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„Wenn wir streiken, steht die Welt still“ – der 8. März und der internationale feministische Streik

verfasst von: Tordis Trull,
veröffentlicht 09. Juni 2022
Am Internationalen Frauentag streiken Feminist*innen in ganz Deutschland. Streikbündnisse rufen am 8. März dazu auf, bezahlte wie unbezahlte Arbeit niederzulegen. Zentrale Impulse kommen aus dem Globalen Süden, wo Aktivist*innen nicht nur gegen ungleiche Behandlung, sondern auch gegen Femizide kämpfen.

Feministische Streiks sind keine Streiks im klassischen Sinne. Sie verweisen auf Geschlecht und Rollenzuweisungen und führen zu einer Reflexion über Bedingungen und Un-/Möglichkeiten, diese zu bestreiken.1  

Feministische Streiks sind kein neues Phänomen. 1844 streikten Weberinnen in Schlesien beim sogenannten Weberaufstand, 1917 streikten Textilarbeiterinnen in Petrograd, dem heutigen St. Petersburg, und 1975 organisierten Feminist*innen in Island einen Frauenstreik. Die Liste der feministischen Streiks ist lang. Denn Frauen, Lesben, Inter-, Non-Binary, Trans- und Agender-Personen (kurz: FLINTA*s) streikten im Laufe der Geschichte an ganz verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Anlässen immer wieder für ihre Rechte.2 Sie waren ein Teil oder sogar das Zentrum von Arbeitskämpfen und Streiks, seit es diese gibt. 3 Besonders die ‚wilden‘ Streiks der 1960er- und 70er-Jahre sowie der FrauenStreikTag 1994 waren wichtige Momente des Widerstands in der jüngeren deutschen Geschichte.4

2018 haben Aktivist*innen in Deutschland den feministischen Streik erneut als Protestform für sich entdeckt. Seitdem organisieren sie jährlich zum 8. März bundesweit Streikaktionen. Anstoß dieser Streikwelle war der Kampf gegen Frauenmorde in Argentinien.5 Was war passiert?

 „Viva nos queremos!“ – Wir wollen uns lebend!

2015 formierte sich in Argentinien eine Protestwelle, die bald nach Südamerika, in die USA und schließlich nach Europa und in den Rest der Welt schwappte. NiUnaMenos – Nicht eine weniger! ist ihr Name und gleichzeitig auch ihre Forderung. Nicht noch eine soll ermordet, keiner soll mehr Gewalt angetan, keine soll mehr diskriminiert werden! Nachdem Daiana García und Chiara Páez im März und Mai 2015 auf brutalste Weise ermordet worden waren, reichte es den Frauen und Queers in Argentinien – Massenproteste formierten sich, wie am 3. Juni in Buenos Aires, als über 20.000 Menschen demonstrierten. Femizide, also Frauenmorde, sind in Argentinien grauenvoller Alltag. Allein 2014 wurden dort 277 Frauen von ihrem (Ex-)Partner ermordet – das bedeutet: ein Femizid alle 30 Stunden.6

Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen und Queers gibt es in jedem Land der Welt – auch in Deutschland. Sie wird von den Feminist*innen der NiUnaMenos-Bewegung nicht als individuelles Problem gewertet und somit verharmlost; ihr Kampf will die strukturelle, mit Patriarchat und Ökonomie verwobene Ebene von Femiziden herausarbeiten, benennen und bekämpfen. Denn: „Viva nos queremos!“ – Wir wollen uns lebend!7

Feministische Massenstreiks erfassen die Welt

NiUnaMenos rief 2016 zum ersten feministischen Massenstreik in Argentinien auf. Mit diesem Aufruf zum Streik formierte die Bewegung eine „neue Qualität der Frauenkämpfe“8 , so die Rechtsanwältin und Publizistin Brigitte Kiechle. NiUnaMenos hat die Formation der neuen feministischen Bewegung zur Massenbewegung und als gewichtige politische Akteurin maßgeblich geprägt.9 Die Protestform des feministischen Streiks strebt dabei eine Radikalität an, die sich vom klassisch gewerkschaftlichen Streik sowie einem bürgerlichen und auch institutionell etablierten Feminismus abgrenzen will. Denn die Aktivist*innen der NiUnaMenos-Bewegung fordern eine revolutionäre Veränderung.10  

