Ausschnitt aus dem Dokument "Das Letzte an den Anfang"
Bildnachweis
Lizenzgeberin: Cornelia Matzke
Lizenz
Schließen

Zerstörte Hoffnungen, neue Herausforderungen. Die Erwerbssituation ostdeutscher Frauen in den frühen 1990er-Jahren

verfasst von: Karin Beckmann
veröffentlicht 23. Januar 2020
Der Umbruch 1989/90 und der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik führten zu großen Verwerfungen auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt. Frauen waren in besonderer Weise betroffen. Viele Frauen kämpften daher in parlamentarischen oder außerparlamentarischen Initiativen um Erwerbsarbeit.

Niedergeschlagenheit herrschte am Abend des 18. März 1990 bei den Aktivistinnen der Fraueninitiative Leipzig (FIL). Aus der ersten (und zugleich letzten) freien Wahl zur Volkskammer der DDR war das Bündnis Allianz für Deutschland, und damit vor allem die CDU, als Sieger hervorgegangen. An den gesellschaftlichen Umbruch 1989/90 hatten einige Initiativen und Protagonistinnen der ostdeutschen Frauenbewegung die Hoffnung geknüpft, „zum ersten Mal in der Weltgeschichte vielleicht wirklich so etwas wie die Gestaltung einer feministischen Gesellschaft beginnen zu können“.1 

Artikel Das LETZTE an den Anfang von Cornelia Matzke, 1990
Doch die Bürger*innen hatten für den schnellen Beitritt zur Bundesrepublik votiert statt für einen reformierten Sozialismus oder gar einen feministischen Gesellschaftsentwurf. Cornelia Matzke  beschrieb am  21. März 1990 in der Leipziger Zeitschrift Frauenblätter die Stimmung am Wahlabend: „Ist mit Frauen kein Staat zu machen? […] ‚Sehen denn die WählerInnen nicht, was da auf uns zu kommt.’“2 Sie berichtete, Wirtschaftsexperten hätten 1,8 Millionen Langzeitarbeitslose prognostiziert, und vermerkte: „Was gibt es Einfacheres als Frauen, von denen sowieso viele die Dazuverdienerin-Position satt haben, die oft uninteressante Arbeiten erledigen, die eh mehrfach belastet sind, einzureden, Erwerbsarbeit sei nicht ihre Aufgabe.“3

Frauen(arbeit) in der DDR

Zum Jahresende 1989 waren 91 Prozent aller erwerbsfähigen Frauen in der DDR berufstätig oder befanden sich in Ausbildung und Studium.4 Die berufliche Gleichberechtigung von Mann und Frau war in der Verfassung der DDR verankert.5 Dies hatte sowohl ideelle als auch ökonomische Gründe. Berufstätigkeit war für ostdeutsche Frauen selbstverständlicher Teil der Lebensplanung. Ein dichtes Netz an Kinderbetreuungseinrichtungen und andere sozialpolitische Regelungen erleichterten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Arbeitsbiografie einer Frau in der DDR sah zumeist vor, dass sie nach Lehre oder Studium direkt berufstätig wurde und bis zur Rente arbeitete.

Gleichwohl blieben auch in der DDR die Produktionsverhältnisse Geschlechterverhältnisse. Sozial- und Familienpolitik richtete sich vor allem an Frauen beziehungsweise Mütter, nicht jedoch an Männer. Frauen oblag dementsprechend der Großteil der Reproduktionsarbeit. Zwar bestanden in den 1980er-Jahren kaum noch Qualifikationsunterschiede, trotzdem waren Frauen vor allem im reproduktiven, nicht-produzierenden Sektor, etwa im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen, tätig. Die Löhne in diesen Arbeitsbereichen waren niedriger als in männerdominierten Berufen, sodass Frauen weniger zum Familieneinkommen beitrugen.6 Außerdem stiegen sie deutlich seltener in Leitungspositionen auf.

