Selbstorganisierung von Migrantinnen in Westdeutschland

verfasst von
  • Nuria Cafaro
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Seit den 1970er-Jahren entstanden in der Bundesrepublik vielfältige Selbstorganisationen von Migrantinnen, die sich für Frauenrechte, bessere Arbeitsbedingungen und gegen Rassismus engagierten. Mit ihrer Arbeit legten sie wichtige Grundlagen für gegenwärtige intersektionale Debatten.

In den 1970er-Jahren bildeten sich einige Gruppen migrantischer Frauen, die auch erste Kontakte zur deutschen Frauenbewegung knüpften. Der Großteil der von Migrantinnen gegründeten selbst organisierten Gruppen gründete sich in den 1980er-Jahren in Form von eingetragenen Vereinen. Zentren waren Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hamburg und Hessen. Dort organisierten sich vor allem Türkinnen, Kurdinnen, Iranerinnen und Filipinas.1 Frauen, die bereits in ihren Herkunftsländern in politischen und feministischen Zusammenhängen aktiv gewesen waren und über einen relativ gesicherteren Aufenthaltsstatus verfügten, entwickelten sich häufig zu zentralen Akteurinnen der Gruppen. Nur wenige Gruppen konnten sich hauptamtliche Angestellte leisten, die wenigen Stellen, die es zu besetzen gab, waren meist prekär, nur auf ein Jahr befristet und von öffentlicher Förderung abhängig.2

Nicht alle dieser Gruppen verstanden sich selbst als explizit politische oder feministische Organisation. Vor allem iranische und kurdische Frauengruppen arbeiteten besonders häufig mit offensichtlichem politischen Anspruch, aber auch zahlreiche andere Frauengruppen ganz unterschiedlicher Herkunftsländer wählten ein politisches Fundament.

Themen Veranstaltungen des Iranisch-Deutschen Frauenvereins Köln e. V., Flyer
Vereinigen wir uns für Frieden, Freiheit und die Zukunft unserer Kinder, Plakat, 1988

Arbeitskämpfe, Asylrecht, Empowerment

Gemeinsam gegen Leichtlohngruppen, in: Frauenzeitung. Frauen gemeinsam sind stark, 1976, H. 9/10, S. 15

Von Beginn an setzten sich Migrantinnen für bessere Arbeitsbedingungen und geschlechtergerechte Entlohnung ein. Ein frühes Beispiel ist der erfolgreiche Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss im Jahr 1973. Migrantinnen waren durch die sexistische und rassistische Lohnhierarchie des Unternehmens in doppelter Weise benachteiligt. Denn trotz vergleichbarer Tätigkeiten wurden sie nach der untersten Lohnstufe bezahlt: In der Entlohnung über ihnen standen wenige weiße deutsche Frauen, gefolgt von männlichen migrantischen Arbeitern. In den hohen Lohngruppen waren ausschließlich weiße deutsche Männer angesiedelt. Als die migrantischen Arbeiterinnen schließlich streikten, solidarisierten sich – im Gegensatz zu zahlreichen anderen migrantischen Arbeitskämpfen und trotz massiver Einschüchterung durch die Unternehmensleitung – zunehmend deutsche Arbeiter:innen, wodurch erstmals die Abschaffungen einer Leichtlohngruppe und weitergehende Lohnerhöhungen durchgesetzt werden konnten.3

Neben dem Kampf für bessere Arbeitsbedingungen und gerechtere Entlohnung befassten sich die Selbstorganisationen mit einer Vielzahl weiterer Themen. Dazu gehörten insbesondere Fragen des Ausländer:innen- und Asylrechts, geschlechts- und migrationsspezifische Gewalt und ,Frauenhandel’. Darüber hinaus setzten sie sich für eine verhältnismäßige Anerkennung ausländischer Bildungs- und Berufsabschlüsse ein und bemühten sich um generelles Empowerment von Migrantinnen. Sie beschäftigten sich mit Sexualität oder den Erfahrungen und Herausforderungen, die binationale Partner:innenschaften und Ehen mit sich brachten.4 Eines der wichtigsten Anliegen vieler Gruppen war der Kampf gegen den § 19 im Ausländergesetz und damit verbunden die Etablierung eines eigenständigen Aufenthaltsrechts für Frauen. Laut § 19 bekamen nachgezogene Ehepartnerinnen erst nach mindestens vier Jahren Aufenthalt in der BRD und anhaltender ehelicher Lebensgemeinschaft ein eigenständiges Aufenthaltsrecht zugesprochen. Dies brachte migrierte Frauen in eine drastische Abhängigkeit von ihren Ehepartnern.

