Autonom und feministisch gegen den § 144

STICHWORT ist das autonome Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung in Österreich. Margit Hauser leitet das Archiv und gibt Einblick in die umfangreiche Sammlung zum Themenfeld Frauenbewegung und § 144 in Österreich.
Demonstration 1972

Welche Bestände zu den Themenfeldern Frauenbewegung und § 144 sind im Stichwort-Archiv vorhanden?

In den Sammlungen von STICHWORT liegt eine Vielzahl von Quellen zu Abtreibung und Fristenlösung in Österreich vor. Die Dokumente zu frauenbewegten Debatten, Forderungen und Kämpfen ziehen sich durch alle Bestandsgruppen ebenso wie durch alle Jahrzehnte seit Beginn der Neuen Frauenbewegung in Österreich. Es war dies ein zentrales Thema in der gesamten Neuen Frauenbewegung. Im Speziellen finden sich unter den über 900 österreichischen autonomen Frauengruppen, die im STICHWORT dokumentiert sind, zumindest 17 Gruppierungen, die sich namentlich mit dem Thema Selbstbestimmungsrecht auseinandersetz(t)en. Von besonderem Interesse sind die 1970er Jahre mit der Einführung der Fristenlösung 1975. In erster Linie ist hier der Bestand der AUF zu nennen.

Zu den ersten Dokumenten im STICHWORT-Archiv, die ab 1972 den Kampf um die Liberalisierung der Abtreibung belegen, gehören die ersten Ausgaben der Zeitschrift Rotstrumpf1 und die Presseausschnitte zum Aktionskomitee zur Abschaffung des § 144. Diese parteinahe Initiative bot SPÖ-Frauen die Möglichkeit, über den Parteirahmen hinaus Forderungen zu formulieren und so zu der von der SPÖ-Alleinregierung und Justizminister Christian Broda ab 1971 angestrebten Gesetzesänderung beizutragen. Seit Beginn der Zweiten Republik 1945 galt wieder der aus der Zeit Maria Theresias stammende § 144 , der Abtreibung mit Haftstrafe belegte und nur wenige Ausnahmen im Rahmen der Indikationslösung zuließ. 

Im November 1972 wurde die Aktion Unabhängiger Frauen – AUF als erste autonome Frauengruppe in Österreich gegründet, die später auch Ausgangspunkt vieler weiterer frauenbewegter Initiativen in Wien war. Das Thema Abtreibung beschäftigte die AUF in ihren ersten Jahren stark. Sie unterstützte die SPÖ-Initiative inhaltlich, wenn auch in ständiger Auseinandersetzung mit den Parteifrauen.2  Die umfangreiche Sammlung, die einen zentralen Bestand im STICHWORT darstellt, belegt die Arbeit der Gruppe zu diesem Thema mit Flugblättern  , Zeitungsartikeln, offenen Briefen, Protokollen, Schriftverkehr mit anderen Akteurinnen der österreichischen und internationalen Frauenbewegung. Weiter finden sich auch die von ihr herausgegebenen Periodika AUF – eine Frauenzeitschrift und AUF-Mitteilungen (ab 1977 Frauen-Info) sowie Plakate, Aufkleber, Fotos und Broschüren.

Flugblatt Die einen reden.. §144
Quelle
STICHWORT Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung, Wien
Flugblatt der autonomen Frauengruppe Aktion Unabhängiger Frauen – AUF, um 1972
Zeitungsausschnitt „In Mariahilf“
Quelle
STICHWORT Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung, Wien
Demonstration 9. 12. 1972, Kurier, 10.12.1972

Ein Beispiel konkretisiert, wie verschiedene Dokumentarten einzelne Ereignisse abbilden: Sehr schnell hatten sich die konservativen Kräfte gegen die Bestrebungen zur Gesetzesänderung in der Aktion Leben organisiert; deren Agitationen wurden vonseiten der Frauenbewegung mit Protestaktionen beantwortet. Ein erstes starkes Zeichen war die Demonstration für die ersatzlose Streichung des § 144 an einem Einkaufssamstag im Dezember 1972 auf der größten Einkaufsstraße Österreichs, der Wiener Mariahilfer Straße . Im STICHWORT finden sich dazu unter anderem Zeitungsauschnitte und ein Flugblatt zur berühmt gewordenen Aktion der Künstlerin Erika Mis, die den Wiener Aktionisten nahestand. Diese ließ sich in einem ‚Schandkarren’ von einem ‚Priester’, einem ‚Arzt’ und einem ‚Richter’ durch die Mariahilfer Straße ziehen, wobei sie mit einer Axt den Holzkäfig zerschlug. Diese Aktion führte zu großem Presseecho, die abgedruckten Pressefotos gehören heute vermutlich zu den am häufigsten überlieferten Bildern zur Frauenbewegung der 1970er Jahre in Österreich.

Anhand einer weiteren Demonstration lässt sich zeigen, dass es von Archivseite nach wie vor Desiderate, noch fehlende Wunschobjekte, gibt: Vor der Abstimmung zur Fristenlösung im Österreichischen Parlament am 27. November 1973 fand am 9. November in Wien eine große Demonstration  für die Abschaffung des § 144 statt, die von der von der AUF initiierten Aktionseinheit zur Abschaffung des § 144 organisiert worden war.3 Im Bestand sind nicht nur Flugblätter, sondern eine Vielzahl an Unterlagen, die die Vorbereitung und die Reaktionen der Öffentlichkeit nachvollziehbar machen. Dazu gehört beispielsweise eine Liste jener Betriebe, vor denen im Vorfeld Flugblätter verteilt worden waren und in denen vor allem Frauen arbeiteten, wie Siemens, Augarten-Porzellan oder Phillips; aber auch Demo-Parolen und ein Typoskript für ein ORF-Interview. Und dennoch: Es ist zwar überliefert, dass bei dieser Demonstration am Wiener Maria-Theresien-Denkmal eine Tafel mit dem Spruch „Als Kaiserin kann ich mir 16 Kinder leisten“ aufgehängt worden sei4  --, ein Foto, das dies belegen würde, fehlt allerdings noch im STICHWORT.

