Über Lila Offensive e.V.
Gründung der Lila Offensive (LILO)
Mit dem Ziel, eine „politisch-feministische Gruppe“1 ins Leben zu rufen, um sich aus Frauenperspektive in den politischen Umbruchprozess einzumischen, trafen sich am 11. Oktober 1989 zwölf Frauen in der Wohnung von Ute Großmann in Berlin-Prenzlauer Berg. Sie waren privat miteinander bekannt, kamen aber aus unterschiedlichen Zusammenhängen. Unter ihnen waren Vertreterinnen von Frauen für den Frieden, Frauengruppen aus kirchlichen Kreisen, der Gruppe Lesben in der Kirche, der Frauengruppe Fennpfuhl sowie Wissenschaftlerinnen von der Humboldt-Universität. Man einigte sich nach Auskunft der Mitbegründerin Katrin Rohnstock auf den Namen Lila Offensive, um sich „in den Kontext der internationalen Frauenbewegung zu stellen […], um das Bekenntnis zum Feminismus zum Ausdruck zu bringen“ und um „deutlich zu machen, dass wir eine andere Sprache und mit ihr einen anderen Ideengehalt anstreben“2.
Diese heterogene Gruppe fand sich zusammen, weil sie Frauen betreffende Fragen weder in den neu entstehenden Oppositionsgruppierungen noch in der SED oder im Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) angemessen vertreten sahen. Der DFD, bereits 1947 als einheitliche demokratische Frauenorganisation gegründet, verlor rasch seinen überparteilichen Repräsentationsanspruch und wurde zu einer SED-abhängigen Massenorganisation. In einem vom DFD-Bundesvorstand ausgearbeiteten Schulungspapier hieß es noch im ersten Halbjahr 1989, die DDR sei „im wahrsten Sinne des Wortes das Vaterland der Frauen“3. Für die vor allem jüngeren kritisch-politisierten Frauen war der DFD wegen seiner Parteiergebenheit und „frauenpolitischen Biederkeit“4 wenig attraktiv.
LILO-Kundgebungen und die Gründung des UFV
Ihrer Kritik am DFD verliehen die LILO-Aktivistinnen auf der Berliner Demonstration am 4. November 1989 Ausdruck. Auf einem mitgeführten Transparent wurde das Kürzel des staatstreuen Frauenbundes mit „Dienstbar – Folgsam – Dumpf“ betitelt.5 Bei dieser größten genehmigten nichtstaatlichen Demonstration in der DDR, die für die Erosion des SED-Staates und den Umbruch im Jahre 1989 erhebliche Bedeutung hatte, trat die Gruppe Lila Offensive erstmals an die Öffentlichkeit. In ihrem Flugblatt kündigte sie an, sich „bewusst aus der Perspektive von Frauen“ in den „Prozess der sozialistischen Erneuerung einmischen“ zu wollen und betonte, die Frauenfrage sei „kein Randproblem“6. Sie forderte unter anderem eine Höherbewertung frauentypischer Berufe, eine besondere Förderung von Frauen in Wissenschaft und Technik, eine Quotenregelung auf allen Gebieten in Politik und Wirtschaft, den Abbau der rollenspezifischen Erziehung, eine neue Frauenorganisation, verschiedene unabhängige Frauenzeitungen und -zentren sowie ein Frauenministerium.7
Das Verteilen dieses Flugblatts rief nach den Erinnerungen von Katrin Rohnstock „Reaktionen von Arroganz bis Anfeindung“ hervor.8 Für den 23. November 1989 lud die Lila Offensive zu ihrer ersten Veranstaltung in die Berliner Gethsemane-Kirche ein. Die Initiatorinnen wollten vor allem ihre „Unzufriedenheit mit den Ergebnissen von vierzig Jahren DDR-Frauenpolitik“ öffentlich machen sowie „wirkungsvolle Schritte hin zu einer frauengerechten Gesellschaft“ aufzeigen.9
