„Das Unmögliche gut machen“

Gleichberechtigung schien für Katrin Wolf, Tochter des Schriftstellerpaares Christa und Gerhard Wolf, selbstverständlich. Warum sie im Umbruch – als Persönliche Referentin der Gleichstellungsbeauftragten der letzten DDR-Regierung – zur Feministin wurde, erklärt sie im DDF-Interview.
Katrin Wolf auf der Konferenz von filia. die frauenstiftung in Kiew 2017
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filia. die frauenstiftung
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Gleichberechtigung wurde eines deiner bestimmenden Themen. Wie hast du diese in der DDR erlebt? 

In der DDR galt das Bild der Frau: absolut berufstätig, absolut selbstständig, niemals abhängig von einem Mann. Kinderbetreuung? Überhaupt keine Frage. Außerdem sollte sie auch gesellschaftlich aktiv sein, natürlich in der SED, was ich nicht geliefert habe. Ich hatte aber wirklich das Gefühl, dass wir Frauen nicht sehr diskriminiert waren. Eine Mutter zu haben, die eine berühmte Schriftstellerin werden konnte, auch wenn sie sich mit der Partei gekracht hat. Ein Vater, der sie dabei unterstützt. Ein Land, das dich spüren lässt, dass deine Kinder gewollt sind. Und es gab eine hohe Scheidungsrate, vor allem Frauen ließen sich scheiden, weil sie eben unabhängig waren. Sie hatten die Wahl, sich von dem Mann jederzeit zu verabschieden, ohne dass ihr Leben schlechter wurde. Alleinerziehend zu sein, war kein ,Makel‘, wie ich es später im Westen gesehen habe. Emanzipation hat es wirklich gegeben. Aber es war kein Frauenparadies, die DDR war für niemanden ein Paradies. Meine These ist, dass auch die Männer der DDR anders waren, sie schoben die Kinderwagen, holten die Kinder ab – das war kein Thema jedenfalls in der Welt, in Berlin, wo ich gelebt habe. Im Umland war es vielleicht anders. Aber es gab zumindest die gesetzlichen Reglungen und ein entsprechendes gesellschaftliches Klima. 1949 stand in der ersten Verfassung der DDR der schöne Satz: „Alles, was an Gesetzen gegen die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau steht, ist hiermit ersatzlos gestrichen und wird außer Kraft gesetzt." Ist das nicht ein doller Satz? Das hat sich ausgewirkt, auch wenn es nicht die völlige Gleichberechtigung gegeben hat und Teil der sozialistischen Ideologie war.

Wie wurde das in deinem Elternhaus gelebt?

Ich hatte eine sehr starke Mutter und ich habe eine Schwester. Es war ein Frauenhaus mit einem unterstützenden Mann. Ich habe einen Vater, der sehr untypisch ist. Einen Vater, der immer gekocht hat, uns immer behütet hat, das kenne ich überhaupt nicht anders. Mir wurde nie gesagt, weil du ein Mädchen bist, kannst du das nicht. Im Gegenteil. Ich habe das Vorbild einer Mutter, die ihren Weg gegangen ist und wahnsinnige, auch innere Kämpfe mit der Politik der DDR ausgekämpft hat. Ich habe auch gesehen, was sie für einen Preis bezahlt hat.

Katrin Wolf studierte in der DDR Theaterregie. Hier sitzt sie mit einem Mitstudierenden bei einer Probe, dahinter Regie-Mentor Conrad Zschiedrich, 1977.
Vera Tenschert
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Katrin Wolf studierte in der DDR Theaterregie. Hier sitzt sie mit einem Mitstudierenden bei einer Probe, dahinter Regie-Mentor Conrad Zschiedrich, 1977.

Du bist in einem politisch bewegten Haushalt aufgewachsen. Hattest du selbst Berührungspunkte mit der DDR-Frauenbewegung oder -politik? 

