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Diskriminierung oder Realität? Die Darstellung von Migrantinnen in den Printmedien 1980–2016

geschrieben von: Maren Steinert, Hanna Wolff
veröffentlicht 23. Januar 2019
Migrantinnen in den deutschen Printmedien zwischen 1980 und 2016 – Von der Darstellung als Opfer religiöser Bevormundung, sexueller Gewalt und finanzieller Abhängigkeit bis hin zur selbstbestimmten, progressiven Karrierefrau.

Presseartikel dienen nicht nur der Information, sie geben als Quelle der Forschung auch Aufschluss über die Bilder, die den Lesenden durch jene öffentlichen Medien vermittelt werden. Dieser Beitrag widmet sich daher der Darstellung von Migrantinnen in den deutschen Printmedien zwischen 1980 und 2016. Auffällig ist die stete Betonung der doppelten Benachteiligung. Einen Grund für diese doppelte Diskriminierung vermutete man häufig sowohl im Geschlecht dieser Frauen als auch in ihrer nicht-deutschen Herkunft.1 Die im Folgenden erwähnten Themen repräsentieren lediglich eine kleine Auswahl der Diskurse der letzten Jahrzehnte. Auch die genannten Migrationshintergründe der Protagonistinnen umfassen sicherlich nicht alle ethnischen Minderheiten Deutschlands, sondern können an dieser Stelle nur eine stellvertretende Funktion erfüllen. Beispielhaft werden im Folgenden Themen aufgegriffen, die insbesondere in der Berichterstattung über Migrantinnen eine wichtige Rolle spielten.

„Ich hab mir eine Frau gekauft“

In den 1980er-Jahren boomte der Handel mit Frauen aus Asien, die – angepriesen als bildschöne, absolut treue und anpassungsfähige Ehefrauen – aus Katalogen bestellt werden konnten. Am 21. Juni 1983 titelte die Bildzeitung „Ich hab' mir eine Frau gekauft“2. Dieser Artikel war Teil einer Serie, in der deutsche Männer über ihre käuflich erworbenen asiatischen Ehefrauen berichteten. Sie schwärmten vor allem von der Unterwürfigkeit und Anpassungsfähigkeit der Frauen. So berichtete einer der Ehemänner: „Die Thai-Frau macht nur, was du willst, sie fühlt im Voraus, was du im nächsten Moment von ihr erwartest – und sie tut es, ohne daß man ihr es erst sagen muß.“3 Meist kostete die ‚Ware Frau‘ 5.000 DM –  Flug und Umtauschrecht bei Nichtgefallen inbegriffen. Dieser Artikel steht stellvertretend für die Erfahrungen etlicher Frauen, die zu der Zeit meist aus Asien, aber auch aus anderen Regionen, nach Deutschland ‚importiert’ worden waren. In den Folgejahren erschienen allerdings auch viele kritische Artikel und Berichte von Hilfsaktionen, die sich für die Opfer des Frauenhandels einsetzten.4

„Ehefrau floh zu früh vor prügelndem Mann“5

In Niedersachsen setzten sich Ende der 1980er-Jahre Politikerinnen aller Fraktionen für ein Asylrecht für Frauen ein, die aufgrund ihres Geschlechtes verfolgt wurden.6 In vielen Ländern mussten Frauen Vergewaltigungen, Genitalverstümmelungen oder religiöse Diskriminierung fürchten, weil sie dem weiblichen Geschlecht angehören. Auch aus diesen Gründen flüchteten sich viele in sogenannte Scheinehen nach Deutschland, wobei ein großes Problem entstand: Aufgrund der Gesetzeslücke brauchten gewalttätige Ehemänner strafrechtliche Verfolgung von häuslicher Gewalt nicht zu fürchten. Die Frauen waren in einem Abhängigkeitsverhältnis gefangen, da sie ein eigenes Recht auf Asyl erst zugesprochen bekamen, wenn sie mindestens zwei Jahre verheiratet waren. Daher war eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt vor Ablauf der zwei Jahre gleichbedeutend mit einer Abschiebung in die gewalttätigen Zustände, aus denen diese Frauen geflüchtet waren.7 Erst 16 Jahre nach der Initiative der niedersächsischen Politikerinnen, am 1. Januar 2005, wurde die geschlechtsspezifische Verfolgung zum anerkannten Asylgrund.8