Violence no more! Join Hands to Stop Violence Against Migrant Women, Flyer, 1993

Internationale feministische Solidarität

Von Beginn an strebten viele Protagonistinnen der migrantischen Frauenbewegungen eine internationale Vernetzung und explizit feministische Organisierung an. Andere Gruppen wiederum beschränkten sich auf ihr Engagement vor Ort.

Ein frühes Beispiel hierfür ist die Arbeit der 1978 in West-Berlin gegründeten Koreanischen Frauengruppe in Deutschland. Diese bildete sich als Folge von Protesten rund um die Ausweisung ganz überwiegend weiblicher koreanischer Pflegekräfte, die wegen des sogenannten Primats der Einheimischen besonders stark von öffentlichen Einsparungen und Kündigungen in den Krankenhäusern zu Beginn der 1970er-Jahre betroffen waren. Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis von Staatsbürger:innen aus Nicht-EG-Ländern bedingten sich gegenseitig. Viele Migrant:innen gerieten dadurch in existentielle Not, war doch ihr weiterer Verbleib in Deutschland ungewiss. Mittels einer bundesweiten Unterschriftenaktion unter dem Motto „nicht mehr gebraucht?“ versuchten Koreanerinnen sich zu wehren.5 Ihr Protest hatte Erfolg: 1978 änderte sich die Gesetzgebung. Nun wurden nach fünf Jahren Arbeitsaufenthalt unbefristete Aufenthaltsgenehmigungen erteilt, nach achtjährigem Arbeitsaufenthalt eine Aufenthaltsberechtigung. Diese erfolgreiche, kollektive Erfahrung erweckte in vielen Koreanerinnen das Bedürfnis, sich längerfristig zu organisieren. Gemeinsam solidarisierten sie sich 1986/87 mit streikenden Textilarbeiterinnen des deutschen Textilunternehmens Adler in Korea. Diese klagten über unzumutbare Arbeitsbedingungen, sexuelle Übergriffe durch das deutsche männliche Leitungspersonal und einen Mangel an Arbeitsrechten. Bei dem Versuch, eine Gewerkschaft zu gründen, wurden sie letztlich entlassen.6  

Die Koreanische Frauengruppe mobilisierte bundesweit für eine Solidarisierung und fand in großen Teilen der deutschen Frauenbewegung Unterstützung. Auch die linksradikale Frauengruppe Rote Zora protestierte – allerdings unabhängig von einer Zusammenarbeit mit der Koreanischen Frauengruppe – gegen das Textilunternehmen und bekannte sich in diesem Zusammenhang 1987 zu Brandan-schlägen auf mehrere Adler-Filialen.7

Die Solidarisierungsaktionen, an denen sich Organisationen wie Terre des Femmes, der Arbeitskreis ,Frauen aller Herren Länder’ und weitere Menschenrechts-organisationen beteiligten, trugen erfolgreich dazu bei, in der Bundesrepublik viel Aufmerksamkeit zu erzeugen und Druckpotenzial aufzubauen: Mitarbeiter:innen, die als treibende Kräfte des Streiks in Korea ausgemacht worden waren und zwischenzeitlich eine Kündigung erhalten hatten, wurden wieder eingestellt.8

Rechtsseminar für Frauen. Arbeits- und Sozialrecht für Migrantinnen, Flyer, 1999

Differenzen und Solidaritäten

Als in den 1970er-Jahren erste vorsichtige und nicht immer konfliktfreie Kontakte zwischen einigen Migrantinnenorganisationen und Teilen der deutschen Frauenbewegung stattfanden, waren nur sehr vereinzelt Migrantinnen in den deutschen Frauenzentren aktiv. Eine Tagung zur Situation von Migrantinnen wurde 1977 in Oberwesel/Rhein veranstaltet, an der sich neben deutschen Frauen auch Türkinnen, Griechinnen, Jugoslawinnen, Spanierinnen und Niederländerinnen beteiligten. Erstmals wurde die Gleichstellung migrierter und deutscher Frauen gefordert.

