Plakat 10 Jahre Frauenhaus - Wir haben nichts zu verlieren außer unsere Angst
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Über Erstes Frauenhaus Berlin (1976-2001)

Am 1. November 1976 eröffnete die Berliner Frauenhaus-Initiativgruppe in einer Villa im Berliner Stadtteil Grunewald das erste Frauenhaus West-Deutschlands.
Themen

Im Ersten autonomen Frauenhaus Berlin fanden Frauen Zuflucht, die durch ihre Ehemänner oder Partner Gewalt erlitten hatten. Initiiert und konzipiert wurde es von Frauen, die aus der Neuen Frauenbewegung(en) kamen. Deutschlandweit folgten zahlreiche weitere Frauenhäuser.

Erstes autonomes Frauenhaus Berlin (1976–2001)

In ihrem Projektantrag zur Einrichtung eines Frauenhauses in Berlin schrieben die Mitglieder des Vereins zur Förderung des Schutzes misshandelter Frauen e.V. am 13. August 1976:

„Die generelle Benachteiligung der Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft findet ihren brutalsten Ausdruck in den demütigenden und lebensbedrohenden Mißhandlungen, denen sie in ihrem privaten Leben durch Männer ausgesetzt sind […] Nur ganz wenige Fälle dringen an die Öffentlichkeit, und nicht selten werden sie erst dann publik, wenn es zu spät ist – wenn die Frauen zu Tode geprügelt werden.“1

Gewalt gegen Frauen – ein Kernthema der Neuen Frauenbewegung

Gewalt gegen Frauen, vor allem die innerhalb der Familie, war zu Anfang der 1970er-Jahre kein Thema, über das öffentlich gesprochen wurde. Misshandelten und Hilfesuchenden wurde unterstellt, sie seien „unfähig, sich einen ‚normalen‘ Mann zu suchen, bzw. es sei ihr persönliches Pech.“2 Weder wurde die gegen Frauen gerichtete Gewalt in der Gesellschaft thematisiert, noch wurde sie als politisches Thema betrachtet. Und dass, obwohl Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten betroffen waren.

Innerhalb der Neuen Frauenbewegung(en) rückte die Gewalt gegen Frauen in den 1970er-Jahren in den Fokus. Durch Gespräche in Selbsthilfe- und Frauengruppen und politischen Initiativen stellten Frauen fest, wie verbreitet die (eigenen) Gewalterfahrungen waren. Sie begannen, sich systematisch mit ihren individuellen Erfahrungen auseinanderzusetzen – das Private wurde politisch. Ab Mitte der 1970er-Jahre befassten sich verschiedene, eigens zu dem Zweck gegründete Initiativen und Gruppen mit den Themen Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigung.

Im Jahr 1976 kamen etwa 1500 Frauen zu dem sogenannten Tribunal über Gewalt gegen Frauen in Brüssel zusammen.3 Hier berichteten Teilnehmerinnen aus zahlreichen Nationen über unterschiedliche Formen der Gewalt gegen Frauen und nutzten die Gelegenheit, sich zu vernetzen. Und sie konnten sich über das Frauenhaus Chiswick Women’s Aid in London informieren, das 1971 von Erin Pizzey gegründet worden war und das erste seiner Art weltweit war.

Das Tribunal lieferte entscheidende Impulse für die Frauenhausbewegung in Deutschland. Unter den frauenbewegten Frauen führte diese Debatte zu verschiedenen Aktionen und Reaktionen. Aktivistinnen und Frauen, die sich der Neuen Frauenbewegung zugehörig fühlten, richteten Frauennotrufe ein; sie eroberten sich auf Walpurgisnachtdemonstrationen laut, bunt und – teilweise militant – die Nacht zurück (die Tageszeit, während der Frauen sich vor allem im öffentlichen Raum besonders häufig von Männern bedroht fühlten) und leisteten Widerstand gegen die Sexualisierung und Pornografisierung von Frauenkörpern. Außerdem gründeten Frauen aus dem Umfeld der Neuen Frauenbewegung landesweit Frauenhaus-Initiativen, allen voran jene, aus denen schließlich auch das Berliner Frauenhaus hervorging.

