Digitalisat des Monats: 12 persönliche Dinge

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Im Oktober: 12 persönliche Dinge. Körperspuren, Gedanken, Accessoires – all das begleitet und trägt durch das Jahr. Zwölf Assoziationen gibt die Ostberliner Illustrationen Anke Feuchtenberger (*1963) in dem Plakatkalender von 1996 Raum. Zu sehen sind 12 quadratische Felder mit Zeichnungen. Für jeden Monat eine, die vor allem den weiblichen* Körper in den Mittelpunkt rückt, angeschnittene, intime Ausschnitte, persönlich und politisch zugleich. Darunter sind das Jahr 1996 und die Anschrift der herausgebenden Zeitschrift zu lesen: Frauenzeitschrift Weibblick.

Einzigartiger Stil

Feuchtenbergers Illustrationen sind direkt an ihrem eigenwilligen Stil erkennbar, der ikonografisch für die ostdeutsche Frauenbewegung der späten 1980iger und 1990iger Jahre wurde. Feuchtenberger gestaltete zum Beispiel viele Plakate und Flyer des Unabhängigen Frauenverbands, kurz UFV, der auch mit der Zeitschrift Weibblick verbunden ist.

Als Künstlerin ist Feuchtenberger neben zahlreichen Comics und Einzelillustrationen auch für ihre Kollaborationen mit der Schriftstellerin Katrin de Vries bekannt, mit der sie die Buchreihe Die Hure H. herausgibt. In dieser verarbeitet sie, wie in ihren anderen Arbeiten auch, die weibliche Erfahrung und setzt den weiblichen Körper abseits von gesellschaftlichen Klischees in Szene.

Stark daran interessiert, die Wirklichkeit in all ihrer Schauerlichkeit und Schönheit abzubilden, werden Szenen aus dem Alltag aus streng weiblicher Perspektive gezeigt und dabei die Reibungen von gesellschaftlichen Ansprüchen, Frauenleben und Körperempfinden deutlich. Diese Reibungen werden auch im Weibblick-Kalender deutlich: Hier treffen körperliche Erfahrung und hohe Abstraktion aufeinander und versuchen so, die persönliche Körperwelt von Frauen darzustellen.

Weibblick: ein weiblicher Blick auf die Welt

Die Welt aus weiblicher Perspektive zu schildern, ist auch das Anliegen der Zeitschrift Weibblick, welche ab 1992 vom Unabhängigen Frauenverband als Printzeitschrift herausgegeben wird. Der Verband gründete sich 1989/90 mit dem Ziel, die von der SED autonomen, feministischen Gruppierungen der DDR unter einem Dach zu versammeln und aktiv in die Wendepolitik einzugreifen. Als Teil der Liste 90 konnte der UFV als erste feministische Organisation bundesweit gewählt werden, sodass feministische Forderungen wie allgemeine Gleichberechtigung, angemessene Repräsentation, sexuelle Freiheiten, Abtreibungsrechte und vieles mehr auch auf parlamentarischer Ebene Einzug fanden.

Diese Inhalte sollten auch außerparlamentarisch verbreitet werden: Annette Maennel wurde daher 1991 damit beauftragt, einen Rundbrief an das direkte Umfeld rund um den UFV zu erstellen. Sie selbst visionierte dafür ein anspruchsvolles Konzept, welches über die reine Informationsweitergabe von Verbandsorganisatorischem hinausging. Das neue Medium sollte feministisches Wissen vermitteln, Debatten anregen und Themenschwerpunkte zur intensiven, auch wissenschaftlichen Auseinandersetzung verhandeln. Und diese Idee ging auf: 1991 erschien die erste Ausgabe Weibblick, acht Wochen später folgte bereits die nächste. Als Themenschwerpunkte wurden feministische Inhalte wie Reproduktion, Prostitution, Migration, Sexualität und Arbeit behandelt und aus verschiedenen Perspektiven diskutiert. Vertrieben wurde Weibblick über feministische Buchläden, Frauenzentren und Abonnements.

Zeugin des Umbruchs

Auch nach der Auflösung des UFV 1998 arbeitet die Redaktion weiter an den Veröffentlichungen der entstandenen Zeitschrift. Maennel ist es gelungen, diese unabhängig vom Verband zu erstellen – und so die Krisen zu umschiffen, die letztendlich zu dessen Auflösung führten. Dazu gehörte neben der Inklusion von Ost- und Westperspektiven auch die Vermeidung von verbandspolitischen Streitigkeiten – Weibblick sollte eine Zeitschrift für alle feministisch Interessierten sein. Dass viele Ost-Zeitschriften die Umbruchszeit nicht überlebten, war bezeichnend und wurde als Warnung gesehen. Viele, wie zum Beispiel die Für Dich oder die Sibylle, gingen mit dem Wegfall staatlicher Förderungen nach der Vereinigung im Konkurrenzdruck des freien Marktes unter und mussten die Arbeit letztendlich einstellen.

Dass Weibblick überlebte, war nicht zuletzt der Anpassungsfähigkeit der Redaktion zu verdanken, die ihre Inhalte an den größeren und konkurrenzorientierteren Markt anpassten und Weibblick zu einem Magazin machte, das den Anspruch aufgab, Feminismus auf wissenschaftliche Weise zu vermitteln. Stärker stellte es den Alltag von Frauen in den Mittelpunkt und setzte auf Bilder und Reportagen. Obwohl die Abonnementzahlen stiegen, trug das Konzept über die Jahrzehnte nicht ohne eingreifende Umstellungen, sodass die Zeitschrift nun seltener und ausschließlich online erschien – bis 2020 war die Redaktion noch aktiv.

Die Weibblick-Geschichte skizziert damit auch die Geschichte einer feministischen Bewegung der Umbruchszeit, in der es galt, um Fortbestehen und finanzielle Ressourcen zu kämpfen, zwischen verschiedenen Lagern und Interessen zu vermitteln, dabei Flexibilität zu bewahren und zu versuchen, Erbe und Erfahrungen der Frauen und Frauenbewegung der DDR auch in das neue politische System weiterzutragen.

 

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