Postkarte MONAliesA
Bildnachweis
MONAliesA Feministische Bibliothek / Mona Ragy Enayat
Lizenz
Schließen

Über MONAliesA

MONAliesA ist die erste Frauenbibliothek Ostdeutschlands. Ihre Geschichte wird hier erzählt: von den Anfängen 1990 bis zum zehnjährigen Jubiläum.

Ovationen einer MONAliesA-Tochter 

MONAliesA – das ist „Bibliothek zum Anfassen und Mitmachen“1, so die Gründerin Susanne Scharff. So plastisch soll nun auch die bewegte und bewegende Geschichte der Frauenbibliothek erzählt werden. Im Fokus steht dabei der Zeitraum der Wiedervereinigung, die der Gründung dieses und vieler anderer Frauenprojekte den Weg ebnete. Ausführlicher erzählt MONAliesA ihre Geschichte mit Kommentaren und Erläuterungen auf ihrer Webseite und in einer kostenfreien Broschüre.

30 Bücher und ein Stahlschrank – Die Anfänge der Frauenbibliothek 

Alles begann, als die Gesellschaft in der DDR 1989 aus den Angeln gehoben wurde. Die oppositionellen Kräfte erkannten eine Chance, den Staat hin zu einer demokratischeren Zukunft umzugestalten und auch frauenpolitisch schien einiges möglich. Im November 1989 gründeten deshalb Aktivistinnen in Leipzig die Fraueninitiative.

Zeitgleich machte sich die 25-jährige Lehrerin Susanne Scharff aus Leipzig auf zu ihrem ersten ‚Westbesuch‘ nach Wien. Freundinnen führten sie in die Wiener Frauenszene ein. Erst hier merkte sie, was ihr zu Hause fehlte: der Austausch mit Frauen über ihre Erfahrungen und Ansichten. Zurück in Leipzig zog es sie im Februar 1990 zur Fraueninitiative ins Haus der Demokratie. Sofort stachen die Kisten mit den Bücherspenden westdeutscher Feministinnen ins Auge – aber auch das Problem, dass die Bücher immer weniger wurden und in heimischen Regalen verschwanden. 

Also nahm sich Susanne Scharff der Bücher an und verbrachte sieben Tage die Woche sortierend und katalogisierend in der kleinen Bibliothek oder trieb Spenden ein. „Es war halt der erste, eigenständige Bereich im Leben, den ich hatte … also ich konnte da was formen und was aufbauen.“2 Die Nachfrage stieg. In Zeiten starker Orientierungslosigkeit suchten die Frauen Antworten in den Büchern und den Gesprächen mit anderen Frauen. 

Eigentlich wollte Susanne Scharff ‚nur‘ den Grundstein legen und die Bibliothek dann in vertrauenswürdige Hände übergeben. Jedoch fanden sich keine. Also entschied sie sich zu bleiben, „inzwischen war es auch mein 3. Kind, diese Bibliothek“.3 Im Sommer 1991 wurde eine ABM-Stelle bewilligt. Jetzt begann ein systematischer Bestands- und Bibliotheksaufbau. Die Frauenbibliothek war nun für die NutzerInnen elf Stunden pro Woche geöffnet.

Interview mit Susanne Scharff, 15.5.1992

„Nach dem Ausleihen wollten die Frauen einfach nicht nach Hause“ – Die Frauenbibliothek als Veranstaltungsort

Die Frauen wollten reden – über die Bücher, die sie gelesen hatten, ihre Probleme im Alltag und die Frage nach dem Wohin in Zeiten, in denen durch die Meinungs- und Pressefreiheit alles und durch drohende Arbeitslosigkeit und restriktive Frauenpolitik zugleich nichts möglich schien: „Nach dem Ausleihen wollten die Frauen einfach nicht nach Hause.“4 So entstand die Idee, Veranstaltungen durchzuführen, in denen Frauen sich austauschen konnten. Ganz nah an den Bedürfnissen und Interessen der Frauen sollten die Themen sein – getreu dem Motto: „Erst die Frau, dann das Buch.“5 Die Veranstaltungsreihen bildeten eine große Bandbreite an Fraueninteressen ab: von Magie, afrikanischem Tanz und Doppelkopf über lesbische Liebe, DDR-Modefotografie und Frauen-Selbstverteidigung bis hin zu Gewalt gegen Frauen, Frauenarbeitslosigkeit und Frauen im Nationalsozialismus. 