Eine Antwort auf die Gewalt: Die Gründung des Ersten Autonomen Frauenhauses

Die Berliner Initiativgruppe, die ein Frauenhaus ins Leben rufen wollte, bestand aus Sozialwissenschaftlerinnen, Sozialarbeiterinnen, Erzieherinnen und Hausfrauen, die sich der Neuen Frauenbewegung zugehörig fühlten. Vorbild in ihrem Kampf für ein Frauenhaus in Berlin war das von Erin Pizzey gegründete Frauenhaus in London, mit der die Initiativgruppe in Kontakt stand.
Die Frauengruppe leistete zwei Jahre lang konzeptionelle und Öffentlichkeitsarbeit, in der sie auf die Gewalt aufmerksam machte, die Männer gegen Frauen ausübten.4 Um staatliche Gelder für ihr Vorhaben einzuwerben, vernetzten sie sich mit dem Arbeitskreis Emanzipation der FDP, der mit einer Anfrage an den Senat weitere Aufmerksamkeit für das Thema herstellte.5 Nach harter Arbeit und Verhandlungen mit dem Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit in Bonn und mit dem Berliner Senat konnte die Initiativgruppe erreichen, dass „das Berliner Frauenhaus für einen Zeitraum von über drei Jahren (1. November 1976 bis 31. Dezember 1979) mit jährlich rund 450.000 DM Personal- und Sachkosten als Modellprojekt finanziert wurde.“6 Als Empfänger dieser Zuwendung und als Trägerverein des Frauenhauses wurde im Spätsommer 1976 der Verein zur Förderung des Schutzes mißhandelter Frauen e.V. gegründet, der sich aus der Initiativgruppe, Bewohnerinnen des Frauenhauses, Vertreterinnen der Mitarbeiterinnen und Personen des öffentlichen Lebens zusammensetzte.7 Die Stadt stellte eine bisher vom Deutschen Roten Kreuz genutzte Villa im Grunewald zur Verfügung, wo das Frauenhaus schließlich eröffnet werden konnte.

Alltag im Frauenhaus

Trotz der Größe der Villa waren die Aufnahmekapazitäten begrenzt. Auf 660 Quadratmetern gab es insgesamt 13 Wohn- und Schlafräume mit je bis zu zehn Betten. Nach Eröffnung des Frauenhauses stieg die Anzahl der, teils mit ihren Kindern, hilfesuchenden Frauen stetig an. Zu Zeiten, in denen besonders viele Frauen Zuflucht suchten, lebten circa 15 Personen gemeinsam in einem 20 Quadratmeter großen Zimmer.8 Platz für Schränke blieb dabei nicht, weshalb die Bewohnerinnen teils monatelang aus dem Koffer leben mussten. Für die Kinder gab es einen Spielraum, einen Schularbeitsraum und einen Kindergarten.9 Viele der Frauen kamen tagsüber im gemeinsamen Tagesraum zusammen. Hier organisierten sie das Zusammenleben, leisteten tagsüber und auch nachts Telefondienst, diskutierten miteinander und betreuten die Kinder der berufstätigen Bewohnerinnen.10 Auch die Beratungen mussten in dem Tagesraum stattfinden, da den etwa 20 Mitarbeiterinnen des Frauenhauses selbst lediglich zwei Arbeitsräume zur Verfügung standen.11

Die Initiatorinnen des Frauenhauses hatten beschlossen, nach den Prinzipien der Selbstverwaltung zu arbeiten. Dementsprechend war es ihnen wichtig, dass es zwischen Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen ein gleichberechtigtes, hierarchiefreies Miteinander gab. Die Bewohnerinnen erledigten alle anfallenden Tätigkeiten selbst, vom Einkauf über das Kochen und Wäschewaschen bis hin zur Wohnraumpflege.12 Einmal in der Woche trafen sich alle Frauen zu einer Hausversammlung.13

