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Krüppelfrauenstammtisch gegen Gen- und Reproduktionstechnologie und Eugenik (Hg.) / Frauenforschungs-, -bildungs- und -informationszentrum FFBIZ e.V.
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Krüppelfrauengruppen

verfasst von: Pia Marzell
veröffentlicht 17. September 2020
Behinderte Frauen* forderten in den 1980er-Jahren ihren Platz in der Neuen Frauenbewegung ein. Sie prangerten Behindertenfeindlichkeit an, machten auf Barrieren aufmerksam, diskutierten über Differenzen unter Frauen* und kämpften gegen Gewalt gegen behinderte Mädchen* und Frauen*.

„Krüppelfrauen: erobern wir uns den Tag“1

Die erste selbstbezeichnete Krüppelfrauengruppe gründete sich 1981. Die meisten Frauen* waren zuvor in der Frauenbewegung oder der emanzipatorischen Behindertenbewegung aktiv gewesen und wollten nun die spezifische Situation behinderter Frauen* in den Blick nehmen.2

Die Frauen* nannten sich, wie es auch die gemischten Krüppelgruppen taten, provozierend Krüppel, um auf den gesellschaftlichen Ausschluss Behinderter aufmerksam zu machen. Zu den Treffen der Krüppelfrauen waren ausschließlich behinderte Frauen* zugelassen. Die Aktivist*innen sahen sich sowohl mit der Frauenbewegung als auch mit den Krüppelgruppen3 solidarisch oder waren sogar Teil beider Bewegungen. Jedoch waren sie in den gemischten Gruppen immer wieder auf Schwierigkeiten gestoßen. Die Aktivist*innen berichteten, dass in Gruppen mit nichtbehinderten Frauen* die Probleme, die behinderte Frauen* aufgrund ihrer Behinderung haben, in den Hintergrund traten und übersehen wurden.4 In den Krüppelgruppen hingegen wurde wenig über das Geschlechterverhältnis reflektiert.5

Die Krüppelfrauen thematisierten ihre Mehrfachdiskriminierung als Behinderte und als Frauen* sowohl im Kontext der Behindertenbewegung als auch in der Frauenbewegung. Innerhalb der Frauenbewegung mussten sich behinderte Frauen* immer wieder dafür einsetzen, dass ihre spezifische Perspektive Gehör fand und mussten für barrierefreie Zugänge zu Frauen*räumen streiten, wie beispielsweise rund um die Berliner Lesbenwoche 1987.6 Insbesondere diese Erfahrung, in der Frauenbewegung nicht gehört zu werden, ließ die Krüppelfrauen das feministische ‚Wir‘ hinterfragen. Sie forderten, dass gerade die Unterschiede zwischen nichtbehinderten und behinderten Frauen* thematisiert werden müssten, um alle Frauen* angemessen repräsentieren zu können. Die Auseinandersetzung der Krüppelfrauen mit der Frauenbewegung war Teil der Diskussionen um Differenz innerhalb des feministischen Diskurses, welche sich in den 1980ern durch die Entstehung neuer feministischer Gruppen, wie dem Shabbeskreis, ADEFRA und der Krüppelfrauen, verdichtete.

Geschlecht: behindert, besonderes Merkmal: Frau 

In der ersten Hälfte der 1980er-Jahre entstand ein bundesweites Netzwerk behinderter Frauen*. Die Frauen* tauschten ihre (Diskriminierungs-)Erfahrungen aus und analysierten auf dieser Grundlage ihre spezifische Unterdrückung. Auf den Treffen entstand die Idee, gemeinsam ein Buch zu schreiben, das sich explizit mit der Situation behinderter Frauen* befassen sollte. Das Buch Geschlecht: behindert, besonderes Merkmal: Frau erschien 1985 und vereinte Erfahrungsberichte und theoretische Reflexionen. Die Frauen* schrieben über eine Vielfalt von Themen: Sie analysierten die Erziehung von behinderten Mädchen* unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten, fragten nach den Auswirkungen des Schönheitsideals, beschrieben ihre Erfahrungen im Berufsalltag und ihre Diskriminierung durch das Gesundheitssystem auch in Hinblick auf Mutterschaft und Schwangerschaftsabbruch. Die Krüppelfrauen behandelten Themen, die bis dahin nicht öffentlich angesprochen worden waren, wie Zwangssterilisationen und Vergewaltigungen von behinderten Frauen* und Mädchen*. Die Juristin Theresia Degener machte hier auch auf die diskriminierende Praxis der deutschen Rechtsprechung aufmerksam, die behinderten Frauen* und Mädchen* oftmals ihre Glaubwürdigkeit absprach.7