„Zwischen Niederlagen und Freiräumen“9 

Der Jugoslawien-Krieg von 1991 bis 1999 sorgte für eine umfassende Berichterstattung über Geflüchtete. Die grausame Situation im Kriegsgebiet wurde der deutschen Bevölkerung insbesondere durch die Berichterstattung der taz, der Frankfurter Rundschau und des Spiegels deutlich gemacht. Vor allem die weiblichen Kriegsopfer rückten dabei in den Vordergrund, da Vergewaltigungen systematisch als Kriegsmittel eingesetzt wurden. Vertreterinnen der deutschen Frauenbewegung initiierten zahlreiche Proteste und Hilfsaktionen, um auf die (sexuelle) Gewalt gegen Frauen durch Soldaten aufmerksam zu machen und den Opfern zu helfen.10 Auf parlamentarischer Ebene setzte sich insbesondere die Bremer Grüne Bürgerschafts- und ab 1994 Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck ein. Für ihr Projekt ‚Brücken der Hoffnung‘, mit dem sie in Bremen jahrelang Spenden für Bosnien sammelte, wurde sie nicht nur von der bosnischen Stadt Lukavac zur Ehrenbürgerin ernannt11, sondern erhielt zudem 1996 das Bundesverdienstkreuz.12 1998 wurde sie zur Integrationsbeauftragten des Bundes. Kritisiert wurde Beck in den 2000ern von einer überwiegend aus Migrantinnen bestehenden Initiative, nachdem sie sich gegen ein Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen ausgesprochen hatte. In einem offenen Brief warf die Gruppe ihr vor, aus einer „paternalistischen Position“ heraus zu argumentieren und „die Bedeutung einer kleinen [Kopftuch tragenden] Minderheit innerhalb der Musliminnen“ zu überhöhen.13 Nachdem die 25-jährige afghanische Referendarin Fereshta Ludin aufgrund ihres Kopftuchs im Bundesland Baden-Württemberg nicht in den Schuldienst übernommen wurde, war dieser immerwährende Streit in der Bundesrepublik Ende der 1990er-Jahre aufs Neue entflammt.14

„Psychologin: Schon der Tratsch unter Nachbarn kann für Mädchen tödlich sein“

Das Thema Zwangsheirat tauchte auch in der Berichterstattung über Migrantinnen auf. Berichtet wurde beispielsweise über die Rettung einer 15-jährigen Serbin, die mit einem ebenfalls serbischen 19-Jährigen zwangsverheiratet werden sollte. Um diese Heirat durchzuführen, hatten die Eltern die junge Frau in einer Berliner Wohnung festgehalten. Via Internet konnte sie Hilferufe versenden und so von der Polizei befreit werden.15 
Andere Fälle gingen nicht so glimpflich aus. Vor allem der sogenannte Ehrenmord an Hatun Sürücü sorgte für viel Aufsehen. Die 23-jährige türkischstämmige Mutter eines Sohnes wurde von ihrem jüngeren Bruder Ayhan in Berlin auf offener Straße mit drei Kopfschüssen ermordet. Ihre konservative Familie hatte die junge Frau verurteilt, da sie kein Kopftuch tragen wollte und ihren Ehemann – einen Cousin, mit dem sie zwangsverheiratet worden war – verlassen hatte. Im Prozess gestand Ayhan, zwei ältere Brüder waren in die Planung involviert. Mehrere Beobachter_innen des Prozesses gingen allerdings davon aus, dass die Tat von der gesamten Familie geplant worden war und Ayhan deshalb ausgewählt wurde, die Tat zu begehen, weil er als jüngster, damals noch minderjähriger Sohn die geringste Strafe zu fürchten hatte. Der Fall sorgte für eine jahrelange Diskussion über ‚Ehrenmorde‘. Der Psychologe Jan Ilhan Kizilhan prognostizierte beispielsweise am 31. Oktober 2011 in der taz, dass die Zahl der ‚Ehrenmorde’ steigen würde.16  Er hatte im Rahmen seiner Studie mit 21 türkischstämmigen Tätern gesprochen und weitere 44 Lebensläufe von gewalttätigen Türkischstämmigen miteinander verglichen und dabei herausgefunden, dass vor allem Männer mit geringer Schulbildung und eigener Gewalterfahrung gefährdet seien, einen ‚Ehrenmord’ zu begehen.

„Der erste Schritt zum Chefin-Sein“17

In den letzten Jahren finden sich immer mehr Berichte über erfolgreiche Migrantinnen in der deutschen Presse. Zum Beispiel über die türkischstämmige Marziya Özisli, die aus der Not eine Tugend machte und die Hürde ihres Kopftuches auf dem Arbeitsmarkt mit einer Selbstständigkeit als Anwältin umging.18 2010 wurde in Niedersachsen mit Aygül Özkan die erste deutsche Ministerin mit Migrationshintergrund ernannt.19 Auch diverse Projekte trugen in den letzten Jahrzehnten dazu bei, der Diskriminierung von Migrantinnen entgegenzuwirken und sie in die Gesellschaft miteinzubeziehen. So wurde beispielsweise über das erfolgreiche Empowerment durch einen Box-Workshop für jugendliche Migrantinnen in Berlin berichtet20 oder über die Bremer Designerin Sibilla Pavenstedt, die Migrantinnen mit einem Projekt im Hamburger Brennpunkt Veddel durch das Stricken und Häkeln von Haute-Couture eine neue Perspektive gab.21 Auch offizielle Institutionen unterstützten Migrantinnen. Das von zwei Berliner Polizistinnen entwickelte Projekt ‚Mitte(n)drin‘ wurde mit dem Integrationspreis des Bundesinnenministeriums ausgezeichnet. Hierbei trafen sich Polizistinnen mit Migrantinnen und verließen mit diesen den ‚Problemstadtteil‘ Wedding, um ihnen in Berlin-Mitte Sehenswürdigkeiten zu zeigen.22