Ich war seit der Gründung 1981 im Pankower Friedenkreis. Dort waren sehr viele starke Frauen aktiv, auch Marina Beyer, mit der ich später zusammenarbeitete. Als sie merkten, dass Männer gern länger und immer ganz grundsätzlich redeten, gab es eine Regel: Wir redeten abwechselnd, Mann, Frau, Mann, Frau. Das hat ziemlich gut funktioniert. Christlich oder nicht, Männer und Frauen, das war hier sehr gemischt. Wir hatten viel mehr die Idee des Miteinanders als des Gegeneinanders. Wir hatten ja einen gemeinsamen Feind: den indoktrinierenden Staat mit seinen Organen. Frauengruppen traf man auf den Friedenswerkstätten in Rummelsburg. 1989 habe ich die Untergruppe Neues Forum Mitte mit ins Leben gerufen. Initiatorin für das ganze Land war mit anderen zusammen Bärbel Bohley, wieder eine starke Frau. Bei der Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes in der Volksbühne war ich auch dabei. Frag nicht, wie ich dahin geraten bin, denn ich war bisher in keiner Frauengruppe. Es war aber einfach cool, sehr lebendig, viele Kinder, ein ganz bunter Haufen von Frauen. Der UFV spielte eine wichtige politische Rolle. Er forderte ein Frauenministerium und eine Abteilung Gleichstellung.

Drei Generationen von Frauen bei einem Familienfest 1998: Christa Wolf, Helene Wolf und Tinka Wolf (v.l.n.r.).
privat
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Drei Generationen von Frauen bei einem Familienfest 1998: Christa Wolf, Helene Wolf und Tinka Wolf (v.l.n.r.).

Nach der Volkskammerwahl im März 1990 wurde der Einigungsprozess beschleunigt – auch auf Druck der westdeutschen Regierung unter Helmut Kohl.  Die Übergangsregierung von Lothar de Maizière installierte neue Ministerien und Strukturen. Was bedeutete dies frauenpolitisch?  

Der UFV und Frauen aus anderen Gruppen wurde personell weitgehend übergangen. Die Leitung des neu errichteten Ministeriums für Familie und Frauen erhielt die Ost-CDU-Abgeordnete Christa Schmidt, ehemalige Kindergärtnerin aus Thüringen. Und die Biologin Dr. Marina Beyer – wie ich war sie parteilos – wurde von der Ost-SPD gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, Gleichstellungsbeauftragte der Regierung im Range einer Staatssekretärin zu werden, direkt angesiedelt bei Lothar de Maizière. Sie hat erstmal Ja gesagt, wollte sich das aber noch überlegen. In diesem Gespräch saß auch die SPD-Frau Eva Kunz, die später in Brandenburg im Frauenministerium arbeitete. Mehrere Männer meinten zu Marina: „Überlegen Sie sich das gut. Schaffen Sie das denn? Sie haben vier Kinder.“ Da sagte Kunz: „Das ist eine Unverschämtheit. Hier sitzen so viele Männer, die zwei, drei, vier Kinder zu Hause haben. Noch nicht ein einziges Mal ist ein Mann gefragt worden, ob er sich zutraut, Minister zu werden.“ Ruhe – das war’s. Die haben nicht mehr aufbegehrt.

Du wurdest schließlich Persönliche Referentin der Gleichstellungsbeauftragten. Wie kam es dazu?  

Marina hat mich angerufen und gefragt, ob ich mitmache. „Wie viel Zeit habe ich, mir das zu überlegen?“ „Eine Nacht, morgen müssen wir uns entscheiden!“ Das Wort Gleichstellung kannten wir gar nicht. Ich assoziierte mit dem Wort Gleichschaltung. Bei uns hieß es Gleichberechtigung. Wir hatten immer dieses Recht. Vor Antritt der Stelle, sprach ich mit meinem Mann Martin. Er war über die Liste des Neuen Forums als Stadtbezirksabgeordneter gewählt worden und hätte wohl Kulturstadtrat von Berlin-Mitte werden können. Ein Ehrenamt, er war gewählt worden und hätte also anfangen können. Wir haben gemeinsam überlegt und uns letztendlich für meine Stelle entschieden, er ist zurückgetreten. Beide Vollzeit-Jobs wären so nicht möglich gewesen, denn wir hatten zwei kleine Kinder. So wurde ich die Persönliche Referentin der Gleichstellungsbeauftragten der Regierung des Ministerrats der DDR. Wir konnten noch fünf Stellen besetzen. Das war das Allererste, was zu tun war. Unser Büro war in der Rathausstraße 3, im Gebäude des ehemaligen Ministeriums für Gesundheit. Diese Räume hätte man Menschen aus dem Westen nicht zugemutet. Marina und ich haben uns erst einmal Wischeimer und -lappen besorgt und den schlimmsten Dreck aus dem Zimmer geputzt, in dem die Staatssekretärin amtieren sollte. 