In einem als Standortbestimmung der Fraueninitiative Lila Offensive betitelten Arbeitspapier wurde die Notwendigkeit ihres Wirkens auf drei Ebenen deutlich gemacht: Sie wollten einen Beitrag leisten, um ein „Problembewusstsein hinsichtlich der Stellung und Situation von Frauen und Männern in der DDR zu erzeugen“10, zudem „Veränderungen in den gesellschaftlichen Bedingungen einfordern, die auf die Herstellung realer Gleichstellung von Frauen und Männern gerichtet sind“11. Und schließlich, so weiter im Papier, wollten sie Frauen ermuntern, „ihre Situation zu erkennen, ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu artikulieren und […] daraus abgeleitete Absichten und Forderungen zu realisieren“12. Im Anschluss an die Veranstaltung wurde ein Initiativkomitee zur Gründung eines autonomen Frauenverbandes gebildet, dem Vertreterinnen der Lila Offensive und der Sozialistischen Fraueninitiative sowie die Kulturwissenschaftlerin Ina Merkel angehörten. Das Komitee lud für den 3. Dezember 1989 zu einem Frauentreffen in die Berliner Volksbühne ein. Um einer „erneute[n] Ausgrenzung von Frauen bei wichtigen politischen und ökonomischen Entscheidungen“ entgegenzuwirken, sollten sich die unabhängigen Frauengruppen und -initiativen unter Beibehaltung ihrer Eigenständigkeit „zu einer politischen Interessenvertretung zusammenschließen“13. Knapp 1.200 Frauen und wenige Männer folgten dem Aufruf und riefen bei dem Treffen in der Volksbühne den Unabhängigen Frauenverband der DDR (UFV) ins Leben, der wenig später auch Vertreterinnen an den Zentralen Runden Tisch entsandte.14
Aktivitäten der Lila Offensive
Am 30. Januar 1990 wurde die Lila Offensive in das Vereinsregister aufgenommen und somit staatlich anerkannt.15 Sie engagierte sich für den Aufbau des Unabhängigen Frauenverbands und nahm neben anderen Aktivitäten mit Vertreterinnen am Berliner Runden Tisch teil. Als sozialistisch orientierte Frauengruppe trat die Lila Offensive in der Folge „für den Erhalt der Souveränität der DDR“ ein und wandte sich „gegen Ausverkauf und Wiedervereinigung.“16
Samirah Kenawi erklärte in ihrer Gastrede auf dem ersten Parteitag der Ost-Berliner SPD, dass die ostdeutschen Frauen bei einer raschen Wiedervereinigung „einiges zu verlieren“ hätten, nämlich das „Recht auf Arbeit“ – unabhängig vom beklagenswerten Lohngefälle zwischen Frauen und Männern auch in der DDR – sowie „die Sicherung der gesellschaftlichen Kinderbetreuung als Voraussetzung weiblicher Berufstätigkeit“17. Besonders kontrovers wurde in der Folgezeit die Frage der rechtlichen Regelung des Schwangerschaftsabbruchs diskutiert. Die Lila Offensive und der UFV warben dabei nachdrücklich für die in der DDR gesetzlich verankerte ‚Fristenlösung‘ und stellten sich gegen den §218 des bundesdeutschen Strafgesetzbuches. Im Sommer 1990 beklagte die LILO-Mitbegründerin Annett Gröschner in einem Positionspapier die Übernahme nahezu aller Rechtsnormen und Verordnungen aus der Bundesrepublik: „Es gibt keine Phantasie, Neues in einem gemeinsamen Deutschland auszuprobieren, stattdessen Kolonisation auf allen Gebieten, in allen Schichten und Gruppierungen, einschließlich der Frauenbewegung.“18 In einem kurz vor der Vereinigung veröffentlichten LILO-Flugblatt hieß es unter anderem: „Wir haben diesen Anschluss nicht gewollt, aber wir haben ihn nicht aufhalten können. Wir haben erfahren müssen, dass Demokratie in ihrer jetzigen Form patriarchalisch ist. […] Es ist fünf vor zwölf, höchste Zeit, uns zu wehren.“19
