Schatzkisten suchen Forscher*innen

geschrieben von Digitales Deutsches Frauenarchiv / Susanne Diehr veröffentlicht 28. März 2019

Schätze heben

Beim Workshop trafen rund 20 i.d.a.-Vertreter*innen, die aus dem ganzen Bundesgebiet angereist waren, auf rund 25 Gäste aus Hochschulen und Politik. Prof. Dr. Petra Gehring, Professorin für Philosophie an der TU Darmstatd und Sprecherin des DDF-Beirates, hatte in Kooperation mit des Deutschen Forschungsgemeinschaft nach Darmstadt eingeladen. Jede i.d.a.-Einrichtung stellte mit einem Input beispielhaft Material vor, das darauf wartet, erforscht zu werden:

Besucherinnen des Vernetzungsworkshops in Darmstadt
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Besucher*innen des Vernetzungsworkshops in Darmstadt

Der Nachlass von Dorothee von Velsen (1883-1970), eine Akteurin der Ersten Frauenbewegung, oder das Zeitungsauschnittarchiv des Bundes deutscher Frauenvereine (1894-1933) liegen unerforscht im Helene Lange Archiv. Das Archiv Spinnboden besitzt den Nachlass von Anke Schäfer (1938-2013), eine Akteurin der Lesbenbewegung, die vielfach publizistisch tätig war und 2000 das Bundesverdienstkreuz erhielt. 

Das FFBIZ in Berlin und belladonna in Bremen sammeln Zines, Ausdruck feministischer Subkultur. In der Genderbibliothek Berlin warten Interviews zu Erfahrungen von Frauen im Sozialismus auf wissenschaftliche Bearbeitung. Forschungsfragen werfen die Tagebücher der Frauenrechtlerin Minna Cauer auf, die zum Bestand des FrauenMediaTurms gehören. Im Archiv ausZeiten lässt sich zum Arbeitskampf von Frauen in einer Zementfabrik ebenso forschen wie zur Verknüpfung verschiedener Herrschaftsachsen in den 1970er Jahren – lange bevor Intersektionalität zum Begriff wurde.

Die Beispiele zeigen: Studierende und Forschende können in den i.d.a.-Einrichtungen Schätze heben. Nicht nur feministische Geschichtsforschung wird hier fündig. Diverse Disziplinen können andocken für literatur- und kulturgeschichtliche Fragen bis hin zur (historisch-kritischen) Reflexion aktueller feministischer Diskurse.

Forschung in und mit Archiven

Einige Archive berichteten vom ihrem engen Kontakt zur Forschung. Im FrauenStadtArchiv Dresden, das z.B. Material zum Demokratischen Frauenbund Deutschlands (1947-1990) besitzt, finden Projekte in Kooperation zwischen der Archiv-Historikerin und der Geschichtswissenschaft an der TU Dresden statt. Durch diese kontinuierliche Zusammenarbeit rücken das Archiv und die Arbeit mit Quellen von Anfang an in den Fokus der geschichtswissenschaftlichen Ausbildung – und ins Bewusstsein von Studierenden. Zur Nachahmung empfohlen!

Das Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel (AddF) wird seit 1992 vom Land Hessen als außeruniversitäre Forschungseinrichtung gefördert, ist entsprechend eng im Austausch mit der Wissenschaft und führt eigene Forschungsprojekte durch. Aber auch im AddF liegen Bestände, die nicht ausgeforscht sind: So besitzt das Archiv Dokumente des Deutschen Evangelischen Frauenbundes von 1899 bis heute lückenlos. Anhand der Dokumente des Casseler Frauenrudervereins (gegründet 1913) ließe sich feministische Sportgeschichte schreiben.

Archive als Tandempartner

Nach den Inputs der i.d.a.-Einrichtungen zu ihrem Material, das auf Erforschung wartet, skizzierte Dr. Niklas Hebing von der DFG Möglichkeiten der Forschungsförderung. Häufig blenden Forschungsprojekte die Finanzierung der Infrastruktur aus. Nicht zuletzt zielen DFG-Mittel entweder auf Infrastruktur, bei der Bewegungsarchive durchs Raster fallen, oder auf Forschungsfragen, die das zu erforschende Material als ,im Archiv vorhanden‘ voraussetzen. Arbeit, Aufwand und Kosten, die hinter der Archivarbeit stecken, bleiben unsichtbar.

Niklas Hebing DFG
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Niklas Hebing zu Forschungsfördermöglichkeiten der DFG

Doch Material muss erschlossen werden und im Rahmen von DFG-Anträgen von Forschenden gibt es durchaus Spielraum, um über eine Teilstelle oder Sachmittel auch die Sicherung des Materials oder seine Digitalisierung zu finanzieren. 

