Auguste Schmidt Geboren am in Breslau Gestorben am in Leipzig

Über Auguste Schmidt

Auguste Schmidt war Vorkämpferin für Frauenrechte, blieb aber bis heute am Rand von Frauenbewegungsgeschichte. Sie war sozialrevolutionäres Vorbild, unter anderem für die junge Clara Zetkin, lebte sisterhood und pflegte Freundinnenschaft zu Louise Otto-Peters. Schmidt war stets mittendrin statt nur dabei.

Auguste Schmidt war feministisches role model ihrer Zeit.1  Ihr Name findet sich in der Frauenbewegung ab den 1860er-Jahren. Obwohl als „hervorragende Pädagogin“2 und „gottbegnadete Rednerin“3 beschrieben, blieb sie am Rand von Frauenbewegungsgeschichten.4

Ab 1833: Werdegänge in Breslau, Posen, Rybník und Leipzig

Am 03. August 1833 wurde Friederike Wilhelmine Auguste Schmidt im preußischen Breslau geboren, als wohlsituierte zweite Tochter von Emilie, geb. Schöps (1802–1876), und Friedrich Schmidt (1790–1863), Artillerie-Hauptmann. Augustes ein Jahr ältere, gehörlose Schwester Marie starb im Kindesalter, ihre vier jüngeren Geschwister hießen Anna (1837–1908, verwitwete Schmidt), Clara (1843–1922, verwitwete Claus), Julius (1825–1894) und Maximilian Georg (1835–1876).5

1837, Auguste Schmidt war vier Jahre alt, zog die Familie nach Posen um, wohin der Vater als ranghoher Militär beruflich versetzt worden war. Über die folgenden zwei Dekaden heißt es, dass vor allem ihr Vater Wert auf eine fundierte Ausbildung aller Kinder gelegt habe: Die Töchter Auguste und Anna6 wurden Lehrerinnen, Clara7 wurde Sängerin sowie Musiklehrerin und die beiden Söhne Julius und Maximilian wurden Jurist beziehungsweise Polizeioffizier. Durch ihre Ausbildungen erreichten die Töchter finanzielle Selbstständigkeit unabhängig von einer Heirat.

Im Jahr 1848 begann Auguste Schmidt ihr Geschichts- und Literaturstudium am Posener Lehrerinnenseminar, das sie 1850 mit 17 Jahren erfolgreich absolvierte. Zunächst arbeitete sie als Erzieherin im damals preußischen Posen und wechselte nach kurzer Zeit ins ca. 340 km südwestlich gelegene oberschlesische Rybník. 1855 zog die 22-Jährige zurück ins heute polnisch-niederschlesische Poznań. Neben ihrem Lehrberuf an einer Breslauer Höheren Töchterschule studierte sie zwei Jahre und war ab 1857 staatlich geprüfte Schulvorsteherin. Das pädagogische Leitmotiv Schmidts lautete, „Menschen zu bilden und nicht nur Kinder zu unterrichten.“8

Dieses Leitprinzip verfolgte sie im Verlauf ihrer Berufskarriere. Als Schmidt 1861 nach Leipzig zog – ihre beiden jüngeren Schwestern heirateten im Gegensatz zu ihr –, lehrte sie zunächst an der Teichmannschen höheren Mädchenschule. Schon 1862 folgte sie dem Angebot Ottilie von Steybers (1804–1870), Literatur und Ästhetik an der von ihr gegründeten höheren Mädchenschule zu unterrichten. Der Lehrstil Schmidts war allseits geschätzt: Neben von Steyber erinnerten auch die Schülerinnen samt Eltern den „Geist herzlicher Liebe“, mit dem Schmidt ihre Arbeit in der Schulgemeinschaft prägte.9 Als Nachfolge der 1870 verstorbenen Gründerin wurde sie bis 1889 Schulleiterin des Steyberschen Erziehungsinstituts und unterrichtete unter anderem Clara Eißner (1857–1933, verheiratete Zetkin) am dortigen Lehrerinnenseminar.10 Zetkin, spätere Mitbegründerin der Arbeiterinnenbewegung,11  legte schließlich sozialrevolutionär aus, was Schmidt vorlebte: „Auguste Schmidt dankte selbst ihrer Dienerin für alles, was dieselbe ihr that. ‚Denn‘ so sagte sie oft, ‚durch deren Thätigkeit werde ich ja erst in den Stand gesetzt, mich geistiger Arbeit zu widmen.‘“12 Angesichts zunehmender körperlicher Beschwerden verlagerte Schmidt in den 1890er-Jahren ihre Priorität und quittierte ihren Dienst als Schulleiterin. Von da ab galt all ihr Engagement der organisierten bürgerlichen Frauenbewegung, der sie ihre Arbeitskraft bereits seit spätestens 1865 gewidmet hatte.

