Weiblich und migrantisch. Geschichten aus Dresden
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Weiblich*, migrantisch*, unsichtbar

verfasst von: Sarah Thomas, Melanie Pißner
veröffentlicht 28. Juli 2021
Migrantinnen* werden in unserer (weißen) Mehrheitsgesellschaft meist unsichtbar gemacht. Auch im Frauenstadtarchiv Dresden sind ihre Geschichten und Erfahrungen unterrepräsentiert. Was sind die Gründe dafür?

32.817 ungehörte Frauen*

In Dresden lebten Ende 2019 71.418 Menschen1 mit Migrationshintergrund2 . Mit 12,7 Prozent stellen sie eine nicht unbedeutende Gruppe dar, die das Leben in Dresden mitprägt. Doch ihre Repräsentation im öffentlichen Raum ist weit entfernt von einem entsprechenden Anteil. Nur wenige Publikationen und Projekte beschäftigen sich mit Migration in Ostdeutschland. So notwendig der wissenschaftliche Blick auch ist, es fällt auf, dass Frauen* hierbei meist mitgemeint sind, deren Erfahrungen und Stimmen jedoch keine hinreichende Aufmerksamkeit erfahren. Es gibt zwar in den letzten Jahren mehr Auseinandersetzung mit der Thematik3 , aber sowohl die Forschung zu migrantischen Frauen* in der DDR/in Ostdeutschland, als auch die öffentliche Wahrnehmung speziell weiblicher* Erfahrungen mit Migration weist nach wie vor viele Leerstellen auf. Ebenso fehlt es an zugänglichem Ego-Material der Personen, welches ihre Sicht auf ihre Geschichte(n) darstellt und für die Nachwelt festhält. In Dresden betrifft dies immerhin 32.817 Frauen.4

Auch im Frauenstadtarchiv Dresden (FSA) sind uns in den vergangenen Jahren diese Leerstellen deutlich aufgefallen. Deshalb soll das Projekt ‚(Un-)Sichtbar? Weiblich* und migrantisch in Sachsen: DDR. Transformationszeit. 30 Jahre darauf‘ neues Quellenmaterial generieren und dieser Blickwinkel unseren Forschungsansatz mitbestimmen.

Wo finden sich Spuren von Migrantinnen* im Bestand des FSA?

Im Rahmen des genannten Projekts hat das Team des FSA die bereits im Bestand vorhandenen Materialien zu weiblich*-migrantischer Geschichte durchsucht und analysiert. Auffällig ist der Bestand um die jüdische Widerstandskämpferin* Rosa Menzer, in dem sich Schriftstücke und Dokumente aus ihrem eigenen Nachlass und dem ihrer Tochter befinden. 1886 in Litauen geboren, kam sie 1908 nach Dresden, wo sie sich der KPD und der Internationalen Arbeiterhilfe anschloss und den Striesener Roten Frauen- und Mädchenbund leitete. Auch als Kandidatin* der KPD für den Sächsischen Landtag wurde sie angefragt. 1939 wurde Rosa Menzer wegen angeblichen Hörens von Feindsendern, ihr Radio wurde bereits 1935 konfisziert, verhaftet und – obwohl das Verfahren eingestellt wurde – nicht mehr freigelassen. 1940 deportierte man sie in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, 1942 dann in die Tötungsanstalt Bernburg, wo sie vermutlich am 28. Mai 1942 umgebracht wurde. Gemeinsam mit dem FSA und anderen Einrichtungen wurde 2015/16 an der TU Dresden eine bemerkenswerte Forschungsarbeit konzipiert: der Audiowalk ‚Rosa Menzer war hier‘.5

Marwa El-Sherbini ist die zweite Frau*, zu der eine größere Menge Material vorhanden ist. Die Ägypterin* wurde 2009 nach einer Gerichtsverhandlung, zu der sie als Zeugin* geladen war, beim Verlassen des Gerichtsgebäudes durch den Angeklagten aus rassistischen und sexistischen Motiven erstochen. Die Tat löste internationales Entsetzen aus und beschäftigte, analog zum Prozess gegen den Täter, die Dresdner Zeitungen jahrelang. Diese Artikel machen den Großteil des Bestandes zu Marwa El-Sherbini aus.6

