Einheit aus Vielfalt

Migrantisch-feministische und Perspektiven der afrikanischen Diaspora erhalten im Erinnern an Mauerfall und Transformation kaum Raum. DaMigra diskutierte daher in Berlin zu Situation und Solidaritäten migrierter Frauen* im Einigungsprozess.
Michiyo Fried, Dr. Delal Atmaca, Adetoun Küppers-Adebisi, Şemsi Bilgi (v.l.n.r.)
Bildnachweis
DDF
Schließen

Podiumsdiskussion ,Einheit aus Vielfalt?‘ am 19.6. im Veranstaltungsraum von Berlin Global Village mit: Adetoun Küppers-Adebisi, Şemsi Bilgi, Michiyo Fried, moderiert von Dr. Delal Atmaca

„Ich weiß noch genau, wie ich vor dem Fernseher saß: Die Banken machten auf und es gab den Eins-zu-eins-Umtausch“, erinnert sich Dr. Delal Atmaca, Geschäftsführerin des Dachverbandes der Migrantinnenorganisationen (DaMigra) an die Einführung der D-Mark in der DDR am 1. Juli 1990. An diesem Tag trat die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion Kraft und sollte den Alltag beider deutscher Staaten nachhaltig prägen.

Die einheitliche Währung schuf die Grundlage eines gemeinsamen Wirtschafts- und Sozialsystems. Das bundesdeutsche Sozial- und Arbeitsrecht galt fortan auch in der DDR und an den innerdeutschen Grenzen entfielen die Personenkontrollen. Einkaufspreise stiegen, Ostprodukte wurden durch Westwaren ersetzt und die Treuhand begann, die volkseigenen DDR-Betriebe zu sanieren, privatisieren oder gänzlich stillzulegen.

Die Veränderungen waren umfassend und weitreichend spürbar. Das kollektive Erinnern an Umsetzung und Folgen der Einheit weist jedoch Lücken auf. „Die Archive haben nur wenige Informationen über die sogenannten Gastarbeiterinnen* und Vertragsarbeiterinnen*, die Ende der 50er Jahre und Anfang der 60er Jahre angeworben wurden, oder Schwarze Deutsche Frauen“, sagt Atmaca. Sie führt durch die Podiumsdiskussion Einheit aus Vielfalt?, zu der DaMigra anlässlich des 1. Juli geladen hat.

Für viele Migrantinnen* und Frauen* of African Descent läutete der Mauerfall eine Zeit höchster Verunsicherung ein, die mit der Wirtschafts- und Sozialunion noch konkreter wurde. „Da ist eine Wende, etwas worüber sich Menschen freuen, und trotzdem war diese auch mit unglaublichen Ängsten verbunden“, meint Atmaca und richtet ihre Eröffnungsfrage an ihre Gäste. Wie haben sie persönlich die Wende erlebt und was bedeutete die Vereinigung tatsächlich für Frauen* mit Migrationsgeschichte oder Frauen* mit Diasporaerfahrung?

Michiyo Fried, Şemsi Bilgi, Dr. Delal Atmaca, Adetoun Küppers-Adebisi (v.l.n.r.)
DDF
Lizenz
Michiyo Fried, Şemsi Bilgi, Dr. Delal Atmaca, Adetoun Küppers-Adebisi (v.l.n.r.)

Das Wendejahr 1990: Hoffnung, Erwartung – und rassistische Realität

Mit ihrer Familie kam Şemsi Bilgi 1978 nach Westberlin. Die studierte Informatikerin ist heute Vorstandsvorsitzende des Türkischen Frauenvereins. „Als Kind war es für mich unglaublich, dass man in einer Stadt wie auf einer Insel lebt. Wenn wir nach Westdeutschland fahren wollten, mussten wir unsere Ausweise immer mithaben.“ Als Jugendliche besuchte Bilgi mit der Schule Ostberlin und reiste nach Weimar, Dresden und Jena – für sie positive Erfahrungen. „Ich dachte, hier gibt es Toleranz gegenüber Immigrantinnen. Eigentlich waren wir hier immer sehr gut angenommen. Als die Mauer da war, hatten wir keine Angst, uns zu bewegen. Nach der Wende kamen dann die ganzen Ängste.“

