„Meistens war ich die Einzige“ – das Komponistinnentreffen 2021

verfasst von
  • Jelena Rothermel
veröffentlicht 21. Februar 2024
Im Jahr 2021 trafen sich in Nürnberg zahlreiche Frauen aus dem Musikbetrieb – in dem männerdominierten Berufsfeld immer noch eine Seltenheit. Inspiriert war die Organisatorin Vivienne Olive von einem Treffen 1982 in Berlin, das als Meilenstein der Vernetzung unter Frauen in der Musikbranche gilt.

3.359 Komponisten waren 2019 bei der Künstlersozialkasse versichert – aber nur 412 Komponistinnen1 Sie scheinen immer noch selten zu sein, auch wenn heutzutage Namen wie Clara Schumann oder Kaija Saariaho medienwirksam auftauchen. Umso beeindruckender ist es, dass sich schon 1982 eine international zusammengesetzte Gruppe von Komponistinnen in Berlin traf. Die englische Komponistin und Teilnehmerin des Austauschs Vivienne Olive erinnert sich: „Es war eine unglaublich aufregende Zeit und ich werde nie vergessen, da war ein erstes Treffen in einer Villa in Berlin. Ich glaube, wir waren vielleicht 20 Leute, und wir haben ein Wochenende miteinander verbracht, wir haben zusammen gegessen, wir haben miteinander gequatscht und uns vorgestellt. Das war so eine tolle Zeit.“2

Das Vorbild von 1982

Dieses 1. Internationale Komponistinnentreffen 1982 fand im Literarischen Colloquium statt, einer Villa am Wannsee. Die Musikfrauen Berlin e.V. hatten das Zusammenkommen im Rahmen des Karl-Hofer-Symposiums Frau-Raum-Zeit an der Hochschule der Künste Berlin initiiert. Die Frauenbewegung hatte die Musikbranche erfasst und Initiativen wie die Musikfrauen organisierten sich, um für Geschlechtergerechtigkeit zu kämpfen.
Die Vorstellung des Komponierens als einsamer Tätigkeit am Schreibtisch hält sich jedoch beharrlich – und stand wie steht solchen gemeinsamen Kämpfen im Weg. Das klischeehafte Ideal des Einzelkämpfers ist noch immer eng verknüpft mit der Vorstellung eines männlichen Genies. Auch komponierende Frauen wurden von diesem Bild beeinflusst; nicht selten wollten sie sich deshalb nicht als Komponistinnen bezeichnen.3 Ein feministischer Zusammenschluss wie in Berlin war daher sehr bedeutsam – für den fachlichen wie kulturpolitischen Austausch und die wichtige Erkenntnis: Ich bin nicht allein als Komponistin.

Plakat für das erste Komponistinnentreffen, 1982

Laut einer der Organisatorinnen, der Dirigentin Barbara Kaiser, trafen sich 22 Komponistinnen aus 13 Ländern, außerdem waren Verlegerinnen, Veranstalterinnen und Archivar*innen4 sowie interessierte Gäste vor Ort.5 Unter den Komponistinnen waren heute bekannte Namen wie etwa Adriana Hölszky, Alice Samter, Vivienne Olive, In-Sun Cho, Violeta Dinescu, Siegrid Ernst, Jacqueline Fontyn, Ruth Zechlin, Susanne Erding, Barbara Heller, Younghi Pagh-Paan und Grete von Zieritz. Neben einem Workshop, bei dem sich die Komponistinnen ihre Musik und Arbeitsweisen vorstellten, gab es einen, der die Komponistin Grete von Zieritz porträtierte. Die frühere Vorzeigekomponistin der Nationalsozialisten war Mitglied der Fachschaft Komponisten der Reichsmusikkammer gewesen und wurde von dieser maßgeblich gefördert. Nach Kriegsende setzte sie sich vermehrt für den Frieden ein und stellte in Berlin ihr Stück Kosmische Wanderung über die Schrecken eines Atomkriegs vor.6

