Mathildas, Görls und Hexen

veröffentlicht 15. November 2018

Ruth Häntschke, Kirsten Koch-Schäfer und Barbara Obermüller, selbst Jahrzehnte in der lokalen Frauenbewegung aktiv, haben sich auf Spurensuche begeben. „Wir möchten mit dieser Dokumentation die Aktivitäten der Frauen festhalten, ihre Erfolge aufzeigen und so dafür sorgen, dass sie nicht vergessen werden“, schreiben die Herausgeberinnen von Darmstädterinnen im Aufbruch. Autonome Frauenprojekte der letzten Jahre (2018). Drei Jahre lang recherchierten sie in Privatbeständen, in den Unterlagen des hiesigen Stadtarchivs, u.a. in der Darmstädter Frauenzeitung Mathilde und sprachen mit langjährigen Mitstreiterinnen. Herausgekommen ist ein lesenswertes Buch, das die vielfältigen autonomen Frauenprojekte der letzten Jahrzehnte vorstellt.

Darmstädterinnen im AufbruchAnstelle einer chronologischen Darstellung entschieden sich die Herausgeberinnen für eine thematische und akteurinnenzentrierte Herangehensweise. Das Buch ist in zwölf Kapitel gegliedert, die verschiedene Schwerpunkte setzen, u.a. Gewalt gegen Frauen, Aktionen und Proteste, Mütter und Mädchenarbeit, Kunst und Kultur oder Migrantinnen. Bei den Texten handelt es sich um teils Interview-basierte Beiträge, die komprimiert und leicht verständlich eine jeweilige Aktion, eine Einrichtung oder ein bestimmtes Thema abhandeln. Bei einigen Darstellungen handelt es sich auch um Interviews mit Frauen, die sich zu diesem Thema bzw. im Projekt engagiert haben.

Von Beginn an ordnen die Autorinnen die lokalen Entwicklungen der Frauenbewegung in nationale und internationale Kontexte ein. Auf diese Weise zeigen sie nachvollziehbar, wie sich zum Beispiel globale Frauenkonferenzen 1975 in Mexico City oder 1985 in Nairobi konkret auf das frauenbewegte Engagement vor Ort auswirkten. Zugleich ermöglicht diese Kontextualisierung, das Lokalkolorit der Darmstädter Frauenbewegung hervorzuheben. Nicht zuletzt enthält das Buch zahlreiche statistische Angaben, zum Beispiel über den Frauenanteil an den Lehrstühlen der hiesigen Hochschulen oder von ausgestellten Künstlerinnen in Darmstädter Museen.

Die Anfänge des Frauenaufbruchs in Darmstadt reichen bis zu Beginn der 1970er Jahre zurück und ist mit der sozialistischen Arbeitergruppe (SAG) verknüpft. Zunächst noch als „Anhängsel“ ihrer Männer hatten sie an den Sitzungen meist schweigend teilgenommen. Doch unter Frauen begann es zu rumoren. Ihr Unbehagen speiste sich aus der allmählich einsetzenden Erkenntnis, dass frauenspezifische Fragen als Thema in der SAG nicht vorkamen oder als „Nebenwiderspruch“ abgetan wurden. Infolge dessen traten die Frauen aus ihrer Vereinzelung heraus und gründeten 1971 innerhalb der SAG eine eigene sozialistische Frauengruppe, die sich zwei Jahre später aus der sozialistischen Männergruppierung loslöste. In den Folgejahren führte die sozialistische Frauengruppe zahlreiche Aktionen durch, zum Beispiel eine „Muttertagsaktion“, die den Rosa-Kitsch der realen Situation von Frauen gegenüberstellte. Ferner gaben sie die zweite Nummer der Frauenzeitung. Frauen gemeinsam sind stark heraus.

In den folgenden zwei Jahrzehnten begannen die Darmstädterinnen in nahezu allen Bereichen gegen die bestehenden Diskriminierungen von Frauen zu kämpfen. Das Buch zeigt sehr eindrücklich, wie die Frauenbewegung die Stadt prägte und sich in Stadt wortwörtlich einschrieb. Die „Geschichts- und Stadtschreiberinnen“ entwickelten eigene Frauenstadtrundgänge, um das Leben und Wirken von Frauen in Darmstadt sicht- und begehbar zu machen. Die „Medienfrauen“ schufen mit Mathilda, Görls und Hexpress eine lebhafte lokale Frauenbewegungspresse. Auch die „Nachbarinnen“, Darmstädterinnen mit Migrationsgeschichte, haben mit ihren Projekten einen festen Platz in der feministischen Lokalhistorie.

Durch die namentliche Nennung von vielen Akteurinnen und deren Illustrierung mit zahlreichen Fotos bekommt die Frauenbewegung in Darmstadt ein Gesicht. Dieses Sichtbarmachen verdeutlicht, wie sehr Frauenbewegung von den Frauen und deren Agieren vor Ort abhängt. Freundschaften unter Frauen, Solidarität, aber auch Streit und Konkurrenz – all das waren und sind Realitäten der Frauenbewegung, die auch im Buch Erwähnung finden.

Die Publikation leistet einen enorm wichtigen Beitrag für eine frauenbewegte bzw. feministische Erinnerungs- und Traditionsstiftung. Sie bewahrt die Vergangenheit der lokalen Frauenbewegung vor dem Vergessen und liefert damit wichtige Anknüpfungspunkte für gegenwärtige und zukünftige feministische Generationen. Schließlich bietet Darmstädterinnen im Aufbruch vielfältige Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen über die neue Frauenbewegung seit den 1970er Jahren, deren Akteurinnen, Niederlagen und Errungenschaften.

 

Autorin: Digitales Deutsches Frauenarchiv/Jessica Bock, wissenschaftliche Mitarbeiterin für neue und ostdeutsche Frauenbewegung

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