Mit vereinten Kräften

veröffentlicht 05. März 2020

Als Berlin Anfang 2019 entschied, dass der 8. März Feiertag wird, waren nicht alle Feminist*innen begeistert. Klar: Viele waren gerade dabei, zum 8. März einen Frauen*streik vorzubereiten. Da konnte der neue Feiertag als unerwünschtes Geschenk erscheinen. Bei manchen weckte die Entscheidung auch Erinnerungen an Nelken im DDR-Betrieb – auch davon hatten sich Feministinnen vor 30 Jahren doch befreit und den Frauentag als ihren Kampftag (zurück)erobert.

Schließlich hielt der Feiertag jedoch nicht davon ab, feministische Forderungen auf die Straße zu tragen. Streiks stehen dabei an den Anfängen des Frauentags. Das erzählt Kerstin Wolff vom Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel in Geschichte(n) des Internationalen Frauentags für das DDF: 1910 wurde der Tag beschlossen, 1911 erstmals durchgeführt, ab 1921 fand er regelmäßig am 8. März statt. Das neue Datum erinnerte an Frauentagsdemonstrationen in Russland 1917, die eine Streikwelle lostraten.1

Aufruf zum Frauenstreiktag 1994.

Geteilte Geschichte

Nach 1945 hat der Frauentag eine getrennte Ost-West-Geschichte, Wolff skizziert zwei Frauentage: „Einmal den Frauentag in der DDR, der sich zum Ehrentag von Frauen veränderte, und dann den Frauentag in der BRD, der in den 1950er-Jahren erst einmal ‚vergessen‘ wurde, um dann erst wieder im Zuge der Zweiten Frauenbewegung wiederentdeckt zu werden.“2

Seit 30 Jahren hat der Frauentag auch eine vereinte Ost-West-Geschichte! Wer sich das Plakat von 1994 genauer anschaut, sieht zwei Initiatorinnen. Es war der 1989/90 in Berlin gegründete Unabhängige Frauenverband, der zusammen mit dem Streikkomitee Köln-Bonn zum Frauenstreiktag am 8. März 1994 aufrief. 2019 konnten Aktivist*innen daran anknüpfen, um erneut zu streiken. Dass dabei eine gemeinsame Ost-West-Bewegungsgeschichte weitergeschrieben wurde, war vermutlich vielen gar nicht bewusst.

Vorkämpferinnen

Erfunden hat den Frauentag Clara Zetkin (1857–1933) als Reaktion auf ein Verbot: „Auf ihre Initiative finden ab 1900 parallel zu den Parteitagen Frauenkonferenzen statt, und als dies 1910 von der sozialdemokratischen Führung unterbunden wird, erfindet sie den Internationalen Frauentag.“3

Eine zentrale Forderung des Frauentags in seinem ersten Jahrzehnt war das Wahlrecht, das auch unter Sozialdemokraten keine durchweg einhellige Forderung war: „Stell Dir vor, Clara hätte ihr Mandat schon und säße mit Rosa im Reichstag! Da würdet ihr erst was erleben ... lächerlich!“4, schrieb 1910 der österreichische Politiker und Begründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Victor Adler.

Angesichts solcher Widerstände sollten wir den Frauentag also sehr wohl auch zum Feiern nutzen. Im DDF und den i.d.a.-Einrichtungen ist die Geschichte mutiger Vorkämpferinnen zu entdecken. Eine Suche zum Internationalen Frauentag im DDF lässt die Fülle des Materials erahnen. Machen wir den Frauentag zu einem Tag für feministischen Streik und Erinnerungskultur!

Unteilbare Forderungen

Gesellschaftlichen Ungleichgewichten mit Feiertagen entgegenzuwirken, begrüßte 2019 auch Mike Samuel Delberg von der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde: „Am 8. März für die Rechte der Frauen einzustehen, ist wichtig.“5 Was in Deutschland allerdings fehle, sei ein Feiertag mit Bezug zum Zweiten Weltkrieg: Der 8. Mai „wäre ein symbolträchtiger Schritt für die jüdische Gemeinschaft in der Hauptstadt gewesen.“6

Die Anschläge von Halle bis Hanau haben deutlich gemacht: Antisemitismus, Rassismus, Antifeminismus kommen oft im Paket. Umgekehrt verteidigen wir die Demokratie nur für alle und vereint. In diesem Sinne lade ich dazu ein, beim Blick in feministische Archive auch das zu finden, woran wir anknüpfen müssen, wenn wir in diesem Jahr den 8. März begehen. Fundstücke erinnern an Kämpfe von Lesben- und Frauenbewegungen gegen Rassismus ab 1990: Auch das ist ein wichtiger Teil der vereinten Ost-West-Bewegungsgeschichte.

Stand: 05. März 2020

Fußnoten

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