Bei dem informellen Treffen vernetzten sich die Engagierten der Frauen-Musik-Bewegung und diskutierten auch kompositionstechnische Fragen. Barbara Kaiser hob besonders die Zusammenarbeit der Komponistinnen mit Musiker*innen in den Workshops und Konzerten hervor. Sie machte es möglich, dass kompositorische Fragen gleich hörbar wurden. Zudem lernten die professionellen Musiker*innen des Berliner Philharmonischen Orchesters und des Orchesters der Deutschen Oper Berlin Musik von Frauen kennen, die sie in ihr Repertoire aufnahmen.7

Selbstkritisch beschrieb Kaiser auch die (fehlende) Debatte der Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb: „Die Chance, auf internationaler Ebene gemeinsam Beschlüsse zur Verbesserung ihrer beruflichen Situation zu schaffen, hätte von den Komponistinnen besser genutzt werden können. Kulturpolitik als ein Teil kompositorischer Arbeit fällt schwer.“8 Immerhin wurde die Konzeption von feministischen Konzertformaten debattiert: „Die Frage nach alternativen Formen hat sich mir auch in den Konzerten gestellt: [S]ind Bühne hier, Publikum dort, schwarze Anzüge und Abendkleider, Verbeugung und ,Triumphgemüse‘ (…) unsere Ausdrucksformen?“, fragte etwa Gabriele Hilsheimer in ihrem Rückblick der Zeitschrift Frau und Musik.9   Die Musikfrauen Berlin e.V. organisierten nach 1982 noch weitere Festivals und Konferenzen, die solche Fragestellungen aufnahmen. Treffen zur Vernetzung unter Komponistinnen blieben aber weiterhin eine Seltenheit.

2021 in der Villa Teepe

Fast vierzig Jahre nach diesem ersten Treffen kamen wieder komponierende Frauen zusammen, konnten gemeinsam diskutieren, essen und musizieren. Vivienne Olive hatte sich an die bereichernde Atmosphäre in Berlin erinnert und lud deshalb 2021 zehn Komponistinnen nach Nürnberg ein. Die Teilnehmerinnen waren nun Diana Syrse, Julia Schwartz, Siegrid Ernst, Violeta Dinescu, Viera Janárčeková, Karola Obermüller, Yulim Kim, Gloria Coates, Farzia Fallah und Vivienne Olive. Da die Corona-Pandemie noch immer das Leben einschränkte, konnten nicht alle eingeladenen Gäste in Präsenz erscheinen. So trafen sich einige Frauen in der Villa Teepe und andere wurden digital zugeschaltet. Die denkmalgeschützte Villa, in der immer wieder Konzerte und musikalische Salons stattfinden, wurde von der Sängerin Monika Teepe bereitgestellt.

Komponistinnentreffen Nürnberg 2021

Wie schon 1982 konnten die Frauen hier in ruhiger und lockerer  Stimmung, im kleinen Rahmen, aber gesellig das kompositorische Arbeiten besprechen, so Vivienne Olive.10 Deshalb waren auch die Vorstellungen der einzelnen Komponistinnen und ausgewählter Werke der zentrale Programmpunkt. Obwohl sich viele Teilnehmerinnen vorher nicht kannten, stellte sich schnell eine vertrauensvolle Atmosphäre ein, in der über die Arbeiten diskutiert werden konnte. Für viele war es das erste Mal, dass sie in einer Runde von Komponistinnen zusammensaßen und nicht etwa die einzige Frau unter Männern waren. Darüber hinaus war es ein Novum, nicht nur mit Musiker*innen oder Professor*innen über das eigene Komponieren zu sprechen, sondern auch mit Kolleginnen.

Zwischen den Porträts der komponierenden Frauen informierten Mary Ellen Kitchens, Jule Kratzat, Theresa Henkel und Vivienne Olive über die Frauen-Musikgeschichte und Institutionen wie den Internationalen Arbeitskreis Frau und Musik e. V. oder den Furore Verlag, die sich der Sichtbarmachung von Frauen im Musikbetrieb verschrieben haben. Sie zeigten gleichzeitig, wie wirksam es für Frauen in der Musikbranche ist, zusammenzuarbeiten, Lobbygruppen oder eigene Verlage zu gründen.
Als besonderer Programmpunkt spielten und sangen die Musiker*innen Wilgard Hübschmann (Gitarre), Bianca Breitfeld (Cello), Uta Walther (Klavier), Monika Teepe (Sopran) und Irene Urbach (Akkordeon) Kompositionen aus früheren Jahrhunderten und zahlreiche Werke der anwesenden Komponistinnen.