Sag dem Leben, daß ich komme! – Die Anfänge der Mädchenarbeit 

Zeit und Raum für Mädchen in der Frauenbibliothek Leipzig, 1994

Besondere Pionierinnenarbeit leistete die Frauenbibliothek in Sachen Mädchenarbeit. Mit niedrigschwelligen Angeboten zog die MONAliesA Mädchen an. In den Veranstaltungen6 ging es um beschränkende Schönheitsideale und sexuelle Belästigung, Menstruation, Lesbisch-Sein und die Berufswahl. Ziel war die Hinterfragung von Rollenerwartungen und die Entwicklung einer selbstbestimmten und positiven weiblichen Identität.

Gemeinsam mit ihren Mädchen wuchs auch die MONAliesA heran: 1992 schulterten das Projekt bereits zwei feste Mitarbeiterinnen, daneben 10 bis 15 Ehrenamtliche sowie Praktikantinnen und stetig wuchs der Bestand. Die MONAliesA brauchte mehr Platz und bezog 1993 im Haus der Demokratie neue Räume. Die Frauenbibliothek war nun eine Einrichtung mit eigenen Räumen und mit einer Ausstrahlung bis über die Stadtgrenzen hinaus. Sie bezog öffentlich Stellung in frauenpolitischen Kämpfen gegen patriarchale Ungerechtigkeit und Diskriminierung.   

Bereits 1996 beanspruchte die Bibliothek „schön, kess und unbescheiden“7, wie sie nun einmal war, abermals mehr Platz und sie zog innerhalb des Hauses der Demokratie ein zweites Mal um. „Ein lichter, großer Raum, freundlich, nicht erdrückend trotz der Bücherfülle […]. Grünpflanzen auf den Fensterbänken, Blick über die Dächer, eine Kinderspielecke, im Erker ein lila Sofa“.8

„Selbstbewusstsein durch Lesen.“ – Das Selbstverständnis der Frauenbibliothek MONAliesA

Die MONAliesA sammelte theoretische Analysen, Informationen und Erfahrungen von und über Frauen und Mädchen mit dem Ziel, ihnen einen Weg zu ihrer oft verschütteten, weiblichen Geschichte zu ebnen. Die Bibliothek gewährte einen Zugang zu nunmehr unzensierter Literatur für die Frauen im Osten, die das Subjekt Frau stärkten und Handlungsoptionen im Kampf für eine gleichberechtigtere Zukunft eröffneten. „Selbstbewusstsein durch Lesen“9 war das Ziel.

Die Bibliothek war aber nicht nur ein Ort des Lesens und Leihens. Besonders für die vielen Frauen, die nach 1990 ihren Job verloren, und für Mütter im Babyjahr war die MONAliesA Anlaufstelle. Ihr Anspruch war es, immer ein Buch und ein offenes Ohr für die Alltagssorgen der Frauen parat zu haben . Die Anfragen waren so zahlreich, dass die MONAliesA begann, systematisch Kontakte zu Beratungsstellen und Therapeutinnen zu sammeln, so wurde sie zur stadtbekannten Infobörse für Frauen. Diese Informationen trugen die Mitarbeiterinnen 1995 für den ersten Frauenstadtplan zusammen.

Für jedes Problem eine Frau... Ein- und Ausblicke der Leipziger Frauenbibliothek, 1992

MONAliesAs chronischer Geldmangel

Das Wissen von Frauen in viel zu kleinen Räumen und unzureichender finanzieller Absicherung zusammen mit einer gehörigen Portion Selbstausbeutung und Ehrenamt – dieses Los teilt die MONAliesA wohl mit den meisten Frauenarchiven und -bibliotheken: „Es ist immer wieder ein harter Kampf, Behörden klarzumachen, daß in diesem Frauenprojekt keine Kochbücher durchgeblättert werden.“10 Gleichstellungpolitik hat eben nicht immer einen verlässlich hohen Stellenwert. Das hat auch die MONAliesA zu spüren bekommen. Im ersten Jahr lehnten das Land und die Kommune die Förderanträge ab, dann folgte 1993 der Haushaltsantrag der CDU, die Fördersumme auf null zu kürzen und 1997 das kurzzeitige Aus. 