Eine völlig neue Erfahrung: Erwerbslosigkeit

Mit dem gesellschaftlichen Umbruch 1989/90 setzte in Ostdeutschland ein grundlegender Strukturwandel ein. Die Umstellung von der Plan- zur Marktwirtschaft war von Deindustrialisierung und hoher Arbeitslosigkeit begleitet. Die Erfahrung der Erwerbslosigkeit war für die Menschen in der späten DDR völlig neu, war sie doch seit dem Ende der 1950er Jahre aus der sozialen Realität verschwunden gewesen.
Die Arbeitslosenquote stieg zwischen Ende 1990 und September 1993 von 4,9 auf 16,2 Prozent an. Etwa ein Drittel der noch 1989 Erwerbstätigen hatte 1993 keinen Arbeitsplatz mehr. Frauen waren hiervon besonders betroffen: Ihr Anteil an den Erwerbslosen betrug 1991 58,1 und 1993 63,9 Prozent. Dies lag beispielsweise daran, dass sich Abwicklungen und Kündigungen in den Bereichen häuften, in denen überwiegend Frauen beschäftigt waren.
Bei Einstellungen und Entlassungen machte sich nun, wie zuvor auch in der Bundesrepublik, eine geschlechtsspezifische Diskriminierung bemerkbar. So wurden bevorzugt Männer, aber kaum noch Mütter mit Kleinkindern oder ältere Frauen beschäftigt.7 Zudem hatte sich die Betreuungssituation durch die Schließung von Kindergärten und -krippen , verkürzte Öffnungszeiten sowie verteuerte Plätze zusehends verschlechtert, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erschwerte. Hinzu kam, dass im Erziehungs- und Sozialbereich, wo viele Frauen gearbeitet hatten, Berufsabschlüsse nicht anerkannt wurden und Anpassungslehrgänge oder Umschulungen zu absolvieren waren.8 Frauen wurden auf diese Weise zurück ‚ins Heim und an den Herd’ gedrängt. Im neuen Freistaat Sachsen ergab sich folgendes Bild: Ende November 1993 waren 70 Prozent der Erwerbslosen Frauen – der höchste Stand in den neuen Bundesländern. In sogenannten frauentypischen Berufen lag die Frauenarbeitslosigkeit gar bei 90 Prozent. Das veranlasste nicht zuletzt viele – vor allem gut ausgebildete – Frauen, Sachsen in Richtung alte Bundesländer zu verlassen, was bis heute demografische Schieflagen nach sich zieht.

Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen

Bund, Länder und Kommunen versuchten, der Situation mit verschiedenen Fördermaßnahmen beizukommen. Arbeitsmarktpolitische Eingriffe wie Kurzarbeit, Lohnkostenzuschüsse, Anpassungsqualifizierungen, betriebliche Einarbeitung, Weiterbildung, Umschulung oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) wurden auf den Weg gebracht. Doch die Schritte zur Abmilderung des Strukturwandels entpuppten sich meist als bloße Übergangslösungen.

Der UFV kritisierte, die Bundesregierung präsentiere ABM als „Wundermittel“.9 Bei der Mehrheit der ABM-Stellen gehe es langfristig nicht um den Aufbau, sondern den Abbau von Arbeitsplätzen: „Nach Ablauf der ABM-Stelle stehen die so beschäftigten Frauen und Männer an der gleichen Stelle wie zuvor, nur zwei Jahre älter. Niemand garantiert ihnen, daß sie übernommen werden. ABM wird zu einer tätigen Warteschleife.“10 Ein Fachtag zum Thema Frauenarmut im Osten Deutschlands kritisierte zudem, dass in Betrieben und Branchen, in denen überwiegend Frauen arbeiten und die sich in der Verwaltung der Treuhand befänden, durchschnittlich die niedrigsten Löhne gezahlt    würden.11

Proteste und Initiativen der ostdeutschen Frauenbewegung

Nicht nur Cornelia Matzke erwartete nach der Volkskammerwahl im März 1990 eine Verschlechterung der Situation von Frauen im Osten. Im UVF, in der FIL, am Frauenpolitischen Runden Tisch und in Gewerkschaften organisierten sich Frauen gegen die massenhafte Arbeitslosigkeit. Sie engagierten sich in Bundestag, Landtag, Stadtrat und unabhängigen Frauenprojekten für den Erhalt wichtiger sozialpolitischer Maßnahmen der DDR und die Verbesserung der aktuellen Lebensbedingungen von Frauen.

