Ehrung für Frauenbiografieforschung

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Adriane Feustel, Gründerin des Alice Salomon Archivs, wird für ihren wertvollen Beitrag zur Erinnerung an Leben und Werk Alice Salomons (1872–1948) das Verdienstkreuz am Bande verliehen – eine der höchsten staatlichen Auszeichnungen. 

Als Historikerin erforscht Adriane Feustel seit den 1980er-Jahren das Leben und Wirken von Alice Salomon – so hat sie nicht zuletzt von 1998 bis 2004 die umfassende, dreibändige Neuauflage der Schriften Salomons herausgebracht und somit Salomons Werk zu erneuter Sichtbarkeit verholfen. Zudem arbeitet sie

Porträt Adriane Feustel
Alice Salomon Archiv, Berlin 2021
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Als Historikerin erforscht Adriane Feustel seit den 1980er-Jahren das Leben und Wirken von Alice Salomon. Nun bekam Feustel am 1. März 2023 für ihr Werk das Verdienstkreuz am Bande verliehen. Die feierliche Übergabe findet am 15. August durch die amtierende Berliner Wissenschaftssenatorin Dr. Ina Czyborra statt.

zur Sozial- und Frauengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und setzt sich für die Aufarbeitung der Geschichte von Frauen und für Frauenrechte auf nationaler wie internationaler Ebene ein. Nun bekam Adriane Feustel am 1. März 2023 für ihr Werk das Verdienstkreuz am Bande verliehen. Die feierliche Übergabe findet am 15. August durch die amtierende Berliner Wissenschaftssenatorin Dr. Ina Czyborra statt. 

Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande: Dr. Ina Czyborra und Dr. Adriane Feustel (v.l.n.r.)
Urheberin: Dayana Lau
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ASA
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Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande: Dr. Ina Czyborra und Dr. Adriane Feustel (v.l.n.r.)

1943 in Berlin geboren studierte Adriane Feustel Geschichte, Geografie und Politologie an der Freien Universität Berlin. 1971 kam sie als Lehrbeauftragte an die heutige Alice Salomon Hochschule (ASH). Deren Namensgeberin, die – gebürtige, jüdische Berlinerin Alice Salomon, gilt als Begründerin der Sozialen Arbeit als moderner Beruf in Theorie, Praxis und Ausbildung in Deutschland. Salomon ist heute eine der prominentesten Vertreterinnen der nationalen und internationalen Frauenbewegung, anerkannte Wegbereiterin der Sozialen Frauenschulen und in der Nachkriegszeit zu Unrecht in Vergessenheit geratene Pionierin der Sozialen Arbeit. 

Selbst als Lehrbeauftragte an der Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik – der heutigen ASH – tätig, erhielt Adriane Feustel Einblicke in die Struktur des Studiums sowie der Praxis der Sozialen Arbeit und bemerkte darüber, dass die Kenntnisse um die Geschichte des Faches „ganz dünn“ waren. Zudem bestand der Wunsch, Soziale Arbeit neu zu verstehen – geschichtsbewusst und entgegen der Idee von „Aufsicht und Kontrolle“ der Adenauerära. „Wir wollten die Ausbildung auf ein kritisch-theoretisches Fundament stellen, auch über Psychologie, Sozialisation, Wirtschaft und Herrschaftsverhältnisse sprechen“, erinnert sie sich in einem Interview mit den Tagesspiegel anlässlich der Verleihung des Verdienstkreuzes, erschienen am 6. Juli 2023.

In dieser Zeit findet Feustel zu Salomon: „Das war über Umwege. Ich entdeckte sie im Grunde durch die Kritik an der Sozialen Arbeit in den 1970er und 80er Jahren“, erklärt sie gegenüber dem Tagesspiegel. Wissenschaft und Praxis nicht losgelöst zu betrachten, war Salomon ein großes Anliegen, genau wie die Freiheit und Unabhängigkeit der Frauen. „Ihr ging es um das Recht jedes Einzelnen auf Glück“, erläutert Feustel. „Das war angelehnt an die amerikanische Verfassung, richtete sich aber gerade an die Diskriminierten, die Ausgeschlossenen. Salomon ging es um sozialen Zusammenhalt und die Frage: Wie ist Gesellschaft möglich?“ 

Feustel begann damit, Leben und Werk Salomons zu erforschen – der Beginn einer bleibenden Faszination für Salomon, deren Werte und Ansätze die Soziale Arbeit bis heute prägen. Später arbeitete Feustel an der Hochschule unter anderem im Bereich Archiv- und Ausstellungstätigkeit und brachte hier ihre Forschungen und Kenntnisse der Frauenbiografien ein. Dass Salomons Ideen und Texte, aber auch die Geschichte der ASH dokumentiert und nachvollziehbar sind, ist ein großer Verdienst auch von Adriane Feustel.

Im Jahr 2000 gründete Adriane Feustel in Kooperation mit dem Archiv des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin-Schöneberg das Alice Salomon Archiv an der der Alice Salomon Hochschule Berlin. Das ASA ist ein öffentlich zugängliches Archiv, das sie bis ins Jahr 2013 auch selbst leitet. Das Archiv bietet seither die Möglichkeit, sich mit der Geschichte Sozialer Arbeit und Sozialer Bewegungen des 19./20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen – eine in dieser Form einzigartige Forschungs- und Erinnerungseinrichtung. Über die DDF-Projektförderungen werden seit 2018 vom ASA, welches auch dem i.d.a.-Dachverband angehört, zahlreiche Materialien des Archivs digitalisiert und für die Öffentlichkeit aufbereitet – auch an dieser langfristigen digitalen Sicherung Salomons Werks und Wirken hat Feustel mitgewirkt.

Feustel selbst promovierte 2010 mit einer Arbeit über das Konzept des Sozialen im Werk von Alice Salomon an der Technischen Universität Berlin im Zentrum für Antisemitismusforschung, forscht und veröffentlicht weiterhin zu ihr. Am 12. Juni 2023 feierte Dr. phil. Adriane Feustel ihren 80. Geburtstag und wurde unter anderem mit einem ihr zu Ehren gehaltenen Festempfang an der ASH gewürdigt.

Mit Adriane Feustel gibt es zudem ein Interview in Listen to the Archive – dem DDF-Podcast zu feministischer Geschichte; Folge 1: Bilder Sozialer Arbeit. 150 Jahre Alice Salomon, 2022.

Der i.d.a.-Dachverband und das Digitale Deutsche Frauenarchiv gratulieren und danken herzlich!
 

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