Die bei den DDR-Wahlen im Frühjahr 1990 beginnende Marginalisierung der Bürgerbewegung erfasste auch den UFV. Die Frage, ob der Verband weiter auf Wahlbeteiligung zielen oder als außerparlamentarisches Netzwerk agieren sollte, wurde auf dem Weimarer Kongress im September 1991 mit dem Beschluss zum Verzicht auf eine Parteigründung und Fortführung der Arbeit als Verein entschieden.20 Die Lila Offensive kritisierte diese Entscheidung und erklärte in einer in der Tageszeitung (taz) geschalteten Traueranzeige, dass der UFV „nach langem schwerem Siechtum an Blutarmut und Gedankenleere“ verstorben sei.21 In einer im gleichen Jahr veröffentlichten neuen Satzung betonte die Lila Offensive, neben ihrem Wirken für die Gleichstellung von Frauen und Männern die Bildung auf dem Gebiet der Frauenkultur und Frauengeschichte durch Publikationen und Veranstaltungen fördern zu wollen.22 In der Rückschau erklärten drei der Initiatorinnen, mit der LILO-Gründung habe man sich „bewusst dafür entschieden, die Verhältnisse ‚von innen‘ aufzurühren“, da man „in der Übersiedlung in die Alt-BRD […] keine Alternative“ gesehen hatte: „Unsere kritische Haltung hält uns auch heute noch wach, und wir erkennen darin das Elixier für einen permanenten Prozess der Demokratisierung unserer Gesellschaft.“23
Als eingetragener Verein ist die Lila Offensive bis heute tätig.
Netzwerk von Lila Offensive e.V.
Biografie von Lila Offensive e.V.
Fußnoten
- 1 Rohnstock, Katrin: Nachbemerkung (13.12.1989), in: Rohnstock, Katrin (Hg.): Frauen in die Offensive. Texte und Arbeitspapiere der Gruppe Lila Offensive, Berlin 1990, S. 108.
- 2 Ebenda.
- 3 Bundesvorstand des DFD (Hg.): Referentenhinweise für die öffentlichen Frauenversammlungen zum Thema: Die DDR – das Vaterland der Frauen – wir stärken sie durch unsere Taten [1989], S. 10, Archiv der DDR-Opposition der Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin, RHG/UFV-AHU/27.
- 4 Hampele Ulrich, Anne: Der Unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozess, Berlin 2000, S. 42.
- 5 Vgl. Rohnstock, Katrin: Frauen in die Offensive (ungedruckter Artikel, 6.11.1989), in: Dies. (Hg.): Frauen in die Offensive, S. 5.
- 6 Flugblatt der Lila Offensive, verteilt auf der Demonstration in Berlin am 4.11.1989, RHG/GZ-Gr/04.
- 7 Ebenda.
- 8 Vgl. Rohnstock: Frauen in die Offensive, S. 5.
- 9 Vgl. Labsch, Ev: Zur frauenpolitischen Situation in der DDR. Gesprächseinstieg zur ersten öffentlichen Veranstaltung der Lila Offensive am 23.11.1989, in: Rohnstock (Hg.): Frauen in die Offensive, S. 7.
- 10 Arbeitspapier Standortbestimmung der Fraueninitiative Lila Offensive [Nov. 1989], RHG/UFV/01.
- 11 Ebenda.
- 12 Ebenda.
- 13 Aufruf des Initiativkomitees zur Gründung eines autonomen Frauenverbandes der DDR, 26.11.1989, RHG/GZ-UFV/334.
- 14 Sänger, Eva: Begrenzte Teilhabe. Ostdeutsche Frauenbewegung und Zentraler Runder Tisch in der DDR (Reihe Politik der Geschlechterverhältnisse, Bd. 29), Frankfurt/New York 2005, S. 178 ff.