Auguste Schmidt blieb zeitlebens ledig, lebte aber nicht allein. Nachdem ihr Vater 1863 verstorben war, zog erst ihre Mutter mit der noch ledigen Schwester Clara zu ihr nach Leipzig. Ab 1870 wohnte dort auch Schwester Anna Schmidt nach dem Tod ihres Ehemanns. 1883 zog Schwester Clara Claus erneut, nach zehn Ehejahren verwitwet, gemeinsam mit ihrer Tochter Margarethe in die Leipziger Frauenwohngemeinschaft der Familie Schmidt. Alle drei Schwestern lehrten schließlich am Steyberschen Institut und gestalteten die organisierte Frauenbewegung mit.

Ab 1864: Mit Freundinnen auf Neuen Bahnen

Im Jahr 1864 freundeten sich Auguste Schmidt und Louise Otto-Peters an. Die beiden begegneten sich erstmals auf einer Gesangsveranstaltung von Clara Schmidt, die stolz darauf verwies, sie habe damit „[...] doch eigentlich die erste Veranlassung gegeben für die vereinte Wirksamkeit von L[o]uise Otto und meiner Schwester.“13 Sie erinnerte: „Überraschend schnell entwickelte sich zwischen der großen Frau und allen Gliedern unserer Familie die innigste Freundschaft, ja Vertraulichkeit. Durch fast 3 Jahrzehnte hindurch hat dann Louise Otto jeden Freitag in unserm Hause verbracht, und uns Töchter beglückte es sehr, dass auch unsere Mutter sich voll und ganz mit ihr verstand.“14 Das Duo Schmidt und Otto-Peters, das Henriette Goldschmidt (1825–1920) zu einem öffentlichkeitswirksamen Frauentrio erweiterte, machte damit die Frauenfrage auch in Kreisen der städtischen Entscheidungsträger*innen sichtbar. 

Schmidt, Otto-Peters und Goldschmidt entfalteten ihr Frauenfrageprogramm bis in die stadtpolitische (Fürsorge-)Praxis hinein. Gemäß dem von Auguste Schmidt ausgerufenen Frauenbewegungsmotto ‚Leben ist Streben‘ gründeten sie ab 1865 fürsorgerische Frauenvereinigungen als unterstützende Maßnahme von Frauen für Frauen. Im März 1865 etablierten Schmidt, Otto-Peters und Goldschmidt den Leipziger Frauenbildungsverein und im Oktober desselben Jahres initiierten Schmidt, Otto-Peters und Marie Loeper-Housselle (1837–1916) den Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF). Die Gründung des ADF gilt bis heute als Auftakt zur Geschichte der organisierten Frauenbewegung um 1900. Vier Jahre später schuf Schmidt gemeinsam mit Marie Calm (1831–87) den Verein deutscher Lehrerinnen und Erzieherinnen. Insbesondere Auguste Schmidt gelang es, viele Verbündete für ihre feministischen Anliegen zu gewinnen.15