Männern blieb der Zugang zum Frauenhaus verwehrt. Zwar durften Frauen ihre minderjährigen Söhne mit ins Frauenhaus nehmen und auch Handwerker arbeiteten hin und wieder im Haus – männliche Mitarbeiter oder Besucher waren jedoch nicht erlaubt. Durch diese Maßnahmen sollten sich diejenigen Frauen, denen Männer Gewalt angetan hatten, sicherer fühlen.14 Denn tatsächlich sahen sich sowohl die Bewohnerinnen und ihre Kinder als auch die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses ständiger Bedrohung durch verlassene Ehemänner und Partner ausgesetzt. Im Gegensatz zur gängigen Praxis von heute war damals die Adresse des Frauenhauses öffentlich bekannt, sie wurde sogar in der Zeitung erwähnt, sodass es nicht selten vorkam, dass gewalttätige Ehemänner auf das Gelände vordrangen und Frauen und Kinder bedrohten. Wiederholt kam es sogar zu Brandstiftungen.15 Auch die Nachbar*innen fühlten sich von den übergriffigen Männern bedroht, darüber hinaus beschwerten sie sich über den Lärm der spielenden Kinder, was zu häufigen Konflikten zwischen den Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen des Frauenhauses mit der Nachbarschaft führte.

Neben der Moderation bei Streitigkeiten mit den Nachbarn sowie bei Konflikten der Bewohnerinnen untereinander war auch die politische Lobbyarbeit ein wichtiger Aspekt während der zweieinhalb Jahrzehnte des Bestehens. Zudem mussten Projektgelder immer wieder neu beantragt werden. Häufig war ungewiss, ob ausreichend Geld vorhanden sein würde, um effizient weiterzuarbeiten. Auch mit Mieterhöhungen16 hatte das Projekt zu kämpfen, wogegen sich Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen lautstark und kreativ auf Demonstrationen wehrten, etwa indem sie selbstverfasste Lieder sangen, die auf die prekäre Lage des Frauenhauses aufmerksam machten.

Auflösung des Frauenhauses und Vermächtnis

Im Jahr 2000 schloss das Erste Autonome Frauenhaus Berlin seine Türen für immer, der verantwortliche Trägerverein löste sich zum 31. Dezember 2000 auf. Die Gründe dafür sieht eine ehemalige Mitarbeiterin unter anderem in Generationenkonflikten sowie in unterschiedlichen Vorstellungen der Mitarbeiterinnen.17 Daneben waren die Frauen laut der Protokolle der Mitgliederversammlung des Trägervereins überfordert von dem Prinzip der Selbstorganisation.18 Auch seien „keine konstruktiven Lösungswege für das Frauenhaus für die nächsten Jahre entwickelt worden.“19 Darüber hinaus war das Haus mittlerweile stark renovierungsbedürftig20 und die Senatsverwaltung drängte darauf, den Mietvertrag nicht mehr zu verlängern.21

Schon lange vor der Schließung des Ersten autonomen Frauenhauses Berlin hatten sich überall in Deutschland zahlreiche weitere Frauenhäuser etabliert. Heute gibt es deutschlandweit etwa 350 Frauenhäuser, die misshandelten Frauen Zuflucht bieten.22 Wie schon die Initiatorinnen des Ersten Frauenhauses kämpfen auch die heutigen Betreiberinnen mit Problemen wie Überfüllung, der Bedrohung durch (Ex-)Partner der Frauen, Personalmangel und chronischer Unterfinanzierung. Auch wenn das Gewaltschutzgesetz von 2002, laut dem ein Gewalttäter die gemeinsame Wohnung verlassen muss, den Frauenhäusern eine gewisse Entlastung brachte, ist die Nachfrage nach diesen Einrichtungen dennoch ungebrochen. Laut einer Statistik des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2014 hat jede vierte Frau in Deutschland im Alter von 16 bis 85 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt durch einen Beziehungspartner erlebt.23

Stand: 25. Oktober 2018
Verfasst von
Lena Kühn

geboren 1988, hat in Tübingen Empirische Kulturwissenschaft studiert und unter anderem zu den neuen sozialen Bewegungen in den 1970er- und 1980er-Jahren und zu Aktionsformen der Neuen Frauenbewegung geforscht. 2017 war sie Projektmitarbeiterin beim DDF-Digitalisierungsprojekt im FFBIZ – das feministische Archiv.