So stellte die FIL schon im April 1990 in ihrem Programm  klar: „Wenn jetzt vorrangig Frauen das Heer der Arbeitslosen stellen sollen, ist das auch eine Form der Diskriminierung der Frau.“12 Die FIL forderte die Quotierung von Arbeitsplätzen, Kündigungsschutz für Schwangere und Erziehende mit Kindern bis zu drei Jahren, keine Altersbegrenzung für Ausbildungen, staatliche Finanzierung von Um-, Aus- und Weiterbildungen, eine ausreichende Versorgung mit Kinderbetreuungsplätzen sowie die Anrechnung der Jahre der Erziehungsarbeit bei der Rentenbemessung.13 Daneben wurden Frauen aufgefordert, in Gewerkschaften und Betriebsräten für ihre Rechte einzutreten. Auch unterstützte die FIL die Gründung unterschiedlichster Arbeitsgruppen.

Der Landesverband des UFV Sachsen stellte im Oktober 1992 einen Antrag zum Beschluss an den UFV-Bundeskongress  und hielt fest, dass Frauen „als Reservearmee auf dem Arbeitsmarkt und als billige und gut ausbeutbare Kräfte für alle reproduktiven Arbeiten der Gesellschaft benutzt“14 würden. Dagegen wurden die Gleichstellung der Frau, tariflich geschützte Arbeitsplätze und Löhne sowie gleicher Lohn für gleiche beziehungsweise gleichwertige Arbeit in ganz Deutschland gefordert. „Männer und Frauen haben ein Recht auf menschenwürdige Existenz, die durch das Recht auf Arbeit und angemessene Grundsicherung zu garantieren sind.“15 Gleiches verlangte 1993 auch der Deutsche Gewerkschaftsbund.16 

Kampf gegen den Abbau von ABM

Die Bundesregierung kündigte Ende 1992 Kürzungen von ABM sowie Einsparungen auf dem Gebiet der Kultur- und Sozialförderung an. Dies betreffe „Initiativen, Projekte, Vereine und kommunale Einrichtungen im Kultur- und Sozialbereich und besonders die Frauen- und Jugendarbeit“.17 In Dresden gründete sich  daraufhin ein Aktionsausschuss gegen Kultur- und Sozialabbau.

 

In einem offenen Brief an Kommunal- und Landespolitiker*innen  berichtete der Ausschuss, welche soziale und kulturelle Arbeit durch ABM und Ehrenamt gestemmt werde und verdeutlichte, was der Abbau der ABM im Jahr 1993 bedeuten würde. Die Unterzeichner*innen forderten, Initiativen, Projekte, Vereine und kommunale Einrichtungen personell und finanziell in die Lage zu versetzen, ihre Tätigkeiten fortsetzen zu können. Darüber hinaus sollten „ABM in feste Stellen“ überführt sowie „tariflich geschützte[n] Arbeitsverhältnisse[n]“ geschaffen werden.18
Die Vereinigung beider deutscher Staaten war von einer massiven Umgestaltung aller gesellschaftlichen Bereiche Ostdeutschlands begleitet. Um dem massiven Stellenabbau zu begegnen, gründeten Frauen Initiativen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Sie kämpften für die Anerkennung der Reproduktionsarbeit, eine Quotierung bei Entlassungen und Einstellungen, gleichen Lohn, sozialpolitische Maßnahmen – also für eine bessere, feministische Gesellschaft. Einige ihrer Errungenschaften wie Mütterzentren , Frauenhäuser, Frauenkulturzentren oder feministische Archive sind noch heute wichtige Anlaufstellen für LGBTIQs.19 

Stand: 23. Januar 2020
Verfasst von
Karin Beckmann

geb. 1979, Studium Kunstgeschichte und Geschichte, Mitarbeiterin der feministischen Bibliothek MONAliesA sowie Redaktionsmitglied der outside the box – Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik

Empfohlene Zitierweise
Karin Beckmann (2020): Zerstörte Hoffnungen, neue Herausforderungen. Die Erwerbssituation ostdeutscher Frauen in den frühen 1990er-Jahren, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/zerstoerte-hoffnungen-neue-herausforderungen-die-erwerbssituation-ostdeutscher-frauen
Zuletzt besucht am: 28.03.2020

Fußnoten

  • 1. Schenk, Christina: Das Experiment UFV, in: Stiftung Mitarbeit (Hg.): Deutschland – einig Mutterland?, Bonn 1990, S. 29–48, hier S. 41.
  • 2. Feministische Bibliothek MONAliesA (im Folgenden ML), GL FIL 01-025, Matzke, Cornelia: Das Letzte an den Anfang, in: Frauenblätter, 2. Jg., 1990, Nr. 5, S. 3. 
  • 3. Ebenda.
  • 4. Die allgemeinen Informationen zur Erwerbssituation von Frauen seit 1989 entstammen: Amobs, Ingrid / Schiersmann, Christiane: Weiterbildung von Frauen in den neuen Bundesländern, Opladen 1996; Blattmann, Brigitte et al. (Hg.): Die Situation der Frauen in Leipzig, Leipzig 1995; Hoffmann, Audrey: Veränderungen der sozialen Lage von Partnerhaushalten mit Kindern in den neuen Bundesländern, in: Bertram, Hans et al. (Hg.): Systemwechsel zwischen Projekt und Prozeß, Wiesbaden 1998, S. 247–282; Minx, Bärbel: Berufsbiographien und Karrierebrüche von qualifizierten Erwerbstätigen vor und nach der Wende, in: Heinz, Walter R. / Hormuth, Stefan E. (Hg.): Arbeit und Gerechtigkeit im ostdeutschen Transformationsprozeß, Wiesbaden 1997, S. 73–123.
  • 5. ML, Z Zaun, Bastian, Katrin et al.: Zur Situation von Frauen als Arbeitskraft, in: Zaunreiterin, 1. Jg., 1990, Nr. 1, S. 4–9.
  • 6. Wunderlich, Petra: Frauen in der DDR, in: Stiftung Mitarbeit (Hg.): Deutschland – einig Mutterland?, Bonn 1990, S. 58–67.
  • 7. ML, GL FE 08 11, DGB Bundesvorstand, Abteilung Frauen (Hg.): Gewerkschaftliche Arbeitslosenarbeit mit Frauen in den neuen Bundesländern, Düsseldorf 1993, S. 4.
  • 8. ML, GL FE 08 18, Jasper, Gerda: Thesen zur Arbeitsgruppe 1, in: Frauenpolitischer Runder Tisch / FrauenAnstiftung Hamburg (Hg.): Frauenarmut im Osten Deutschlands, ohne Ort 1992, S. 28–31, S. 29.
  • 9. ML, GL FIL 01 035, Klotz, Sibylle: ABM – Warteschleife ohne Landeplatz, in: Frauenblätter, 3. Jg.,1991, Nr. 7, S. 4.
  • 10. Ebenda.
  • 11. ML, GL FE 08 18, S. 30 f.
  • 12. ML, GL FIL 01 026, Programm der Fraueninitiative Leipzig, in: Frauenblätter, 2. Jg., 1990, Nr. 6, S. 4.
  • 13. Ebenda.
  • 14. ML, GL UFV 01-024, Antrag des Unabhängigen Frauenverbands – Landesverband Sachsen, Leipzig, 26.10.1992.
  • 15. Ebenda.
  • 16. ML, GL FE 08 11, S. 7.
  • 17. ML, GL FIL 01 044, Aufruf des Aktionsausschusses gegen Kultur- und Sozialabbau, in: Frauenblätter, 5. Jg., 1993, Nr. 1/2, S. 21.
  • 18. ML, GL FIL 01 044, Offener Brief des Aktionsausschusses gegen Kultur- und Sozialabbau an die Kommunalpolitikerinnen und Landtagsabgeordneten, Dresden, 18.11.1992, in: Frauenblätter, 5. Jg., 1993, Nr. 1/2, S. 19 f.
  • 19. Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bi, trans, inter oder queer verstehen.