Donna Wetter
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Auszug aus der Donna Wetter, FrauenGenderBibliothek Saar
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Lila Distel und Donna Wetter – zwei regionale Frauenzeitungen

geschrieben von: Silvia Buss
veröffentlicht 13. September 2018
In Saarbrücken gab es 17 Jahre lang eine feministische Frauenzeitung. Genauer: Es gab sogar zwei. Sie folgten aufeinander und spiegelten den Wandel der Frauenbewegung von den 1970er- bis in die 1990er-Jahre: die Lila Distel (1979–1984) und die Donna Wetter (1984–1997).

In den 1970er-Jahren, in der Aufschwungphase der zweiten Frauenbewegung, entwickelte sich auch eine feministische Presselandschaft. Nachdem mit der Berliner Courage (ab 1976) und der Kölner EMMA (ab 1977) Mitte der 1970er-Jahre zwei feministische Frauenzeitungen mit bundesweiter Reichweite auf den Markt kamen, gründeten sich in vielen weiteren, zumeist universitären, Großstädten auch kleinere autonome Frauenzeitungen mit regionaler Verankerung und Leserinnenschaft. So auch in Saarbrücken. In der Saarländischen Landeshauptstadt entstanden zwei ehrenamtlich betriebene feministische Frauenzeitungen, die einander ablösten und zwei verschiedene Phasen der Frauenbewegung spiegeln.

Lila Distel: Aus einer Selbsterfahrungsgruppe wird ein Zeitungsprojekt

Die erste Zeitschrift war die im Frühjahr 1979 gegründete Lila Distel. Ihre Initiatorinnen waren frauenbewegte Studentinnen. „Wir kamen in unserer Selbsterfahrungsgruppe nicht weiter, wir waren zu verschieden. Ich hatte das Gefühl, wir brauchen ein [gemeinsames] Projekt. So haben wir die Frauenzeitung begonnen“, beschrieb es später eine der Initiatorinnen.1

Die Distel-Frauen wollten mit der Zeitung eine Gegenöffentlichkeit schaffen, „weil die Probleme, die uns durch die Situation als Frauen in dieser Gesellschaft entstehen, von den hiesigen Medien nicht genügend beachtet werden“, wie es in einem Selbstdarstellungsflugblatt hieß.2 Darüber hinaus blieb auch die Selbsterfahrung in einer Gruppe ein wichtiges Motiv für das Zeitungmachen: „Das Gefühl der gemeinsamen Betroffenheit, sowie das Formulieren und Schreiben über das, was uns bewegt, kann ein großer Schritt zum Aufbrechen unserer Situation sein.“3 Damit verbunden war die Erwartung, die individuelle und kollektive Situation als Frauen in der Gesellschaft verändern zu können, was somit auch eine politische Dimension darstellte. „Politisch“, so eine der Distel-Frauen, „kamen wir von extrem links“.4

Zu den Redaktionssitzungen kam die Gruppe wöchentlich zusammen, zuerst im Frauenreferat des AStA an der Universität, dann im autonomen Frauenladen. Diese Orte waren die beiden Hotspots der Saarbrücker autonomen Frauenbewegung und ihrer Gruppen. Das Spektrum reichte von Selbsterfahrungs- und Selbstuntersuchungsgruppen, über Notruf- und Beratungsgruppen zum § 218 bis hin zum Arbeitskreis gegen Frauenarbeitslosigkeit. Hier fand die Zeitungsgruppe ihre weiteren Mitstreiterinnen wie auch ihre Themen. Zwischen acht und zehn Frauen zählten über die Jahre zum relativ stabilen harten Kern der Zeitungsgruppe, 10 bis 15 freie Mitarbeiterinnen lieferten ihnen mehr oder weniger regelmäßig Beiträge.5