- 15 Vgl. Rat des Stadtbezirks Berlin-Prenzlauer Berg an die Lila Offensive, 30.1.1990, RHG/GZ-Gr/01.
- 16 Gemeinsam mit anderen Gruppen der Bürgerbewegung erstelltes Flugblatt der Lila Offensive für eine Demonstration zum Besuch von Bundeskanzler Kohl in Berlin am 19.12.1989, RHG/GZ-Gr/04.
- 17 Rede von Samirah Kenawi auf dem Parteitag der Ost-Berliner SPD, 3.2.1990, RHG/GZ-Gr/04.
- 18 Zur gegenwärtigen Situation in der DDR (Annett Gröschner, August 1990), RHG/GZ-Gr/02.
- 19 29.9.1990 u. 5 vor 12 – letztes Lilo-Flugblatt in der DDR, RHG/GZ-Gr/04.
- 20 Wahlprotokoll zur Entscheidung über die Rechtsform des UFV, 28.09.1991, RHG/GZ-UFV/04. Vgl. auch: Hampele Ulrich: Der Unabhängige Frauenverband, S. 262 ff.
- 21 Vgl. Traueranzeige für den UFV, in: Tageszeitung, 26.10.1991, RHG/GZ-Gr/06.
- 22 Vgl. Satzung der Lila Offensive, 17.7.1991, RHG/GZ-Gr/01.
- 23 Bickhardt, Sophia / Großmann, Ute / Kenawi, Samirah: Lila Offensive: Aus den Küchen der friedlichen Revolution. Wider die feierliche Verklärung von ‚Wende‘ und Mauerfall, in: Schäfer, Eva et al. (Hg.): Frauenaufbruch '89. Was wir wollten – Was wir wurden, Berlin 2011, S. 76.
Ausgewählte Publikationen
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Rohnstock, Katrin (Hg.): Frauen in die Offensive. Texte und Arbeitspapiere der Gruppe Lila Offensive, Berlin 1990.
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AStA der Technischen Universität Berlin (Hg.): Originaldokumente der DDR-Frauenbewegung - Lila Offensive (Gesammelte Flugschriften DDR ’90, H. 2), Berlin 1990.
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Gröschner, Annett: Berolinas zornige Töchter. 50 Jahre Berliner Frauenbewegung, Berlin 2018.
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Bickhardt, Sophia / Großmann, Ute / Kenawi, Semirah: Lila Offensive: Aus den Küchen der friedlichen Revolution. Wider die feierliche Verklärung von ‚Wende‘ und Mauerfall, in: Schäfer, Eva et al. (Hg.): Frauenaufbruch '89. Was wir wollten – Was wir wurden, Berlin 2011.
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Sänger, Eva: Begrenzte Teilhabe. Ostdeutsche Frauenbewegung und zentraler Runder Tisch in der DDR (Reihe „Politik und Geschlechterverhältnisse“, Bd. 29), Frankfurt a. M. / New York 2005.
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Hampele-Ulrich, Anne: Der Unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozess, Berlin 2000.
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Kenawi, Samirah: Frauengruppen in der DDR der 80er Jahre. Eine Dokumentation, hrsg. von GrauZone – Dokumentationsstelle zur nichtstaatlichen Frauenbewegung in der DDR, Berlin 1995.
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Hampele, Anne: Frauenbewegung in den Ländern der ehemaligen DDR. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Nr. 1/1992, S. 34‒41.
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Hampele, Anne: Der Unabhängige Frauenverband – neue Frauenbewegung im letzten Jahr der DDR, in: Müller-Engbers, Helmut (Hg.): Von der Illegalität ins Parlament: Werdegang und Konzept der neuen Bürgerbewegungen, Berlin 1991, S. 221‒282.
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Kahlau, Cordula (Hg.): Aufbruch! Frauenbewegung in der DDR. Dokumentation, München 1990.