Plakat zu einem Erzähl-Cafe
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Erzählcafés für Frauen als Methode

verfasst von: Bea Dörr
veröffentlicht 05. März 2019
Erzählcafés für Frauen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft gehören seit 1991 zum ‚Markenkern‘ des BAF. Im gemeinsamen Erzählen schaffen Teilnehmerinnen im gestalteten Erinnerungsraum ein kollektives Frauen-Gedächtnis. Gleichzeitig ermöglichen Erzählcafés die generationsübergreifende Auseinandersetzung von Frauen untereinander.

Zur Geschichte der Erzählcafés

Die Idee zu Erzählcafés mit Frauen entstand 1991: Im Auftrag des Tübinger Kulturamts konzipierte eine Projektgruppe die Ausstellung ‚Vorbei und vergessen – Nationalsozialismus in Tübingen‘1. Aktive von BAF e.V.2 waren mit der Arbeitsgruppe Frauenalltag im Nationalsozialismus3 beteiligt und stießen bei ihren Recherchen auf große Wissenslücken zur Frauengeschichte jener Zeit. Weibliche Erfahrungen und Erinnerungen zum Nationalsozialismus waren bislang kaum dokumentiert, Ausstellungsobjekte zum damaligen Frauenalltag nicht verfügbar. So entschied die Arbeitsgruppe, mit Gesprächsrunden für Zeitzeuginnen und jüngere Interessierte eine Öffentlichkeit für Frauen-Erfahrungen herzustellen. Die Idee der Erzählcafés war geboren.

Hinweis auf Erzählcafés zur Ausstellung „Vorbei und vergessen. Nationalsozialismus in Tübingen“

 Aus zunächst zwei geplanten Gesprächsrunden wurde eine Tradition: Motiviert durch das Interesse der Besucherinnen veranstalteten BAF-Frauen zwischen 1991 und 1993 sieben Erzählcafés. Unter Titeln wie ‚Auf sich selbst gestellt‘, ‚Fremde in der Heimat?‘ oder ‚Entnazifizierung‘ befassten sie sich mit Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegszeit. Teilnehmerinnen der zwei- bis dreistündigen Runden waren Frauen im Alter von 20 bis 80 Jahren, die sich im Laufe der Zeit auch in die thematische Planung einbrachten.

Die Lokalpresse berichtet ausführlich über die Erzählcafés zum Frauenalltag im Nationalsozialismus.
Einladung zum Erzählcafé „Erinnerungen an die Reichspogromnacht“ am 4. November 1992.

Auf den ersten Zyklus folgten Erzählcafés zu den unterschiedlichsten Themen, jenseits der Sujets wie ‚Fremde in der Heimat?‘, ‚Entnazifizierung‘, Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegszeit‘. Inzwischen blickt BAF e.V. auf über 45 Erzählcafés zurück.

In der Regel wurden die Gesprächsrunden auf Audio-Kassetten mitgeschnitten. Eine Projektförderung Mitte der 1990er-Jahre ermöglichte es, die Erzählcafés zum Frauenalltag im NS auszuwerten und die Ergebnisse in einem Buch zu publizieren.4

Übersicht über die BAF-Erzählcafés von 1991 bis 2016
Titelbild des Erzählcafé-Buchs

Theoretische und politische Verortung der Erzählcafés

Erzählcafés als Angebot finden sich heute meist in Programmen der SeniorInnen- oder Stadtteilarbeit sowie in Geschichtswerkstätten.5 Als anerkannte Methode der Sozialen Arbeit werden sie besonders in der Schweiz gefördert.6 Frauen-Erzählcafés mit explizit frauenpolitischem Ansatz sind jedoch nur selten anzutreffen.

Methodisch speisen sich die BAF-Erzählcafés aus drei Ansätzen7:

Wichtige Impulse stammen aus der Oral History, der mündlich erzählten Geschichte, die auf Alltag und Sichtweisen auch ‚kleiner Leute‘ fokussiert.8 Die Kritik an der weitgehenden ‚Geschlechterblindheit‘ dieses Ansatzes ließ feministische Wissenschaftlerinnen bald von Oral Herstory reden, um in Biografie- und Geschichtsforschung stärker Frauen wie auch Geschlechterverhältnisse in den Blick zu nehmen.

Eine zweite Einflussgröße für Erzählcafés sind Ansätze der psychotherapeutischen Erinnerungsarbeit.9 Sie erweist sich beim Blick auf Lebensgeschichten und (möglicherweise verdrängte) Gefühle als hilfreich. Erzählcafés können den Umgang mit Trauer oder Schuldgefühlen erleichtern. In einer Gruppensituation ermöglichen sie, das eigene Schicksal mit dem anderer zu vergleichen und gesellschaftlich einzuordnen.