Der vom 23. bis 25. März 1984 in Frankfurt am Main tagende Erste gemeinsame Frauenkongreß ausländischer und deutscher Frauen versammelte über 1.000 deutsche und migrantische Feministinnen und kann als wichtiger Meilenstein ihrer Vernetzung gesehen werden. Mit ihrem Motto „Sind wir uns denn so fremd?“9 stellte die Tagung das Verbindende in den Vordergrund, ohne dabei die Auseinandersetzung mit kritischen Themen zu meiden. Erstmals fanden Schilderungen von Migrantinnen über Abgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen inner- und außerhalb der deutschen Frauenbewegung einen größeren Raum. Hier sprachen Migrantinnen als Betroffene und aktive Subjekte feministischer Arbeit, was als Schritt aus der Isolation empfunden wurde und grundlegend war, um Aktionsformen und ein Bewusstsein für die gemeinsame Stärke zu entwickeln.10 So wurde der Kongress zum Ausgangspunkt neuer und wichtiger Netzwerke zwischen deutscher Frauenbewegung und migrantischer Selbstorganisierung. Außerdem kann er als Anfang nachhaltiger Kontroversen um die Frage nach Rassismus innerhalb der deutschen Frauenbewegung gesehen werden.

Ein umkämpftes Feld mit hohem Konfliktpotenzial war in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren die Besetzung der wenigen verfügbaren hauptamtlichen Stellen in Frauenprojekten (von und) für Migrantinnen. Häufig wurden diese von deutschen Frauen mit Berufserfahrung im sozialen Bereich besetzt; aktivistische Migrantinnen, die in diesen Organisationen ehrenamtlich oder auf Honorarbasis tätig waren, prangerten dies an und sahen die Verteilung der bezahlten Arbeitsstellen teils als Zeichen rassistischer Strukturen oder gar internalisierten Rassismus deutscher Feministinnen. Beispielhaft hierfür stehen die intensiven, kontroversen, aber auch produktiven Auseinandersetzungen in der Beratungsstelle agisra.11 Die hier diskutierte Problematik war in zweierlei Hinsicht bedeutend: Erstens stellte sich die Frage, inwiefern in Frauenprojekten rassistische Strukturen fortwirkten und wie diese zu überwinden wären. Zweitens galt es zu diskutieren, ob und wenn ja wie feministische Sozialarbeit und migrantische Selbstorganisierung ineinandergriffen.

AGISRA Köln e. V. Informations- und Beratungsstelle, Flyer

Migrantischer Feminismus seit den 1990er-Jahren

Die politische Selbstorganisierung von Migrantinnen erfuhr in den 1980er- und 90er-Jahren in Deutschland ihren Höhepunkt. Vor allem auch infolge der rassistischen Pogrome in Rostock, Mölln oder Solingen setzten sich in dieser Zeit nicht nur Aktivistinnen, sondern auch Künstlerinnen und Intellektuelle mittels Konferenzen, Publikationen, Statements, der Organisierung praktischer Hilfen und verschiedenster Aktionen für migrierte und rassifizierte Frauen ein. Sie forderten immer wieder, nicht nur sexuelle Ausbeutung und sexistische Diskriminierung zu berücksichtigen, sondern auch, für rassistisch bedingte Benachteiligung und Gewalt innerhalb feministischer Kämpfe zu sensibilisieren. Dabei bezogen sich die einzelnen Gruppen nicht nur auf das jeweilige Herkunftsland ihrer Mitglieder, sondern nahmen auch die gemeinsamen Interessen aller Migrantinnen in deut-schen Städten in den Blick. In diesem Kontext entstanden Bündnisse wie die Gruppe Buntes Frauennetzwerk in Köln, in der sich die Zusammenarbeit ganz unterschiedlicher Migrantinnengruppen für einige Jahre institutionalisierte.

Einen Umbruch erlebten viele der Gruppen Mitte der 2000er-Jahre. Einige Zusammenschlüsse wurden in dieser Zeit zunehmend inaktiver. Gründe hierfür waren häufig der Wegzug strukturtragender Frauen, die in ihr Herkunftsland zurückkehrten, und eigene Bedürfnisse nachkommender Generationen, die mit anderen Problemen konfrontiert waren als ihre migrierten Mütter und Großmütter viele Jahre zuvor. Auch eine grundsätzlich und gesamtgesellschaftlich weniger feministische Generation mag dazu beigetragen haben, dass viele der in den 1970er- und 1980er-Jahren gegründeten Migrantinnengruppen heute nicht mehr existieren.

Hanau war kein Einzelfall - Widerstand ist überall!, Flugblatt, 2021
Migrantischer Feminismus - Plakat für eine Buchvorstellung, Köln 2022

Dennoch etablierten sich seitdem auch neue Selbstorganisationen, wie etwa der Bundesverband der Migrantinnen in Deutschland, die sich noch immer für die intersektionale Verknüpfung –d.h. eine verbindende Beachtung verschiedener Diskriminierungs- bzw. Unterdrückungsmechanismen – von feministischem und antirassistischem Aktivismus einsetzen. Gerade nach den rassistischen Morden von Hanau 2020 an migrantisierten jungen Menschen nimmt – auch in feministischen Kontexten – das Dringen auf eine stärkere Beachtung rassistischer Diskriminie-rung und Gewalt, auch innerhalb antipatriarchaler Kämpfe, zu. Auch die öffentlichkeitswirksame und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Selbstorganisierung von Migrantinnen, für die ein Sammelband12 des Kölner Frauengeschichtsvereins von 2001 ein frühes Beispiel ist, wächst.13 Für die weitere dringend erforderliche Grundlagenforschung zur Migrantinnenbewegung bietet das Archiv des Kölner Frauengeschichtsvereins vielfältiges Material.

