Jeder Tag zählt

veröffentlicht 25. November 2021

Am 25.11. ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen – Anlass für viele frauenpolitische Organisationen, verstärkt auf das massive Problem aufmerksam zu machen.

Anstieg gemeldeter Gewaltfälle

„Jede Stunde werden in Deutschland durchschnittlich 13 Frauen Opfer von Gewalt in Partnerschaften. Alle zweieinhalb Tage stirbt eine Frau durch die Gewalttat ihres Partners oder Ex-Partners“, hält die geschäftsführende Bundesfrauen- und Bundesjustizministerin Christine Lambrecht fest. Anlässlich des Gedenktages veröffentlichte das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) die aktuelle kriminalstatistische Auswertung zum Thema Partnerschaftsgewalt.

Bedrohung, Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Vergewaltigung: Wie bereits 2019 sind die Fälle von Gewalt in (Ex-)Partnerschaften auch 2020 weiter gestiegen, im Vergleich zum Vorjahr um 4,9 Prozent. Die Zahl der Gewaltopfer stieg um 4,4 Prozent auf 148.031 Personen. Überwiegend betroffen sind Frauen: 80,5 Prozent der Opfer sind weiblich. 79,1 Prozent der Tatverdächtigen sind männlich. 139 Frauen wurden 2020 getötet. 

Hilfesystem stärken

Neben der akuten Gewalt und ihren Folgen stellen insbesondere sogenannte häusliche und sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen ein gravierendes strukturelles Problem dar. Darauf verweist der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) und stützt sich auf aktuelle Studien. „Gewalt gegen Frauen kostet die Gesellschaft jährlich mehr als die Folgen von Verkehrsunfällen“, sagt bff-Geschäftsführerin Katja Grieger.

Nur ein verschwindend geringer Teil der Kosten in Milliardenhöhe wird bisher jedoch für die staatliche Finanzierung von Unterstützungsangeboten aufgewendet. „Dabei sind diese das wichtigste Instrument, um die Gewalt langfristig zu reduzieren und das Leiden der Betroffenen zu beenden“, so Grieger. Für von Gewalt betroffene Frauen sind Fachberatungsstellen der Schlüssel zum Hilfesystem. Sie beraten Betroffene, Bezugspersonen und Fachkräfte, sie unterstützen in Krisen, bieten Wissensvermittlung und Prävention.

Fachberatungsstellen unterstützen auch Frauen, die von schwerer Gewalt und Tötungsversuchen betroffen sind und sorgen für mehr Sicherheit. Um Tötungen zu verhindern, braucht es klar abgestimmte Maßnahmen und Kooperationen vor Ort von allen Unterstützer*innen. Dazu veröffentlicht der bff am 25.11.2021 ein umfangreiches Best-Practices-Handbuch sowie Erklärvideos zum Thema ,Hochgefährdete Frauen mit Beraterinnen aus der Praxis.

Leistung der Frauenbewegungen

Dass heute Strukturen und Netzwerke wie der bff bestehen, die die wichtige alltägliche Arbeit zur Gewaltprävention und Unterstützung gewaltbetroffener Frauen und Mädchen leisten, ist keine Selbstverständlichkeit. Bis Anfang der 1970er Jahre wurde über Gewalt gegen Frauen, die meist im privaten Umfeld ausgeübt wird, kaum öffentlich gesprochen.

Dies sollte sich mit den 1970er Jahren im Zusammenhang mit den Forderungen nach Selbstbestimmung über den eigenen Körper ändern – zentraler Motor hier: die Frauenbewegung. Durch Gespräche in Selbsthilfe- und Frauengruppen und politischen Initiativen stellten Frauen fest, wie verbreitet die (eigenen) Gewalterfahrungen waren. Ab Mitte der 1970er Jahre skandalisierte die Frauenbewgung diese Gewalt und begann, Hilfestrukturen aufzubauen. In Berlin eröffnete am 1. November 1976 die Berliner Frauenhaus-Initiativgruppe das erste Frauenhaus West-Deutschlands. In Hamburg gründete sich 1976 der Verein Frauen helfen Frauen e.V., der im folgenden Jahr das erste Hamburger Frauenhaus einrichtete.

