„Frau Maschinenbau“ – aus der Nische auf die Messe

verfasst von
  • Muriel Nägler
veröffentlicht
Auf der Hannover Messe 1988 schlossen sich erstmals Frauen aus naturwissenschaftlichen und technischen Verbänden zusammen und initiierten den Stand ‚Frau + Technik‘. Damit wollten sie auf geschlechterspezifische Missstände in dem Bereich hinweisen und junge Frauen zur Wahl solcher Berufe ermutigen.

Auf einer der größten Investitionsgütermessen der Welt, der Hannover Messe, werden seit 1947 die neusten Entwicklungen aus Industrie und Technik vorgestellt. Ging man im Jahr 1988 durch die Halle 21, erwartete die Messebesuchenden ein besonderer Stand. Auf 25 qm² saßen Menschen an drei runden Tischen und schienen sich angeregt zu unterhalten . ‚Frau + Technik‘  war dort auf türkis-gelb gehaltenen Stellwänden zu lesen und an den Wänden hingen große Bilder von Frauen, die einen technischen Beruf ausübten. Schaute man sich jetzt genauer um, sah man, dass es ausschließlich Frauen waren, die den Stand betreuten. Auf einer Technikmesse wie der Hannover Messe war das eine kleine Revolution. Doch die Frauen, die den Stand ehrenamtlich organisiert hatten, waren es gewöhnt, aus der Menge herauszustechen. Sie arbeiteten alle im sogenannten MINT-Bereich1 und waren Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen verschiedener Fachrichtungen. Sich alleine in einer Welt voller Männer zu behaupten, war für sie Alltag. Mit einem gezielten Beratungsangebot für junge Frauen und Forderungen an Politik und Wirtschaft wollten sie diesen Umstand ändern. Ironisch zugespitzt brachte die Ingenieurin Margarete Pauls das Anliegen des Standes auf den Punkt: „Wir stellen uns hier sozusagen selbst aus, um unserer Vorbildfunktion gerecht zu werden.“2

Dokumentation Frau + Technik : Hannover Messe, Halle 21, Jugend + Technik, 1988

Frauen in Naturwissenschaften und Technik – ein steiniger Weg

Die ‚Standfrauen‘, wie sie sich nannten, wollten junge Frauen motivieren, einen Technikberuf zu ergreifen. Doch einfach war das Berufsleben in einer Männerdomäne nicht. Während ihrer Ausbildung und an ihren Arbeitsstellen waren sie oftmals die einzigen Frauen und galten deshalb als Exotinnen. Grade mal zwei bis zehn Prozent der westdeutschen3 berufstätigen Ingenieurinnen waren 1988 weiblich.4 Viele Studentinnen berichteten, dass sie sich grade zu Beginn ihres Studiums vor ihren Dozenten und Kommilitonen beweisen mussten, bevor sie akzeptiert wurden. Auch das Vorurteil, dass Frauen kein Technikverständnis besäßen, war noch tief in den Köpfen der Leute verankert. 

Postkarte Frau + Technik : "Das Problem ist doch: Es gibt gar keine qualifizierten Frauen.."

Zwar waren die Berufsperspektiven nach dem Studium aussichtsreich, schließlich waren sie gut ausgebildete Fachkräfte. Doch auch im Berufsleben waren sie vor frauenspezifische Herausforderungen gestellt. Die sogenannte gläserne Decke erschwerte Frauen ein Aufsteigen in Führungspositionen. Es gab kaum Konzepte, wie sich in diesem Berufsfeld Familie und Beruf miteinander vereinbaren ließen. Schließlich arbeiteten dort hauptsächlich Männer, deren Frauen die Carearbeit übernahmen. Frauen in technischen Berufen, die Kinder haben und lohnarbeiten wollten, stellte dies vor große Herausforderungen. Eine längere Auszeit der Mutter bedeutete einen beruflichen Nachteil gegenüber dem männlichen Kollegen. Teilzeitstellen waren in MINT-Berufen selten und gesellschaftlich war es damals, wie heute teilweise immer noch, kaum anerkannt, dass Väter in Elternzeit gingen. Es erforderte also eine große Portion Hartnäckigkeit und Mut, um als Frau in MINT-Berufen Fuß zu fassen. Trotz alledem waren die ‚Standfrauen‘ der Ansicht, dass sich dieser Weg lohnte.

