Bremen in Bewegung
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Bremen in Bewegung?

verfasst von: Rebecca Gefken
veröffentlicht 29. September 2020
Seit mehr als 30 Jahren sammelt das Bremer Frauenarchiv und Dokumentationszentrum die Geschichte(n) von Frauen, Feminist*Innen und Bewegung(en). Endlich in den Fokus gerückt wurden jetzt bremische migrantische feministische Organisationen – gemeinsam mit Akteur*innen.

Deutschland ist schon immer ein Land mit einer heterogenen, multikulturellen Bevölkerung gewesen. Frauengeschichte sollte und darf nicht nur aus weißer Perspektive geschrieben werden. Daher war und ist es seither ein Anliegen der i.d.a Archive, Frauengeschichte intersektional zu betrachten, Interdependenzen sichtbar zu machen und so eine mehrdimensionale Betrachtungsweise zu ermöglichen. Neben belladonna e.V. sammeln beispielsweise auch ausZeiten in Bochum, das Feministische Archiv FFBIZ in Berlin, MONAliesA in Leipzig, das Frauenstadtarchiv Dresden und der Kölner Frauengeschichtsverein Materialien von BIPoC (Black, Indigenous und People of Color) Women, Migrant*innen und Frauen mit Migrationsgeschichte.1 Auch im Rahmen des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF) wurden Projekte realisiert, die Migrant*innen, Frauen mit Migrationsgeschichte(n), Women of Color (WoC) sowie Afrodeutsche Aktivist*innen in den Fokus stellen. 

Projekt: Bremen in Bewegung

Seit mehr als 20 Jahren bestehen gute Kontakte und Kooperationen mit verschiedenen bremischen Migranten*innenorganisationen und belladonna. Dadurch konnten viele einmalige Graue Materialien akquiriert werden. Zielsetzung unseres Projekts war es, in der Laufzeit von sieben Monaten bestehende Leerstellen in der bremischen Frauengeschichte zu füllen. Wir haben Geschichte(n) sichtbar gemacht, um diese für weitere Recherchen und Forschungen zur Verfügung zu stellen. Im Oktober 2019 wurden die von uns aufbereiteten Materialien bereits für eine Masterarbeit einer Studentin der Ludwig-Maximilians-Universität München verwendet.2

Während des Projekts konnten fünf Interviews realisiert werden. 
Um eine möglichst große Vielfalt abzubilden, wurden die Interviewpartnerinnen nach folgenden Kriterien ausgewählt: Sie kommen aus unterschiedlichen Organisationen, waren zu unterschiedlichen Jahrzehnten aktiv, haben unterschiedliche Bildungsgeschichten, sind in der Politik, in NGOs, der Wissenschaft oder Verbänden tätig, engagieren sich für interreligiöse und interkulturelle Dialoge, vertreten verschiedene politische Ansichten, Herkunftsländer, Altersgruppen und Lebensformen.

Protokolle, Zeitschriften, Flugblätter und Plakate

Die Grauen Materialien setzen sich aus Protokollen, Plakaten, Flugblättern und Zeitschriften zusammen. Einen besonderen Bestand konnten wir im Laufe des Projekts vom Dachverband der Ausländerkulturvereine Bremen (DAB) akquirieren, den Gule İletmiş mitgegründet hat. Sie ist eine der von uns interviewten Expertinnen und war von 1987 bis zur Insolvenz des Verbands im Jahr 2004 die Geschäftsführerin. Durch ihr Engagement war es uns möglich, unseren Bestand an Grauen Materialien maßgeblich zu erweitern. Neben vereinsinternen Dokumenten konnten wir auch unseren Bestand der Zeitschrift STIMME vervollständigen. Die STIMME erschien von 1987 bis 2003 mit zehn Ausgaben pro Jahr und war „Sprachrohr für diejenigen, die selten die Möglichkeit haben, ihre Stimme zu erheben“3

DAB: Für ein gleichberechtigtes Zusammenleben

Interviews 

Unsere Interviews verdeutlichen die Bandbreite der Migrant*innenorganisationen in Bremen, die ab den 1970er-Jahren gegründet wurden und teilweise bis heute noch bestehen. Einige sind neu hinzugekommen, andere mussten aufgeben. Im Folgenden sollen kurze Einblicke in die geführten Gespräche gegeben werden.