„Ich war im Sommer ‘89, als es anfing, dass immer mehr Menschen versucht haben, aus der DDR rauszukommen, 14 Jahre alt“, erzählt Michiyo Fried, Referentin für Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei DaMigra. Die Sommer verbrachte sie bei ihrer Oma auf dem Land. In jenem Jahr verspürte sie Unruhe unter den Erwachsenen. „Als die Mauer fiel, habe ich zunächst große Euphorie aufgenommen. Etwas Tolles war passiert.“ Bald hieß es jedoch: „,Oh, jetzt kommen die alle hier rüber, das ist doch viel zu viel.‘“ Solche Anfeindungen kannte sie bisher nicht im deutsch-deutschen Kontext. „Einschneidend war für mich die Fußballweltmeisterschaft 1990, wo Deutschland auch noch gewonnen hat. Der Nationalismus war richtig aggressiv. Dieses Gefühl von ‚Wir sind jetzt wieder wer‘, ist dann leider auch sehr schnell umgeschlagen in ein ‚Wir trauen uns jetzt wieder, unseren Rassismus auszuleben‘. Und da war für mich als 15-jähriges Mädchen von deutsch-japanischen Eltern klar: Du gehörst nicht zu diesem Deutschland dazu. Du gehörst zu denen, die sie hassen.“

Auch Adetoun Küppers-Adebisi erzählt von Feindlichkeit im frisch geeinten Deutschland. 1969 in Lagos geboren, zog sie mit 12 Jahren in die Bundesrepublik. Von der Vereinigung habe sie „eher die Schattenseite mitgekriegt“, sagt sie rückblickend. Mit dem Mauerfall begann für sie nicht nur die Diskussion um Ost und West. In Solingen, in der Stadt in der sie aufwuchs, erlebte die Wirtschaftsingenieurin, Kuratorin und Publizistin den stärker werdenden Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in Form eines Brandanschlages. „Da haben wir die ersten Situationen mitbekommen, dass Menschen direkt in ihren Häusern angegriffen und umgebracht wurden.“

„Rassismus gab es offiziell nicht, und plötzlich erlebts du ihn doch. Und die Ängste haben sich bewahrheitet“, resümiert Atmaca. „Die Erfahrungen von Rassismus haben in der Wendezeit und kurz danach stark zugenommen. Rostock, Solingen, Mölln. Das Gefühl, sich in Sicherheit zu fühlen, war nicht mehr da.“ Doch sind diese Erfahrungen in den Frauen*bewegungen thematisiert worden? Haben Migrantinnen* hier Unterstützung und Solidarität erfahren?

Feministische Verbindungen: Austausch, Kennenlernen – und brüchige Solidarität

Es entstand eine gemeinsame Community ost- und westsozialisierter Schwarzer Frauen*, erklärt Küppers-Adebisi. „Wir haben da auch schon gemerkt, dass es ganz differenzierte Rassismuserfahrungen gab.“ Einander Kennenzulernen bedeutete für Küppers-Adebisis auch ein Lernen voneinander. „Das war spannend, uns auch mit uns auseinanderzusetzen und zu sehen, da sind andere ganz anders aufgewachsen. Und manche Sachen, die wir gar nicht wertgeschätzt haben, konnten wir jetzt anders wertschätzen. Allein, dass wir uns organisieren konnten, allein dass wir so einen ganz anderen Materialismus haben und eine politische Meinung, die wir äußern konnten.“

Michiyo Fried betont das Stadt-Land-Gefälle auch in politischen Netzwerkbezügen. „Ich bin auf dem Land aufgewachsen, da war nicht sehr viel los mit Communities oder gar feministischer Organisation. Wenn ich da meine Mutter angucke, glaube ich, dass es ihr sehr viel besser gegangen wäre, wenn es das gegeben hätte – eine migrantisch-feministische Organisation.“ Dass man sich überhaupt in einer Community organisieren kann, ist für Fried nicht nur eine Frage von Emanzipation, „sondern auch für das menschliche Sein, dass man sich als Mensch fühlen kann und nicht immer nur benannt wird oder eine Zugehörigkeit erstmal aushandeln oder sich erkämpfen muss“.