Aufklären, Vorleben, Überzeugen

Mit der Präsentation dieses Themas wollten die Frauen auf die schwierigen Bedingungen und herrschenden Missstände hinweisen und gleichzeitig für ihre Berufe werben. Sie stellten dafür Informationen über Berufsfelder und Tätigkeitsbereiche bereit und richteten sich explizit an Mädchen und junge Frauen, um sie zu ermutigen, eine technische Berufswahl zu treffen. Neben den Gesprächen mit den ‚Standfrauen‘ konnten sich diese auch über Lebensläufe von Frauen in MINT-Berufen informieren. So sollten Vorbilder geschaffen und es sollte selbstverständlicher werden, dass Frauen sich für dieses Berufsfeld entschieden. Auch (noch) skeptischen Eltern boten die Frauen das Gespräch an und versuchten so, ihnen Sorgen und Ängste über die Zukunft ihrer Töchter zu nehmen. Bereits im Beruf stehende Kolleginnen besuchten den Stand, konnten sich austauschen und Kontakte knüpfen. Firmenvertreterinnen als mögliche Arbeitgeberinnen wurden angesprochen, um auf die nötige Förderung von Frauen hinzuweisen. Nicht zuletzt richtete sich der Stand aber auch an die Politik. Denn die Botschaft war klar: Wir brauchen eure Unterstützung, um unser Projekt durchzusetzen. Und dass Politik und Wirtschaft auch ein gewisses Eigeninteresse daran haben könnten, machten die Frauen auch deutlich. Schließlich wurde für die nächsten Jahre ein Fachkräftemangel prognostiziert, dem es entgegenzuwirken galt. Darüber hinaus organisierte ‚Frau + Technik‘ eine Pressekonferenz sowie eine Podiumsdiskussion zu dem Thema ‚Frau + Technik. Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen berichten aus ihrer beruflichen Praxis‘ und der Stand beteiligte sich an einer Messe-Rallye.

Vereint fürs gemeinsame Ziel

Erstmalig kooperierten vier verschiedene Verbände miteinander, um dieses ambitionierte Projekt umzusetzen. Dazu gehörten der Deutsche Akademikerinnenbund e.V., der federführend bei der Organisation des Standes war, der Ausschuss Frauen im Ingenieurberuf des Vereins Deutscher Ingenieure, der deutsche Ingenieurinnenbund und der Arbeitskreis Elektroingenieurinnen des Verbands Deutscher Elektrotechniker. Insgesamt beteiligten sich an den acht Messetagen über 50 Frauen ehrenamtlich an der Betreuung des Standes. Manche wurden von ihren Betrieben freigestellt, andere nahmen sich Urlaub, um den Stand zu unterstützen. Auch den Entwurf und den Aufbau des Standes führten ausschließlich Frauen durch. Finanziert wurde der Stand von Spenden namhafter Betriebe und Firmen wie IBM, Audi und Bayer.

Dokumentation Frau + Technik : Hannover Messe, 1988; Barbara Leyendecker im Gespräch mit Rita Süssmuth

Typisch für die Lage von Frauen in MINT-Berufen war die Situation der Ingenieurin und Mitinitiatorin von ‚Frau + Technik‘ Barbara Leyendecker. Sie hatte Maschinenbau an der RTWH Aachen studiert und war dort die einzige Frau unter 500 Studenten gewesen. Nach einem wirtschaftswissenschaftlichen Aufbaustudium arbeitete sie als Technische Referentin, als 1987 ihr Sohn geboren wurde. Gleichzeitig initiierte und organisierte sie den Messestand – ihren fünf Monate alten Sohn nahm sie einfach mit zur Messe. Auf zahlreichen Pressefotos  sieht man sie mit Baby auf dem Arm. Dies veranschaulicht, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oftmals nur mit persönlichem Einsatz der Frauen zu meistern war. Für ihr andauerndes Engagement zur Förderung von Frauen in Naturwissenschaften und Technik bekam sie 2012 die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Auffallend ist, dass sowohl Leyendecker als auch viele andere der beteiligten Frauen aus Familien kamen, in denen Berufe aus dem MINT-Bereich ausgeübt wurden. Umso mehr wollten die Frauen, dass auch Mädchen ohne solche biografischen Hintergründe und explizite Unterstützung aus dem Elternhaus die Chance bekamen, sich für einen solchen Beruf zu entscheiden.