Gule İletmiş ist seit den 1970er-Jahren in Bremen politisch aktiv. In unserem Interview berichtet sie als ehemalige Geschäftsführerin des Dachverbands Ausländischer Kulturvereine von den Diskriminierungen und Abwertungen in den 1980er-Jahren als Frau, Migrantin und Geschäftsführerin. Neben ihrer Vereinstätigkeit widmete İletmiş sich ihrer parteipolitischen Arbeit: Sie war bereits 1990 in die SPD eingetreten. 1999 wurde sie als erste Migrantin in die Bremische Bürgerschaft gewählt. Ihre Intention formuliert sie so: „Mein längerfristiges Ziel wäre, den politischen Rahmen so zu ändern, dass man als Migrant beziehungsweise Migrantin eine gesellschaftliche Gleichstellung erhält.“4
2019 zog sich Gule İletmiş aus ihrem gesellschaftspolitischen Leben zurück und pendelt seitdem zwischen der Türkei und Bremen. 

Stimme 4/5 1987: Zeitschrift für In- und Ausländer im Lande Bremen
Stimme 7/99: Zeitschrift für In- und AusländerInnen im Lande Bremen

 

Die zweite Interviewpartnerin, Halime Cengiz, ist seit den 1980er-Jahren politisch in Bremen aktiv. Sie war die erste Muslima im Rundfunkrat von Radio Bremen, weiter war sie in Stadtteilarbeit sowie als Vorständin im Bremer Rat für Integration aktiv. Cengiz hat sich früh politisch in Bremen betätigt und wurde dafür ausgezeichnet – unter anderem mit dem Bremer Integrationspreis, dem Friedens- und Kulturpreis der Villa Ichon5 und dem Demokratie leben!-Preis.6 Weiter berichtet Cengiz von der Gründung des Bremer Rats für Integration, an welcher sie beteiligt war. Darüber hinaus engagierte sie sich nicht nur im interkulturellen, sondern auch in einem interreligiösen Austausch. Heute hat sich Halime Cengiz aus allen politischen Ämtern und Aktivitäten, bis auf den Interkulturellen Austausch, der in Kooperation mit belladonna stattfindet, zurückgezogen. 

Ein weiteres Interview haben wir mit Lucyna Bogacki geführt, sie ist seit den 1980er-Jahren in Bremen politisch aktiv. Sie wurde Landeskoordinatorin für Migration, Koordinatorin des zivilgesellschaftlichen Engagements im Flüchtlingsbereich und stellvertretende Vorsitzende des Bremer Rats für Integration. In unserem Interview erzählt Bogacki viele Anekdoten aus ihrer mehr als 30-jährigen Berufserfahrung in der Arbeit als Brückenbauerin zwischen Jugendlichen verschiedener Nationalitäten.7 Ende der 1990er-Jahre bekam ihr Vorname Lucyna eine spezielle Bedeutung. Aufgrund rassistischer Vorurteile wurden damals vielen Jugendlichen Diskobesuche in Bremen verwehrt. Daraufhin veranstaltete Bogacki in einem Gröpelinger Jugendclub eine der ersten Diskos, bei denen auch Spätaussiedler*innen und Jugendliche mit Migrationsgeschichte willkommen waren – die Jugendlichen nannten kurzerhand die gesamte Veranstaltung Lucyna. Bis heute (2019) ist Lucyna Bogacki in den bereits genannten Ämtern aktiv. 

Eine weitere wichtige bremische Vertreterin ist Dr. Aysun Doğmuş, sie ist seit den 1990er-Jahren politisch aktiv. Von 2000 bis 2009 war sie im Vorstand des Migrantinnenrats (MigRa) und seit vier Jahren arbeitet sie im belladonna-Beirat mit.
Bereits zu Beginn ihres Studiums in den 1990er-Jahren nahm Doğmuş Kontakt zu dem Bremer Verein DeColores auf, begann sich in Bremen zu vernetzen und kam in Kontakt mit dem Migrantinnenrat.8 In unserem Interview schildert Doğmuş neben ihren Vereinstätigkeiten auch Schwierigkeiten, die ihre eigene Identität angehen.

Sie hinterfragt, wie sinnvoll es sei, sich als Migrantin zu positionieren, und konstatiert: „Und ich glaube, das ist auch heute noch das, was meine Arbeit an der Uni oder Wissenschaft begleitet. Weg von einer Kulturalisierung, weg von einer Zuschreibung nationaler Zugehörigkeit, sondern das, was beim Migrantinnenrat für mich besonders war: Wir sind hier zusammen und beschäftigen uns mit der Positionierung als Migrantin. Und […] das war sozusagen der vereinende Punkt […].“9 Weiter beschreibt Doğmuş, wie wichtig und interessant es für sie gewesen sei, viele ältere Aktivistinnen kennenzulernen, da diese eine gewisse Vorbildfunktion hatten.10 So manche Debatten, die Ende der 1990er-Jahre geführt wurden, wie zum Beispiel über Intersektionalität, waren bereits inhaltliche Wiederholungen aus vorherigen Diskursen. Es stellte sich laut Doğmuş die Frage: „Wer spricht, wem wird zugehört, wer kann sprechen.“11
Heute (2019) ist Aysun Doğmuş an der Universität Münster beschäftigt und ist Teilnehmerin der Arbeitsgruppe Interkulturelle Erziehungswissenschaft. Diese befasst sich mit Bildung, Erziehung und Sozialisation in Migrationsgesellschaften. 

