Schwangerschafts­konflikt und Abtreibung im DEFA-Film

Das Verhältnis von Staatlichkeit und Privatheit, Abtreibungspolitik und Körper zeigt sich auch im DEFA-Film der DDR. Das Filmmuseum Potsdam bietet besondere Einblicke.
Filmstill aus "kinder kriegen?"
Bildnachweis
Rechte: Sibylle Schönemann / Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF
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Welche Bestände finden sich im Filmmuseum Potsdam zum Thema Schwangerschaftsabbruch im DEFA-Film?

In unseren Sammlungen konnten wir einige Objekte ausfindig machen, die in der DDR durch die Deutsche Film AG (DEFA) im Rahmen ihrer Filmproduktionen entstanden sind. Die Materialien zu DEFA-Filmen mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch sind in unterschiedlichem Grad erschlossen und liegen teilweise digitalisiert vor. Wir sind vornehmlich auf Dokumente aus den 1970er und 1980er Jahren gestoßen, darunter Drehbücher, Montage-Listen, Szenenfotos, Kritiken und Plakate.

Die Anfrage des DDF reihte sich in unsere Recherchen für das für 2024 geplante Ausstellungsprojekt Film!Her!Story! zu feministischer Filmgeschichtsschreibung ein. Auch in der Vergangenheit hat sich das Filmmuseum Potsdam schon mit dem Thema Abtreibung im Film befasst. Die vom Kurator Guido Altendorf herausgegebene und 2016 bei absolut medien erschienene DVD-Edition Cyankali stellt zwei Verfilmungen des titelgebenden Theaterstücks aus der Weimarer Republik gegen den § 218 gegenüber: die erste (Stummfilm-)Verfilmung von Hans Tintner aus dem Jahr 1930 sowie eine Produktion des Fernsehens der DDR von 1977 unter der Regie von Jurij Kramer.

Wie wurde das Thema des Schwangerschaftsabbruchs in DEFA-Filmen behandelt?

Der Schwangerschaftsabbruch ist ein marginalisiertes Thema der Filmgeschichte und die DEFA-Produktionen sind davon nicht auszunehmen. Schwangerschaftsabbrüche waren nach der Gründung der DDR zunächst nur im Rahmen einer Indikationsregelung möglich. Dies änderte sich 1972 mit dem Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft , das eine Fristenregelung enthielt. Die erheblichen sozialen Veränderungen im Leben von Frauen in der DDR, die mit diesem juristischen Wandel einhergingen, scheinen in den DEFA-Filmen, zu denen wir recherchiert haben, immer wieder auf. Dabei ist zu beachten, dass die wesentlich von Partei und Staat gelenkten und kontrollierten Medien in der DDR – einschließlich der DEFA – solche politischen Richtungsentscheidungen unterstützend begleitet und in der Regel nicht kritisch hinterfragt haben.

Entlang der Behandlung des Themas Abtreibung im DEFA-Spielfilm lässt sich zudem die sich wandelnde Positionierung der DDR in Bezug auf Verhütung sowie der Versuch der sozialistischen Erziehung des Publikums nachvollziehen. Das Ziel der Liberalisierung der Abtreibungspolitik in den 1970er Jahren war weniger die Freiheit der Frau bei der Entscheidung über ihren Körper als vielmehr die Gewährleistung der Ausbildung und die Erhaltung ihrer Arbeitskraft im Sinne des sozialistischen Staates.

Der Spielfilm ...und deine Liebe auch (Frank Vogel 1962) verhandelt das Thema Abtreibung nicht auf der Bild-, sondern auf der Tonebene, wenn sich die starke weibliche Hauptfigur Eva in einer Rückblende an ihren Leidensweg auf der Suche nach Informationen zu einer sicheren Abtreibung erinnert. Inhaltlich brisant spielt der Film die Möglichkeit einer sozialistischen Erziehung für das Kind gegen eine potenzielle Partnerschaft mit dem biologischen Vater aus. Konfrontiert mit einer ungewollten Schwangerschaft und einem Liebhaber, der seine Unterstützung nur in Form einer Abtreibung im Westen in Aussicht stellt, entscheidet sich Eva gegen die Flucht aus der DDR und für das Kind. Das Thema Abtreibung wird somit zur Projektionsfläche für eine als politisch sowie ethisch korrekt gesetzte Entscheidung ein Jahr nach dem Mauerbau.

Zum Zeitpunkt seiner Premiere 1972 ist Der Dritte (Egon Günther) in der DDR sowie international gefeiert. In seiner nonchalanten Darstellung von weiblicher Sexualität und Lebensrealität wird ein progressives Frauenbild inszeniert. 