Gerade diese Live-Konzerte mit Expertinnen als Publikum machten das Treffen so besonders. „I think being here is special because you don’t really have the chance to be with so many talented female artists (…) talking about composition“, sagte etwa Diana Syrse und führte weiter aus: „I think it’s very important to be united and to be conscious that we all need a space to share and then to make different projects where women are really into the creating parts of the festival.”11 Und Yulim Kim zeigte sich erstaunt darüber, „dass so viele Komponistinnen in Deutschland leben“.12 Was es bedeutet, mit Kolleginnen über Musik und das Komponieren sprechen zu können, fasste Karola Obermüller zusammen: „Dass wir alle irgendwie wissen, wie’s so ist, als Komponistin durch die Welt zu gehen; dass wir von dem gemeinsamen Selbstverständnis ausgehen. Das ist toll. Das hab ich noch nie gehabt. Find ich total spannend und schön.“13  

Die Rolle von Konzerten für Komponierende

Gerade die pandemiebedingten Beschränkungen des kulturellen Lebens haben den Blick noch einmal auf das Erlebnis Live-Konzert und dessen Bedeutung geschärft – auch das war Thema in Nürnberg. Die 2022 verstorbene Komponistin Siegrid Ernst und langjährige Vorstandsfrau vom Archiv Frau und Musik berichtete von einem unverhofften Auftrag des Ensemble New Babylon: „Ja, ich habe eine große Überraschung erlebt im Frühjahr. Nachdem hier dieser lange Lockdown und sehr lange Dunkelheit in Bremen mich eigentlich schon ziemlich deprimiert haben, kam plötzlich der Organisator eines zeitgenössischen Ensembles auf mich zu (…) und hat mich gefragt, ob ich für sie eine Komposition machen würde. (...) Das war natürlich ein toller Anschub und ich hab mich dann gleich ans Werk gemacht und es ist jetzt inzwischen auch entstanden und am 20. Februar nächsten Jahres wird‘s hier aufgeführt.”14

Video - Interview: Diana Syrse
Video - Interview: Karola Obermüller

In den von Mitarbeiter*innen des Archiv Frau und Musik geführten Interviews in Nürnberg wurden die Komponistinnen nach der Bedeutung von Konzertaufführungen für das eigene Komponieren gefragt. Dabei betonten alle die Rolle der Musiker*innen, für und mit denen sie musizieren. Diana Syrse und Karola Obermüller etwa beschrieben die Erfahrungen, für einen ganz bestimmten Klangkörper zu komponieren, als lehrreich und formend für ihr Komponieren. Erst das Erleben des eigenen Stückes würde eine richtige Beziehung zu der Arbeit ermöglichen, so Obermüller.15 Und die wenigsten der Anwesenden würden ohne Anlass oder Aussicht auf eine Aufführung komponieren. Auch die Frage nach der Arbeit stellte sich deshalb neu, entsteht ein Stück doch meist im Probenprozess unter Beteiligung vieler Mitwirkender: der Musiker*innen, der Veranstalter*innen oder der Fördernden. Gerade letztere fehlen noch immer, wenn es um die Aufführung von Komponistinnen geht. Hier – im Zusammenbringen aller an der Entstehung und Aufführung von Musik Beteiligten – schließt sich der Kreis zu dem Klischee des Komponisten als männlichen Einzelkämpfer, das revidiert werden muss. Die feministische Praxis des Netzwerkens wird auch in Nürnberg ausgebaut: Weitere Treffen, verbunden mit den bisherigen Zusammenkünften, sollen folgen – wie eines vom 10. bis 12. November 2023 – und die Kooperationen von Komponistinnen festigen.

