Die Tagebücher Minna Cauers. Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt einer Frauenrechtlerin

geschrieben von: Dr. Dagmar Jank
veröffentlicht 04. Februar 2019
Minna Cauer (1841–1922) schrieb von 1870 bis 1922 regelmäßig Tagebuch. Ihre Themen: die Frauenbewegung, die Politik der Kaiserzeit und der frühen Weimarer Republik und ihr Privatleben. Ein oft emotionales ‚Who is who‘ der Frauenbewegung und ein Zeugnis für die Identitätssuche einer willensstarken Frau!

Das Tagebuch als historische Quelle

Tagebücher galten in der geschichtswissenschaftlichen Forschung lange als subjektive Quellen, die keinen hohen Erkenntniswert haben. Diese Einschätzung hat sich inzwischen teilweise gewandelt. Das meist über einen langen Zeitraum geführte Tagebuch ermöglicht es, „die Individuen als Subjekte ihrer Lebensgeschichte“1 zu betrachten. Konkret heißt das: Frauen setzen sich in ihren Tagebüchern mit den gesellschaftlichen Vorgaben ihrer Zeit für Ehe, Familie, Beruf, Politik, Kultur, Religion und Freundschaften auseinander. Sie reflektieren ihr reales Leben, versuchen, Brüche in ihrem Lebenslauf zu deuten und erkennen ihre Möglichkeiten und Grenzen.2

Die Tagebücher Minna Cauers 

Die Überlieferungsgeschichte 

Lilly Somerhausen, geborene von Stoffregen, die Großnichte und Erbin Minna Cauers, überließ die Tagebücher zunächst Else Lüders (1872–1948), der langjährigen Mitarbeiterin der Frauenrechtlerin.3 Lüders veröffentlichte 1925 eine Biografie über Cauer, die unter anderem zahlreiche Auszüge aus den Tagebüchern enthielt.4 Sie gab allerdings nicht immer an, ob und wenn ja wie sie die verwendeten Auszüge gekürzt hatte.  

Die Originale befinden sich im FrauenMediaturm in Köln und im International Institute of Social History in Amsterdam. Sie sind folgendermaßen aufgeteilt: 

FrauenMediaTurm, Köln: Februar 1870–Februar 1884, März 1886–Mai 1896, März–April 1888, Dezember 1892–September 1897, Juni–September 1895, September 1900–Juni 1907, Juli 1907–Juni 1911. Diese Tagebücher stammen aus dem Vorlass von Emil Cauer, einem Urgroßenkel Eduard Cauers, des zweiten Ehemanns von Minna Cauer. Der lange als verschollen geltende Nachlassteil, der auch Briefe enthält, wurde 1993 in den FrauenMediaTurm aufgenommen.5

Tagebuch M.C. 1870
Tagebuch 1886-1896

International Institute of Social History, Amsterdam: 1906, Juni 1911–April 1914, Mai 1915–August 1916, August 1916–November 1918, November 1918–Februar 1920, mit Notizen 1892–1912, Februar 1920–Mai 1921, Juni 1921–Juli 1922. Anne Somerhausen (1903–1988) übergab diese Tagebücher zusammen mit einigen Briefen und Fotos 1983 dem Amsterdamer Institut.6

Die Themen 

Die erste Eintragung datiert vom 18. Februar 1870, die letzte vom 25. Juli 1922. Als Motiv für das Führen eines Tagebuchs gab Cauer an, sich „mehr Muth (!) und mehr Freudigkeit zu erschreiben, wenn mich meine trübe Stimmung ergreift“.7 Ihre letzte Eintragung – nur wenige Tage vor ihrem Tod – bezog sich auf die aktuelle politische Situation in Deutschland.8

Die Zusammenarbeit Cauers mit anderen Menschen verlief nicht immer konfliktfrei. Bestimmte Ereignisse und Verhaltensweisen ihrer Mitmenschen analysierte sie mit einer gewissen Verbitterung, die bisweilen mit Selbstmitleid gepaart war. Der temporäre Rückzug in die Natur, Reisen in die Berge und ans Meer gaben ihr neue Kraft.9 Immer wieder wollte Cauer ihre politische Arbeit beenden. Aber ihr Pflichtbewusstsein hinderte sie daran. So auch im September 1915, als sie zwei als pazifistisch eingestufte Leitartikel für die Frauenbewegung nach den Vorgaben der Zensur ändern sollte. Sie notierte: „Dann schrieb ich mit ruhigem Blut Ersatzartikel. Meine Vaterlandsliebe zerbrach. […] Aber darf man dennoch alles hinwerfen? Hat man nicht Pflichten? Pflichten gegen wen? Doch, doch, der Menschheit gegenüber.“10