Dies sind die einzigen zwei Dresdnerinnen* mit Migrationserfahrung, zu denen das Material umfangreicher ist. Der übrige Bestand, der sich mit Migrantinnen* beschäftigt, besteht aus einzelnen Zeitungsartikeln der frühen 1990er-Jahre über die Situation von Vertragsarbeiterinnen*, Spätaussiedlerinnen* und Geflüchteten aus Bosnien.7 Außerdem finden sich Jahresberichte der Ausländerbeauftragten Dresden aus den Jahren 1993 bis 1996, die sich jedoch wenig mit der Situation von Frauen* im Speziellen auseinandersetzen.8

Warum fanden migrantische Frauen* im FSA so wenig Beachtung?

Um herauszufinden, wie die Lücke im Bestand zu weiblich*-migrantischer Geschichte entstanden sein könnte, hat das FSA Kontakt zu fünf ehemaligen Mitarbeiterinnen* aufgenommen. Sie wurden gefragt, was die Inhalte der Projektarbeit waren, wie Bestände eingeworben wurden und potenzielle Vor- und Nachlasserinnen* auf das Archiv aufmerksam wurden bzw. hätten aufmerksam werden können. Zudem fragten wir konkret nach der Auseinandersetzung mit weiblich*-migrantischer Geschichte und nach Vermutungen, warum im Archivbestand des FSA eine Lücke an dieser Stelle besteht.
Von den fünf angeschriebenen Frauen* haben vier geantwortet. Diese ehemaligen Mitarbeiterinnen* waren zu unterschiedlichen Zeiten im FSA bzw. in der Partnerorganisation Verein zur Erforschung der Dresdner Frauengeschichte e. V. (VEDFG) tätig, dessen Bestand das FSA zusätzlich betreut. So entstand ein erster Überblick über die Arbeit im VEDFG und FSA im Zeitraum von 1994 bis 2019.

Nach Auswertung der Fragebögen lässt sich zusammenfassend sagen, dass analog zum Archivbestand auch bei Projekten und Veranstaltungen weiblich*-migrantische Geschichte kaum thematisiert wurde. Begründet wird dies zum einen damit, dass andere Themen zum jeweiligen Zeitpunkt als wichtiger erachtet wurden. Darunter wird die Auseinandersetzung mit Zeitzeuginnen* erwähnt, welche die Anfangszeit der DDR erlebt hatten: „Wir haben uns zuerst um die ältesten Zeitzeuginnen gekümmert, da sie später nicht mehr zur Verfügung gestanden hätten.“9 Eine andere Befragte berichtet: „[W]ir waren eher mit den ‚gebrochenen‘ Biographien der Frauen beschäftigt, die gegen Ende der 90er kurz vor der Rente standen und schon jahrelang ohne Erwerbsmöglichkeiten ausharrten.“10 Zum anderen wird von einer ehemaligen Mitarbeiterin* angeführt, dass sie aufgrund der Förderrichtlinien, des engen Finanzrahmens und der begrenzten Arbeitszeit nicht in der Lage waren, alle wichtigen feministischen Themen zu bedienen.11 Auch wird von drei der vier Befragten rückblickend erkannt, dass die Aufmerksamkeit für Migrantinnen* einfach gefehlt habe.12

Die wenigen Projekte, die sich mit weiblich*-migrantischer Geschichte auseinandersetzten, entstanden zwischen 2014 und 2019. Darunter waren die Betreuung einer Abschlussarbeit zu Rosa Menzer und eine Lehrveranstaltung mit der TU Dresden zur jüdischen Geschichte Dresdens, bei der es unter anderem um die Migrationsgeschichte vor und im Nationalsozialismus ging.13 Außerdem erschien in der Frauen-Zeitung des FSA, die 2015 herausgegeben wurde, ein Interview zum Thema Flucht und Migration.14

Persönliche Kontakte, fehlende Perspektiven

Auffällig ist, dass beim Einwerben von Vor- und Nachlässen – das spiegelt sich in allen Antworten wider – persönliche Kontakte häufig eine große Rolle spielten. Andere Wege, über die neues Archivmaterial angeworben wurde, waren öffentliche Veranstaltungen, wie zum Beispiel Erzählcafés, Anzeigen in Zeitungen und Kontaktaufnahmen seitens der Frauen*, die auf das FSA aufmerksam wurden, weil sie im selben Viertel lebten. Auch bei der Einstellung von Mitarbeiterinnen* fällt die Bedeutung der persönlichen Kontakte auf.15

