Heraus mit dem Frauenwahlrecht
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Die Geschichte(n) des Internationalen Frauentages

verfasst von: Dr. Kerstin Wolff
veröffentlicht 19. Februar 2019
Die Geschichte des Frauentages beginnt 1910 und geht bis heute weiter. In diesem Essay wird sowohl die spannende Geschichte dieses Frauenkampftages erzählt, als auch darüber nachgedacht, ob der Frauentag heute zu einem Kauf-Tag geworden ist.

Am 19. März 1911 wurde der erste Internationale Frauentag in Europa gefeiert, zuerst in Dänemark, Deutschland, Österreich, Bulgarien, in der Schweiz und den USA.1
Offiziell ins Leben gerufen wurde der Internationale Frauentag auf der II. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen, die am 26. und 27. August 1910 stattfand. Auf dieser Konferenz wurde folgender Beschluss gefasst: „Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient.“2  Es war die US-amerikanische Sozialistin May Wood-Simons, die die Idee eines Frauen(streik)tages aus ihrem Land mitbrachte und es waren Clara Zetkin und Käte Duncker, die sich auf dem Kongress dafür einsetzten, dass dieser Tag auch in Europa Fuß fassen sollte. 

Titelblatt der Gleichheit mit dem Aufruf zum ersten Internationalen Frauentag, 1911

Das Datum

Die ersten Internationalen Frauentage fanden nicht an einem 8. März statt. Erst 1921 erfolgte die endgültige Festlegung auf dieses Datum, an das sich zu Beginn auch nur die Kommunistinnen hielten. Diese hatten nämlich den 8. März ausgewählt, um an den 8. März 1917 (nach dem damals gültigen russischen Kalender war es Ende Februar) zu erinnern, an dem in Russland Frauentagsdemonstrationen den Auftakt zu einer massiven Streikwelle im ganzen Land gegeben hatten.3

Die ersten Jahre bis zum Frauenwahlrecht 1919

Im deutschen Kaiserreich wurde der erste Internationale Frauentag vor allem von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften getragen; inhaltlich und propagandistisch vorbereitet wurde er von den bereits genannten Sozialistinnen Clara Zetkin und Käte Duncker. Das diesen Tag beherrschende Thema war die Forderung nach dem freien, geheimen und gleichen Frauenwahlrecht, so wie es die Sozialistinnen in Kopenhagen beschlossen hatten. Vor allem der Frauentag von 1914 wurde zu einem großen Erfolg. Dies hatte sicher auch damit zu tun, dass die Berliner Polizei die Plakatierung des Aufrufes verbot. Das berühmte Plakat mit der Forderung ‚Heraus mit dem Frauenwahlrecht‘, auf dem eine barfüßige Frau in einem schlichten schwarzen Kleid eine große rote Fahne schwenkt, sei „beleidigend für die Obrigkeit“4.

Durch den Ersten Weltkrieg kam es zu massiven Veränderungen beim Ablauf und bei der Thematik des Internationalen Frauentages. Ein Hauptgrund dafür war die Bewilligung der Kriegskredite durch die sozialdemokratische Reichstagsfraktion am 4. August 1914. Damit stellte sich die SPD auf die Seite der Kriegsbefürworter und gab ihre Rolle als pazifistische (internationale) Arbeiterpartei auf. Clara Zetkin – die Hauptorganisatorin und Propagandistin des Frauentages – stand auf der Seite der entschiedenen PazifistInnen. Sie widmete sich nun verstärkt dem Kampf gegen den Krieg, den sie als „Weltfurie“5 bezeichnete. Konsequenterweise stand nun im Zentrum des Internationalen Frauentages nicht mehr allein der Kampf um das weibliche Wahlrecht, sondern auch die Agitation gegen den Weltkrieg. 

1917 spaltete sich die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) von der SPD ab. Clara Zetkin und auch Luise Zietz traten der USPD bei und nahmen die Idee und den Anspruch auf den Frauentag mit in die neue Partei. Somit wurde 1917 und 1918 der Frauentag von linken Kräften in der USPD vorbereitet.
Am 12. November 1918 erklärte der Rat der Volksbeauftragten das freie, geheime aktive und passive Wahlrecht für Männer und Frauen, die älter als zwanzig Jahre waren; ein Frauentag schien sich nun in Deutschland erledigt zu haben.