Der feministische Streik ging daraufhin viral und wurde transnational – ein Jahr nach dem ersten Massenstreik in Argentinien streikten Feminist*innen in über 50 Ländern, zum Beispiel beim Women‘s March in den USA oder dem Strajk Kobiet in Polen.11 Die Proteste wurden dabei thematisch breiter. Sie richteten sich nun auch gegen weitere Formen von geschlechtsspezifischer Gewalt und Unterdrückung wie Homo- und Transfeindlichkeit oder Abtreibungs- und Prostitutionsgesetzgebungen.12 Trump, PiS oder Erdoğan – auch die spezifischen, in den jeweiligen Ländern vorherrschenden Unterdrückungsstrukturen, Regierungen und Institutionen wurden durch die Streiks thematisiert und inhaltlich angegriffen.

Während die Protestform des feministischen Streiks immer mehr Länder erreichte, kam sie auch mit einem wichtigen Datum in Berührung: dem 8. März, dem Internationalen Frauentag.13

Die Entstehung des Internationalen Frauentags

Die Geschichte des 8. März begann 1910 in Deutschland, als die Sozialistinnen Clara Zetkin, Käte Duncker und ihre Genossinnen auf der II. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz die Durchführung eines Frauentags zur Abstimmung brachten. Die anwesenden 98 Frauen aus 17 Ländern sprachen sich einstimmig für den Antrag aus und so fand im nächsten Jahr, am 19. März 1911, der erste Internationale Frauentag in Deutschland statt.14

Die radikale KPD erklärte 1921 den 8. März, das Datum, das wir auch heute feiern, zum Internationalen Frauentag. Dieser Tag war bewusst gewählt, denn am 8. März 1917 hatten die Textilarbeiterinnen in Petrograd gestreikt. Das Datum des Internationalen Frauentags ist damit bereits mit der Protestform des Streiks verbunden.15

Es dauerte jedoch bis 1994, bis am 8. März tatsächlich ein „FrauenStreikTag“16 in Deutschland organisiert wurde. In vielen Städten in der ganzen Bundesrepublik wurden Aktionen wie Arbeitsniederlegungen, Straßenumbenennungen oder Menschenketten umgesetzt,17 und über 100 Fraueninitiativen unterzeichneten den Aufruf Frauen sagen Nein18 , der sich „gegen die Benachteiligung der Frauen in Gesellschaft, Beruf und Familie“19 richtete.

Doch in den Folgejahren gelang es den Aktivist*innen nicht, an den Streiktag anzuknüpfen. Weder fand ein weiterer bundesweiter Streikaufruf zum 8. März statt noch konnte eine ähnlich breite und zahlenmäßig große Aktion umgesetzt werden.20  

Der internationale feministische Streik kommt nach Deutschland

Am 8. März 2017 wurde die Protestform Streik durch die Impulse der NiUnaMenos-Bewegung wieder mit dem Internationalen Frauentag zusammengeführt. Feminist*innen auf der ganzen Welt, beispielsweise in Argentinien, der Türkei oder Irland, riefen an diesem Tag zu einem ersten weltweiten Frauenstreik auf.21

Im Folgejahr organisierten Aktivist*innen in Spanien ebenfalls am 8. März einen Streik, an dem sechs Millionen Menschen teilnahmen. In über 300 Städten kam es zu Arbeitsniederlegungen, Straßenblockaden, Boykottmaßnahmen und Massendemonstrationen.22

Diese Erfolge blieben bei Feminist*innen in Deutschland nicht unbemerkt. Seit 2019 rufen sie zu feministischen Streiks auf.23 In Leipzig wurde 2019 beispielsweise eine Streikdemo organisiert, an der über 1.000 Menschen teilnahmen.24 In Berlin sogar über 20.000.25

„Über die Welt breitet sich eine Bewegung von streikenden Frauen und Queers* aus, von Polen bis Argentinien, von New York bis Hongkong, von Spanien über Nigeria bis Australien. Auch wir sehen Grund zum Streik und sagen: Es reicht! Lasst uns am 8. März zusammen streiken!“26 – Feministischer Streik Leipzig 2021