Erzählcafé „Gefühle in einer schwierigen Zeit“: Zeitzeuginnen zu ihrer Jugend im Nationalsozialismus

Entscheidend für die Entwicklung der Erzählcafé-Methode sind zudem in den 1980er-Jahren in der Erwachsenenbildung entstandene Ansätze der TeilnehmerInnenorientierung, Selbsterfahrung und Aufhebung der ExpertInnenherrschaft in Bildungssituationen.10 BAF-Erzählcafés sind keine ExpertInnenrunden mit Podium und Zuhörenden, sondern bieten einen moderierten gleichberechtigten Austausch zwischen Generationen und Positionen. Möglichst alle Teilnehmerinnen sollen zu Wort kommen und gehört werden.

Die Erzählerin schildert ihren ‚Einstieg‘ in die Neue Frauenbewegung.

Im Rahmen der Erzählcafé-Reihe ‚Was bewegt?!‘ standen dagegen Leben und Wirken je einer (zumeist frauenbewegten) Zeitzeugin im Vordergrund, die aus ihrer (Engagement-)Geschichte erzählte. Jüngere Frauen nutzten hier die Chance, mehr aus den Biografien Älterer zu erfahren – die Protagonistinnen dieser in den Jahren 2000 bis 2004 durchgeführten Erzählcafés waren fast alle über 80 Jahre alt.

 

Erinnerungsarbeit als politische Praxis

Erfahrungen aus geschlechtergemischten Erzählrunden zeigen, dass dort meist die Geschichten anwesender Männer dominieren und so die Einseitigkeit des Erinnerns weiter festgeschrieben wird. BAF-Erzählcafés wollen Frauen-Perspektiven sichtbar machen und richten sich exklusiv an Frauen.

Neben der (regional)geschichtlichen Aufarbeitung wollen Erzählcafés

Lernprozesse durch lebensgeschichtliche Selbstreflexion initiieren 

Erzählcafés schaffen einen Raum für die (im Idealfall selbstkritische) Reflexion der eigenen Biografie und des eigenen Geworden-Seins. Erzählen kann Auswirkungen für die persönliche Weiterentwicklung der Beteiligten haben.

Im Erzählcafé „Auf sich selbst gestellt“ reflektieren Teilnehmerinnen über Frauenrollen in der NS-Zeit.
Konflikt- und Verständigungslinien in Erzählcafés verlaufen über Generationsgrenzen hinweg.

Verständigungsmöglichkeiten zwischen Generationen gestalten

Fragen und Beiträge Jüngerer und Erzählungen Älterer wechseln sich in den Erzählcafés ab. Ältere Frauen interessieren sich für die Einschätzungen jüngerer und hören von deren manchmal ähnlichen Problemen. So kann es zum Abbau von Vorurteilen in beide Richtungen kommen.

Gegenseitige Bezugnahme von Frauen ermöglichen

Anders als in Einzelinterviews geht es in Erzählcafés um den Austausch unter Verschiedenen. Ein geschützter Raum bietet Platz für Differenzen und in einer akzeptierenden Atmosphäre erleben Erzählerinnen ‚Anerkennung als Person‘. Wie konflikthafte Gesprächssituationen zeigen, bedeutet dies nicht die ‚inhaltliche Anerkennung des Erzählten‘: Verstrickungen in gesellschaftliches Unrecht der NS-Zeit wie auch unterschiedliche Positionen zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen (etwa rassistische Übergriffe der 1990er-Jahre) werden lebhaft und kontrovers diskutiert.

Im Erzählcafé „Reichspogromnacht“ werden unterschiedliche Haltungen von Zeitzeuginnen hörbar.

Zur Bedeutung der Erzählcafés

Der frauengeschichtliche Zugang zum Frauenalltag (nicht nur) im Nationalsozialismus machte Erfahrungen von Frauen sichtbar, die bislang keinen Eingang in Geschichtsbücher gefunden hatten. Ebenso wichtig ist der frauenpolitische ‚Gewinn‘ der Auseinandersetzung unter der gegenseitigen Bezugnahme von Frauen. Die Erkenntnis, dass eigene Lebenserfahrungen für andere relevant sind, hat für Frauen politische Bedeutung.11

Wie vielschichtig die Dynamiken zwischen Frauen unterschiedlicher Schichten, Positionen oder Generationen sind, ließ sich beim Umgang mit der NS-Geschichte wie auch bei scheinbar unverfänglichen Erzählcafé-Themen beobachten. Die Aufmerksamkeit der Moderierenden dafür ist eine besondere Herausforderung: Es ist im Vorhinein nie absehbar, was passiert, wenn Frauen kollektiv erinnern. Und keinesfalls darf den Moderierenden vorher schon klar sein, was ‚herauskommen‘ soll.