Bilanz: Ein durchweg gelungener Auftritt

Das Konzept des Standes erwies sich als voller Erfolg. Die Veranstalterinnen dokumentierten in der Woche um die 1000 Beratungsgespräche, 2/3 der Gespräche wurden mit Frauen geführt.5 Diese Zahlen überstiegen bei Weitem die Erwartungen. Und auch prominente Gäste statteten dem Stand einen Besuch ab. So kam der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl auf ein Gespräch mit den Frauen vorbei und informierte sich über die Ziele des Standes. Auch die Ministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, Rita Süssmuth, und die Niedersächsische Finanzministerin und Aufsichtsratsvorsitzende der Messe AG, Birgit Breuel, suchten den Stand auf. Weniger sichtbar, aber nicht weniger wichtig, waren der Austausch und die Vernetzung der ‚Standfrauen‘ untereinander, die den Grundstein für eine längerfristige Zusammenarbeit legten. Daher war der Messestand ein voller Erfolg, sodass die Initiatorinnen beschlossen, auch im nächsten Jahr wieder dabei zu sein.

Auch in Tages- und Fachzeitschriften wurde das Anliegen des Standes breit diskutiert. Die meisten Artikel waren durchweg positiv und befürworteten die Ziele des Standes. Allerdings gab es auch Artikel, die mit Zeilen wie „Zeigten Köpfchen statt Bein“6 oder „Hübsche Frauen waren auf der Messe seit eh und je die besten Werbeträger. Jetzt sind sie es auch mal in eigener Sache“7 nicht ohne Klischees auskamen und die Frauen weiterhin auf ihr Äußeres reduzierten. Darüber hinaus endeten viele Artikel mit dem Tenor, dass Frauen über ihren Schatten springen und ein bisschen mutiger sein müssten, damit sie in den MINT-Fächern in Zukunft stärker vertreten sein würden. Wenige Artikel bemängelten allerdings die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und männlichen Vorurteile, die Frauen bei dieser Berufswahl zu überwinden hatten.

Dokumentation Frau + Technik : Hannover Messe; Lingener Tagespost 14.5.1988

Seit 1988 hat sich einiges hinsichtlich ‚Frau + Technik‘ verändert. Dies ist auch den Initiatorinnen dieses Standes zu verdanken, die das Thema erstmals in die breite westdeutsche Öffentlichkeit gebracht haben. Trotzdem ist das langfristige Ziel, das Anliegen des Standes überflüssig zu machen, bis heute leider noch nicht erreicht worden.

Veröffentlicht: 08. Mai 2023
Lizenz (Text)
Verfasst von
Muriel Nägler

geb. 1994, Studium der Integrierten Europastudien und Geschichte in der Öffentlichkeit.

Empfohlene Zitierweise
Muriel Nägler (2024): „Frau Maschinenbau“ – aus der Nische auf die Messe, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/frau-maschinenbau-aus-der-nische-auf-die-messe
Zuletzt besucht am: 18.07.2024
Lizenz: CC BY-SA 4.0
Rechteangabe
  • Muriel Nägler
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY-SA 4.0

Fußnoten

  • 1MINT steht für Mathematik, Ingenieurswissenschaften, Naturwissenschaften und Technik.
  • 2Margarete Pauls im Gespräch mit belladonna e.V. am 9. 9. 2021 über ihre Aussage auf der Pressekonferenz am 23. 4. 1988.
  • 3Die Situation in der DDR war eine andere. Die Gleichstellungspolitik, die die Werktätigkeit von Frauen förderte, wirkte sich auch auf die Quantität von Frauen in technischen Berufen aus. So lag die Frauenquote bei Studienbeginn in den Technischen Wissenschaften zum selben Zeitraum bei 30 %, siehe: Zachmann, Karin: Mobilisierung der Frauen. Technik, Geschlecht und Kalter Krieg in der DDR, Frankfurt a.M. 2004, S. 383.
  • 4Vgl. Ausführliche Darstellung des Konzepts, in: Frau + Technik. Dokumentation, Bremer Frauenarchiv und
    Dokumentationszentrum VL, MM-45, S. 7.
  • 5Statistik Beratungsgespräche, in: Ebenda, S. 61.
  • 6Seidel, Hagen: Zeigten Köpfchen statt Bein. Technikerinnen stellten sich auf einer „Männer-Messe“ vor, in Lingener Tagespost, 14. 5. 1988, zit. nach: Ebenda, S. 41.
  • 7Bildunterschrift der Hannoversche Allgemeine, Datum unbekannt, in: Ebenda, S. 26.

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