Themen und Forderungen von NiUnaMenos werden auch in die Streikaktionen in Deutschland einbezogen. Neben Femiziden und Gewalt gegen Frauen und Queers setzen sich die Aktivist*innen aber auch für weitere feministische Inhalte ein, wie zum Beispiel das Recht auf Kitaplätze, Asyl, Abtreibung oder soziale Rechte wie bezahlbaren Wohnraum.27

Alternative Streikaktionen

Die Streikaufrufe zum 8. März appellieren an Frauen und Queers, bezahlte wie unbezahlte Arbeit niederzulegen.28 In die Streiks werden so auch Haus-, Pflege- und Care-Arbeiten integriert, für die FLINTA*s noch immer überwiegend zuständig sind.29 Durch ihre Arbeitsniederlegung soll ihre ökonomische und gesellschaftliche Relevanz deutlich werden. „Wenn wir streiken, steht die Welt still“30 .

Diese Arbeiten können jedoch oft nicht ohne Weiteres bestreikt werden, ohne dass die Menschen, die Pflege und Sorge brauchen, wie Alte, Kranke und Kinder, darunter leiden. Daraufhin entwickelten Aktivist*innen alternative Streikaktionen: schmutzige Wäsche vor das Rathaus oder Windeln vor das Innenministerium schmeißen; Geschirrtücher, Schürzen oder Laken aus den Fenstern hängen; symbolische Lohnzettel schreiben oder gemeinsam bei einem „Global Scream“ schreien – die Liste der diversen Protestaktionen ist lang.31

„Frauen und Queers* auf der ganzen Welt rufen: Wir streiken! Schließ Dich an!“32 - Aufruf zum Streik vom 1. Bundesweiten Streiktreffen 2018

 

Stand: 09. Juni 2022
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Verfasst von
Tordis Trull,

studierte Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Religionswissenschaft in Dresden, Leipzig und Krakau. Als Mitarbeiterin der Feministischen Bibliothek MONAliesA hat sie zuletzt feministische Projekttage in sächsischen Kleinstädten organisiert. Ihre Schwerpunkte sind zeitgenössischer Feminismus und seine Ausdrucksformen. 

Empfohlene Zitierweise
Tordis Trull, (2022): „Wenn wir streiken, steht die Welt still“ – der 8. März und der internationale feministische Streik, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/wenn-wir-streiken-steht-die-welt-still-der-8-maerz-und-der-internationale-feministische
Zuletzt besucht am: 30.01.2023
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  • Tordis Trull,
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY 4.0