Von heute auf morgen musstet ihr beginnen. Was waren eure zentralen Aufgaben und Themen? 

Montags fanden immer die Staatssekretärsrunden statt, an denen Marina Beyer teilnehmen musste. Außerdem gab es Arbeitskreise, zum Beispiel zu Familienrecht, in dem ich war. Am Freitag bekamen wir immer große Stapel von Gesetzesvorlagen, die wir über das Wochenende mit Blick auf Gleichstellung als Querschnittsaufgabe lesen sollten. Das konnten wir auf die Schnelle in keiner Weise leisten. Trotzdem haben wir immer gefragt: Welche Themen könnten relevant sein? Das Oberthema war Arbeitslosigkeit. Die Ingenieurin wurde nicht mehr als solche beachtet und gebraucht. Die ganze Qualifikation ging den Bach runter und die Wirtschaft gen Westen. Weitere große Themen waren der §218, Familiengesetze und die Kinderbetreuung. Was uns außerdem umgetrieben hat, war das Thema Ehegattensplitting. In der DDR wäre so etwas absurd gewesen. Aber im Westen gab es das. Dieses Wort mussten wir erst einmal lernen – und dass es ein Instrument zur Frauenunterdrückung und Fernhalten vom Arbeitsmarkt ist. Wir hatten auch einen Staatssekretär aus dem Westen, der uns beraten sollte. Das war ein absoluter Zyniker. Als wir das Thema Ehegattensplitting mit ihm besprachen und sagten, dass wir das abschaffen wollen, hat er uns nur angegrinst. Wir wussten auch nicht, wie lange wir arbeiten können. Es hätte ja sein können, dass wir ein paar Jahre Zeit gehabt hätten, um etwas Neues aufzubauen. Aber dann hieß es, dass der 3. Oktober der Tag der Vereinigung sein soll. Damit hatten wir nur ein halbes Jahr: Die Gestaltungsmöglichkeiten waren fast Null. Ich glaube, es war strukturell darauf angelegt, eine Übernahme zu organisieren. Anders kann ich es mir nicht erklären. Es war eine der wildesten Zeiten in meinem Leben. Über die Absurdität haben wir gebrüllt vor Lachen, und über das, was wir nicht erreichen konnten, haben wir geweint. Wir haben selten so viel gelacht und geweint. Ich denke heute, dass wir alle hätten sagen müssen: Stopp! Das ist eine Farce. Aber wir wollten es gut machen, das Unmögliche gut machen. Das ist eine Falle, in die Frauen oft geraten.

Dennoch habt ihr Frauenpolitik erfolgreich mitgestaltet. 

Wir haben die Gleichstellungsbeauftragten in den ostdeutschen Gemeinden installiert. Das hätte sonst wahrscheinlich keine Beachtung gefunden. Es gab im Westen schon das Kommunalgesetz, welches dort ab knapp 40.000 Menschen eine Gleichstellungsbeauftragte vorschrieb. Alle Kommunen hätten das umsetzen müssen, haben sie natürlich nicht. Dann haben wir sozusagen Schildbürgerinnen gespielt und eine Kollegin hat alle Bürgermeister abtelefoniert, um die Gleichstellungsbeauftragten zu sprechen. Die meisten hatten keine. „Vielleicht rufen Sie nächste Woche nochmal an!", hieß es. Als wir erneut anriefen, hatten sie eine. Es gab super tolle Frauen, die damals Gleichstellungsbeauftragte wurden, und die haben wir dann auch zusammengeholt. Bundesweit und landesweit haben wir gemeinsam überlegt, was jetzt passieren muss. Mit dem UFV gab es auch eine große Postkartenaktion gegen §218. Bis zu 120.000 Postkarten kamen zu uns ins Ministerium. Die wurden an Leinen auf dem Alexanderplatz in mehreren Spiralen hochgehalten. Es gab viele Briefe, in denen Frauen genau geschildert haben, was sie zum Thema Abtreibung erlebt haben. Ich würde sagen, im Umbruch bin ich zur Feministin geworden.