Aufgruf zur Demonstration gegen den § 144, 1973
Urheberin: "Aufruf der Aktionseinheit zur Abschaffung des § 144". 1973
Quelle
STICHWORT Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung, Wien
Aufruf zur Demonstration gegen den § 144, 1973

Die Fristenlösung  trat am 1. Januar 1975 in Kraft und wird seitdem immer wieder von konservativer Seite infrage gestellt und von Feministinnen verteidigt – was viele, auch aktuelle Dokumente im STICHWORT belegen.

Demonstration 1972
Quelle
Quelle: STICHWORT Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung, Wien
Feministische Gruppen riefen in Österreich gerade zu Beginn der 1970er Jahre zu zahlreichen Demonstrationen und Protesten auf, wie hier 1974. Am 1. Januar 1975 trat schließlich die für Frauen liberalere Fristenlösung in Kraft.

Welche Quellen sind deiner Ansicht nach besonders beeindruckend?

Es ist nichts Besonderes hervorzuheben. Schön ist es aber, wenn einzelne Aktionen durch eine Vielzahl von Quellen nachvollziehbar werden – von den ersten Diskussionen über die Vorbereitungsschritte, bis zu den Ankündigungen und Plakaten, womöglich mit der Druckereirechnung, die Aufschluss über die Auflage gibt, bis zur Medienberichterstattung und zur Reflexion der Initiatorinnen danach. Der Dokumentationsgrad ist bei den Beständen einzelner Frauengruppen sehr verschieden. Zudem ist es uns wichtig, dass unterschiedliche Zugänge einzelner Gruppierungen wie auch Diskussionen innerhalb von Gruppen nachvollziehbar werden, sodass ein differenziertes Bild überliefert werden kann.

Inwieweit sind eure Bestände bereits erfasst und wo bestehen Forschungspotenziale? 

Alle genannten Bestände zu österreichischen Frauengruppen – insgesamt sind es über 900 – sind größtenteils verzeichnet, der Bestand zur AUF dabei bis zum Einzelstück. Ebenso sind die gesamte Plakatsammlung, Objekte, die Tonträger, die Artikel in österreichischen autonomen Frauenzeitschriften und umfangreichere Broschüren sowie eine Auswahl an Flugblättern aus den 1970ern und 1980ern einzeln verzeichnet und durch Verschlagwortung inhaltlich erschlossen. Das Fotoarchiv ist nach Serien erfasst. Da vielleicht kein anderes Thema so stark mit der Frauenbewegung der siebziger Jahre assoziiert wird, gehören Dokumente zum Thema Abtreibung und Selbstbestimmungsrecht zu den im STICHWORT meistgefragten Ausstellungsleihgaben. Es ließe sich aber sicher dennoch noch eine Vielzahl von Forschungsfragen aus dem vorliegenden Quellenkorpus entwickeln.

STICHWORT – Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung  wurde 1983 in Wien gegründet und sammelt Literatur zur Frauen- und Geschlechterforschung, zu Frauenbewegungen, Lesbenforschung, Queer Studies und hat circa 900 österreichische Frauengruppen dokumentiert. STICHWORT ist Mitglied des i.d.a.-Dachverbandes.

Stand: 17. Mai 2021
Lizenz (Text)
Verfasst von
Margit Hauser

ist langjährige Mitarbeiterin und Geschäftsführerin von STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung in Wien, studierte Philosophie, Psychologie und Romanistik und veröffentlichte zur feministischen Philosophie sowie zum feministischen Informations- und Dokumentationswesen. Sie ist seit Anfang der 90er-Jahre in der Vernetzung der FrauenLesbenBibliotheken und -archive aktiv. Seit 2005 ist sie im Vorstand des i.d.a.-Dachverbandes.

Empfohlene Zitierweise
Margit Hauser (2021): Autonom und feministisch gegen den § 144, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/218-und-die-frauenbewegung/autonom-und-feministisch-gegen-den-144
Zuletzt besucht am: 18.09.2021
Lizenz: CC BY 4.0
Rechteangabe
  • Margit Hauser
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY 4.0

Fußnoten

  • 1In Heft 2 von 1972 wurde über das erste Frauenbewegungstreffen in Österreich berichtet, bei dem auch das Recht auf Abtreibung thematisiert wurde: N., N.: Aktuelles [Bericht über Arbeitstagung in Mondsee „Strategie einer Frauenbewegung“, 30.9./1.10.1972], in: Rotstrumpf, 1972, H. 2, 3‒5.
  • 2Hierzu und zum Folgenden bietet Katharina Riese im Kapitel AUF und Abtreibungen eine gute Einführung: Geiger, Brigitte / Hacker, Hanna: Donauwalzer Damenwahl. Frauenbewegte Zusammenhänge in Österreich, Wien 1989, hier S. 19‒28.
  • 3Ebenda; N., N.: Paragraph 144, in: AUF-Mitteilungen o. J. [1973], H. 13, 2‒3.
  • 4Geiger / Hacker: Donauwalzer Damenwahl, S. 30.