als Lokalvereine bei, andere nicht. Sie alle lassen sich zur entstehenden Frauenbewegung zählen.

Wie entwickelte sich die Frauenbewegung nach der Reichsgründung 1871 weiter?

Diese Anfangs- oder Formierungsphase der Frauenbewegung endete zu Beginn der 1890er-Jahre. Zum einen durften sich mit dem Fall des Sozialistengesetzes und einer gewissen Liberalisierung der Innenpolitik jetzt auch sozialdemokratisch ausgerichtete Arbeiterinnenvereine gründen, wenngleich sie weiterhin scharf überwacht wurden. Zum anderen trat nun stärker eine jüngere Frauengeneration hervor, die mit dem entstehenden Frauenvereinswesen bereits aufgewachsen war, mitunter im Ausland studiert hatte, manchmal in Kontakt zu ausländischen oder internationalen Fraueninitiativen stand und von dort Anregungen empfing. Für sie war es selbstverständlicher als noch für die Müttergeneration, am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen, sich in Vereinen zusammenzuschließen und eigene Interessen zu vertreten.

In der Folge entstand eine Vielzahl von Frauenvereinen mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen, von den Bildungs- und Berufsvereinen über karikative und sozialfürsorgerische Vereine, Mutterschutz- und Sittlichkeitsvereine, Rechtsschutzvereine, Sportvereine, Damenclubs, Hausfrauenvereine, proletarische und sozialdemokratische Frauenvereine, gewerkschaftliche Interessenvertretungen, konfessionelle Frauenvereine, sogenannte Fortschrittliche Frauenvereine bis hin zu patriotisch-nationalistischen und kolonialen Frauenvereinen sowie solchen, die ein eng umrissenes Ziel, wie zum Beispiel die Popularisierung von Reformbekleidung, verfolgten. Als es schließlich 1908 für Frauen reichsweit möglich wurde , in politischen Organisationen Mitglied zu sein, bildeten sich schnell auch Frauenwahlrechtsvereine.

Petition für die Aufhebung der bestehenden politischen Beschränkungen der Frauen, 1907
Aufruf des BDFs an seine Mitgliedsvereine für ein neues freies Vereins- und Versammlungsrecht, 1907 (?)

Als gemeinsame Dachorganisation der bürgerlichen Frauenbewegung entstand bereits 1894 unter Führung des ADF der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) in Berlin, dessen Vorsitzende bis 1899 Auguste Schmidt war. Er folgte dem amerikanischen Vorbild und verdeutlicht die beginnende Rezeption und internationale Vernetzung der Frauenbewegungen. Sein Ziel war es, bei aller Vielfalt die Einheit der deutschen Frauenbewegung in grundlegenden Fragen zu stärken. Dem entsprach der Grundsatz, nicht das Trennende, sondern das Verbindende zu betonen und sich als großer Verband für solche Ziele einzusetzen, die mehrheitsfähig waren. Doch immer wieder bröckelte die Einheitsfront, denn es kam zu Richtungskämpfen, Meinungsverschiedenheiten, Abspaltungen. Die unterschiedlichen Auffassungen über zu verfolgende Ziele und einzuschlagende Wege ließen sich in einem Verband, dem entschiedene Verfechterinnen des Frauenstimmrechts ebenso angehörten wie absolute Gegnerinnen, ja in dem es auf nahezu sämtlichen Arbeitsgebieten ‚Radikale‘ und ‚Gemäßigte‘ gab, nur schwer in Einklang zu bringen. Dennoch gingen von den Bundestagungen, Publikationen und den Kommissionen des BDF wichtige Impulse in die Gesellschaft des Kaiserreichs aus, die das wachsende Selbstbewusstsein und die zunehmende Gestaltungskraft der Bewegung verdeutlichten. Spätestens 1904, als die Presse breit über den vom BDF ausgerichteten Internationalen Frauenkongress des Internationalen Frauenbundes ICW (International Council of Women) in Berlin berichtete und international prominente Feministinnen wie Susan B. Anthony von Reichskanzler von Bülow, verschiedenen Ministern und Kaiserin Augusta empfangen wurden, konnte die Frauenbewegung einen bedeutenden Aufmerksamkeits- oder Achtungserfolg verbuchen.  