Ein wichtiges Dokument aus dieser Zeit ist auch der Frauenreport ‘90. 

Marina Beyer kam jedes Mal sehr verzweifelt aus den Staatssekretärsrunden. Wir konnten nicht von Null wissen, was jetzt die richtigen gleichstellungspolitischen Instrumente waren. Marina sagte als Wissenschaftlerin: „Wir müssen ein Wissenschaftsinstitut beauftragen, das sich die Situation der Frauen in der DDR anschaut, sonst ist das alles weg.“ Die Ergebnisse erschienen im Frauenreport. Allerdings wurde dieser erst Ende 1990 fertig. Die Exemplare wurden ins Ministerium geliefert und standen erstmal im Flur. Zu dieser Zeit wurden die Büroräume bereits für die Übergabe an die künftigen Mitarbeitenden vorbereitet. Da hieß es: „Wenn dieser Frauenreport heute Abend noch hier ist, dann stampfen wir den ein.“ Ich dachte nur: „Das ist wieder DDR.“ Ich rief meinen Mann an und wir haben alle Exemplare in unseren Wartburg geladen.

OWEN-Gründung 1991
Tille Ganz
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Bereits 1992 wurde das Netzwerk OWEN, u.a. von Ute Gölitzer, Marina Beyer (heute Grasse) und Katrin Wolf (v.l.n.r.) gegründet.

Wie ging es für Marina Beyer und dich nach dem 3. Oktober 1990 weiter? 

Für uns war klar: Wir wollten da keine Karriere machen, wir wollen da nur noch raus. Zu sehen, was mit denen passiert, die sich jetzt anbiedern müssen, das war ganz schrecklich. Aber in großem Maßstab ist das natürlich überall so gelaufen. Die einen haben das Sagen und setzen die Standards, allein wie man sich zu kleiden hat, zum Beispiel Kostüme! Wir hatten gar keine Kostüme. Diese Zeit war schlimm und dann waren wir arbeitslos. Das war das erste Mal in meinem Leben. Wir wollten beide nicht in unsere alten Berufe zurück und haben überlegt, was jetzt die Themen sind. Das Frauenthema, die Diskriminierung, dieses Gefälle und was Frauen für eine patriarchale Arroganz entgegenschlägt, hatte uns inzwischen ergriffen. Das hatten wir ja am eigenen Körper erlebt. Ich habe das vorher nicht gekannt, sich hilflos einer Front gegenüber zu fühlen, an der alles abperlt. Es war völlig klar, will der Mann keine Gleichstellung, kanzelt er die Frau als naiv und unwissend ab.

Gab es im Neuaufbau Solidarität unter den Frauen? 