Wie eingangs erwähnt, geben die hier dargestellten Inhalte der Presseartikel nur einen Teil der Lebenswirklichkeit von Migrantinnen wieder. Es ist auffällig, dass Migrantinnen in den Printmedien zwischen 1980 und 2016 oft klischeehaft als fremdbestimmt oder als erfolgreiche Ausnahme dargestellt wurden. Entweder erschienen sie in der Berichterstattung als Opfer religiöser Bevormundung, sexueller Gewalt und finanzieller Abhängigkeit oder aber als progressiv und in die deutsche Gesellschaft integriert. In den 80er- und 90er-Jahren wurde dabei meist über Migrantinnen gesprochen, seltener mit ihnen, geschweige denn, dass sie selbst zu Wort gekommen wären. Dies wandelte sich positiv im Laufe der Zeit – auch wenn der mediale Diskurs nach wie vor nicht frei von stereotypen Darstellungen ist.

Autor*in
Maren Steinert

Politikwissenschaftlerin B.A.; Forschungsschwerpunkte: Soziale Ungerechtigkeit, Nachhaltigkeit

 

Hanna Wolff

Kultur- und Geschichtswissenschaftlerin B.A.; Forschungsschwerpunkt: Gender Studies, Queer*story

Fußnoten

  • 1. taz. Die Tageszeitung, 5.8.2008 „Migrantinnen sind doppelt benachteiligt“.
  • 2. Bild-Zeitung, 21.6.1983: „Ich hab mir eine Frau gekauft“.
  • 3. Bild-Zeitung, 21.6.1983: „Ich hab mir eine Frau gekauft“.
  • 4. taz. Die Tageszeitung, 1.10.1987: „Hilfe für gekaufte Frauen. In Stuttgart entsteht mit staatlicher Unterstützung ein Zentrum für von Heiratshandel und Prostitutionstourismus betroffene Frauen“.
  • 5. Weser Kurier, 4.1.1992: „Ehefrau floh zu früh vor prügelndem Mann“.
  • 6. Weser Kurier, 23.11.1989 „Asylrecht für verfolgte Frauen gefordert“.
  • 7. Weser Kurier, 4.1.1992: „Ehefrau floh zu früh vor prügelndem Mann“.
  • 8. Frankfurter Rundschau, 8.2.2005: „Der ‚Ehebrecherin’ droht die Steinigung. Trotz drohender geschlechtsspezifischer Verfolgung soll eine Frau nach Iran abgeschoben werden / Testfall für Zuwanderungsgesetz“.
  • 9. taz. Die Tageszeitung, 22.10.1998: „Zwischen Niederlagen und Freiräumen“.
  • 10. taz. die Tageszeitung, 30.8.1995: „Frauendemo für Frieden“.
  • 11. taz. Die Tageszeitung, 10.5.1994: „Bosnische Stadt Lukavac ehrt ‚ehrliche Bürgerin‘“.
  • 12. Weser Kurier, 4.10.1996: „Verdienstkreuz für Brücke der Hoffnung“.
  • 13. taz. Die Tageszeitung, 14./15.2.2004: „Brief gegen deutsche Kopftuchfreundinnen“.
  • 14. taz. Die Tageszeitung, 14.7.1998: „Unterricht? Nicht mit deinem Kopftuch!“; vgl. auch Weser Kurier, 24.1.1994: „Für viele Mißverständnisse gibt es ein Wort: Kopftuch“.
  • 15. taz. Die Tageszeitung, 3.5.2010: „Polizei verhindert Zwangsheirat“.
  • 16. taz. Die Tageszeitung, 31.10.2011: „Ehrenmord: Die Ehre der Mörder“.
  • 17. taz. Die Tageszeitung, 24.4.2009: „Der erste Schritt zum Chefin-Sein“.
  • 18. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16./17.1.2010: „Zwischen Schreibtisch und Gebet“.
  • 19. Der Tagesspiegel, 21.4.2010: „Aygül Özkan: Karriere vor Migrationshintergrund“.
  • 20. Frankfurter Rundschau, 2.2.2006: „Rollenwechsel mit geballter Faust“.
  • 21. Weser Kurier, 19.12.2011: „Migrantinnen machen Mode“.
  • 22. Der Tagesspiegel, 30.11.2010: „Warum Polizistinnen Migrantinnen den Alex zeigen“.