Mithilfe der Antworten aus den Fragebögen lassen sich nur Vermutungen anstellen, warum es eine Lücke in den Beständen des FSA gibt. Festzuhalten ist jedoch, dass es in einem Großteil der deutschen Mehrheitsgesellschaft schon immer eine Ignoranz gegenüber Perspektiven und Erfahrungen von Minderheiten gab, dementsprechend gilt dies auch für migrantisch-weibliche* Stimmen und Erfahrungen. Dieses ‚Übersehenwerden‘ zeigt sich auch im FSA, welches vermutlich auch der fehlenden Migrationserfahrung der Mitarbeiterinnen* in diesen Projekten geschuldet war. An dieser Stelle wäre es spannend, der Rolle der persönlichen Kontakte weiter nachzugehen. Warum gab es keine Verbindungen zu Migrantinnen*, die als Mitarbeiterinnen* hätten vermittelt werden können? Ebenso wichtig wäre es zu fragen, ob sich Migrantinnen* im FSA beworben haben.

In Hinsicht auf die Bestandseinwerbung schreibt eine Befragte: „Wir haben an dieser Stelle nie offensiv Bestand eingeworben. Das ist wirklich eine Schwachstelle bei uns gewesen. Wir haben uns oft in unserer Blase bewegt. Das hat einerseits mit einer enormen Arbeitsbelastung, aber andererseits auch mit Blindheit bestimmten Personengruppen gegenüber zu tun. Denn die Bestandseinwerbung von Privatnach- und/oder [-v]orlässen hat viel über den Aufbau von persönlichen Kontakten stattgefunden und die haben wir an dieser Stelle nie offensiv gesucht.“16 Offen bleibt darüber hinaus, warum sich Migrantinnen* nicht von den öffentlichen Veranstaltungen angesprochen fühlten. Kamen die Ankündigungen vielleicht nicht bei ihnen an oder waren die Räume, in denen die Veranstaltungen stattfanden, für sie nicht zugänglich, zum Beispiel aufgrund von Sprachkenntnissen oder anderen Ausschlussmechanismen? Es braucht noch viel Aufarbeitung, eine kontinuierliche Beschäftigung mit Überlieferungs- und Archivierungslücken und vielleicht den Vergleich mit der Praxis anderer FrauenLesbenarchive und dem i.d.a.-Dachverband17 . Denn hier fanden in der Vergangenheit vereinzelt Auseinandersetzungen mit Rassismus und dem Fehlen von nicht-weißen Frauen* statt. Doch auch hier bedarf es weiterhin einer andauernden Auseinandersetzung. Jetzige und zukünftige FSA-Generationen müssen versuchen, Leerstellen zu finden und diese weiter zu problematisieren, wenn sie sich bewusst mit dieser (eigenen) Ignoranz auseinandersetzen.

Die im Projekt ‚(Un-)Sichtbar? Weiblich* und migrantisch in Sachsen: DDR. Transformationszeit. 30 Jahre darauf‘ geführten Interviews mit Migrantinnen*, das parallel dazu generierte multimediale Material zum Thema weibliche* Migration in Dresden und eine mittlerweile diversere Zusammensetzung des FSA-Teams können dazu mit Sicherheit einen Beitrag leisten.

Stand: 28. Juli 2021
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Verfasst von
Sarah Thomas

geb. 1987, Master of Arts in Alter Geschichte an der FU Berlin, Mitarbeiterin des Frauenstadtarchivs Dresden.

Melanie Pißner

geb. 1991, Bachelor of Arts in Soziologie an der TU Dresden, derzeit Masterstudium der Soziologie an der TU Dresden. Schwerpunkte: Feministische Theorie und Postkoloniale Theorie. Mitarbeiterin des Frauenstadtarchivs Dresden.