Das Dilemma mit der Selbstbestimmung

In ihrer Auseinandersetzung mit Schwangerschaft, Abtreibung und dem § 218 stießen die Krüppelfrauengruppen auf behindertenfeindliche Implikationen, sowohl in der Gesetzeslage als auch im feministischen Umgang damit. Die embryopathische Indikation des § 218 besagte, dass ein Schwangerschaftsabbruch dann straffrei durchgeführt werden könne, wenn der Embryo eine ‚Schädigung‘ aufweise. Diese Indikation des § 218 analysierten die Krüppelfrauen als behindertenfeindlich. Gleichzeitig wollten sie Frauen* nicht absprechen, selbst zu entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft fortsetzen mochten oder nicht: 

„Zum einen kämpfen wir für das Selbstbestimmungsrecht der Frau […], zum anderen sehen wir in der embryopathischen Indikation eine Diskriminierung von Krüppeln. Das klingt zunächst einmal widersprüchlich: Sollte das Selbstbestimmungsrecht der Frau dort aufhören, wo mit Wahrscheinlichkeit ein behindertes Kind erwartet wird?“8

Seit 1983 hatten sich die Krüppelgruppen verstärkt mit der Geschichte der Eugenik in Deutschland und in diesem Zuge auch mit humangenetischen Beratungsstellen und Pränataldiagnostik (PND) auseinandergesetzt.9 Die Methoden zur PND waren in den 1970er und 1980er-Jahren sukzessive verfeinert worden. Sie versprachen etwaige Behinderungen oder ‚Schädigungen‘ von Föten schon früh in der Schwangerschaft feststellen zu können. Die embryopathische Indikation des § 218 machte es möglich, auf Grundlage von positiven Ergebnissen pränataler Untersuchungen eine Abtreibung vorzunehmen. 

Die Recherchen der Krüppelgruppen, insbesondere von Nati Radtke und Udo Sierck, hatten ergeben, dass Humangenetiker*innen eugenische Ziele verfolgten und meist zu einer Abtreibung ‚geschädigter‘ Föten rieten.10 Die Krüppelfrauen folgerten daraus, dass die Entscheidung von Frauen* zu einem Schwangerschaftsabbruch nach PND keine vollkommen selbstbestimmte sein könne. Angesichts der behindertenfeindlichen Einstellung in der Gesellschaft allgemein und im Besonderen der Humangenetiker*innen könnten sich Frauen* nicht ‚frei‘ für oder gegen die Fortsetzung einer Schwangerschaft mit einem möglicherweise behinderten Fötus entscheiden. Als Konsequenz forderten die Krüppelfrauen die Abschaffung des § 218 sowie die Schließung humangenetischer Beratungsstellen. Sie kritisierten einerseits das Selbstbestimmungsparadigma der Frauenbewegung und versuchten gleichzeitig, einen neuen feministischen, behindertenpolitischen Standpunkt zu entwickeln.

Die Forderung nach Schließung humangenetischer Beratungsstellen und vor allem die Kritik an dem Selbstbestimmungsbegriff führten zu Reibungen mit Teilen der Frauenbewegung.11 Gleichzeitig ergaben sich auch neue Allianzen zwischen Feminist*innen. 1985 und 1988 fanden zwei Konferenzen zum Thema ‚Frauen gegen Gen- und Reproduktionstechniken‘ statt. Hier diskutierten Ökofeminist*innen, Naturwissenschaftler*innen, Lesben*, Frauengesundheitsaktivist*innen und behinderte Frauen* und rangen um eine feministische Position zu Eugenik, Humangenetik und dem Selbstbestimmungsbegriff.12 Während auf der ersten Konferenz 1985 nur ein Bruchteil der Teilnehmer*innen die Forderung nach Schließung der humangenetischen Beratungsstellen unterstützte, setzte sich auf der zweiten Konferenz drei Jahre später eine eugenikkritische Haltung durch und Swantje Köbsell, Anne Waldschmidt und Theresia Degener brachten die Positionen der Krüppelfrauengruppen in Arbeitsgruppen und Plenarsitzungen ein.