Waescher, Johanna: Wegbereiter der deutschen Frau. Kassel: Aktien-Gesellschaft für Druck und Verlag, 1931.
Satzungen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins - Genossenschaft - Leipzig. Aktenbestand: Deutscher Staatsbürgerinnen-Verband ; Teilbestand Allgemeiner Deutscher Frauenverein. 1885.
Brief von Auguste Schmidt an unbekannt, 16. September 1883

Die ADF-Wortführerinnen wie Schmidt mussten angesichts des gesetzlichen Politikverbots für Frauen, das bis 1908 galt, strategisch vorsichtig agieren. Ihr Hauptanliegen war, Bildung für Mädchen und Frauen zugänglich zu machen, was seinerzeit häufig erschwert oder gar verhindert wurde. Durch geschickte Umdeutung gelang es den organisierten Frauen, die bislang unbezahlten weiblichen Wohltätigkeitsdienste hin zu koordinierter bezahlter Sozialer „Frauenarbeit“ auszubauen:16  In Zeiten misogyn-patriarchaler Strukturen erarbeiteten sie sich kommunalpolitische Mitsprache samt Zugang zu Ehrenämtern für Frauen – und das weit vor 1908. 

Auguste Schmidt selbst rügte (demonstrativ?) die Teilnahmslosigkeit ihrer Geschlechtsgenossinnen, „die sich in dem Zustand ewiger Kindheit und Unterordnung glücklich und zufrieden fühlten.“17  Schmidt und Otto-Peters setzten sich praktisch wie stimmgewaltig für ihre Frauenprojekte ein, die sie ehrenamtlich, zunächst neben ihrem jeweiligen Berufsleben, ausübten. Dazu gehörte auch die Herausgabe des zweiwöchentlichen ADF-Organs Neue Bahnen. Die Freundinnen waren ein kommunalpolitisch erfolgreiches Duo und schätzten einander sehr. Nach dem Tod ihrer Mitstreiterin im Jahr 1895 blieb Auguste Schmidt bis 1899 alleinige Herausgeberin der einst gemeinsamen Zeitschrift.

Ab 1890: Frauenbewegung gestalten und verwalten

Im Jahr 1890 erweiterte Schmidt ihre Vereinsarbeiten. Sie initiierte mit Helene Lange (1848–1930) den Allgemeinen Deutschen Lehrerinnen-Verein (ADLV) in Friedrichroda und war auch 1894 bei der Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine (BDF) aktiv. Die Ausrufung der bürgerlichen Dachorganisation BDF machte Konflikte sichtbar, die sich in der zunehmend pluralisierten Frauenbewegung aus unterschiedlichen Haltungen ergaben. Streitpunkte waren unter anderem das (performative) Verhältnis zu den Arbeiterinnen, das ‚richtige‘ – also erfolgversprechendste – öffentliche Auftreten der Frauenbewegung sowie die Zielformulierungen samt politischer Argumentationsführungen. Es waren turbulente außerparlamentarische Politjahre, in denen Auguste Schmidt 1894 als Vorsitzende des neuen BDF antrat. 

Auguste Schmidt mit bedeutenden Vertreterinnen der deutschen Frauenbewegung, 1883

Neben den oben genannten Konfliktlinien sah sich die über 60-jährige Schmidt erstmals einer neuen Generation Frauenbewegung gegenüber, die sich von der ‚Vereinsmeierei‘ der älteren Vorstandsfrauen abzugrenzen versuchte. Trotz der Anwürfe schien Schmidt ihren zugewandten Führungsstil beibehalten zu haben: Helene Lange erinnerte, Schmidt sei für diese Richtungskämpfe „wenig geeignet“, da zu „gütig“ gewesen.18 In jedem Fall blieb Auguste Schmidt ihrem Frauenbewegungsprojekt – in Personalunion als ADF- und BDF-Vorsitzende – bis ins Jahr 1899 treu.

Brief des Raths der Stadt Leipzig an Auguste Schmidt,, 1901

Schmidt verfasste auch Literarisches. Drei fiktionale Publikationen der Frauenpolitikerin sind bislang bekannt: Im Jahr 1868 erschienen die beiden Novellen Tausendschön und Veilchen sowie 1895 die Erzählung Aus schwerer Zeit. Mit 66 Jahren zog sich Schmidt aus der Öffentlichkeit zurück. Doch galt sie weiter als kommunalpolitische Ansprechperson für Frauen- und Mädchenbildungsfragen – bis zu ihrem Tod am 10. Juni 1902 in Leipzig.

Ab 1902: Gedenkorte einer Mit-Erzählten

Trotz Auguste Schmidts bemerkenswert umfangreichen Lebenswerks blieb sie historiografisch weitgehend am Rand; ihr Handeln wurde eher miterzählt denn erzählt. Dabei findet sich ihr Name in zentralen Quellen der frühen (Leipziger) Frauenbewegungsorganisationen; auch verfasste sie literarische Kurztexte. Ein Ölgemälde Carl Schmidts sowie zwei Büsten Adolf Lehnerts zu Auguste Schmidt sind im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig aufbewahrt.19

Schmidt wurde neben Otto-Peters auf dem Neuen Johannisfriedhof in Leipzig begraben. Die Grabsteine der beiden stehen heute im Lapidarium des Alten Johannisfriedhofs. Schmidt zu Ehren initiierte ihre Kollegin Rosalie Büttner (1846–1914) das auf Spendenbasis bewirtschaftete Auguste-Schmidt-Haus, das älteren Lehrerinnen und durchreisenden Frauen von 1910 bis 1934 Unterkunft in Leipzig bot; es wurde 1936 zwangsversteigert und im Bombenhagel 1943 zerstört20 . So unbekannt noch vieles Biografisches zu Schmidt bislang auch sein mag, eines scheint für die Frauenbewegungsgeschichte gewiss: Auguste Schmidt war mittendrin statt nur dabei.

Sonderdruck zum Auguste Schmidt-Haus in Leipzig, ca. 1902

 

Stand: 06. Juni 2023
Lizenz (Text)
Verfasst von
Mirjam Höfner

ist Mitarbeiterin am Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF), Kassel. Sie studierte und arbeitete erst bei Prof. Paletschek, Freiburg, von 2015-19 bei Prof. Schraut, München, und 2019-20 am Zentrum für Anthropologie und Gender Studies, Freiburg. Ihr Promotionsprojekt ist eine Biografie zu Dorothee von Velsen (1883-1970).

Empfohlene Zitierweise
Mirjam Höfner (2023): Auguste Schmidt, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/auguste-schmidt
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Lizenz: CC BY-SA 4.0
Rechteangabe
  • Mirjam Höfner
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY-SA 4.0

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Zitate von Auguste Schmidt

Biografie von Auguste Schmidt

Geburt in Breslau

1848 - 1850

Geschichts- und Literaturstudium am Posener Lehrerinnenseminar

1857

Staatsexamen Schulvorsteherin, Breslau

1861

Umzug nach Leipzig

März 1865

Gründung Leipziger Frauenbildungsverein, gemeinsam mit Louise Otto-Peters

Oktober 1865

Gründung Allgemeiner Deutscher Frauenverein (ADF), Leipzig, gemeinsam mit Louise Otto-Peters; Schmidt wird stellvertretende Vorsitzende

1866 - 1902

Mitherausgeberin der ‚Neuen Bahnen‘, zusammen mit Louise Otto-Peters; ab 1895 alleinige Herausgeberin

1870 - 1889

Schulleiterin, höhere Mädchenschule von Ottilie von Steyber

1890

Mitbegründerin des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins (ADLV), zusammen mit Helene Lange und Marie Loeper-Houselle

1894 - 1899

Vorsitzende des Bund Deutscher Frauenvereine (BDF)
Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF)

Tod in Leipzig

Fußnoten

Ausgewählte Publikationen