Über Fraueninitiative Leipzig

Im Zuge der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen 1989/90 entstand die ‚Fraueninitiative Leipzig‘. Sie gab viele Frauen die Möglichkeit und Raum, sich aktiv für Ihre Anliegen einzusetzen. Aus der Fraueninitiative gingen zahlreiche Institutionen hervor, die bis heute in Leipzig aktiv sind.

„Wir fallen hier nicht in tatenlose Traurigkeit: ‚Die Angst kann lehren, sich zu wehren!‘ Fraueninitiative Leipzig“1

Neues Forum Leipzig

Im Zuge der Friedlichen Revolution und des zunehmenden Zerfalls der DDR, der im Berliner Mauerfall kulminierte, entstanden zahlreiche Gruppen, die ihre politischen Forderungen erstmals frei artikulieren konnten. Eine dieser Gruppen organisierte sich als ‚Neues Forum‘, welches sich im September 1989 in Berlin formierte. Das Neue Forum fand in mehreren Städten Ableger, so auch in Leipzig. In ihm fanden Oppositionelle verschiedener Couleur die Möglichkeit, gemeinsame Ziele zu benennen, einzufordern und für sie einzustehen – das galt selbstverständlich auch für Frauen.2 Schnell kristallisierte sich jedoch heraus, dass weibliche Stimmen kaum Gehör fanden, sodass sich bereits im November 1989 innerhalb des Neuen Forums eine Fraueninitiative bildete.
 

Fraueninitiative im Neuen Forum

Am Abend des 22. November 1989 fand in der Trinitatiskirche Leipzig eine Versammlung statt, zu der einige Frauen, die im Neuen Forum aktiv waren – unter anderem Jana Gohrisch und Cornelia Matzke – aufgerufen hatten. Circa 80 Frauen folgten dem Ruf und diskutierten zusammen gemeinsame Anliegen. Ziel war die Konstitution einer ‚Fraueninitiative im Neuen Forum‘, durch die frauenpolitische Anliegen deutlicher artikuliert und besser durchgesetzt werden sollten.3 Aus dem Protokoll der konstituierenden Sitzung lässt sich folgende Passage entnehmen, in der die engagierten Frauen die angestrebten Ziele der neuen Fraueninitiative formulierten:
 

Protokoll der Gründungsveranstaltung der Fraueninitiative Leipzig

 „Entsprechend dem von den Initiatorinnen […] ins Auge gefaßten Plan folgten auf die Begrüßung einige Worte von Cornelia über die noch junge Geschichte unserer Fraueninitiative, die sich ausgehend von den Bedürfnissen der Frauen, die bisher in keiner politischen Bewegung der DDR entsprechende Beachtung finden, als partei- und organisationsübergreifende, basisdemokratische Interessenvertretung der Frauen versteht. Dies kam dann vor allem im […] vorgetragenen Selbstverständnis der Fraueninitiative zum tragen [sic!], das die wirkliche gemeinsam [sic!] Emanzipation beider Geschlechter in Familie, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur in den Vordergrund rückt und theoretische und praktische Arbeit avisiert, die dazu beitragen soll, die gegenwärtige Situation zu verändern.“ 4. Die Arbeit der Fraueninitiative sollte durch einen Koordinationsausschuss mit der Arbeit des Neuen Forums rückgekoppelt werden. Außerdem war eine zweimonatliche Vollversammlung angedacht, um als Fraueninitiative beschlussfähig zu sein und dort getroffene Beschlüsse im Neuen Forum durchzusetzen. Der darüberhinausgehende Informationsfluss über die Arbeit der FIL sollte über regelmäßig erstellte Informationsblätter, die späteren Frauenblätter, gewährleistet werden, damit alle Frauen der Initiative auf dem aktuellen Stand gehalten werden können. 5 

Auszug aus dem Protokoll der Vollversammlung der FIL am 10.1.1990, auf der die Trennung vom Neuen Forum beschlossen wurde

„Wir werden autonom“ – Gründung der Fraueninitiative Leipzig (FIL)

Es brauchte jedoch keine zwei Monate, bis sich die Situation der Fraueninitiative im Neuen Forum so verschärft hatte, dass es zum Bruch mit dem Neuen Forum kam und die Frauen sich entschieden, sich selbstständig zu organisieren.
Denn die Erfahrungen, die die engagierten Frauen im Neuen Forum machten, erwiesen sich als ernüchternd. Sie erfuhren auch hier Abwertungen ihres frauenpolitischen Engagements, indem ihre Anliegen von den anwesenden Männern wiederholt übergangen und abgewiegelt wurden.