 

Veröffentlicht: 21. Juli 2023
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Verfasst von
Nuria Cafaro

studierte Geschichte, Philosophie und Bildungswissenschaften an der Universität zu Köln, tätig beim Kölner Frauengeschichtsverein und in der historisch-politischen Bildung, forscht zur Geschichte migrantischer Selbstorganisierung, migrantischem Protest und Arbeitskämpfen, wilden Streiks und italienischer Arbeiter:innenbewegung.

Empfohlene Zitierweise
Nuria Cafaro (2024): Selbstorganisierung von Migrantinnen in Westdeutschland, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/selbstorganisierung-von-migrantinnen-westdeutschland
Zuletzt besucht am: 13.06.2024
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Fußnoten

  • 1Vgl. Schwenken, Helen: Migrantinnenorganisationen: Zur Selbstorganisierung von Migrantinnen, in: Becker, Ruth / Kortediek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage, Wiesbaden 2008, S. 902‒907.
  • 2Ebenda, S. 905.
  • 3Vgl. Engelschall, Titus: The Immigrant Strikes Back. Spuren migrantischen Widerstands in den 60/70er-Jahren, in: inter-face (Hg.): WiderstandsBewegungen. Antirassismus zwischen Alltag & Aktion, Berlin/Hamburg 2005, S. 43‒54, hier S. 47. Birke, Peter: Wilde Streiks im Wirtschaftswunder. Arbeitskämpfe, Gewerkschaften und soziale Bewegungen in der Bundes-republik und Dänemark, Frankfurt a.M. 2007, S. 279 ff.
  • 4Vgl. Schwenken: Migrantinnenorganisationen, S. 905 f.
  • 5O. A.: Nicht mehr gebraucht?, in: Courage, 2. Jg., 1977, H. 10, S. 55.
  • 6Vgl. Cho-Ruwwe, Kook-Nam: Wer sich nicht bewegt, spürt ihre Fesseln nicht: Koreanische Frauen in Deutschland, in: Gutiérrez Rodríguez, Encarnación / Tuzcu, Pinar (Hg.): Migrantischer Feminismus in der Frauen:bewegung in Deutschland 1985-2000, Münster 2021, S. 117‒143, hier S. 120‒125.
  • 7Vgl. Karcher, Katharina: Sisters in Arms. Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968, Berlin/Hamburg 2018, S. 189‒204.
  • 8Vgl. Cho-Ruwwe, Kook-Nam: Wer sich nicht bewegt, spürt ihre Fesseln nicht, S. 124‒128.
  • 9Siehe hierzu: Arbeitsgruppe Frauenkongreß (Hg.): Sind wir uns denn so fremd? Dokumentation des 1. gemeinsamen Kon-gresses ausländischer und deutscher Frauen 23. -25. März 1984, Frankfurt a.M. 1984.
  • 10Berrin Önler-Sayans Essay verlinken, sobald online
  • 11Sieht hierzu: Duscha, Tippawan / Howe, Christiane / Joo-Schauen, Jae-Soon, agisra — Neue Wege für Migrantinnen. Eine etwas andere Erzählung — Genesis und Auseinandersetzungen über Rassismus und Frauenhandel in einem feministi-schen Frauenprojekt, in: beiträge zur feministischen theorie und praxis, 28. Jg., 2005, H. 66/67, S. 169‒192, hier S. 176‒180.
  • 12Franken, Irene / Jazaeri, Shirin / Staudenmeyer, Renate: Was erreicht? Frauenbewegte Lebensgeschichten aus der Sicht unterschiedlicher Kulturen, Köln 2001.
  • 13Beispiele hierfür sind: Gutiérrez Rodríguez, Encarnación / Pinar Tuzcu (Hg.): Migrantischer Feminismus in der Frau-en:bewegung in Deutschland 1985-2000, Münster 2021 sowie International Women* Space (Hrsg.), „Als ich nach Deutsch-land kam“. Gespräche über Vertragsarbeit, Gastarbeit, Flucht, Rassismus und feministische Kämpfe, Münster 2019. 

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