Überschriften und Illustrationen mit Filzstift von Hand gemalt

Die erste Ausgabe der Lila Distel, die im Mai 1979 herauskam, enthielt eine bunte Mischung aus Aufrufen zu Demonstrationen, Demo-Nachberichten, Selbstdarstellungen von Gruppen im Wechsel mit selbst verfassten Gedichten und Erlebnisberichten, die Diskriminierungserfahrungen der Autorinnen schilderten. Hinzu kamen Buch-Rezensionen und Informationen über Veranstaltungen der Frauenszene.
Optisch wirkten die ersten Ausgaben noch sehr bescheiden: Die Texte auf unterschiedlichen Schreibmaschinen getippt, die Überschriften und Illustrationen mit Filzstift von Hand gemalt, erinnerten die zwischen 24 und 40 zusammengehefteten Din-A4-Seiten an Flugblätter, wie sie zu jener Zeit häufig waren. Wie man eine Zeitung macht, darin hatte keine der Distel-Frauen bisher Erfahrung, doch war dies für sie kein Hinderungsgrund: Sie lernten es nun durch learning by doing. Da der Aufwand größer war, als zuerst geahnt, entschloss sich die Redaktion nach der zweiten Nummer, nicht mehr monatlich, sondern zweimonatlich zu publizieren. Außerdem sollte sich jede Ausgabe einem Schwerpunktthema widmen. ‚Gewalt gegen Frauen‘, ‚Beziehungen‘, ‚Kinder‘, ‚Politik‘, ‚von der Lust und dem Frust, Frau zu sein‘, ‚Frauen in Mittelamerika‘, hießen einige der Schwerpunktthemen, die die Distel-Frauen beleuchteten: subjektiv, aus eigener Betroffenheit, weil sie bundesweit gerade von Feministinnen diskutiert wurden oder weil sich eine der vielen Saarbrücker Frauengruppen thematisch damit beschäftigte. Einige dieser Themen wurden mehrfach wieder aufgegriffen. So befasste sich die Lila Distel 1979 über mehrere Nummern hinweg mit der Konzeption und der Arbeitsweise von Frauenhäusern für vergewaltigte und misshandelte Frauen. Der konkrete Anlass dafür: Eine Gruppe der Frauenbewegung scheiterte mit ihren Plänen, eine autonomes Frauenhaus zu eröffnen, weil die Stadt einer Wohlfahrtsorganisation den Vorzug gab.6 Die Lila Distel ließ die Frauenhausgruppe zu ihren Plänen und Vorstellungen zu Wort kommen, berichtete über öffentliche Podiumsdiskussionen und analysierte aus feministischer Sicht die Praxis der beiden in der Folgezeit entstehenden nicht-autonomen Frauenhäuser. Rückblickend lässt sich so sehr gut eine typische Debatte nachverfolgen, die sich auch in vielen westdeutschen Städten in der Frauenszene abspielte.

1982: erstes bundesweites Frauenzeitungstreffen in Saarbrücken

Da sich die Distel-Frauen nicht nur in der Zeitung, sondern auch in anderen Gruppen, etwa der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung bis hin zur Hochschulpolitik7, engagierten, hatten sie tiefen Einblick und konnten zusammentragen, was die alternative Szene gerade bewegte. „Wir haben viele Themen aufgegriffen, die an uns herangetragen wurden“, so eine Redakteurin im Rückblick.8 So wie die Bewegung war auch die Zeitung bemüht, über den Tellerrand zu blicken und sich zu vernetzen. Als das AStA-Frauenreferat 1981, auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung, ein bundesweites Seminar zu ‚Frauen und Militarismus‘veranstaltete, war die Lila Distel dabei und publizierte die Dokumentation. 1982 lud die Distel zum ersten bundesweiten Frauenzeitungstreffen nach Saarbrücken ein: Vertreterinnen von 16 feministischen Zeitungen und von zwei Projekten aus dem Ausland kamen zusammen und diskutierten vornehmlich über ihre Probleme.9 Hatte sich die Distel-Gruppe von dem Treffen Elan erhofft, so geriet sie schon bald in eine tiefe Krise.