Welche Ziele verfolgte die Frauenbewegung im Kaiserreich?

Insgesamt erlebte die deutsche Frauenbewegung im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg ihre größte Blüte. Sie verfügte über eine vielfältige Vereinskultur  mit eigenen Publikationsorganen, Vereinshäusern, Beratungsstellen und konkreten Angeboten zur Verbesserung der Situation von Mädchen und Frauen. Ihre Akteurinnen riefen für Frauen beispielsweise Sonntags- und Fortbildungsschulen,  Lesezimmer und Bibliotheken, Haushalts-, Landwirtschafts- und Handelsschulen, Nähmaschinenunterricht, Mägdeherbergen, Speiseanstalten, Stellenvermittlungsbüros, Kindergärten, Kindergärtnerinnenseminare und Mädchenhorte ins Leben. Sie forderten die Öffnung neuer Erwerbsfelder für Frauen durch den Staat und in den Gemeinden, so in Krankenhäusern, Strafanstalten, in der Armenpflege und Kinder- und Jugendfürsorge. Dort, wo sie nicht selbst tätig werden konnten, wandten sie sich auf den Weg von Petitionen an Länderregierungen und Reichstag. Petitionsziele waren zum Beispiel die Anstellung von Frauen im Post- und Telegraphendienst, die Schaffung von Seminaren für Volksschullehrerinnen, die Öffnung der Universitäten für Frauen, die Verbesserung ihrer privatrechtlichen Stellung in Ehe und Familie oder die Abschaffung der reglementierten Prostitution. Darüber hinaus engagierten sich ihre Vertreterinnen in kommunalen Ehrenämtern, beispielsweise Schulausschüssen oder auf dem Gebiet der Armenpflege – diesen Punkt hat unter anderem Kerstin Wolff stark gemacht – und in internationalen Frauenorganisationen, wie dem bereits genannten Internationalen Frauenbund.

Einladung des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnen Vereins zum Tee-Empfang, 1929

Diese zunehmende Einflussnahme im Interesse von Frauen und Mädchen beeindruckte unter anderem den Sozialdemokraten Augst Bebel, der 1910 meinte, dass es keine zweite Bewegung wie die Frauenbewegung gebe, „und zwar die bürgerliche wie die proletarische“, die in so kurzer Zeit so große Fortschritte in allen „Kulturländern“ der Erde erreicht habe. 1913 gehörten dem BDF 2200 Vereine mit zwischen 500.000 und einer Million Mitgliedern an, die bürgerliche Frauenbewegung war zur Massenbewegung geworden. Da das sozialistische Lager im BDF nicht vertreten war, ist die Zahl frauenbewegter Organisationen und Personen im Kaiserreich weitaus größer gewesen. Diese wachsende Bewegung rief natürlich Gegner auf den Plan, deren ‚harter Kern‘ sich 1912 im Deutschen Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation vereinte.

Wie bewerten Sie die erreichten Ziele/den Erfolg der Frauenbewegung?

Im Fazit möchte ich festhalten: Der 1865 in Leipzig von 35 Frauen gegründete ADF setzte nicht weniger als Frauenpolitik in Deutschland in Gang. Über das organisatorische Mittel des Vereins gelang es den Frauen Jahrzehnte vor der Erlangung des allgemeinen Wahlrechts, eigene Anliegen in die öffentliche Diskussion einzubringen und für ihre Durchsetzung zu wirken. So klein mancher Schritt gewesen sein mag − in der Summe erzeugten all diese Schritte eine innovative gesellschaftspolitische Wirkung und veränderten die Gesellschaft des Kaiserreichs nachhaltig. Die ungleichen Rechte der Frauen und die Forderung, dem ein Ende zu machen, wurden ein Thema, das aus der öffentlichen Debatte nicht mehr verschwand. Das revolutionierte jahrtausendealte patriarchale Denktraditionen und Geschlechterbeziehungen.