Cauer beschrieb ihre Begegnungen mit Frauen oft sehr ausführlich, geradezu detailverliebt. Zwischen ihr und Marie Stritt (1855–1928), der Vorsitzenden des Bundes Deutscher Frauenvereine von 1899 bis 1910, bestand eine strategische Beziehung. Nach einem Internationalen Frauenkongress in Brüssel im August 1897 hielt Cauer fest: „Sie ist kalt, kalt und hat eine kalte Begeisterung. Sie ist berechnet (!), ach und wie berechnet (!)! Sie ist logisch, scharf und voller Ruhmsucht. […] Die Frauensache ist ihr Überzeugung, doch nur weil sie dadurch Ruhm und Ehre erreicht. Sie hasst mich, doch wird sie das nie zeigen.“11 Trotz ihrer Abneigung bewies sie später ein gewisses Einfühlungsvermögen, als Stritt hart attackiert wurde: „Schauderhaft, wie man an Frau Stritt gehandelt hat. Ich schätze den Charakter wahrlich nicht hoch ein, aber das durfte nicht sein nach 11 jähriger Arbeit. […] Sie ist ein Blender, – ein Chamäleon und dennoch das durfte nicht sein.“12

Die wohl schmerzlichste Frauenbeziehung Cauers war die zu Anita Augspurg (1857–1943). Die beiden Frauen arbeiteten zunächst als Freundinnen für das gleiche Ziel. Cauer beschrieb ausführlich ihren Trennungsprozess, der von Wut, Trauer und Resignation begleitet wurde. Lüders verzichtete in ihrer Biografie diskret auf die Wiedergabe dieser allzu privaten Passagen, so beispielsweise für das Jahr 1901.13 Ganz anders gestaltete sich die Freundschaft Cauers mit Emma Muschka von Witt, geb. Elben (1863–1949), die ihr über drei Jahrzehnte eine einfühlsame Gesprächspartnerin war und die „treueste Seele“.14 Cauer dankte ihr in ihrem Abschiedsbrief vom 15. Juli 1922 ein letztes Mal mit bewegenden Worten: „Muschka, große, liebe Freundesseele, Sie standen zu mir in Freud‘ und Leid.“15

Ihre Aufgaben als Politikerin, Publizistin, Herausgeberin einer Zeitschrift, Rednerin und Versammlungsorganisatorin sind immer wieder Gegenstand ihrer Reflexionen. Eher selten erwähnte Cauer ihre Tätigkeit als Herausgeberin der Frauenbewegung. Im August 1907 hatte sie finanzielle Probleme und schrieb: „Ein einziges Mal eine freie große Gabe von seiten einiger reicher Frauen und alle Sorge wäre mir genommen. Heymann, Welczeck, Herrmann, Mevissen u.s.w. – sie könnten in edelster Weise mir diese Sorge abnehmen.“16 Die Rednerin Cauer führte oft ein ‚Lerntagebuch‘. Ein Beispiel: Im Januar 1895 hielt sie in der Leipziger Gesellschaft für Ethische Kultur einen anderthalbstündigen Vortrag. Im Publikum saßen Sozialdemokraten, die Redaktion der Lokalzeitung, zahlreiche Frauen und: ein Polizist. Sie notierte, wie sie während des Vortrags ihren Sprachstil einer speziellen Gruppe, den Arbeitern und Arbeiterinnen, anpasste – ein Zeichen dafür, wie bewusst sie ihre rhetorische Begabung einsetzte. In der lebhaften Diskussion plädierte sie dafür, dass auch Menschen aus bürgerlichen Kreisen sozialistische Ideen vertreten könnten und gewann damit viele Menschen für sich. Ihr Fazit: „ein Markstein in meinem Leben“.17

Forschungsfragen 

Cauer führte ihr Tagebuch zur „emotionalen Entlastung“18 – so Gabriele Braun-Schwarzenstein. Nach Einschätzung von Imbke Behnken und Pia Schmid haben Frauentagebücher oft den „Charakter von Beziehungsjournalen“.19 Beides ist sicher richtig. Minna Cauer war aber auch äußerst rational, was sich an den Passagen aus ihren letzten Lebensjahren zeigt, in denen sie sachlich die politische Situation beschrieb.20