Auch international waren es frauenpolitische Organisationen, die das Thema in die Öffentlichkeit rückten: 1981 wurde bei einem Treffen lateinamerikanischer und karibischer Feministinnen der 25. November zum Gedenktag der Opfer von Gewalt an Frauen ausgerufen, erst 1999 verankerten die Vereinten Nationen diesen offiziell.

In der Bundesrepublik etablierten sich die Walpurgisnacht-Demonstrationen als Protestform gegen Gewalt. Noch immer finden diese in vielen Städten unter dem Motto ‚Frauen, wir erobern uns die Nacht zurück‘ am 30. April statt. Beim ersten Nachtmarsch in Saarbrücken 1977 stand auf dem Schild einer Demonstrantin: „Nein heißt nein“. Erst 20 Jahre später wird Vergewaltigung in der Ehe strafbar und 2017 der Grundsatz ,Nein heißt nein‘ auch rechtlich verankert. An diese Geschichte von Protest und Unterstützung erinnert das Digitale Deutsche Frauenarchiv und zeigt: Hinter Errungenschaften wie Schutzeinrichtungen und Gesetzen gegen Gewalt an Frauen steckt eine kraftvolle feministische Bewegung.

Auf die politische Agenda

Völkerrechtlich hat sich Deutschland mit der Istanbul-Konvention verpflichtet, für ein Schutzsystem für Frauen zu sorgen. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages stellte noch im Mai 2019 fest, dass entsprechend der Istanbul-Konvention bundesweit mehr als 14.600 Schutzplätze – in derzeit rund 350 Frauenhäuser – fehlten. Bundesweit gibt es auch noch immer zu viele Orte und Regionen, an denen es keine spezialisierte Fachberatungsstelle gibt. Über Bundesprogramme soll bis 2024 der Aus-, Um- und Neubau von Frauenhäusern und Fachberatungsstellen gefördert werden. Finanziell unterstützt wird auch die Erprobung neuer Konzepte zum Schutz, Unterstützung und Prävention von Gewalt gegen Frauen und auch die Förderung der digitalen Ausstattung der Beratungsstellen.

Diese wichtigen Maßnahmen sind dringend nötig und begrüßenswert. Es braucht dennoch eine ganzheitliche politische Gesamtstrategie zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt – und ausreichend Geld im Unterstützungssystem. „Wir hoffen sehr, dass angesichts dieser erschreckenden Zahlen die Politik aufwacht und die Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt ganz nach oben auf die politische Agenda setzt“, resümiert Grieger für den bff. Hoffnungsvoll stimmt hier der Blick in den aktuellen Entwurf der neuen Regierungskoalition, der sich zu der vorbehaltlosen Umsetzung der Istanbul-Konvention bekennt.

Der Beitrag ist in Zusammenarbeit mit dem bff entstanden. Im bff, dem Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, sind rund 200 Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen zusammengeschlossen. Sie leisten in Deutschland den hauptsächlichen Anteil der ambulanten Beratung und Hilfestellung für weibliche Opfer von Gewalt.

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bietet Frauen unter der Nummer 08000 116 016 rund um die Uhr kostenlose und anonyme Beratung in 18 Sprachen an.

Ausgewählte Aufrufe der i.d.a.-Einrichtungen zum 25. November 2022, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen:

  • FrauenGenderBibliothek Saar lädt mit dem FrauenForum Saarbrücken zu Infoaktion (Gustav-Regler-Platz, ab 16 Uhr) und Film („Kairo 678 – Aufstand der Frauen“, Filmhaus Saarbrücken, 17.30 Uhr), mehr Infos
  • AddF Kassel ruft mit dem Kasseler Frauenbündnis zur Protestdemonstration auf (Kassel, Untere Königsstraße/Ecke Stern, ab 17.30 Uhr), mehr Infos
Stand: 25. November 2021

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