Erste Erfolge erzielte die Frauenbewegung auf dem Gebiet der sozialen Arbeit für Mädchen und Frauen im kommunalen Raum sowie auf dem Feld der Bildung  und Erwerbsarbeit. Der größte war die schrittweise Öffnung der deutschen Universitäten seit 1900 und die allmähliche Zulassung von Frauen zu akademischen Berufen. Doch nicht mehr das Kaiserreich, sondern erst die Novemberrevolution brachte 1918 das Frauenwahlrecht. Gleiche Rechte in Ehe und Familie aber ließen weitere Jahrzehnte auf sich warten und wurden zuerst in der DDR und etwas später in der Bundesrepublik gewährt.

Vortrag von Käthe Windscheid über die Erziehung und Bildung von Mädchen, 1902
Stand: 05. Juli 2023
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Verfasst von
Prof. Dr. Susanne Schötz

Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Technischen Universität Dresden. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen u.a. Aushandeln von Arbeit, Bildung, Klasse und Geschlecht, Wirtschafts-, Sozial- und Geschlechtergeschichte des Bürgertums und Kleinbürgertums im 19. und 20. Jh. und Louise Otto-Peters und die erste deutsche Frauenbewegung.

Empfohlene Zitierweise
Prof. Dr. Susanne Schötz (2023): Die Anfänge und Entwicklung der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert , in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/die-anfaenge-und-entwicklung-der-frauenbewegung-im-19-jahrhundert
Zuletzt besucht am: 02.10.2023
Lizenz: CC BY-SA 4.0
Rechteangabe
  • Prof. Dr. Susanne Schötz
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY-SA 4.0
Ausgewählte Publikationen
Schötz, Susanne / Berger, Beate (Hg.): Frauen in der Geschichte Leipzigs. 150 Jahre Allgemeiner Deutscher Frauenverein [= Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Leipzig, Bd. 15], Leipzig 2 Jahrbuch für Regionalgeschichte, Bd. 37, Stuttgart 2019.
Schötz, Susanne: Bürgerliche Gesellschaft, Industrialisierung und die Anfänge der Frauenbewegung, in: Thomas Spring für das Deutsche Hygiene-Museum Dresden (Hg.): Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Ausstellungskatalog zur 4. Sächsischen Landesausstellung, Dresden 2020, S. 166‒175.
Schötz, Susanne: Zur Entstehungsgeschichte des Allgemeinen deutschen Frauenvereins vor 135 Jahren in Leipzig, in: Hundt, Irina / Kischlat, Ilse (Hg.): Zwischen Tradition und Moderne. Frauenverbände in der geschichtlichen Kontinuität und im europäischen Diskurs heute, Berlin 2002, S. 11–23.
Schaser, Angelika: Frauenbewegung in Deutschland 1848-1933, Darmstadt 2006.
Rellecke, Werner / Stanislaw-Kemenah, Alexandra / Schötz, Susanne (Hg.): Frauen in Sachsen. Politische Partizipation in Geschichte und Gegenwart (Sächsische Landeszentrale für Politische Bildung), Dresden 2022.
Schötz, Susanne: »Dem Reich der Freiheit werb‘ ich Bürgerinnen.« Vorstellungen von Frauenemanzipation und Gesellschaftsreform bei Louise Otto-Peters, in: Kämmer, Gerlinde / Berndt, Sandra, unter Mitarbeit von Constanze Mudra (Hg.): »Mit den Muth‘gen will ich‘s halten«. LOUISEum 38. Sammlungen und Veröffentlichungen der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e. V. Leipzig, Markkleeberg 2020, S. 134‒145.