Eine genaue Untersuchung dieser spannenden Lebenschronik steht noch aus. Zu fragen wäre beispielsweise: 

  • Welche politische und menschliche Entwicklung durchlief Cauer zwischen 1870 und 1922? 
  • In welche Netzwerke war sie eingebunden? 
  • Wie beurteilte sie nationale und internationale politische Ereignisse?
  • An welchen Stellen unterscheidet sich die Teiledition von Else Lüders von den Originalen?21
  • Welche Erkenntnisse bringt eine Analyse der Materialität, das heißt unter anderem eine Untersuchung des Schriftbildes und des eingeklebten Materials?22

In manchen Tagebüchern findet man Zeitungsausschnitte, Zeichnungen, Gedichte und Fotos.23 Minna Cauer klebte im November 1918 ein schwarz-rot-goldenes Band in ihr Tagebuch und schrieb dazu: „Dieses Band gab man mir mit herrlichen Blumen nach einer Rede in Steglitz mit den Worten: ‚der Republikanerin‘.“24 Ein sichtbares Zeichen dafür, wie viel es ihr bedeutete, als Befürworterin der republikanischen Staatsform in Deutschland gesehen zu werden.

Autor*in
Dr. Dagmar Jank

geb. 1954, Studium der Geschichte und Germanistik, Promotion in spätmittelalterlicher Kirchengeschichte, Historikerin, wissenschaftliche Bibliothekarin, Professorin für Bibliothekswissenschaft im Ruhestand, Forschungsschwerpunkte: Bibliothekarinnen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus, Frauenspezifische Bibliotheks- und Informationsarbeit in der Ersten Frauenbewegung, Bibliotheken von Frauen.