Empfohlene Zitierweise
Lena Kühn (2019): Erstes Frauenhaus Berlin (1976-2001), in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/erstes-frauenhaus-berlin-1976-2001
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Fußnoten

  • 1. FFBIZ: A Rep 400 Berlin 20.22.5 – 1,1.
  • 2. Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit (Hg.): Hilfen für mißhandelte Frauen. Abschlußbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Modellprojekts Frauenhaus Berlin, Stuttgart 1981, S. 20.
  • 3. Frauenmediaturm (ohne Autorin): 1976, Zugriff am 6.10.2017 unter www.frauenmediaturm.de/themen-portraets/chronik-der-neuen-frauenbewegung/1976/.
  • 4. Haffner, Sarah (Hg.): Frauenhäuser. Gewalt in der Ehe und was Frauen dagegen tun, Berlin 1976, S.142.
  • 5. Ebenda, S. 144 f.
  • 6. Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit: Hilfen für mißhandelte Frauen, S.14 f.
  • 7. Ebenda, S. 15.
  • 8. Ebenda, S.198.
  • 9. Ebenda, S 199.
  • 10. Ebenda, S. 199.
  • 11. Ebenda, S. 200.
  • 12. Frauen gegen Männergewalt: Berliner Frauenhaus für mißhandelte Frauen. Erster Erfahrungsbericht, Berlin 1978, S. 20.
  • 13. FFBIZ: A Rep. 400 Berlin 20.22.5 – 32,222.
  • 14. Frauen gegen Männergewalt: Berliner Frauenhaus für mißhandelte Frauen, S.28.
  • 15. Ebenda, S. 200.
  • 16. FFBIZ: A400Be20_22_5-033-225-0078.
  • 17. Nolte, Barbara, 16.11.2016: Schutz vor häuslicher Gewalt. Festung der Ehefrauen, Zugriff am 04.03.2019 unter www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/schutz-vor-haeuslicher-gewalt-festung-der-ehefrauen/14832904.html.
  • 18. FFBIZ: A400Be20_22_5-002_008_0009.
  • 19. FFBIZ: A400Be20_22_5-002_008_0004.
  • 20. FFBIZ: A400Be20_22_5-002_008_0010.
  • 21. FFBIZ: A400Be20_22_5-002_008_0014.
  • 22. Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser: Gewalt gegen Frauen. Zugriff am 6.10.2017 unter http://www.autonome-frauenhaeuser-zif.de/de/content/autonome-frauenhäuser.
  • 23. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen. Eine sekundäranalytische Auswertung zur Differenzierung von Schweregraden, Mustern, Risikofaktoren und Unterstützung nach erlebter Gewalt, Berlin 2014, S.6. Zugriff am 6.10.2017 unter https://www.bmfsfj.de/blob/93970/957833aefeaf612d9806caf1d147416b/gewalt-paarbeziehungen-data.pdf.
Ausgewählte Publikationen
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen. Eine sekundäranalytische Auswertung zur Differenzierung von Schweregraden, Mustern, Risikofaktoren und Unterstützung nach erlebter Gewalt. Enddokumentation November 2008. Berlin 2014, S. 6. Zugriff am 6.10.2017.
Frauen gegen Männergewalt: Berliner Frauenhaus für misshandelte Frauen. Erster Erfahrungsbericht, Berlin 1978.
Haffner, Sarah (Hg.): Frauenhäuser. Gewalt in der Ehe und was Frauen dagegen tun, Berlin 1976.
Nolte, Barbara, 16.11.2016: Schutz vor häuslicher Gewalt. Festung der Ehefrauen, Zugriff am 29.8.2017.
Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser: Gewalt gegen Frauen, Zugriff am 6.10.2017.
Schwarzer, Alice: Ein Tag im Haus für geschlagene Frauen, in: Emma, März, 1977, S. 6-12., Zugriff am 29.08.2017.