Nicht zuletzt können Forschungsfragen und Archivmaterial Tandems bilden, die bei der Mittelakquise Potential entfalten. So kann das Archiv mit seinem Material vom kleinen Partner der Forschung auch zur Lokomotive werden, wenn die Forschungsfrage auf einzigartiges Material trifft. Aber auch Material, das (teilweise) erforscht ist, bieten Antworten auf innovative Forschungsfragen. So besitzen viele i.d.a.-Einrichtungen umfangreiche Zeitungsauschnittsammlungen, die Stoff feministischer Mediendiskursanalysen sein könnten. 

Normen und Jubiläen

Zum Abschluss des Tages warf das Podium mit Dr. Jessica Bock (DDF), Rita Kronauer (ausZeiten) und Dr. Kerstin Wolff (AddF) moderiert von Prof. Dr. Petra Gehring einen Blick auf den aktuellen Stand feministischer Bewegungsgeschichtsschreibung.
Sichtbar wurden dabei verschiedene Entwicklungsgeschichten. Rita Kronauer vertritt ein autonomes Archiv, das selbstbestimmt sammelt und in der Schnittstelle von Universität und Bevölkerung bzw. Basis arbeitet. Dagegen lautet das Gründungsmoment des AddF: „Wir sammeln, um historische Erzählung verändern zu können“. Aus diesem wissenschaftlichen Ansatz folgte bereits in den 1980ern  die Motivation, öffentliche Mittel einzufordern.

Diskussionsrunde beim Vernetzungsworkshop in Darmstadt
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v.l.n.r.: Dr. Kerstin Wolff, Rita Kronauer, Dr. Jessica Bock, Prof. Dr. Petra Gehring

Jessica Bock verwies auf die Notwendigkeit, die geteilte Geschichtsschreibung seit dem Ende von DDR und alter BRD zu überwinden. Zum einen ist ein Neuschreiben westdeutscher Frauenbewegungsgeschichte nötig, um ihre Kategorien als Norm feministischer Bewegungsgeschichte loszuwerden. Zum anderen müssen Archive Material sichern, damit Frauenbewegungsgeschichte aus DDR und Ostdeutschland erzählt werden kann. Doch ostdeutsche Archive sind heute besonders prekär. Ihr Material digital aufzubereiten, ist ein Auftrag des DDF – ersetzt aber nicht eine regionale grundständige Förderung vor Ort. 

Und welchen Nutzen haben Jubiläen wie 100 Jahre Wahlrecht oder 30 Jahre Friedliche Revolution für feministische Bewegungsgeschichte? „Geschichte ist kein Festkalender“, meint Jessica Bock, „Jubiläen festigen auch Machtverhältnisse“. So wurde das 1968er-Jubiläum häufig nur aus westdeutscher Perspektive erzählt. Dagegen verweist Kerstin Wolff darauf, dass Frauenbewegungsgeschichte längst kein Mainstream ist. Deshalb dürfen Jubiläen nicht ungenutzt bleiben. Frauenbewegung und -politik haben es geschafft, an 100 Jahre Frauenwahlrecht mit öffentlichem Raum und öffentlicher Wahrnehmung zu erinnern. Nicht zuletzt verknüpfte der i.d.a.-Dachverband das Jubiläum mit dem DDF-Onlinegang. 

Der Blick in die i.d.a.-Schatzkammern zeigt: Die Frauenbewegung als erfolgreiche soziale Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts ist reif für´s Geschichtsbuch – doch dort ist sie bisher kaum angekommen. Das Signal des Tages in Richtung Wissenschaft: Schatzkisten suchen Forscher*innen!

Eingang der TU Darmstadt
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Eingang der TU Darmstadt
Eingangshalle der TU Darmstadt
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Eingangshalle der TU Darmstadt
Dr. Kerstin Wolff
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Dr. Kerstin Wolff vom Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel
Besucherinnen auf Schatzsuche
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Besucherinnen auf Schatzsuche
Sabine Balke Estremadoyro
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Sabine Balke Estremadoyro, DDF-Geschäftsführung und i.d.a.-Vorstand
Karin Aleksander
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Dr. Karin Aleksander, Leiterin der Genderbibliothek im Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin
Katja Teichmann Lieselle Bochum
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Katja Teichmann, studentische Frauen*bibliothek Lieselle an der Ruhr-Universität Bochum

 

Maren Bock
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Maren Bock, Geschäftsführung belladonna Kultur, Bildung und Wirtschaft für Frauen e.V.
Neko Panteleeva
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Neko Panteleeva, Projektmitarbeiterin FrauenStadtArchiv Dresden
Markt der Archive - Postkarte Spinnboden
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Markt der Archive
FMT Julia Hitz und Sarah Dolguschin
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Julia Hitz (l) und Sarah Dolguschin (r), FrauenMediaTurm Köln
Linda Unger ausZeiten Bochum
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Linda Unger, Projektmitarbeiterin des feministischen Archivs ausZeiten, Bochum
Margarethe Kees FGBS Saarbrücken
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Margarethe Kees, FrauenGenderBibliothek Saar
Dorothee Schmidt, Madonna
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Dorothee Schmidt, Madonna - Archiv und Dokumentationszentrum SEXARBEIT Bochum
Markt der Archive Darmstadt
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