‚Frauen in die Bundeswehr? – Wir sagen NEIN!‘

veröffentlicht 22. Juli 2021

Vor einigen Jahren schenkte eine Akteurin der westdeutschen neuen Frauenfriedensbewegung dem Hamburger Archiv DENKtRÄUME zwei Ordner der Hamburger Fraueninitiative ‚Frauen in die Bundeswehr? – Wir sagen NEIN!‘. Sie selbst war Mitglied dieser Initiative und wollte, dass die Materialien dauerhaft aufbewahrt werden. Parallel dazu hatte die Archivgruppe von DENKtRÄUME bereits über Jahre Presseausschnitte gesammelt und sämtliche Materialien sowie Flugblätter zum Thema archiviert. Erschlossen wurden diese unter einer detaillierten und umfangreichen Systematik mit Schlagwörtern wie ‚Antibundeswehr‘ und ‚Frauen und Frieden‘. Die Materialien stammen aus den 1970er und 1980er Jahren der Hamburger Bewegung, nehmen aber auch die bundesweite Perspektive bis zur Öffnung der Bundeswehr für Frauen im Jahr 2000 in den Blick.

Materialien der westdeutschen Frauenfriedensbewegung
Inga Müller/DENKtRÄUME
Lizenz
Einige Schätze aus dem DENKtRÄUME-Archiv zur westdeutschen Frauenfriedensbewegung

In der neuen Frauenfriedensbewegung, die sich ab Ende der 1970er formierte, engagierten sich bekannte Frauen wie Eva-Maria Quistorp (Bündnis 90/Die Grünen) oder Mechtild Jansen (Sozialwissenschaftlerin und freie Publizistin), aber auch viele, weniger bekannte Frauen aus unterschiedlichen aktivistischen Kreisen. Dabei kam eine interessante Verbindung zustande: Frauen aus der neuen Frauenbewegung engagierten sich gemeinsam mit Frauen aus der klassischen Friedensbewegung. Erstere wollten mehr zum Thema Frieden arbeiten, letztere wollten der männerdominierten Friedensarbeit eine bewusst feministische Perspektive entgegensetzen. Hinzu kamen viele Frauen, die sich zum ersten Mal überhaupt politisch engagierten und erstmals mobilisiert werden konnten. Gesellschaftlich war das Thema in dieser Zeit hochaktuell und viel diskutiert. Themen wie die Öffnung der Bundeswehr für Frauen oder der NATO-Doppelbeschluss bestimmten das politische Klima dieser Zeit. So fand die neue Frauenfriedensbewegung einen breiten Zuspruch in der Gesellschaft und brachte die Menschen auch auf die Straße.

Viele friedenspolitisch bewegte Frauen forderten dabei, flächendeckend einen erweiterten Friedensbegriff einzuführen. Denn auch, wenn offiziell Frieden herrscht, leiden insbesondere Frauen durch strukturelle Diskriminierung und gesellschaftlich akzeptierte Gewalt gegen Frauen unter Gewalterfahrungen im Alltag und damit unter Abwesenheit von Frieden. Tatsächlicher Frieden bedeutet also für Frauen in einer patriarchal geprägten Welt bis heute etwas weit anderes als für Männer. 

Begleitet wurde das friedenspolitische Engagement von zahlreichen Aktionen, wie Frauenfriedensmärsche, Fahrradrallyes oder Straßenfeste, die mit eigenen Theaterstücken, Liedern oder Gedichten Erlebtes verarbeiteten und kreativ neu zugänglich machten. Beispielsweise gab es Protestaktionen, wo sich Frauen Nudelsiebe statt Bundeswehrhelme aufgesetzt haben, um sich ironisch gegen Frauen in der Bundeswehr auszusprechen.

Der Verein Frauen lernen gemeinsam e.V. gründete 1983 das Frauen*bildungszentrum DENKtRÄUME. Seit seinen Anfängen archiviert und dokumentiert DENKtRÄUME Dokumente zu Frauen*- und Geschlechterfragen. Im Bestand bilden sich die historischen und aktuellen Debatten und Kämpfe der Frauen*bewegungen ab.

Das DDF-Projekt von DENKtÄUME ist am 1. Januar gestartet und hat eine Laufzeit von 12 Monaten. Dabei werden Materialien zur neuen Frauenfriedensbewegung ab Ende der 1970er und 1980er Jahre erschlossen und digitalisiert. Rechte werden geklärt und Interviews mit Zeitzeug*innen geführt. Außerdem wird ein Kurz-erklärt-Modul zur gesamten Entwicklung der Frauenfriedensbewegung(en) seit Anfang des 20 Jahrhunderts erstellt – für noch mehr Frauenfriedensbewegungsgeschichte im DDF.

Ausgewählte Beiträge von DENKtRÄUME im DDF:

 
 

Stand: 22. Juli 2021

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