Fußnoten

  • 1. Behnken, Imbke / Schmid, Pia: Sozialisation in Frauentagebüchern. Diaristinnen im Generationenvergleich vom Kaiserreich bis zur Gegenwart, in: Jahrbuch für Historische Bildungsforschung, 3. Jg., 1996, S. 267–285, hier S. 276.
  • 2. Behnken / Schmid: Sozialisation, S. 275 f.
  • 3. Vgl. zu Lüders Schöck-Quinteros, Eva: Else Lüders (1872-1948). Von der Radikalen zum Oberregierungsrat. Leben und Karriere zwischen Frauenbewegung und bürgerlicher Sozialreform in Deutschland, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 12. Jg., 1997, H. 1, S. 49–67, Zugriff am 04.02.2019 unter http://www.digizeitschriften.de/dms/img/?PID=PPN884817873_0012%7CLOG_0013).
  • 4. Lüders, Else: Minna Cauer. Leben und Werk dargestellt an Hand ihrer Tagebücher und nachgelassenen Schriften, Gotha 1925.
  • 5. E-Mail-Auskunft Jasmin Schenk, FrauenMediaTurm Köln, 14.3.2018.
  • 6. International Institute of Social History Amsterdam: Minna Cauer Papers, Zugriff am 04.02.2019 unter https://search.socialhistory.org/Record/ARCH00256; E-Mail-Auskunft International Institute of Social History Amsterdam, 6.4.2018; International Institute of Social History Amsterdam: Annual report 1983, S. 18 und S. 30, Zugriff am 04.02.2019 unter https://socialhistory.org/sites/default/files/docs/annualreport1983.pdf; Twentieth friends‘ day, 7 january 2010. Presentation of the acquisitions, in: On the waterfront. Newsletter of the friends of the International Institute of Social History 2010, H. 20, S. 3-10, hier S. 3, Zugriff am 04.02.2019 unter https://socialhistory.org/sites/default/files/docs/publications/newsletter-20.pdf.
  • 7. FrauenMediaTurm P01-Cauer-01, Cauer, Minna: Tagebuch M.C. 1870 Eintrag vom 18.2.1870, auch bei Lüders: Cauer, S. 28.
  • 8. Lüders: Cauer, S. 285.
  • 9. Zwei Beispiele: FrauenMediaTurm P01-Cauer-05, Cauer, Minna: Tagebuch 1892–1897, Eintrag vom 23.8.1897, FrauenMediaTurm P01-Cauer-07, Cauer, Minna: Tagebuch 1907–1911, Eintrag vom 22.–25.7.1907.
  • 10. Lüders: Cauer, S. 189–192, Zitate S. 191 f.
  • 11. FrauenMediaTurm P01-Cauer-05, Cauer, Minna: Tagebuch 1892–1897, Eintrag vom 8./9.8.1897.
  • 12. FrauenMediaTurm P01-Cauer-07, Cauer, Minna: Tagebuch 1907–1911, Eintrag vom 27.10.1910.
  • 13. FrauenMediaTurm P01-Cauer-06, Cauer, Minna: Tagebuch 1900–1907, Eintrag vom 25.3.1901 und 10.5.1901.
  • 14. FrauenMediaTurm P01-Cauer-07, Cauer, Minna: Tagebuch 1907–1911, Eintrag vom November 1910. Vgl. auch Lüders: Cauer, S. 98.
  • 15. Zitiert nach Lüders: Cauer, S. 294. Das Original des Briefes befindet sich im FrauenMediaTurm Köln.
  • 16. FrauenMediaTurm P01-Cauer-07, Cauer, Minna: Tagebuch 1907–1911, Eintrag vom 4.8.1907. Gemeint sind die Frauenrechtlerinnen Lida Gustava Heymann (1868–1943), Adelheid von Welczeck, Agnes Herrmann und Mathilde von Mevissen (1848–1924).
  • 17. FrauenMediaTurm P01-Cauer-05, Cauer, Minna: Tagebuch 1892–1897, Eintrag vom 14.1.1895.
  • 18. Braun-Schwarzenstein, Gabriele: Minna Cauer. Dilemma einer bürgerlichen Radikalen, in: Feministische Studien, 3. Jg., 1984, H. 1, S. 99–116, hier S. 111.
  • 19. Behnken / Schmid: Sozialisation, S. 277.
  • 20. Lüders: Cauer, S. 210 (18.8.1917).
  • 21. Vgl. dazu allgemein Dusini, Arno: Was am Tagebuch ‚weiblich‘ sein soll …, in: Gerhalter, Li / Hämmerle, Christa (Hg.): Krieg – Politik – Schreiben. Tagebücher von Frauen (1918-1950), Wien/Köln/Weimar 2015, S. 163–173, hier S. 169, Hämmerle, Christa / Gerhalter, Li: Tagebuch – Geschlecht – Genre im 19. und 20. Jahrhundert, in: dies (Hg.): Krieg – Politik – Schreiben. Tagebücher von Frauen (1918-1950), Wien/Köln/Weimar 2015, S. 7–31, hier S. 29.
  • 22. Semanek, Brigitte: Von der Edition zum Original. Politik im Tagebuch Rosa Mayreders (1918-1934), in: Gerhalter, Li / Hämmerle, Christa (Hg.): Krieg – Politik – Schreiben, hier S. 143.
  • 23. Kalff, Sabine / Vedder, Ulrike: Tagebuch und Diaristik seit 1900. Einleitung, in: Zeitschrift für Germanistik, N.F. 26. Jg., 2016, H. 2, S. 235–242, hier S. 236, Zugriff am 04.02.2019 unter https://www.projekte.hu-berlin.de/de/zfgerm/1999-2018/h2-2016-einleitung-1.pdf.
  • 24. International Institute of Social History Amsterdam: Annual report 1983, Zugriff am 04.02.2019 unter https://socialhistory.org/sites/default/files/docs/annualreport1983.pdf, S. 23.
Ausgewählte Publikationen
Jank, Dagmar: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Die Frauenrechtlerinnen Minna Cauer (1841-1922) und Elisabeth Selbert (1896-1986), in: Kleine, Helene (Hg.): Civitas – Denkimpulse und Vorbilder. Eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe der FH Potsdam, Potsdam 2003, S. 44–51.
Behnken, Imbke / Schmid, Pia: Sozialisation in Frauentagebüchern. Diaristinnen im Generationenvergleich vom Kaiserreich bis zur Gegenwart, in: Jahrbuch für Historische Bildungsforschung, 3. Jg., 1996, S. 267–285.
Schöck-Quinteros, Eva: Else Lüders (1872-1948). Von der Radikalen zum Oberregierungsrat. Leben und Karriere zwischen Frauenbewegung und bürgerlicher Sozialreform in Deutschland, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 12. Jg., 1997, H. 1, S. 49–67.
Lüders, Else: Minna Cauer. Leben und Werk dargestellt an Hand ihrer Tagebücher und nachgelassenen Schriften, Gotha 1925.