 

Aus diesem Grund verstärkte sich die Stimmung der aktiven Frauen, autonom vom Neuen Forum als selbstständige Organisation unter dem Namen ‚Fraueninitiative Leipzig‘ zu agieren. Am 10. Januar 1990 wurden in der Vollversammlung der Vorgängerinnenorganisation Fraueninitiative im Neuen Forum die Vor- und Nachteile eines Austritts divers diskutiert. Für den Verbleib im Neuen Forum sprach die Verhinderung weiterer Aufsplitterung der Opposition als auch die materielle Unterstützung durch das Neue Forum. Gegen dieses Argument wurde der Unabhängige Frauenverband ins Spiel gebracht, in dem die Fraueninitiative einen besseren Dachverband als im Neue Forum sah. Hinzu kam das massive sich nicht-vertreten- und nicht-verstanden-Fühlen durch die Mehrheit der Männer im Neuen Forum. Schlussendlich überwog der Wunsch nach Selbstständigkeit: 101 Stimmen der 110 anwesenden Frauen stimmten für eine unabhängige Fraueninitiative. Acht Stimmen wurden für den Verbleib im Neuen Forum gezählt, es gab eine Stimmenthaltung. Damit war der Grundstein für die Arbeit der Fraueninitiative Leipzig gelegt. 6
 

„Der frauenpolitische Anspruch war das Hauptziel […]“7 – Übersicht und Aufbau der Fraueninitiative Leipzig

Nachdem der Entschluss gefallen war, unabhängig vom Neuen Forum zu agieren, baute die Fraueninitiative Leipzig, kurz FIL, ihre bereits existierenden Strukturen aus. Auch traten sie dem Unabhängigen Frauenverband (UFV) bei und wurden integraler Bestandteil des UFV-Landesverbandes Sachsen.8 Die FIL und die UFV-Landesstelle Sachsen verschmolzen, teilten sich das Büro im Haus der Demokratie und auch die engagierten Frauen wirkten an beiden Stellen mit, wie beispielsweise an Cornelia Matzke sichtbar wird.
Die FIL verstand sich als eine basisdemokratische Organisation. Sie war bestrebt, alle wichtigen Entscheidungen innerhalb der Vollversammlung, die ein- bis zweimal im Monat tagte, zu treffen. Für die Handlungsfähigkeit im Alltag sorgte der Koordinationsrat, der auf der Vollversammlung gewählt worden war. Über die gefällten Entscheidungen und über aktuelle Diskussionen berichteten die Frauenblätter, die als das Informationsorgan der FIL galten und bereits in ihrer Vorgängerinnenorganisation verwendet wurden.9

Organisationsstruktur der Fraueninitiative Leipzig

 

Vorstellung der AG §218

Die Mehrzahl der Frauen in der FIL organisierte sich in Arbeitsgruppen mit spezifischen Themenschwerpunkten. Je nach Interesse, Sachlage und Kapazität konnten zwanglos neue Gruppen initiiert werden. Ein bis heute prominentes Thema war der § 218, besser bekannt unter dem Namen „Abtreibungsparagraf“. 10 Weitere Gruppen befassten sich unter anderem mit den Themen: Lokalpolitik, Frau und Sprache, Frauenbibliothek, Feminismus, Frau und Recht, weibliche Kultur, Frauenhaus, Alleinerziehende, Kinderreiche, Beziehungsgestörte, Lesben etc. 11 Auch die Zeitschrift Zaunreiterin war anfangs als Projekt innerhalb der FIL gelistet. 12
Die Arbeit der FIL bzw. ihrer einzelnen Gruppen verlief auf zwei Ebenen. Zum einen gab es die projektbezogene Seite, die konkret anpackte: so zum Beispiel mit der Gründung der Arbeitsgruppe Frauen in Notsituationen, die unter anderem im konkreten Fall häuslicher Gewalt den betroffenen Frauen zur Seite stand13. Auf der anderen Seite zeichnete sich die realpolitische Ebene ab: Hier wurde versucht, durch politisch gewählte Vertreterinnen direkten Einfluss in politische Entscheidungen zu nehmen. Der daraus entstandene Konflikt schien für eine Diskussion innerhalb der FIL zu sorgen, darf aber keinesfalls als ein einzelnes Phänomen innerhalb einer feministischen Organisation verstanden werden. In einer Darstellung der Fraueninitiative Leipzig aus dem November 1991 nimmt die FIL dazu Stellung:
„Es gibt die böse Trennung von ‚Projektfrauen‘ und ‚Politfrauen‘. Diese Trennung widerlegen wir. Es gibt nämlich nur FRAUEN. Also wollen wir versuchen, mit/von/für Frauen zu arbeiten. Wir möchten Aktionen koordinieren, als Beratungs- bzw. Anlaufstelle fungieren. Wir haben einen Aktionsradius, der vielen Frauen und natürlich auch den Projekten nützlich sein kann. Wir möchten über die Arbeit der Parlamentsfrauen informieren, könnten Anträge in die Ausschüsse bringen und die bundesweite Ausdehnung des UFV verfolgen. […] Unser Ziel ist eine freie Gruppe, die sich in Einzelfrauen dem UFV verpflichtet fühlt.“ 14