In Brandenburg wurde Regine Hildebrandt Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen. Sie hat uns vorgeschlagen, zusammen das Frauenministerium in Brandenburg strukturell mitaufzubauen. Es war klar, dass wir dort auch hätten arbeiten können, Marina und ich. Die anderen sind anderswo untergeschlüpft, teils in ihre Berufe zurück. Wir haben uns dann regelmäßig montags früh um 7 Uhr bei Regine Hildebrandt in der Wohnung getroffen. Dort haben wir uns besprochen und überlegt, wie man Strukturen gestalten und welche Abteilungen es in so einem Frauenministerium geben muss. Sie ist dann mit ihrem Dienstwagen losgefahren und wir sind mit der S-Bahn nach Potsdam. Wir mussten auch nach Bonn und uns da beraten lassen. Allerdings haben wir uns dann gegen eine feste Mitarbeit im Ministerium entschieden. Regine Hildebrand war wirklich eine sehr beeindruckende Person. Sie hat sich mit ihrem ganzen Wesen reingeworfen und natürlich auch die Arbeitslosigkeit als großes Problem erkannt. Ingrid Kurz-Scherf von der SPD wurde ihre Staatssekretärin und spielt eine wichtige Rolle. Sie war die erste Westfrau, die sah, was passierte, wie ostdeutsche Frauen arbeitslos wurden. Sie begegnete den Ostfrauen mit großer Wertschätzung und sagte uns, dass sie im Osten eine Art Kompetenz und Selbstständigkeit bei den Frauen erlebt, die sie vom Westen so nicht kennt. Sie hat das nicht als Versagen der Frauen gewertet, sondern wusste, dass es ein strukturelles Problem ist. Sie erklärte uns, dass ein Verein ein demokratisches Gestaltungsmittel ist und schlug vor, eine Frauenwoche zu veranstalten. Wir hielten das für eine gute Idee und gründeten deshalb den Verein Brandenburgische Frauen. 

Katrin Wolf (grüne Jacke), Leiterin des filia-Kooperationsprojektes „Zivilgesellschaft braucht sichere Räume zum Wachsen“, im Gespräch mit Aktivistinnen* aus Armenien, Ukraine, Georgien und Deutschland über den Umbruch 1989, Berlin 2019.
filia-Archiv
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Katrin Wolf (grüne Jacke), Leiterin des filia-Kooperationsprojektes „Zivilgesellschaft braucht sichere Räume zum Wachsen“, im Gespräch mit Aktivistinnen* aus Armenien, Ukraine, Georgien und Deutschland über den Umbruch 1989, Berlin 2019.

Auf welche Erfahrungen konntet Ihr zurückgreifen? 

Wir haben überlegt, wie wir an die Frauen herankommen. Die vielen Veranstaltungen sollten die Frauen aufrütteln und aktivieren. Die Gleichstellungsbeauftragten hatten ja mit großen Problemen zu kämpfen. Einerseits mit Geldmangel, andererseits hatte die Erfahrung der Übergangsregierung gezeigt: Da es in der DDR keine Frauenbewegung gab, hatten wir jetzt auch keine Frauenbewegung, die unsere Arbeit gestützt hat. Also musste eine Bewegung entstehen. Es gab ja keine Zivilgesellschaft. Die sollte sich ja in der DDR nicht organisieren. Dennoch entstand schließlich die Brandenburger Frauenwoche, die inzwischen eine Institution ist.

Du sagst, im Umbruch bist du zur Feministin geworden.

In dieser Übergangsregierung habe ich verstanden, was strukturelle Diskriminierung bedeutet. Wie die unliebsamen Strukturen und sozialen Errungenschaften ,des Ostens‘ weggewischt und die frauenfeindlichen Gesetze und Strukturen vom ,Westen‘ – dort auch bereits oft kritisch gesehenen –  übernommen werden mussten. Das hat Wut und Bewusstsein erzeugt. Feminismus ist für mich eine analytische und gesellschaftskritische Sicht auf die Welt. Die feministische Perspektive hilft mir zu differenzieren, Macht- und Ohnmachtsstrukturen zu erkennen. Feminismus bedeutet für mich Selbstermächtigung. Bedeutet alle zu sehen, auch die, die in kein herkömmliches Schema von Geschlecht passen. Aber es ist keine Ideologie, sondern ein offener Raum, ein Angebot zum Platz nehmen, sich bewegen, sich begegnen – und zu verändern. Leider haben auch wir Frauen in Ost und West damals keinen wirklichen Dialog hinbekommen. Enttäuschungen und Vorurteile überwogen, unsere Lebensentwürfe und Möglichkeiten waren zu unterschiedlich. Da kommt bei mir Trauer auf, gerade jetzt im 30. Jahr der Uneinigkeit. Gleichzeitig erlebe ich, wie viel differenzierter auf ,den Osten‘ und die Menschen, die dort aufgewachsen sind, geschaut wird. Alles braucht seine Zeit.