Das Ende: Generationenkonflikt und Krise der Bewegung

Nach fünf Jahren ehrenamtlicher Zeitungsarbeit machte sich 1983 unter den Frauen der ersten Stunde in der Redaktionsgruppe allmählich eine gewisse Müdigkeit breit. Die Gründerinnen, von denen noch die Hälfte dabeigeblieben war, hatten gemeinsam viel erlebt, sich gemeinsam weiterentwickelt, jedoch das Gefühl, dass die Zeitung als Publikation auf der Stelle trat. „Mir würde es reichen, wenn wir uns regelmäßig träfen, um uns gegenseitig unsere Texte vorzulesen, ohne sie zu veröffentlichen“, brachte eine der Gründerinnen die Stimmung in einer Redaktionssitzung auf den Punkt. Außerdem fremdelten sie mit den jüngeren Redakteurinnen, die erst später dazugestoßen waren und ihre Erfahrungen nicht teilten.

Auch die Frauenbewegung, die Leserinnenbasis, hatte sich verändert. Aus den Gruppen, in denen sich Frauen ehrenamtlich und politisch engagierten, wurden Projekte mit hauptamtlichen Kräften, andere wagten den Marsch durch die Institutionen, wieder andere zogen sich ins Privatleben zurück. Für wen machen wir eigentlich unsere Zeitung, wen erreichen wir damit noch?, fragte sich die Distel-Redaktion und lud zu einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung über die Lage der Frauenbewegung ein. Doch die Einstellung der Zeitung war zu diesem Zeitpunkt schon beschlossene Sache. Mit einer letzten Ausgabe unter dem Motto ‚Haben wir Hexen ausgehext?‘, die sich ganz ihrer eigenen Krise und der der Frauenbewegung widmete, verabschiedeten sie sich im Frühjahr 1984 von ihren Leserinnen.

Die Donna Wetter: Alle reden vom Wetter. Wir machen es.

Übrig geblieben waren die jüngeren Redakteurinnen, die darauf brannten, eine Zeitung zu machen. Sie suchten sich neue Mitstreiterinnen und einen neuen Namen, erhielten von der alten Distel-Gruppe das Equipment, den Redaktionsraum im Frauenladen sowie einen Crashkurs im Zeitungmachen.

Rund sechs Monate später, im November 1984, erschien dann die Nummer 1 der Donna Wetter. „alle reden vom Wetter. wir machen es. Wir wollen: Staub aufwirbeln, alte Hüte vom Kopf reißen, dazwischen fahren, Verwirrung stiften/abwechslungsreich, avantgardistisch und schamlos sein [...]“, kündigten die fünf Macherinnen im Editorial an.10 Die erste Ausgabe, für die sie ein knallrotes Titelblatt mit einem Foto wählten, enthielt noch „ein buntes Sammelsurium von Themen, die uns gerade interessierten, von Urlaubserfahrungen im Süden über Muttermilch bis zu Penetrationsverzicht“, wie es eine der Frauen in der Nummer 20 in ihrem persönlichen Rückblick auf ,Fünf Jahre Donna Wetter‘ beschrieb.11 Ab der zweiten Nummer stand die Zeitschrift, die alle drei Monate mit einem Umfang von 40 Seiten erschien, jeweils unter einem Schwerpunktthema – einige glichen denen ihrer Vorgängerinnen, wie etwa ‚Frauenhäuser/Gewalt gegen Frauen‘, ‚Frauen und Literatur‘, ‚Kinderwunsch‘, ‚Beziehungen‘, ‚Frauenarbeit‘, ‚Lesben und Sexualität‘. Doch die Donna-Wetter-Frauen gingen anders vor, um ihre Themen zu finden und sich feministische Positionen zu erarbeiten. Sie konnten dafür nicht mehr aus den Diskussionen der Gruppen der Frauenbewegung schöpfen, denn diese wurden immer weniger. Also studierten sie intensiv feministische Sach- und Forschungsliteratur und recherchierten im ganzen Saarland.12 „Wir führten Interviews mit Prostituierten, mit Asylbewerberinnen, mit Frauen, die sich als neue Hexen verstehen; wir organisierten Diskussionen mit saarländischen Künstlerinnen, Streitgespräche zwischen Heteras und Lesben; [...] wir luden Vertreterinnen aller Parteien zum Gespräch über die Möglichkeiten von Frauenpolitik im Saarland ein“, so eine der Redakteurinnen im Rückblick.13