Was bleibt? – Oder das Erbe der Fraueninitiative Leipzig

Im Laufe der Zeit nahmen die Aktivitäten der Fraueninitiative ab. Stattdessen entwickelten sich einige in der FIL gegründete Gruppen zu eigenständigen Institutionen. Es seien an dieser Stelle zum einen das Mütterzentrum Leipzig genannt, das bis sich bis heute großer Resonanz erfreuen kann, zum anderen das autonome Frauenhaus Leipzig, welches sich aus der bereits oben genannten Gruppe Frauen in Notsituationen heraus entwickelt hatte. Und auch die Gründung der heutigen Bibliothek MONAliesA, ursprünglich unter den Namen ‚Frauenbibliothek‘ gegründet, geschah im Rahmen der Fraueninitiative Leipzig. Auf der Spurensuche nach der Fraueninitiative Leipzig in der Bibliothek ist nicht nur das darin enthaltene Archiv eine große Hilfe, auch verweisen die von Jahr zu Jahr übernommenen Themengebiete, die in der Bibliothek zu finden sind, auf vergangene Arbeitsgruppen; denn es gibt nach wie vor das Sachgebiet um den Paragrafen 218, Lesben, Sprache, Recht, mehrere Unterkategorien im Feld Politik, Literaturwissenschaft, mehrere Untergruppen zu Eltern und Kinder und viele andere mehr. Es ist gewiss: Ohne die Fraueninitiative Leipzig würde es die MONAliesA heute nicht geben.

Autor*in
Anne Timm

Studium der Humangeografie und Kulturwissenschaften sowie der Bibliotheks- und Informationswissenschaft

Netzwerk von Fraueninitiative Leipzig

Biografie von Fraueninitiative Leipzig

Petra Lux und Cornelia Matzke halten auf der ersten genehmigten Kundgebung des Neuen Forums in Leipzig eine Rede.

Gründung

Gründung in Leipzig

Während des Umbruchs im Herbst 1989 und im Zuge der Vereinigung beider deutscher Staaten setzte sie sich auf lokaler Ebene für die Belange der Frauen ein. Sie stritt für eine paritätische Quote in allen Entscheidungsgremien, für den Erhalt des Rechts auf Schwangerschaftsabbruchs, für die Errichtung eines Frauenschutzhauses und eines Frauenkulturzentrums. Sie war Mitglied des Unabhängigen Frauenverbandes. Die FIL löste sich 1995 auf.

Die FIL nimmt an der Gründungsveranstaltung des Unabhängigen Frauenverbandes in der Berliner Volksbühne teil.

Vertreterinnen der FIL arbeiten in der „Kommission Frauenpolitik“ am Runden Tisch der Stadt Leipzig mit.

Die FIL beteiligt sich an der Kommunalwahl in Leipzig.

Fußnoten

  • 1. Auf einem Flyer der neugegründeten Fraueninitiative Leipzig, MONAliesA (im Folgenden: ML), GL FIL 01-009 „Hier machen Frauen Politik: neue Demokratie auf Kosten der Frauen?“, Bl. 1 r.
  • 2. Neues Forum, in: Decker, Frank / Neu, Viola (Hg.): Handbuch der deutschen Parteien, Wiesbaden 2007, S. 347–351.
  • 3. ML, GL FIL 01-062 „Protokoll über konstituierende Sitzung 22.11.89: Fraueninitiative im Neuen Forum / Jana Gohrisch“, Bl. 1 r.
  • 4. Ebenda , Bl. 1 r
  • 5. Ebenda.
  • 6. ML, GL FIL 01-067 „Protokoll: Vollversammlung am 10.1.90 / Fraueninitiative im Neuen Forum“, S. 5 ff.  
  • 7. ML, GL FIL 01-011 „Darstellung der Fraueninitiative Leipzig für die Infobörse am 22. und 23. 11.1991 / Renate Reitz“, Bl. 1 r.
  • 8. Siehe ML, GL FIL 01-026 „Frauenblätter Nr. 6: Informationen der Fraueninitiative Leipzig – FIL – im unabhängigen Frauenverband (UFV) / Fraueninitiative Leipzig (UFV), S. 2. GL/FIL/01-059, o. A.: Protokoll 13.2.1990, 3 Bl.
  • 9. ML, GL FIL 01-004 „Aufbau der Fraueninitiative Leipzig (UFV) / Büro des UFV Leipzig (FIL)“, Bl. 1 r.
  • 10. ML, GL FIL 01-013 „Die Arbeitsgruppe „§218“ stellt sich vor“, Bl. 1 r.
  • 11. ML, GL FIL 01-009, Bl. 1 v.
  • 12. ML, GL FIL 01-067, Bl 2 r.
  • 13. ML, GL FIL 01-020 „Frauenblätter Nr. 2: Informationen der Fraueninitiative im NF / Fraueninitiative Leipzig“, Bl. 1 r.
  • 14. ML, GL FIL 01-011, Bl. 1 r.   
Ausgewählte Publikationen
Bock, Jessica: Die Revolution war eine Frau. Die Fraueninitiative Leipzig 1989/90, in: Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte, Nr. 67-68, Kassel 2015, S. 154–162.
Kenawi, Samirah: Frauengruppen in der DDR der 80er Jahre, Berlin 1996.
Hampele Ulrich, Anne: Der unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozess, Berlin 2000.