OWEN Akteurinnen spannen ein Netz
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Netzwerkbildung ist für Katrin Wolf (gestreifter Pullover) in ihrer Arbeit wichtig. Hier 2007 mit israelischen, palästinensischen und deutschen Aktivistinnen* während einer Schreibwerkstatt für das Buch Between the Lines.

1992, noch im Umbruch, habt ihr OWEN gegründet, um euch europäisch feministisch zu vernetzen.

Wir haben uns gefragt: Wie wird es denn den Frauen in Osteuropa gehen? Die werden noch viel mehr indoktriniert werden. Die Idee zum ost-west-europäischen FrauenNetzwerk (OWEN) war geboren. Marina schrieb auf drei Seiten das Konzept, auf dem Teppich sitzend in unserer Wohnung haben wir gemeinsam mit Ute Gölitzer Ideen entwickelt, Ute hat dann das Management übernommen Etwa zur gleichen Zeit hatten grüne Westberliner Frauen ebenfalls ein Konzept verfasst, das hieß fast genauso: Ost-West Frauennetzwerk. Sie sind gleich ganz groß rangegangen, wollten ein Haus und viele Computer. Wir hatten es vollkommen anders aufgezogen und wollten erstmal Begegnung unter den Frauen, denn die Menschen in Osteuropa hatten keine Computer. Am Ende bekamen wir den Zuschlag. Die erste große Konferenz war 1992, dafür haben wir das erste Geld bekommen. Zu dieser Veranstaltung kamen Frauen und Aktivistinnen aus insgesamt 21 Ländern. Die Organisation habe ich mit meinem eigenen Faxgerät durchgeführt. Aus Albanien kam zum Beispiel nachts um vier Uhr ein Fax: „Ich komme!“ Das werde ich nie vergessen.

Katrin Wolf, Jahrgang 1956, in Ost-Berlin geboren, Tochter des Schriftstellerpaares Christa und Gerhard Wolf, studierte Theaterregie und arbeitete als Regisseurin und Rezensentin. 1990 war sie in der Übergangsregierung der DDR als Persönliche Referentin der Gleichstellungsbeauftragten tätig. 1992 gründete sie das Ost-West-Europäische Frauen-Netzwerks OWEN e.V. mit, wo sie bis 2003 arbeitete und Trainings leitete. OWEN unterstützte Frauen in Osteuropa, eigene Strukturen aufzubauen und von Erfahrungen und Methoden des Westens (bis USA) und des Südens (bis Ghana) zu profitieren. Von 1998 bis2008 arbeitete sie parallel als Trainerin (u.a. in Russland, Tschetschenien und der Ukraine) und Ausbilderin für Konfliktbearbeitung und Transkulturelles Lernen, gründete den A.T.C.C.-Verband mit  und engagierte sich für den deutsch-israelischen Frauendialog (1998 bis 2007). 2003 bis 2006 koordinierte sie den Aufbau von DARE-network, einem europäischen Bildungsnetzwerk  für Menschenrechtsbildung. 2007 zog sie nach Hamburg, um bei filia.die frauenstiftung als stellvertretende Geschäftsführerin, verantwortlich u.a. für die Öffentlichkeitsarbeit der weltweit tätigen Frauenstiftung zu arbeiten. Katrin lebt mit dem Grafiker Martin Hoffmann zusammen, sie haben 2 Kinder und inzwischen 3 Enkel.

Stand: 21. September 2020
Verfasst von
Birgit Kiupel in Kooperation mit Jessica Bock und Steff Urgast

Mitarbeiter*innen im DDF.

Empfohlene Zitierweise
Birgit Kiupel in Kooperation mit Jessica Bock und Steff Urgast (2020): „Das Unmögliche gut machen“, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/30-jahre-geteilter-feminismus/das-unmoegliche-gut-machen
Zuletzt besucht am: 20.10.2020