Neue Strukturen und Netzwerke 

Behinderte Aktivist*innen bauten ihre Netzwerke immer weiter aus, knüpften Kontakte und kämpften auf allen Ebenen gegen Diskriminierung. Ende der 1980er-Jahre lösten sich die Krüppelfrauengruppen, die sich explizit so genannt hatten, parallel zu den Krüppelgruppen auf. Die Selbstbezeichnung Krüppelfrauen wurde jedoch weiterhin von einigen Aktivist*innen genutzt. Viele der Frauen* sind bis heute aktiv und haben viel Arbeit in Antidiskriminierungsmaßnahmen, Theorieentwicklung und Netzwerkaufbau gesteckt: Die UN-Behindertenrechtskonvention wurde maßgeblich von ehemaligen Krüppelaktivist*innen mitgestaltet, unter ihnen Theresia Degener und Dinah Radtke. Die Arbeitsgemeinschaft Disability-Studies in Deutschland wurden von Swantje Köbsell, Anne Waldschmidt, Theresia Degener und Gisela Hermes aufgebaut. Bisher wurden in sieben Bundesländern Netzwerke behinderter Frauen* geknüpft, darüber hinaus gab es von 1995 bis Anfang der 2000er-Jahre das Krüppellesbennetzwerk und seit 1998 den Weibernetz e.V., der bis heute besteht. 

Stand: 17. September 2020
Verfasst von
Pia Marzell

studierte Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaften. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte an der Universität Jena und forscht zu Auseinandersetzungen marginalisierter Frauen in der Neuen Frauenbewegung. Ihre Schwerpunkte sind Frauen- und Queerbewegungen in Ost- und Westdeutschland, feministische Utopien, die Geschichte des Nationalsozialismus und deren Implikationen in der Gegenwart sowie Sexualitätsgeschichte.

Empfohlene Zitierweise
Pia Marzell (2020): Krüppelfrauengruppen, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/krueppelfrauengruppen
Zuletzt besucht am: 03.12.2020

Fußnoten

  • 1. Radtke, Nati: Krüppelfrauen: erobern wir uns den Tag, in Krüppelzeitung 1981, Nr. 3, S. 32 ff.
  • 2. Während ich, sobald ich von konkreten Personen schreibe, ein Sternchen zur Markierung der Vielfalt der Identitätspositionen verwende (Akteur*innen, Frauen* etc.), schreibe ich „Frauenbewegung“ ohne Sternchen. Der Begriff „Frauenbewegung“ wird als Quellenbegriff verwendet, das Sternchen würde hier nicht der Bezeichnung der Bewegung durch die damaligen Akteur*innen entsprechen. Genauso gehe ich bei den Krüppelfrauengruppen und allen weiteren Quellenbegriffen vor.
  • 3. Die erste Krüppelgruppe hatte sich 1977 in Bremen gegründet, seit 1979 gaben die Aktivist*innen die Krüppelzeitung heraus. Alle Ausgaben der Zeitung finden sich online im Archiv Behindertenbewegung: https://archiv-behindertenbewegung.org/zeitungen/krueppel-zeitung/.
  • 4. Strahl, Monika / Waldschmidt, Anne: „Na, das geht den Ausländerfrauen doch genauso!“. Zum Verhältnis von Krüppelfrauen und nichtbehinderten Frauen, in: Krüppelzeitung, 1982, H. 2, S. 10‒12.
  • 5. Degener, Theresia: Krüppelbewegung + Frauenbewegung - Jacke wie Hose?, in: Krüppelzeitung, 1981, H. 2, S. 14‒17.
  • 6. Raab, Heike: Und sie bewegen sich doch. Krüppellesben!, in: Dennert, Gabriele / Leidinger, Christiane / Rauchut, Franziska (Hg.): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben, Berlin 2007, S. 182‒185.
  • 7. Ewinkel, Carola et al.: Geschlecht: behindert, besonderes Merkmal: Frau: ein Buch von behinderten Frauen, München 1985, S. 89.
  • 8. Ewinkel, Carola et al.: Geschlecht: behindert, besonderes Merkmal: Frau: ein Buch von behinderten Frauen, München 1985, S. 89.
  • 9. Sierck, Udo / Radtke, Nati: Die WohlTÄTER-Mafia: vom Erbgesundheitsgericht zur humangenetischen Beratung, Hamburg 1984.
  • 10. Ebenda, S. 28
  • 11. Christoph, Franz et al.: Krüppelschläge. Wie weit reicht das Selbstbestimmungsrecht der Frau?, in: Konkret, 1989, H. 4, S. 41–48.
  • 12. DIE GRÜNEN im Bundestag AK Frauenpolitik / Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen e.V. (Hg.): Frauen gegen Gentechnik und Reproduktionstechnik, Köln 1986; Bradish, Paula / Feyerabend, Erika / Winkler, Ute (Hg.): Frauen gegen Gen- und Reproduktionstechnologien, München 1989.