Şemsi Bilgi ist im Türkischen Frauenverein aktiv. Seit über 40 Jahren bietet dieser Frauen in Berlin einen Treffpunkt und arbeitet zu gleichstellungspolitischen Themen. Bereits Bilgis Mutter baute den Verein mit auf, der Frauen jeher zu Fragen von Arbeitslosigkeit, Kindererziehung und Aus- wie Weiterbildungen unterstützt. Seit Gründung am 8. März 1978 werden Analphabetisierungskurse angeboten. „Diese Bildungsarbeit war für uns wichtig, daneben gab es Näh- und Schreibkurse, damit die Frauen etwas Handwerkliches lernen, darüber ihre Isolation aufbrechen und sich ökonomische Unabhängigkeit verschaffen konnten. Anfang der 90er Jahre hatten wir die Probleme, die wir bereits in Westberlin hatten, das West hatten wir dann einfach weggelassen.“

Der Verein beschäftigte sich auch mit der Lebenssituation der Frauen* in der DDR. „Wir haben als Frauengruppe auch Frauengruppen in Ostberlin besucht und verschiedene Themen diskutiert.“ Vor der Wende wurde mehr über die Erwerbssituation und Kinderbetreuung als den Rassismus gesprochen. „Sie hatten Kindergartenplätze und Berufe, von denen wir träumen konnten“, meint Bilgi. „Frauen im Osten waren Vorbild, weil sie relativ viele Rechte in der Gesellschaft hatten“, erzählt sie und spricht von der Hoffnung auf Solidarität, die im Umbruch doch nicht kam.

„Viele Gastarbeiterinnen haben ihre Arbeitsplätze verloren. Auch ostdeutsche Frauen haben ihre Arbeitsplätze verloren und sehr viele sind in den Westen gegangen.“ Neue Hierarchien auf dem Arbeitsmarkt und Wohnungsnot waren die Folge. „Die ostdeutschen Frauen kommen und die westdeutschen Migrantinnen verlieren ihren Job“, so Bilgi. „Solidarität in dem Sinne gab es wenig“, meint sie mit Blick auf die Frauenbewegungen. Der Türkische Frauenverein ist Mitglied im Landesfrauenrat, gemeinsam wurden damals Veranstaltungen und Demos zum 8. März organisiert, „aber so richtig ernstgenommen fühlten wir uns nicht, auch von anderen Organisationen nicht“.   

Michiyo Fried fügt hinzu, „dass die sogenannte Wende ein Verlustgeschäft für alle Frauen* war, sowohl im Osten auch als auch im Westen“. Frauen* aus der DDR seien in Fragen des Arbeitsmarktes und der Kinderbetreuung zwar fortschrittlicher gewesen, doch mit der Wirtschafts- und Sozialunion, gingen diese Errungenschaften verloren, Kinderbetreuung wurde auch für sie zum Luxus. „Ich erinnere mich auch, dass sich in der Öffentlichkeit etwas verschoben hat“, so Fried. „Klassische Frauen*berufe wie Kassiererin wurden plötzlich von Männern eingenommen.“ Verteilungskämpfe gab es ihrer Meinung nach eher zwischen den Geschlechtern als zwischen Ost- und Westfrauen*. „Die Jobs gingen jetzt erstmal an die Männer – und da auch an die weißen deutschen Männer. Und da waren ja auch die rechtsradikalen Slogans ‚Das Boot ist voll‘, und ‚Deutsche zuerst‘. Ich glaube, das hat sehr Vieles, was Frauen* sich erkämpft hatten, einfach überdeckt.“

Michiyo Fried
DDF
Lizenz
Michiyo Fried

Intersektionales Erinnern: Selbstverständnis, Zugehörigkeit – und fehlende Anerkennung