Empfohlene Zitierweise
Sarah Thomas/Melanie Pißner (2021): Weiblich*, migrantisch*, unsichtbar, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/weiblich-migrantisch-unsichtbar
Zuletzt besucht am: 02.12.2021
Lizenz: CC BY 4.0
Rechteangabe
  • Sarah Thomas
  • Melanie Pißner
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY 4.0

Fußnoten

  • 1Vgl.: Melderegister der Landeshauptstadt Dresden, Tabelle erstellt nach Anfrage des FSA, Stand: 31.12.2019: Anzahl der Einwohner mit Hauptwohnsitz in Dresden nach Geschlecht.
  • 2Zur Definition dieses Begriffes nach Statistischem Landesamt Sachsen: Menschen, die zwei- oder mehrsprachig aufwachsen und die selbst oder mindestens ein Eltern-/Großelternteil nach Deutschland zugewandert sind. Die gegenwärtige Staatsangehörigkeit bzw. der gegenwärtige Aufenthaltsstatus sind davon unabhängig. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird hier der Begriff Migrantinnen* synonym verwendet, auch wenn die Gruppe der Migrantinnen* im eigentlichen Sinne lediglich einen Teil der Menschen mit Migrationshintergrund darstellt.
  • 3Siehe hierzu auch: Piesche, Peggy (Hg.); al-Samarai, Nicola Lauré: Labor 89. Intersektionale Bewegungsgeschichte*n aus West und Ost.: Berlin 2020; Foroutan, Naika; Hensel, Jana: Die Gesellschaft der Anderen, Berlin 2020; International Women* Space (Hg.): Als ich nach Deutschland kam. Gespräche über Vertragsarbeit, Flucht, Rassismus und feministische Kämpfe. Schriften der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Münster 2020.
  • 4Vgl.: Melderegister.
  • 5Vgl. Audiowalk‚ Rosa Menzer war hier‘, Zugriff am 28.07.2021 unter https://rosamenzer.de/.
  • 6Vgl. Frauenstadtarchiv Dresden (FSA DD), FSA DD, 13.94_136 „Gewalt gegen Marwa El-Sherbini“.
  • 7Vgl. FSA DD, 13.57_91 „Ausländerinnen, Aussiedlerinnen“.
  • 8Vgl.: Integrations- und Ausländerbeauftragte der Stadt Dresden (Hg.): Fremdes Zuhause Dresden? – Bericht der Ausländerbeauftragten 1993 und 1994, Dresden 1995, S.15‒17 und S. 26‒28.
  • 9Anne: Zit. aus einer Antwort im Umfrage-Bogen des FSA mit ehemaligen Mitarbeiterinnen*, August 2020.
  • 10Berta: Zit. aus einer Antwort im Umfrage-Bogen des FSA mit ehemaligen Mitarbeiterinnen*, August 2020.
  • 11Vgl. Denise: Angabe aus einer Antwort im Umfrage-Bogen des FSA mit ehemaligen Mitarbeiterinnen*, August 2020.
  • 12Vgl. Berta, Caroline, Denise: Angabe aus Antworten im Umfrage-Bogen des FSA mit ehemaligen Mitarbeiterinnen*, August 2020.
  • 13Vgl. Denise: Angabe aus einer Antwort im Umfrage-Bogen des FSA mit ehemaligen Mitarbeiterinnen*, August 2020.
  • 14Vgl. ebd. und vgl. Salzmann, Susanne (2015): Interview mit In Am Sayad Mahmood, Vorstandsvorsitzende des Ausländerrats Dresden e. V., in: Frauenstadtarchiv Dresden (Hg.): Frauen-Zeitung, S. 6‒8.
  • 15„Persönlich kannte ich schon […] und einige andere. 1998 sprach sie mich an, ob ich nicht als wissenschaftliche Mitarbeiterin zum FrauenStadtArchiv dazu kommen wollte“. Berta: Angabe aus einer Antwort im Umfrage-Bogen des FSA mit ehemaligen Mitarbeiterinnen*, August 2020 und vgl. Anne, Denise: Angabe aus einer Antwort im Umfrage-Bogen des FSA mit ehemaligen Mitarbeiterinne*, August 2020.
  • 16Denise: Zit. aus einer Antwort im Umfrage-Bogen des FSA mit ehemaligen Mitarbeiterinnen*, August 2020.
  • 17Dachverband deutschsprachiger Lesben-/Frauenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen.