Der Weg einer Archivale – von modrigen Kellern und modernster Scantechnik

verfasst von
  • Filiz Gisa Çakır
veröffentlicht
Das Herzstück eines jeden Archivs sind seine Archivalien. Aber wie gelangt das Archivgut eigentlich ins Archiv und was genau passiert vor Ort mit den Dokumenten, bis sie für die Ewigkeit abgelegt und für die Öffentlichkeit zugänglich sind? Dieser Weg soll hier einmal grob nachgezeichnet werden.

Im Alice Salomon Archiv der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASA) werden – wie in vielen anderen Einrichtungen auch – unikale, historisch wertvolle und für die Forschung relevante Dokumente verwahrt: von Nachlässen, über Schüler*innenakten und Fotografien bis hin zu Schriftgut von Körperschaften, alten Lehrplänen und Zeitzeug*inneninterviews. Dieses Archivgut stellt die materielle Basis von Erinnerung dar, doch es zu sammeln und interessierten Menschen zugänglich zu machen, ist kein Selbstläufer. Im Folgenden soll der Lebenszyklus einer Archivale näher beleuchtet werden, von ihrer Entstehung, ihren Wegen in die Restaurierung und Digitalisierung bis hin zum ASA, wo sie schließlich zur Ruhe gebettet werden soll, während sie zugleich für die ganze Welt zugänglich und erforschbar wird. Es handelt sich bei dieser Archivale um ein ganz besonderes Dokument: eine handgefertigte Sammelmappe der 1893 in Berlin gegründeten Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit (kurz ‚Gruppen‘). Verwurzelt in der bürgerlichen Frauenbewegung stellten die ‚Gruppen‘ einen Meilenstein in der Entwicklung der Sozialen Arbeit zum Frauenberuf dar.1 Ihren Vorsitz hatte bis 1899 Jeanette Schwerin inne, später Alice Salomon; Schriftführerinnen waren zeitweise Adele Beerensson und zuvor Marie Badt. Die Geschichte der ‚Gruppen‘ ist eng verwoben mit derjenigen der Sozialen Frauenschule Berlin-Schöneberg und des Pestalozzi-Fröbel-Hauses (PFH), in dessen Räumen das ASA noch heute beheimatet ist. Die Sammelmappe wurde von 1900 bis 1909 geführt und enthält Vereinsmitteilungen, Veranstaltungsprogramme und teils handschriftliche Notizen. Hier können nicht nur die Entwicklungen der Vereinsstruktur wunderbar nachgelesen werden, sondern auch die Themen, mit denen die Frauen sich befassten.

 

 
Einladung zu einer Versammlung für junge Mädchen, 8. November 1907

Die Programme enthalten Ankündigungen von Vorträgen, wie Wo braucht unser Volk die Kräfte seiner weiblichen Jugend?, gehalten am 8. November 1907 von Gertrud Bäumer, oder Besichtigungen von Wohlfahrtseinrichtungen – etwa des Lettehauses oder des Heimathauses für Stellung suchende Mädchen2 .

Auf der Suche nach der Geschichte

Dieses Dokument war zunächst im Original leider eher schlecht zugänglich oder nutzbar und sollte nun im Rahmen des DDF-Projektes Aufbruch, Abbruch, Wiederkehr: Die Frauenbewegung und die Soziale Arbeit als Frauenberuf 1890-1955 leichter auffindbar, lesbar und sichtbarer werden.

In unserer Archivsoftware war die Mappe bereits verzeichnet und hatte auch schon eine Signatur, aber bevor sie restauriert, digitalisiert und archivgerecht verpackt werden sollte, wollten wir sie doch ein wenig besser kennenlernen. Leider ist es kein Einzelfall, dass sich die Wege des früheren Lebens von Dokumenten und Objekten nur schwer nachvollziehen lassen und Informationen fragmentarisch gesammelt werden, bis sich ein Bild ergibt oder eben nicht. Auf einem Dachboden oder Keller taucht ein Nachlass auf und glücklicherweise mag dieser in ein Archiv gegeben werden. Doch natürlich kann von den Nachfahr*innen oftmals nicht der vollständige Kontext mitgeliefert werden. Auf der Suche nach Informationen über die Geschichte der Sammelmappe sprachen wir mit Bibliothekarinnen der Alice Salomon Hochschule und des PFHs, der Archivgründerin des ASA, lasen Interviews, verglichen Handschriften und stießen auf eine faszinierende, für viele historische Dokumente aber auch beispielhafte Geschichte.

Unklar ist, wer im Jahre 1900 den Plan fasste, all die Vereinsmitteilungen und Programme zu sammeln und sorgfältig einzukleben. Vorsitzende der Gruppen war zu diesem Zeitpunkt Alice Salomon, es mag also sein, dass sie selbst die Mappe angelegt hatte, doch höchstwahrscheinlich bleibt dieses Geheimnis ungelüftet. Was wir wissen, ist, dass diese irgendwann im Keller der Sozialen Frauenschule gelandet war, um genau zu sein in einer ‚Rumpelecke‘, wo sie Anfang der 1970er-Jahre schließlich von der damals frisch angestellten und späteren Bibliotheksleiterin der ASH, Simone Ermert, entdeckt wurde.3

In einem Interview erzählte diese über den Kellerfund: „Dann gab es diese Rumpelecke. Dort stand in dem Keller zum Beispiel ein Skelett und eine große Landkarte, alles mögliche Unterrichtsmaterial ... Also da habe ich einmal so kurz drüber geguckt und habe gedacht: Okay, da kann sich jemand anders drum kümmern. Ich will nur dafür sorgen, dass das nicht mit in den Müll kommt. Also das war so meine Aufgabe.“4 In großen Müllsäcken fanden sich neben der Sammelmappe auch alte Lehrpläne und einige der wenigen Fotografien von Alice Salomon.5  Wir verdanken es also dem weitsichtigen Eingreifen einer Person, die zur rechten Zeit am rechten Ort war und so eine mögliche Entsorgung dieser einzigartigen historischen Quellen verhinderte! Nach ihrer Rettung wurde die Mappe zunächst in der Bibliothek verwahrt, bis sie dem 2001 gegründeten Alice Salomon Archiv übergeben wurde. Doch auch hier sollte sie die nächsten 20 Jahre eher ein Schattendasein führen. Zwar wurde sie archivarisch erfasst, war jedoch für Außenstehende nicht sichtbar. Nutzer*innen sahen viel zu selten die angefertigten Kopien der Sammelmappe ein und das auch nur, wenn sie auf deren Existenz hingewiesen wurden.

rchivgut vor der Restaurierung
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Zustand der Mappe vor der Restaurierung

Die Restaurierung

Die Restauratorin bei der Arbeit
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Während der Restaurierung

Zunächst musste die Mappe in die Restaurierung – sozusagen zur Reha-Kur, denn sie befand sich in einem so miserablen Zustand, dass das brüchige Papier, welches bereits starke Beschädigungen aufwies, bei jedem Anfassen auseinanderzufallen drohte. So war nicht nur die Nutzung durch Archivbesucher*innen vollkommen ausgeschlossen, auch eine herkömmliche Digitalisierung hätte eine nicht zu verkraftende Belastung dargestellt.

So kam sie in ein wunderbares Restaurierungsatelier in Berlin-Kreuzberg, wo sie sich erholen konnte und wieder hergestellt wurde. Sie wurde professionell gereinigt, Risse und fehlende Ecken wurden mit Japanpapier repariert, die Programmflyer vom Trägerpapier abgelöst und der Mappendeckel aufwendig restauriert und erweitert.

Da wir uns im Archiv aber dafür entschieden hatten, dass die eingeklebten Dokumente einzeln und von beiden Seiten gescannt werden sollten, stand nun der Abstecher zur Digitalisierung an, bevor es zurück in die Reha gehen sollte.

Die Digitalisierung

Eine Restaurierung hat immer das Ziel, den Originalcharakter eines Objektes möglichst zu erhalten. Doch bei der Digitalisierung war uns wichtig, auch die zuvor versteckten Inhalte – Notizen auf den Rückseiten der später eingeklebten Dokumente – einsehbar zu machen. Diese hatte die Mappe nun über 100 Jahre geheim gehalten und wenngleich sie vielleicht keine weltbewegenden Informationen preisgaben, waren es doch neue Informationen!

Handschriftliches auf einer Aktenrückseite
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Handschriftliches auf der Rückseite eines Dokuments

Die Retrodigitalisierung, der Archiv-Trend des 21. Jahrhunderts, ermöglicht eine orts- und zeitunabhängige Nutzung historischer Quellen, wie sie noch vor 50 Jahren undenkbar gewesen wäre. Was auf den ersten Blick simpel erscheint – Papier auf einen Scanner legen und fertig! –, birgt jedoch eine ganze Welt in sich, die hier nur angeschnitten werden kann. Die Dateibenennung und -formate, die Bildauflösung, die Auswahl von Gerät und Methode, hinterlegte Metadaten und Qualitätskontrolle – jedes Detail muss durchdacht, geplant und geprüft werden.

 Mappe auf einer modernen Scanstation
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Die Dokumente werden gescannt

Dies kann im eigenen Haus geschehen oder von einer professionellen Digitalisierungsfirma unterstützt werden. Das ASA-Team hatte sich für Letzteres entschieden und so trat die Sammelmappe gemeinsam mit einer Archivmitarbeiterin die Reise nach Berlin-Blankenburg an. Hier wurde jedes einzelne Blatt vorsichtig durch geschultes Personal auf einer hochmodernen Scanstation gescannt und so sichergestellt, dass ihr Inhalt letztlich ihre physische Form potenziell überdauern kann. Das Thema der Langzeitarchivierung birgt viele weitere Aspekte, die hier nicht vertieft werden können. In den Metadaten des Dokumentes wurden Informationen wie ihre Signatur hinterlegt und mithilfe von OCR ist es nunmehr maschinenlesbar und somit durchsuchbar.

Bevor die Digitalisate unserer Quelle öffentlich über den META-Katalog des DDF zugänglich gemacht werden können, mussten – wie bei sämtlichen Archivalien –Persönlichkeits- und Urheber*innenrechte geklärt werden bzw. das Risiko eines Rechtekonfliktes musste abgeschätzt werden. Die Rechteklärung hat immer das Potenzial, eine Veröffentlichung zu verhindern oder zumindest zu verzögern.

Die letzten Schritte

Nun würde frau annehmen, dass all das nach den vorherigen eher ruhigen 100 Jahren erst einmal genug der Aufregung gewesen wäre, doch eine Pause war unserer Archivale noch lange nicht gegönnt. Zu ihrer finalen Zusammensetzung wurde die gesamte Sammelmappe zunächst zurück in die Restaurierung gebracht. Wir entschieden uns, die einzelnen Flyer und Mitteilungen mithilfe einer Papierfalz an ihren ursprünglichen Stellen wieder aufbringen zu lassen, nun auf neuem, säurefreiem Trägerpapier. Allein die Auswahl eines neuen Papieres kann zu einer Wissenschaft werden, denn es soll dem ursprünglichen ähnlichsehen, doch zugleich muss es stabil genug sein, die Programmflyer auch in 200 Jahren noch tragen zu können. Der Anschaulichkeit halber hoben wir aber auch einige Seiten des alten Trägermaterials auf. Um in Zukunft unnötige Belastungen zu vermeiden, wurden sämtliche Seiten lose in den restaurierten Originaleinband gelegt.

Die restaurierte Sammelmappe
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Zustand der Sammelmappe nach der Restaurierung
Der finale Platz der Sammelmappe im ASA
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Zurück im ASA bekam die Sammelmappe ihren finalen Platz

Zurück im Archiv bekam die Sammelmappe endlich ihren finalen Platz, den sie nur noch aus besonderen Gründen verlassen wird, während ihr digitales Pendant um die ganze Welt reisen und so oft wie gewünscht genutzt werden kann!

So liegt dieses einzigartige Dokument – nach seinen aktiven Zeiten, dunklen Kellernächten und einer „Beinahe-Entsorgung“ – nun in neuer Blüte in unserem Archiv in guter Gesellschaft und soll für alle Zeiten für weitere Generationen wissbegieriger Menschen aufbewahrt werden.

Veröffentlicht: 22. Februar 2024
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Verfasst von
Filiz Gisa Çakır

geb. 1984, Studium der Romanistik, Europäischen Kulturgeschichte und des Digitalen Datenmanagements. Befasst sich als Historikerin/Archivarin mit Themen der Frauenbewegungen; Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Alice Salomon Archiv.

Empfohlene Zitierweise
Filiz Gisa Çakır (2024): Der Weg einer Archivale – von modrigen Kellern und modernster Scantechnik, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/der-weg-einer-archivale-von-modrigen-kellern-und-modernster-scantechnik
Zuletzt besucht am: 17.07.2024
Lizenz: CC BY-SA 4.0
Rechteangabe
  • Filiz Gisa Çakır
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY-SA 4.0

Fußnoten

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