Literarischer Tabubruch

1982 erschien in der DDR der Roman Meine ungeborenen Kinder von Charlotte Worgitzky und sorgte wegen seiner teils drastischen Schilderungen über Abtreibung für heftige Diskussionen in Ost – und West.
Charlotte Worgitzky, 1988
Bildnachweis
Fotograf: Klaus Morgenstern
SLUB / Deutsche Fotothek
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In ihrem 1982 erschienen Roman Meine ungeborenen Kinder behandelt die Schriftstellerin Charlotte Worgitzky  das Thema Schwangerschaftsabbruch in der DDR und verarbeitete damit auch eigene „grauenvolle Erlebnisse“.1 Die Romanheldin ist die Schauspielerin Martha Trubec. Ausgelöst durch die Proben für Friedrich Wolfs Theaterstücks Cyankali reflektiert sie ihre eigenen sechs Schwangerschaftsabbrüche. Eindrücklich erzählt sie über die fatalen Auswirkungen der restriktiven Abtreibungsregelungen der 1950er und 60er Jahre in der DDR. Doch auch nach der Legalisierung 1972 erfährt sie fortbestehende Vorbehalte und Ablehnung durch ÄrztInnen.

Es war vor allem die Figur Martha Trubec, ihr fehlendes schlechtes Gewissen und ihre Weigerung sich für ihre Handlungen zu rechtfertigen, die in Rezensionen und Leser*innenschaft polarisierten. Das Buch wurde in der DDR und in der Bundesrepublik kontrovers diskutiert. Selbst Lesungen aus dem Manuskript vor dem Erscheinen des Buches besuchten hunderte interessierte Menschen.2 Ihre Reaktionen und auch die Auseinandersetzungen mit den „Männern im Verlag“, die „solche >Sachen< wie Menstruation […] oder die Beschreibung von Abtreibungen […] nicht so direkt“ im Buch ausgesprochen haben wollten, verarbeitete Charlotte Worgitzky in ihrem Roman.3 Zugleich setzt sich Worgitzky kritisch mit Mütterlichkeit und den internalisierten patriarchalen Geschlechterrollen auseinander.

Charlotte Worgitzky wurde am 6. Juni 1934 in Annaberg/Erzgebirge geboren und wuchs in Leipzig auf. Von 1951 bis 1954 besuchte sie eine Schauspielschule und wechselte danach an die Theaterhochschule in Leipzig. Nach etwa zehn Jahren gab sie die Schauspielerei auf und begann hauptberuflich als Schriftstellerin zu arbeiten. 1975 erschien ihr erster Roman Die Unschuldigen. Im gleichen Jahr wurde sie Mitglied des Deutschen Schriftstellerverbandes. Ihr bekanntester Roman Meine ungeborenen Kinder erschien 1982. Daneben veröffentliche Charlotte Wogitzky zahlreiche Erzählungen, Essays und Features für den Rundfunk. Am 14. Dezember 2018 starb Charlotte Worgitzky in Berlin. 

Stand: 17. Mai 2021
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Fußnoten

  • 1. Worgitzky, Charlotte: „Meine ungeborenen Kinder“. Entstehung und Wirkungsgeschichte, in: Zentrum Interdisziplinäre Frauenforschung (ZiF) (Hg.): Ohne Frauen ist kein Leben: der §218 und moderne Reproduktionstechnologien. Dokumentation der Ringvorlesung 1992 an der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin 1994, S. 107‒125, hier S. 108.
  • 2. Ebenda, S. 116‒125.
  • 3. Ebenda, S. 112.