Praktische Tipps zur Durchführung von Erzählcafés

In verschiedenen Erzählcafés thematisieren Teilnehmerinnen die Bedeutung dieses Erinnerungsortes. Den Austausch unterschiedlicher Erfahrungen schätzen sie als offensichtliche ‚Erzählcafé-Qualität‘ – auch eine Anerkennung für die Moderatorinnen. Und das Format Erzählcafé erweist sich so als „gelungene Verbindung von frauenpolitischer Forschung und Praxis“.12

In einer Diskussionsrunde schildert eine Teilnehmerin, wie wichtig ihr die Erzählcafés geworden sind.
Verfasst von
Bea Dörr

geb. 1961; Studium der Erziehungswissenschaft und Empirischen Kulturwissenschaft; seit 1994 ehrenamtlich aktiv bei BAF e.V. (Erzählcafés, frauengeschichtliche Stadtrundgänge u.v.m.); Referentin für Frauen & Politik bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.

Fußnoten

  • 1. Schönhagen, Benigna: Vorbei und vergessen. Nationalsozialismus in Tübingen Tübinger Kataloge Nr. 36, Tübingen 1992.
  • 2. Das Bildungszentrum und Archiv zur Frauengeschichte Baden-Württembergs BAF e.V. war damals ein kleiner Verein unbezahlt engagierter Frauen noch ohne eigene Räumlichkeiten.
  • 3. Beteiligt waren Iris Alberth, Helga Flamm, Hilde Höppel, Gerrit Kaschuba, Christel Klötzke und Susanne Maurer, die alle der Nachkriegsgeneration der 1950er- oder 1960er-Jahre angehören.
  • 4. Dörr, Bea et al.: „Endlich habe ich einen Platz für meine Erinnerungen gefunden!“ Kollektives Erinnern von Frauen in Erzählcafés zum Nationalsozialismus, Pfaffenweiler 11999/Herbolzheim 22000.
  • 5. LaS Landesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros NRW (Hg.), Mai 2016: Arbeitshilfe zum Erzählcafé, Zugriff am 05.3.2019 unter http://www.las-nrw.de/wp-content/uploads/2016/07/Erz%C3%A4hlcafe.pdf.
  • 6. Vgl. dazu Lerber, Angela von, 23.3.2017: Erzählen ist freiwillig, zuhören ist Pflicht im Erzählcafé. Storytelling als Methode in der Altersarbeit, Zugriff am 05.3.2019 unter https://www.phil-rouge.ch/erzaehlcafe/.
  • 7. Kaschuba, Gerrit: Geschichte ist Vergangenheit, ist Gegenwart, ist Zukunft. Überlegungen zur Erinnerungsarbeit mit Frauen, in: DRK Landesverband Nordrhein (Hg.): Oral History - Erinnerungsarbeit mit Frauen. Einsichten und Praxisberichte. Dokumentation einer Veranstaltung des Deutschen Roten Kreuzes und des Sensibilisierungsprojekts gegen Fremdenfeindlichkeit am Zentrum für Türkeistudien am 17.12.1996, Duisburg, S. 9–23.
  • 8. Kuhn, Annette: Oral history und Erinnerungsarbeit: Zur mündlichen Geschichtsschreibung und Erinnerungsarbeit, in: Becker, Ruth / Kortendiek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung, Wiesbaden 2004, S. 311 ff.
  • 9. Reddemann, Luise: Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie. Folgen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs erkennen und bearbeiten, Stuttgart 42017.
  • 10. Kaschuba, Gerrit: Kollektives Erinnern von Zeitzeuginnen. Geschlechterperspektiven in der historisch-politischen Bildung, in: Lenz, Claudia et al. (Hg.): Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg/Münster 2002, S. 179–189.
  • 11. Maurer, Susanne: „Da spricht man ja sonst nicht drüber“: Feministische Geschichtsarbeit und kollektives Gedächtnis, in: metis. Zeitschrift für historische Frauenforschung und feministische Praxis, 8. Jg., 1999, H. 15, S. 48–55.
  • 12. Kaschuba, Gerrit: Oral Herstory als Methode, S. 89.
Ausgewählte Publikationen
Dörr, Bea et al.: „Endlich habe ich einen Platz für meine Erinnerungen gefunden!“ Kollektives Erinnern von Frauen in Erzählcafés zum Nationalsozialismus, Pfaffenweiler 11999/Herbolzheim 2000
DRK Landesverband Nordrhein (Hg.): Oral History - Erinnerungsarbeit mit Frauen. Einsichten und Praxisberichte. Dokumentation einer Veranstaltung des Deutschen Roten Kreuzes und des Sensibilisierungsprojekts gegen Fremdenfeindlichkeit am Zentrum für Türkeistudien am 17.12.1996, Duisburg
Kuhn, Annette: Oral history und Erinnerungsarbeit: Zur mündlichen Geschichtsschreibung und Erinnerungsarbeit, in: Becker, Ruth / Kortendiek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung, Wiesbaden 2004
Reddemann, Luise: Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie. Folgen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs erkennen und bearbeiten, Stuttgart 42017
Lenz, Claudia et al. (Hg.): Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg/Münster 2002
Maurer, Susanne: „Da spricht man ja sonst nicht drüber“: Feministische Geschichtsarbeit und kollektives Gedächtnis, in: metis. Zeitschrift für historische Frauenforschung und feministische Praxis, 8. Jg., 1999, H. 15, S. 48–55.