Fußnoten

  • 1Vgl. Draper, Susana: Streik als Prozess, S. 69 ff.
  • 2Vgl. Frauenstreik: Wir sind nicht die ersten – Blicke zurück, Zugriff am 4.11.2021 unter https://frauenstreik.org/wir-sind-nicht-die-ersten-blicke-zurueck/.
  • 3Vgl. Artus, Ingrid: Frauen*-Streik. Zur Feminisierung von Arbeitskämpfen, Berlin 2019, S. 3.
  • 4Vgl. ebenda, S. 4 f.
  • 5Vgl. Kiechle, Brigitte: Frauen*Streik. „Die Welt steht still, wenn wir die Arbeit niederlegen!“, Stuttgart 2019, S. 11.
  • 6Vgl. Backes, Laura / Bettoni, Margherita: Alle drei Tage. Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen, München 2021, S. 168.
  • 7Vgl. Lorey, Isabell: 8M – Der große feministische Streik. Vorwort, in: Gago, Verónica et al. (Hg.): 8M. Der große feministische Streik. Konstellationen des 8. März, Wien 2018, S. 9‒24, hier S. 9 ff.
  • 8Vgl. Kiechle: Frauen*Streik, S. 12.
  • 9Vgl. Ebenda.
  • 10Vgl. Draper, Susana: Streik als Prozess, in: Gago, Verónica et al. (Hg.): 8M. Der große feministische Streik. Konstellationen des 8. März, Wien 2018, S. 43‒92, hier S. 754 f.
  • 11Vgl. Kiechle: Frauen*Streik, S. 8.
  • 12Vgl. Lorey: 8M – Der große feministische Streik. Vorwort, S. 10.
  • 13Vgl. Ebenda, S. 21 f.
  • 14Vgl. Bauer, Kattrin: Der 8. März – Zur Geschichte des Internationalen Frauentags in Deutschland, in: Beiträge. Zur feministischen Theorie und Praxis, 17. Jg., 1994, H. 36, FrauenStreik. Streitfragen, S. 9‒16, hier S. 9 f.
  • 15Vgl. Bauer: Der 8. März – Zur Geschichte des Internationalen Frauentags in Deutschland, S. 11 f.
  • 16Scholze: Der Internationale Frauentag einst und heute, S. 167.
  • 17Vgl. Ebenda, S. 167 ff.
  • 18Ebenda.
  • 19Ebenda, S. 168.
  • 20Vgl. Kiechle: Frauen*Streik, S. 62.
  • 21Vgl. Lorey: 8M – Der große feministische Streik. Vorwort, S. 13 f.
  • 22Ebenda, S. 18, S. 75 ff.
  • 23Vgl. Kiechle: Frauen*Streik, S. 10.
  • 24Vgl. Stork, Katharina, 8.3.2019: Aufschrei aus 1000 Kehlen. Streik am Frauentag in Leipzig, Zugriff am 4.11.2021 unter: https://www.lvz.de/Leipzig/Lokales/Aufschrei-aus-1000-Kehlen-Streik-am-Frauentag.
  • 25Vgl. Interventionistische Linke Berlin, 8.3.2019: Facebook-Post, Zugriff am 4.11.2021 unter: https://www.facebook.com/berlin.il/posts/2522019447871189/.
  • 26Feministischer Streik Leipzig: Aufruf zum Streik, Zugriff am 4.11.2021 unter: https://feministischerstreikleipzig.wordpress.com/forderungen/.
  • 27Vgl. Frauenstreik: Forderungen F*Streik Deutschland, Zugriff am 4.11.2021 unter: https://frauenstreik.org/aufrufe/2019-2/.
  • 28Vgl. Frauen*Streik Jena: „Wenn wir streiken, steht die Welt still“, Zugriff am 4.11.2021 unter https://femstreikenjena.noblogs.org/files/2020/03/2020-03-02_Flyer-aktualisiert.pdf.
  • 29Vgl. Ebenda, S. 3 ff.
  • 30Vgl. Ebenda, S. 1.
  • 31Vgl. Frauenstreik: Global Scream, Zugriff am 4.11.2021 unter: https://frauenstreik.org/aufrufe/2020-2/;
    Frauenstreik: Unbezahlte Arbeit bestreiken?!, Zugriff am 4.11.2021 unter: https://frauenstreik.org/wie-streiken/unbezahlte-arbeit-bestreiken/.
  • 32Frauenstreik: Aufruf 2018, Zugriff am 4.11.2021 unter: https://frauenstreik.org/aufrufe/2018-2/.
Ausgewählte Publikationen
Artus, Ingrid: Frauen*-Streik. Zur Feminisierung von Arbeitskämpfen, Berlin 2019.
Backes, Laura / Bettoni, Margherita: Alle drei Tage. Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen, München 2021.
Bauer, Kattrin: Der 8. März – Zur Geschichte des Internationalen Frauentags in Deutschland, in: Beiträge. Zur feministischen Theorie und Praxis, 17. Jg., 1994, H. 36, FrauenStreik. Streitfragen, S. 9–16.
Draper, Susana: Streik als Prozess, in: Gago, Verónica et al. (Hg.): 8M. Der große feministische Streik. Konstellationen des 8. März, Wien 2018, S. 43–92.
Kiechle, Brigitte: Frauen*Streik. "Die Welt steht still, wenn wir die Arbeit niederlegen!", Stuttgart 2019.
Lorey, Isabell: 8M – Der große feministische Streik. Vorwort, in: Gago, Verónica et al. (Hg.): 8M. Der große feministische Streik. Konstellationen des 8. März, Wien 2018, S. 9–24.
Scholze, Siegfried: Der Internationale Frauentag einst und heute. Geschichtlicher Abriß und weltweite Tradition vom Entstehen bis zur Gegenwart, Berlin 2001.