CDU-Antrag zum Haushaltsplan 1993

Als erstes nahm sich das Leipziger Referat für Gleichstellung des Projektes an und 1993 wurde die MONAliesA sogar in die städtische institutionelle Förderung aufgenommen. Die Zuschüsse blieben jedoch auf Kante genäht, ungewiss und waren kürzungsanfällig.

Dokumente zur finanziellen Situation der MONAliesA, 1992
Brief an den Kulturausschuss, 1993
Plakat und Presseerklärung zur Schließung

1997 verlor die MONAliesA den Boden unter den Füßen. Der Kulturhaushalt der Stadt Leipzig wurde stark gekürzt, das Referat für Gleichstellung konnte durch die Halbierung seines Etats keine Personalkosten mehr zahlen, das Land sprang ab und auch der vom Jugendamt bewilligte Zuschuss für die Mädchenarbeit reichte zunächst nur für ein halbes Jahr. Ein Weiterarbeiten war nicht möglich und die MONAliesA musste schließen. Das Team rief zu Solidaritätsschreiben auf und initiierte eine Unterschriftenaktion. 

Auf einige der Protestbriefe antwortete das Kulturamt und stellte seine Sicht der Dinge dar. Mit der Bewilligung sei eine Personalstelle abgedeckt und die MONAliesA vergleichsweise großzügig bedacht worden. 

Die Proteste indes führten zu kleineren Erfolgen. Mit der Wiedereröffnung der MONAliesA im Mai 1997 waren zumindest anderthalb der vier Stellen für das komplette Jahr gerettet. Ohne die Reduzierung der Öffnungszeiten und der Veranstaltungen war der weitere Betrieb jedoch nicht möglich.

Protestaktionen der MONAliesa zur Schließung 1997
Plakat zur Wiedereröffnung der MONAliesA, 1997

„Leben pur – das waren die letzten 10 Jahre für mich.“ 

Die Protestaktionen machten die MONAliesA in der Frauenbewegung bundesweit bekannt. Auch die Bücherfrauen wurden aufmerksam und kürten Susanne Scharff 1997 prompt zur Bücherfrau des Jahres. Die Preisverleihung wiederum zog einen enormen Presserummel nach sich, den die MONAliesAs nutzten, um auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen. Im Oktober 1997 wurde Susanne Scharff auf der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet. 
Die Ernennung zur Bücherfrau war sicherlich einer der Gründe, warum die MONAliesA durchgehalten hat und im Jahr 2000 ihr Zehnjähriges begießen konnte. Trotz vieler Hürden und Rückschläge hat die MONAliesA ihren Kopf über Wasser gehalten und blickt auf eine leidenschaftliche und leidensvolle Geschichte zurück – „Leben pur“11 eben. 

Zum Glück hat die MONAliesA nie vergessen, an sich selbst zu denken, und beherbergt ein umfangreiches Archiv zu ihrer Geschichte. Die Sammlung enthält Konzeptionen, Selbstdarstellungen, Veranstaltungsprogramme, ein Pressearchiv, Frauenstadtpläne, Briefwechsel mit Behörden und Parteien, Dokumentationen der Kämpfe um politische Anerkennung und ein umfangreiches Fotoarchiv: Diese Zeugnisse stehen nun der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Das zehnjährige Jubiläum jedenfalls wurde gefeiert und es war an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Um zwei Umzüge, unzählige Veranstaltungen und Verhandlungen mit Verwaltung und Politik, einen eigenen Verein, über 1.000 NutzerInnen, chronischen Geldmangel, einen Einbruch, viele Mädchennachmittage, die Organisation zweier internationaler Treffen der Frauen- und Lesbenarchive und -bibliotheken, gewonnene und verlorene Kämpfe reifer resümiert Susanne Scharff: „Es ist ein schönerer Traum geworden, als ich es je geträumt hatte.“12

Flyer zum 10-jährigen Jubiläum der MONAliesa, 2000
Materialien zum 34. Treffen deutschsprachiger Frauen-/Lesbenarchive und -bibliotehken und Dokumentationsstellen in Leipzig, 2000

Dieser Beitrag wurde durch Förderung für MONAliesA durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Landesdirektion Sachsen ermöglicht.

