Noch immer stark umkämpft

Die feministische Bibliothek MONALiesA gibt Einblick in ihre Bestände – sie dokumentiert die Geschichte ostdeutscher Frauenbewegung bis hin zu aktuellen Aktionen der sächsischen Pro-Choice-Bewegung.

Welche Bestände zum Thema „§ 218 und die Frauenbewegung“ sind bei MONALiesA zu entdecken?

Wir haben viele unterschiedliche Materialien, z.B. Artikel, Briefe, Flyer, Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Zines, Reader, Redebeiträge, Demoaufrufe, Stellungnahmen von Parteien/Vereinen, Aufklärungshefte, Non-Book-Material der Pro-Choice-Bewegung wie Sticker und Beutel, Workshopmaterial und How-to-Abtreibung-Anleitungen. Außerdem haben wir auch Audiovorträge, die auch auf der MONAliesA-Mixcloud-Seite jederzeit online angehört werden können.

Auf unserem Blog und Social-Media dokumentieren wir darüber hinaus verschiedene aktuelle feministische Aktionsformen wie Aufrufe und Solidaritätsbekundungen mit Ärzt*innen und Aktivist*innen. Wir erweitern unsere Sammlung fortlaufend. Unser Archiv umfasst mittlerweile Material aus den letzten 70 Jahren!

Welche Quellen sind besonders hervorzuheben?

Wir finden besonders erschreckend, dass sich die Kämpfe und die Diskussion um reproduktive Selbstbestimmung über die Jahrzehnte hinweg kaum verändert haben. Immer wieder gibt es Angriffe auf Erfolge und Errungenschaften in diesem Bereich. Einmal Erkämpftes bleibt nicht selbstverständlich bestehen. Die Frauen im Osten der Bundesrepublik verloren mit der Wiedervereinigung Deutschlands beispielsweise das in der DDR seit 1972 bestehende Recht auf Abtreibung. Die Auseinandersetzung um die Gesetzesangleichung in den 1990er Jahren ist in unserem Archiv sehr gut dokumentiert.

Dieser gesellschaftliche Backlash droht sich in Sachsen fortzusetzen. Christlich-fundamentalistisch Lebensschützer*innen veranstalten hier jährlich den sogenannten „Marsch für das Leben“, bei dem sie antifeministische medizinische Falschinformationen und Holocaustrelativierungen verbreiten. Den vielfältigen Widerstand, Texte und Aktionen von feministischen Pro-Choice-Aktivist*innen dokumentieren wir bei uns. Als lokales feministisches Archiv ist es uns ein wichtiges Anliegen, das sächsische Pro-Choice-Bündnis auf diese Weise zu unterstützen.

Was lässt sich heute mit Blick auf Diskriminierungs- und Machtstrukturen aus diesen Quellen ablesen?

Die Gesetzesangleichung im Osten der Bundesrepublik der 1990er Jahre aber auch die Repressionen gegen Ärzt*innen wie Frau Dr. Kristina Hänel oder die Gesetzesverschärfungen in Polen in den letzten Jahren zeigen deutlich, dass das, was von den feministischen Bewegungen erkämpft wurde, auch stets bedroht ist. Die jüngsten Errungenschaften in Irland und Argentinien, wo Abtreibung legalisiert wurde, zeigen aber auch, dass eine starke feministische Bewegung im aktuellen konservativen Gender-Backlash Erfolge feiern kann.

Mit Blick auf aktuelle und internationale Debatten lässt sich feststellen, dass das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung noch immer stark umkämpft ist. Für die feministischen Bewegungen ist das Thema nach wie vor zentral.

Wie sind diese Bestände erfasst und wo bestehen Forschungspotenziale?

Wir haben umfassende und vielfältige Quellentypen und Inhalte. Der Großteil dieser Quellen ist aber nur abgelegt, und noch nicht archiviert oder erschlossen. Einige Materialien sind noch gar nicht erfasst, vor allem Quellen aus den 1990er Jahren. Weil wir das Thema so spannend und wichtig finden, hoffen wir, dass die Erfassung und Bearbeitung im kommenden Jahr in einem DDF-Projekt erfolgen kann.

Forschungspotenziale liegen vor allem in der Erfassung der Quellen: So liegen umfangreiche Materialien aus der DDR und dem Umbruch/der Wiedervereinigung vor, die den Kampf der DDR-Frauen und -Frauenbewegung gegen den gesetzlichen Rückschritt der Angleichung an das BRD-Recht beschreiben. Darüber hinaus finden wir besonders die Auseinandersetzung hier in Sachsen beachtenswert. Zwischen Vogtland und Erzgebirge liegt der „sächsische Bible Belt“, ein Gebiet, in dem viele fundamentalistische Christ*innen das gesellschaftliche Leben dominieren.1 Die vielfältigen Proteste und Aktionen der feministischer Pro-Choice-Aktivist*innen gegen diese konservativ-fundamentalistische Szene finden wir überaus spannend.

Seit 1990 bietet die MONALiesA in Leipzig professionelle Bibliotheks-, Archiv-, Bildungs- und Kulturarbeit, um die Vielfalt feministischer Ideen und Konzepte sowie das reichhaltige Erbe der von Frauen in Politik, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft erbrachten Leistungen zu bewahren und zu vermitteln. MONALiesA ist Mitglied im i.d.a.-Dachverband.

 

Stand: 17. Mai 2021
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