 

Stand: 21. Februar 2024
Lizenz (Text)
Verfasst von
Jelena Rothermel

Musikwissenschaftlerin, Wissenschaftliche Projektkoordinatorin 2022, Archiv Frau und Musik

Empfohlene Zitierweise
Jelena Rothermel (2024): „Meistens war ich die Einzige“ – das Komponistinnentreffen 2021, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/meistens-war-ich-die-einzige-das-komponistinnentreffen-2021
Zuletzt besucht am: 22.04.2024
Lizenz: CC BY-SA 4.0
Rechteangabe
  • Jelena Rothermel
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY-SA 4.0

Fußnoten

  • 1.Schulz, Gabriele: Arbeitsmarkt Kultur: Ausbildung, Arbeitskräfte, Einkommen, in: Schulz, Gabriele / Zimmermann, Olaf (Hg.): Frauen und Männer im Kulturmarkt. Bericht zur wirtschaftlichen und sozialen Lage, Berlin 2020, S. 348.
  • 2Olive, Vivienne: Zoom-Session während des Komponistinnentreffens am 15.09.2021, Archiv Frau und Musik (im Folgenden AFM), AV-NUER-01, ab Minute 00:03:43.
  • 3Leslie, Sarah-Jane et al.: Expectations of brilliance underlie gender distributions across academic disciplines, in: Science 16, Jan 2015, S. 262–265.
  • 4Das Gendersternchen verwende ich in diesem Essay dann, wenn alle Genderidentitäten gemeint sind. Die weibliche oder männliche Form verwende ich dann, wenn nur Frauen (cis und trans Frauen) oder nur Männer (cis und trans Männer) damit bezeichnet werden.
  • 5Kaiser, Barbara: Die neue Musik und wir. Komponistinnentreffen 1982, in: Karl-Hofer-Symposium 1982. Frau – Raum – Zeit, Schriftenreihe der Hochschule der Künste Berlin Bd. 5, Colloquium Verlag 1983, S. 112.
  • 6Rhode-Jüchtern, Anna-Christine: Schrekers ungleiche Töchter: Grete von Zieritz und Charlotte
    Schlesinger in NS-Zeit und Exil, Sinzig 2009, insb. ab S. 222 ff.
  • 7Kaiser: Die neue Musik, S. 113.
  • 8Ebenda, S. 114.
  • 9Hilsheimer, Gabriele: Bericht vom letzten Tag des Komponistinnentreffens in Berlin, in: Frau und Musik 1/1983, S. 10.
  • 10Olive, Vivienne: Zoom-Session während des Komponistinnentreffens am 15.09.2021, AFM, AV-NUER-01, ab Minute 00:04:10.
  • 11„Ich denke, es ist etwas Besonderes, hier zu sein, denn man hat nicht wirklich die Chance, mit so vielen talentierten Künstlerinnen zusammen zu sein (...) und über Komposition zu sprechen. Ich denke, es ist sehr wichtig, vereint zu sein und sich bewusst zu machen, dass wir alle einen Raum brauchen, um uns auszutauschen, und dann verschiedene Projekte zu machen, bei denen Frauen wirklich an den gestalterischen Teilen des Festivals beteiligt sind.“ [Übersetzung der Autorin]. Syrse, Diana: Video-Interview im Rahmen des Komponistinnentreffens, Digi-AV-SYR1-00001, AFM, Minute 00:10:20, https://www.meta-katalog.eu/Record/30737fraumusik.
  • 12Kim, Yulim: Video-Interview im Rahmen des Komponistinnentreffens, Digi-AV-KIM1-00001, AFM, Minute 00:04:05, https://www.meta-katalog.eu/Record/30742fraumusik
  • 13Obermüller, Karola: Video-Interview im Rahmen des Komponistinnentreffens, Digi-AV-OBE1-00001, AFM, Minute 00:25:48, https://www.meta-katalog.eu/Record/30741fraumusik
  • 14Ernst, Siegrid: Zoom-Session im Rahmen des Komponistinnentreffens 16.9.2022, AV-NUER-04a, AFM, Minute 01:25:00.
  • 15Obermüller, Karola: Video-Interview im Rahmen des Komponistinnentreffens, Digi-AV-OBE1-00001, AFM, Minute 00:01:50, https://www.meta-katalog.eu/Record/30741fraumusik.

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