Interview mit Virginie Kamche

Die Runde komplettiert Virginie Kamche, sie ist seit den 2000ern politisch aktiv. Nach ihrem abgeschlossenen Studium der Informatik gründete sie 2008 das Afrika Netzwerk Bremen und engagiert sich für Migrant*innen im Land Bremen. Sie selbst hat die Erfahrung gemacht, als Schwarze Frau in Bremen nicht als Expertin wahrgenommen, unterschätzt und angefeindet zu werden.

Diese Erfahrungen motivierten sie, selbst aktiv zu werden und selbst einen Verein zu gründen. Mit dem Afrika Netzwerk Bremen setzte sie 2010 ihr Vorhaben um. Unter dem Motto: „Gemeinsam sind wir stark“12 und mit Kamche selbst als Multiplikatorin wurde der Verein in Bremen schnell bekannt. Ihre Funktion beschreibt sie folgendermaßen: „Ich arbeite als Fachpromotorin für Migration, Diaspora und Entwicklung. Das heißt, meine Aufgabe besteht darin, die 17 Ziele der Vereinten Nationen bei den Migranten-Organisationen zu fördern.“13 Kamches Anliegen ist es, für mehr Sichtbarkeit von Menschen zu sorgen, die häufig nicht wahrgenommen werden.14 Durch Veranstaltungen, Gespräche und auch als Multiplikator*innen rücken Menschen in den Vordergrund, die zu Vorbildern werden können – Vorbilder, die sie sich für sich selbst, aber auch für ihre eigenen Kinder gewünscht hätte.15 Sie hofft, das Denken von vielen Menschen durch ihr Engagement verändern zu können.16 Bis heute ist Virginie Kamche in ihrem Verein als Multiplikatorin und interkulturelle Trainerin tätig. 

Mit unseren Interviews haben wir neue Materialien für die Frauenbewegungsforschung generiert, die eine intersektionale Erforschung der jüngsten Frauenbewegungsgeschichte ermöglichen.

Stand: 29. September 2020
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Verfasst von
Rebecca Gefken

geb. 1992. Studium der Geschichtswissenschaft und Gender Studies. For-schungsschwerpunkte: Queer(e) Theorie(n), Sichtbarkeit(en) und herstory.

Empfohlene Zitierweise
Rebecca Gefken (2020): Bremen in Bewegung?, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/bremen-bewegung
Zuletzt besucht am: 01.12.2020

Fußnoten

  • 1. Franken, Irene / Jazaeri, Shirin / Staudenmeyer / Renate (Hg.): Was erreicht? Frauenbewegte Lebensge-schichten aus der Sicht unterschiedlicher Kulturen, Köln 2001.
  • 2. Finkeldey, Caroline: Die Berichterstattung über den Jugoslawienkrieg in der Zeitschrift Stimme, Zeitschrift für In- und Ausländer/innen im Land Bremen, München 2020.
  • 3. Flyer DAB 1987.
  • 4. STIMME 7/1999.
  • 5. I-3, Halime Cengiz, S. 3.
  • 6. Ebenda.
  • 7. I-4, Lucyna Bogacki, S. 8.
  • 8. I-1, Aysun Doğmuş, S. 3.
  • 9. Ebenda, S. 4.
  • 10. I-1, Ebenda, S. 5.
  • 11. Ebenda.
  • 12. I-5, Virginie Kamche, S. 2.
  • 13. Ebenda, S. 1.
  • 14. Ebenda, S. 9.
  • 15. Ebenda, S. 16.
  • 16. Ebenda, S. 45.
Ausgewählte Publikationen
Autonome iranische Frauenbewegung im Ausland e. V.: Wir haben keine Heimat : Migrantinnen im vereinigten Deutschland. Eine Sammlung von fünf Aufsätzen aus den Jahren 1989-1993, Berlin 1993.
Concha, Pineda et al. (Hg.): Anfang der Weisheit : eine Erhebung zur Unterrepräsentation der "Schwarzen" Frauen im Arbeitskreis Autonomer Frauenprojekte und Grundlagen für eine Antirassismusvereinbarung, Hamburg 1993.
Franken, Irene / Jazaeri, Shirin / Staudenmeyer / Renate (Hg.): Was erreicht? Frauenbewegte Lebensgeschichten aus der Sicht unterschiedlicher Kulturen, Köln 2001.
Köchl, Sylvia: Fields of transfer. MigrantInnen in der Kulturarbeit, Wien 2007.