Stand: 04. Dezember 2020
Verfasst von
Sabrina Zachanassian

geb. 1980, studierte Erziehungswissenschaften und Gender Studies in Berlin und ist langjährige Projektmitarbeiterin in der MONAliesA. Ihre Forschungsthemen umfassen unter anderem die Funktionsweise des Patriarchats sowie die Entstehung von Geschlechtsidentitäten.

Empfohlene Zitierweise
Sabrina Zachanassian (2020): MONAliesA, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/monaliesa
Zuletzt besucht am: 13.06.2021

Netzwerk von MONAliesA

Biografie von MONAliesA

1990

Gründung in Leipzig

1992

Die Frauenbibliothek erhält den Namen „MONAliesA“

1994

Herausgabe des ersten FrauenStadtplans für Leipzig

1997

Gründung des gemeinnützigen Vereins MONAliesA e.V. Leipzig

Oktober 1997

Auszeichnung von Susanne Scharff „BücherFrau des Jahres“ durch die Deutsche Sektion des Netzwerkes „Women in Publishing“

2006

Integration der Genderbibliothek der Universität Leipzig in den Bestand der MONAliesA

2014

Der neue Trägerverein Lotta e.V. eröffnet die Bibliothek wieder nach einem dreiviertel Jahr der Schließung

2016

Der Web-OPAC (Online Katalog) der MONAliesA geht online. Nun kann der Bestand nicht nur vor Ort, sondern auch aus der Ferne recherchiert werden.

Fußnoten

  • 1. MONAliesA (im Folgenden: ML), HSS2 Schu, Schuler, Martina: Frauenarchive und Frauenbibliotheken. Konzepte und ihre Realisierung an ausgewählten Beispielen,1994, S. 39.
  • 2. ML, GL ML 01-14, Bl. 4 [v].
  • 3. ML, GL ML 01-14, Bl. 5 [r].
  • 4. Kundt, Anne: „Schwäche für Krimis“. „Bücherfrau“ Susanne Scharff über die Anfänge, den Bestand und das Programm der Frauenbibliothek MONAliesA, in: Kreuzer, 2000, H. 2, o. S.
  • 5. Petra Seyde: Frauenbibliothek MONAliesA – Erst die Frau, dann das Buch, dann der Katalog! Oder: Es gibt Dinge, die ändern sich nicht. Susanne Scharff, Interview 2014, in: Haus der Demokratie Leipzig e.V. (Hg.): Haus der Demokratie Leipzig. Chronik. Geschichte der Immobilie 1901/2015, Leipzig 2015, S. 341–345.
  • 6. Sag dem Leben, dass ich komme! ML, GL ML 05-64_33 Mädchenveranstaltung vom 19.9.1996, Bl. 1 [r].
  • 7. Hildebrand, Irma: Die Bücherfrau des Jahres 1997, in: Frau und Kultur 1998, H. 2, S. 16.
  • 8. Dt/hi: Alles, was sich zu lesen lohnt. „MONAliesA“ macht Frauen (lese-)stark – nun schon seit 10 Jahren, in: Leipziger Rundschau, 16.2.2000, o. S, GL ML 11-110_03.
  • 9. Enders, Elisabeth: Weibliche Bücher, in: Leipziger Volkszeitung 1991, o. S.
  • 10. ML, GL ML 02-28 Interview mit Marion Ziegler, S. 16.
  • 11. Ebenda.
  • 12. (Ohne Angabe): „Es ist ein schönerer Traum geworden, als ich es je geträumt hatte. Das ist die Wahrheit!“ – Zehn Jahre Leipziger Herbst, in: Kippe Nr. (Ohne Angabe).