„Ich wurde erst durch die Donna Wetter richtig feministisch politisiert“

So wie die Gründungs-Redakteurinnen der Lila Distel waren auch die Donna Wetter-Gründerinnen überwiegend Studentinnen, einige von ihnen hatten sich schon zuvor hochschulpolitisch betätigt, in Sachen Feminismus betrachteten sich alle jedoch eher als Anfängerinnen, die mit jedem Heft selbst dazulernten. „Ich wurde erst durch die Donna Wetter richtig feministisch politisiert“, so eine der Mitbegründerinnen.14 Die Zeit, über Frauen in einem vereinheitlichenden ‚Wir‘ zu schreiben, war vorbei. Feministische Positionen hatten sich ausdifferenziert. „Wir betrachteten Frauen nicht mehr nur als Opfer, Christina Thürmer-Rohrs These von der ,Mittäterschaft‘ setzte neue Maßstäbe“, so eine Redakteurin.15

ABM ermöglichte hauptamtliche Redakteurin

Frauenpolitik zog nicht nur in die Parteien ein, sondern in sehr viele Organisationen, und zwar in Form von Frauengleichstellungsstellen, Frauenministerien, Mädchensozialarbeit, Fördermaßnahmen für Berufsrückkehrerinnen bis hin zu Frauen-Business-Kongressen. Die Donna Wetter berichtete und unterzog sie einer kritischen Analyse. So wie anderen Projekten der Frauenbewegung gelang es auch der Frauenzeitung, sich durch hauptamtliche Kräfte zu professionalisieren. Ab 1989 verfügte sie, inzwischen ein eingetragener Verein und dank Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, viele Jahre über eine angestellte Redakteurin. Auch das Erscheinungsbild der Donna Wetter ging mit der Zeit, das Umweltschutzpapier wich dem Hochglanz, das Layouten am Computer löste das Kleben und Letraset-Rubbeln ab. Auch die Reichweite wuchs. Die Druckauflage erhöhte sich von ausgangs 500 auf 1.000 Exemplare. Bei 100 Abonnentinnen hatte das Blatt Verkaufsstellen in mehreren Städten des Landes. 1994 wurde die Donna Wetter mit dem neugeschaffenen Aequitas-Preis des Saar-Frauenministeriums ausgezeichnet. Und doch ereilte sie ein ähnliches Schicksal wie die Lila Distel. Im Frühjahr 1997 erschien mit der Nummer 45 die letzte Ausgabe. Gerade einmal drei Frauen zählte die Gruppe da noch. Nur diesmal fand sich trotz zahlreicher Aufrufe kein Nachwuchs, der weitermachen wollte.

Autor*in
Silvia Buss

kam als Studentin der Romanistik zum Wintersemester 1983 nach Saarbrücken, entdeckte gleich am ersten Tag den Frauenladen, betrat ihn und stieß auf die Redaktionsrunde der Lila Distel. Sie arbeitete bis zum Ende bei der Lila Distel mit und gründete dann die Donna Wetter mit. 1987 begann sie, für Tageszeitungen zu schreiben und klinkte sich allmählich aus der Donna Wetter aus. Heute ist sie freie Journalistin.

Fußnoten

  • 1. Keinhorst, Annette: „Das war alles sehr, sehr aufregend...“. 25 Jahre autonome Frauenbewegung in Saarbrücken. Eine Dokumentation in Text und Bild, Saarbrücken 1999, S. 60.
  • 2. Ebenda, S. 63.
  • 3. Ebenda.
  • 4. Persönliches Gespräch Dezember 2017.
  • 5. Donna Wetter, 1990, Nr. 20, S. 4.
  • 6. Lila Distel, 1979, Nr. 2, S. 23 f.
  • 7. Keinhorst: S. 64.
  • 8. Ebenda, S. 63.
  • 9. Lila Distel, 1982, Nr. 21, S. 27 f.
  • 10. Donna Wetter, 1984, Nr. 1, S. 3.
  • 11. Donna Wetter, 1989, Nr. 20, S. 11.
  • 12. Buss, Silvia: Frauen in einer bewegten Zeit, in: Saarbrücker Zeitung 8.3.2016.
  • 13. Donna Wetter, Nr. 20, S. 12.
  • 14. Buss, Silvia: Frauen in einer bewegten Zeit.
  • 15. Persönliches Gespräch Dezember 2017.