Und heute? „Gehören wir jetzt dazu? Gehören wir jetzt zusammen?“, fragt Delal Atmaca schließlich in die Runde. „Ja, das können wir uns nicht mehr nehmen lassen“, meint Adetoun Küppers-Adebisi und betont die Notwendigkeit von Empowerment und Selbstbewusstsein Schwarzer und PoC-Communities. „Wir wissen, wer was macht, wir wissen, wer als Expertin benannt werden kann, das ist eine neue Dimension.“

Allerdings verenge sich das Gedenken noch zu häufig auf weiße deutsche Erfahrungen. Erinnerungskulturen müssen intersektional sein, hebt Küppers-Adebisi hervor. Die wichtigen Perspektiven migrantischer Frauen* und Frauen* of African Descent fehlen häufig noch. Allein in Berlin ließe sich Schwarze Geschichte über 300 Jahre lang zurückverfolgen. „Es gibt keinen Feiertag, keine Würdigung und Aufnahme migrantischen Lebens. Das ist ein gesellschaftliches Problem.“ 

„Eine Entwicklung haben wir schon“, hält Bilgi für die türkische Community fest. „Wir haben jetzt eine dritte und vierte Generation, die hier geboren ist und groß wird.“ Diese Generationen seien selbstbewusst und feministisch. Dennoch sieht Bilgi auch andere Tendenzen. Auf der Suche nach Zugehörigkeiten, leben seit der Wende überlebt geglaubte Traditionen und Abgrenzungen auf. „Früher wurden junge Leute nicht in Diskos reingelassen, jetzt ist eine eigene Kultur entstanden. Früher haben wir zusammen gefeiert, heute ist es teils geteilt, um sich selbst nicht als Ausländer zu fühlen, sondern unter sich zu sein.“

„Könnte es auch sein, dass die junge Generation sich teils abwendet, weil die alten nicht anerkannt sind?“, regt Atmaca an. Ähnliche Erfahrungen teilt auch das Publikum. Eine Teilnehmerin* berichtet, 30 Jahre in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Sie zahle sogar den Solidaritätszuschlag, sagt sie. Doch stets werde sie als Ausländerin* hergestellt. Dies deckt sich mit weiteren Beiträgen der dritten, vierten Generation, die daher nicht selten beginnen, nach anderen Zugehörigkeiten zu suchen.

„Wir werden nach wie vor zu wenig gesehen, aber wir sind heute doch viel stärker als noch vor 30 Jahren“, führt Atmaca die Stimmen der Diskussion zusammen. „Und egal, wo wir sind und wie wir sind, werden wir die Solidarität nicht nur einfordern, sondern auch selber üben müssen und selber für die Gleichberechtigung und gegen Rassismus kämpfen müssen. Die Kämpfe sind sehr vielfältig aber wir sind auch viel größer und stärker als je zuvor.“

Weitere Beiträge von DaMigra, unter anderem zu ostmigrantischen Perspektiven auf Mauerfall und Transformation, erscheinen ab August im DDF-Dossier.

verschiedene Logos
Stand: 01. Juli 2020
Verfasst von
Eine Kooperation von DaMigra und DDF
Dr. Delal Atmaca

Geschäftsführerin des Dachverbands der Migrantinnen*organisationen – DaMigra e.V.

Adetoun Küppers-Adebisi

Publizistin (u.a. AFROTAK TV cyberNomads), Sprecherin des Rates für Diversity und soziale Inklusion von Berlin Global Village und Mitbegründerin von DaMigra e.V.

Șemsi Bilgi

Vorstandsvorsitzende des Türkischen Frauenvereins und Mitbegründerin von DaMigra e.V.

Michiyo Fried

Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des DaMigra e.V.

Empfohlene Zitierweise
Eine Kooperation von DaMigra und DDF/Dr. Delal Atmaca/Adetoun Küppers-Adebisi /Șemsi Bilgi /Michiyo Fried (2020): Einheit aus Vielfalt, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/30-jahre-geteilter-feminismus/einheit-aus-vielfalt
Zuletzt besucht am: 10.08.2020