Neupositionierungen in der Weimarer Republik

Das Wahlrecht für Frauen war gewonnen, allerdings zeigte sich recht schnell, dass das Wahlrecht viele Probleme nicht lösen konnte. Vor allem das Thema Frauenarbeit rückte nun ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
In der Weimarer Republik gab es zwei Organisationen, die einen Internationalen Frauentag feierten: die Sozialdemokratische (SPD) und die Kommunistische Partei (KPD), die sich im Jahr 1918/19 gegründet hatte. Clara Zetkin war nun Mitglied der KPD und begann, diesen Agitationstag in die neue Partei zu implementieren. Erst als die Bedrohung durch die Nationalsozialisten größer wurde, gewannen die Frauentage als Protesttage gegen den Faschismus wieder an politischem Profil und an Bedeutung. Nach der Machtübergabe an Hitler im Januar 1933 und nach der Zerschlagung und Verfolgung von KPD und SPD-FunktionärInnen fand auch der Internationale Frauentag 1933 in Deutschland ein vorläufiges Ende.

Muttertag statt Frauentag? Der Internationale Frauentag während des Nationalsozialismus

Obwohl noch vorbereitet, konnte der Internationale Frauentag 1933 nicht mehr stattfinden. Alles, was an sozialdemokratische, sozialistische, kommunistische oder auch nur liberale Haltungen in der deutschen Gesellschaft erinnerte, wurde durch die neuen Machthaber sofort abgeschafft. Den schon in der Weimarer Republik begangenen Muttertag6 nutzten die Nationalsozialisten, um ihre Idee von der arischen deutschen Mutter mit einem Feiertag abzusichern. Der Internationale Frauentag dagegen wurde sofort offiziell verboten. Trotzdem wurde er auch im Nationalsozialismus weiter begangen, wenn auch nicht auf den Straßen, sondern im Kleinen und Privaten. Es wurde an diesem Tag zu Kaffeekränzchen eingeladen, die roten Betteninletts zum Lüften aus den Fenstern gehängt oder auch illegale Flugblätter in Stoffballen in den Warenhäusern verbreitet. 1934 und 1935 wurden am Niederrhein sogar illegale Flugblätter zum Internationalen Frauentag verteilt, 1936 und 1937 tauchten kleine Flugzettel in der Berliner Stadtbahn auf.7 Es gibt auch Schilderungen von Frauen, die den Internationalen Frauentag in einem KZ erlebten und berichteten, dass dieser Tag verbindend wirkte. 

Nach 1945 – und wieder zweimal Frauentag 

Bereits kurz nach der Befreiung Deutschlands wurde der Internationale Frauentag – wie der Rest der Gesellschaft auch – in die Logik des Kalten Krieges eingespannt, wodurch die Einheitlichkeit der Feierlichkeiten in eine West- und eine Osttradition aufgespalten wurde. Die internationale (Frauen)Solidarität des Frauentages, die die Sozialistinnen im Untergrund als Überlebenshilfe genutzt hatten, trug nicht in die 1950er-Jahre. Im Gegenteil: In den 1950er-Jahren wirkte sich die Spaltung des Landes auch auf den sozialistischen Frauentag aus und veränderte diesen massiv. Künftig gab es (wie in der Weimarer Republik) wieder zwei Frauentage. Einmal den Frauentag in der DDR, der sich zum Ehrentag von Frauen veränderte, und dann den Frauentag in der BRD, der in den 1950er-Jahren erst einmal ‚vergessen‘ wurde, um dann erst wieder im Zuge der Zweiten Frauenbewegung wiederentdeckt zu werden.8

Aufruf zum Internationalen Frauentag von der Gruppe „Aktion 218“.

In der DDR entwickelte sich zwischen 1946 und 1950 die Form, die während der gesamten Lebensdauer des Staates praktiziert werden sollte. Elli Schmidt sagte dazu: „Man sollte den Frauen und Müttern eine kleine Freude bereiten, früher Betriebsschluss oder kleine Geschenke, Beförderungen, Losungen in den Betrieben anbringen, Betriebsräte sollen feierliche Erklärungen abgeben […], überhaupt soll diese ganze Ehrung der Frauen in den Betrieben von den Männern ausgehen.“9 Während die Gewerkschaften in den Betrieben den Tag organisierten, war der 1947 gegründete Demokratische Frauenbund Deutschland (DFD) Trägerin des Ereignisses in den Wohngebieten der Städte und Dörfern. Auch die Partei nahm großen Einfluss auf den Internationalen Frauentag, indem sie diesen in ihre eigene Parteitradition einspeiste und ihre Frauenförderpolitik an diesen Tag knüpfte. Es gab Parteifeiern und seit 1954 wurde die Clara-Zetkin-Medaille an diejenigen verliehen, die sich für eine Förderung von Frauen eingesetzt hatten.

Plakat des DFD zum Internationalen Frauentag 8. März 1982 in der DDR.
Plakat des DFD zum Internationalen Frauentag am 8. März 1984.

In der BRD hingegen wurde der Tag erst wieder ab den 1980er-Jahren wichtig, als die Mitglieder aus der autonomen Frauenbewegung langsam begannen, diesen Tag für ihre politischen Forderungen zu nutzen.

Internationaler Frauentag 8. März 1983.

1989 – zwei Traditionen – ein Tag?

Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten dauerte es noch bis ins Jahr 1994, bis der Frauentag als Protesttag wieder begangen wurde. Der Unabhängige Frauenverband, der sich 1989 als autonomer Zusammenschluss in den letzten Tagen der DDR gegründet hatte, rief vor dem Hintergrund einer enormen Frauenarbeitslosigkeit und dem Abbau der Kinderbetreuung im Osten 1994 am Internationalen Frauentag zu einem Frauen-Streik-Tag auf. Viele dezentrale Veranstaltungen in ganz Deutschland brachten über eine Million Menschen auf die Straßen. Drei Tage vorher hatte der Deutsche Frauenrat zu einer Großdemonstration aufgerufen und sich erstmals bewusst mit dem Datum 8. März in Verbindung gesetzt. Mit dem Ende der DDR und deren parteigesteuertem Frauen-Ehrentag war auch hier das Tabu des Tages gefallen und künftig konnten alle Frauengruppen, -organisationen oder -institutionen diesen Tag als Möglichkeit für eine aktive Frauenpolitik nutzen. 

Frauen-Streik-Tag 1994 in der Saarbrücker Innenstadt.
Plakat zum Frauen-Streik-Tag 8. März 1994.

Allerdings ist spätestens seit den 2000er-Jahren eine neue Tendenz zu beobachten. Immer mehr Geschäfte nutzen den Tag, um Frauen direkt als Konsumentinnen anzusprechen. Besondere Rabatte, Aktionen und Sonderangebote lassen den einstigen Frauen-Kampftag immer mehr zu einem Kauf-Tag werden. Die kapitalistische Entpolitisierung des Tages steht neben den nach wie vor durchgeführten politischen Aktionen für eine geschlechtergerechtere Politik. 
Im Jahr 2019 wird der Internationale Frauentag in Berlin zum ersten Mal als Feiertag begangen. Welche Auswirkungen dies auf die Protestformen dieses Tages haben wird, wird abzuwarten sein.
Die Geschichte dieses Tages zeigt, dass es immer die Gegenwart ist, die ihre Probleme und Forderungen mit diesem Tag verbunden hat und so versuchte, diese Tradition vor dem Hintergrund aktueller Themen zu nutzen.

Verfasst von
Dr. Kerstin Wolff

ist Historikerin und Forschungsleiterin im Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) in Kassel. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sowie die Frage nach einer politischen Repräsentation von Frauen auf kommunaler und Bundesebene im 19. und 20. Jahrhundert.

Fußnoten

  • 1. Siehe Scholze, Siegfried: Der Internationale Frauentag einst und heute. Geschichtlicher Abriss und weltweite Tradition vom Entstehen bis zur Gegenwart, Berlin 2001, S. 21.
  • 2. Siehe Wurms, Renate: Wir wollen Freiheit, Frieden, Recht. Der Internationale Frauentag. Zur Geschichte des 8. März, Frankfurt a. M. 1980, S. 6.
  • 3. Internationale Pressekorrespondenz von 1930, S. 368. Zitiert nach: Vorstand der Industriegewerkschaft Metall (Hg.): Internationaler Frauentag, Tag der Frauen seit 75 Jahren, Frankfurt am Main 1985, S. 51.
  • 4. Internationaler Frauentag. Tag der Frauen seit 75 Jahren, S. 39.
  • 5. Zetkin, Clara: Ausgewählte Reden und Schriften, Berlin 1957, Bd.1, S. 624.
  • 6. Vgl. hierzu: Stolze, Elke: Muttertag – ein Fest der Blumenhändler oder Ehrung der Mütter, in: Courage e.V. (Hg.): Frauenleben – Frauenalltag – gestern und heute? – Frauenbilder –, Halle 1996, S. 19–33; Hausen, Karin: Mother’s Day in the Weimar Republic, in: Bridenthal, Renate et al. (Hg.): When Biology Became Destiny. Women in Weimar and Nazi Germany, New York 1984, S. 131 152.
  • 7. Scholze: Der Internationale Frauentag, S. 66 f.
  • 8. Pawlowski, Rita: Gruß und Dank den Frauen, in: Schwestern zur Sonne zu Freiheit. 100 Jahre Internationaler Frauentag, hrsg. vom deutschen Frauenrat, Berlin 2011, S. 29–41 sowie von Bönninghausen, Inge: Wiederentdeckung und Aneignung, in: ebenda, S. 18–27.
  • 9. Pawlowski: Gruß und Dank, S. 30.
Ausgewählte Publikationen
Scholze, Siegfried: Der Internationale Frauentag einst und heute. Geschichtlicher Abriss und weltweite Tradition vom Entstehen bis zur Gegenwart, Berlin 2001
Wurms, Renate: Wir wollen Freiheit, Frieden, Recht. Der Internationale Frauentag. Zur Geschichte des 8. März, Frankfurt a. M. 1980