 

Filmplakat ...und deine Liebe auch
Gestalter: Werner Klemke / Filmmuseum Potsdam / Rechte: DEFA-Stiftung
Lizenz
Plakat zum Film „…und deine Liebe auch“

Die Schauspielerin Jutta Hoffmann spielt darin eine Mathematikerin und alleinerziehende Mutter, die nach zwei Scheidungen aktiv auf der Suche nach einem neuen Partner ist. In Rückblenden wird ihr Lebensweg erzählt. Faye Stewart und andere haben die queere Lesbarkeit der Freundinnenschaft zwischen der Hauptfigur Margit und ihrer Kollegin und Vertrauten Lucie hervorgehoben – eine homoerotische Symbiose, die auch auf Margits Verlust der Mutter und Sozialisierung als Novizin zu verweisen scheint. In diesem Zusammenhang kann auch das im Film behandelte Thema Abtreibung verstanden werden. Inszeniert wird diese in einer Szene mit dampfendem Sitzbad und dem Kauen von giftigen Kräutern als beiläufiger Bestandteil heterosexueller Orientierung. Eine kurze Szene lesbischer Zärtlichkeit scheint dem Publikum in der Figur Lucie die eigentliche ,Dritte‘ nahezulegen, ein prägnantes Zeugnis einer damals allmählich aufkommenden homosexuellen Bewegung in der DDR, die auch filmisch verhandelt wurde.

Jutta Hoffmann und Barbara Dittus, Plakat zum Film „Der Dritte“ / Filmmuseum Potsdam /
DEFA-Stiftung
Jutta Hoffmann und Barbara Dittus, Plakat zum Film „Der Dritte“ / Filmmuseum Potsdam

Kurz erwähnt sei an dieser Stelle auch eine TV-Produktion aus dem Jahr 1978 mit dem vielsagenden Titel Härtetest unter der Regie von Hubert Hoelzke. Inhaltsangaben legen nahe, dass der „Härtetest“ hier sowohl im militärischen Sinn in Bezug auf die männliche Hauptfigur, als auch als Euphemismus für die staatlich erzwungene Austragung einer Schwangerschaft der weiblichen Hauptfigur verstanden werden sollte. Im Grunde steht hier die staatliche Machtausübung über den weiblichen Körper ähnlich im Vordergrund wie bei ...und deine Liebe auch (1962), allerdings hat sich der Ton 16 Jahre später deutlich gewandelt. Im gleichen Jahr erschien Heiner Carows Bis daß der Tod euch scheidet, ein Film über häusliche Gewalt und die Isolation des Lebens einer ,Hausfrau‘, in dem eine heimliche Abtreibung die Gewalt durch den männlichen Partner eskalieren lässt.

Auch im Dokumentarfilm der DEFA fanden wir nur sehr wenige, dafür umso brisantere Beispiele für den Umgang mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch. Ein übliches Mittel im Dokumentarfilm war die Einbettung von populärwissenschaftlichen Narrativen und sozialen Fragen in eine Spielhandlung, die dokumentarische Szenen rahmt. Im Film Kalender einer Ehe – Ein Film zum Thema Gleichberechtigung aus dem Jahr 1971 von Wolfgang Bartsch setzen sich die SchauspielerInnen Marita Böhme und Alfred Müller als junges Ehepaar mit der Gleichberechtigung in ihrer eigenen Ehe und der gesellschaftlichen Situation auseinander, indem sie Passant*innen und Expert*innen zu deren Haltungen befragen. Dabei wird in einer Szene eine Abtreibung im Krankenhaus gefilmt. Parallel dazu kommentiert ein Arzt, dass sowohl eine ungewollte Schwangerschaft als auch eine Abtreibung aufgrund ihrer Gefährlichkeit Frauen großes Leid bescheren würden. Als Allheilmittel wird die ab Mitte der 1960er Jahre in der DDR erhältliche Pille zur Schwangerschaftsverhütung angepriesen. Der Film verharrt auf der Ebene der gesellschaftlichen Bewertung dessen, was Expert*innen für richtig halten und sucht sich die unterstützenden, inszenierten oder nicht inszenierten Antworten aus der Bevölkerung, um diese Thesen zu legitimieren. 

Ganz anders geht Sibylle Schönemann in ihrem Dokumentarfilm kinder kriegen? aus dem Jahr 1976 vor, indem sie unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema Abtreibung Raum gibt. Hier handelt es sich aber nicht um einen von der DEFA produzierten Film für das breite Publikum, sondern um einen Hochschulfilm, eine sogenannte dokumentarische Übung an der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR – heute Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf.

Welche DEFA-Erzeugnisse sind aus heutiger Perspektive besonders beeindruckend?

Ein besonders spannendes Objekt, auf das wir im Zuge unserer Recherche gestoßen sind, ist ein auf 42 Seiten ausgearbeitetes Exposé zu einem nicht realisierten Film mit dem Titel Interruption (Die Unterbrechung), das auf den 4. Februar 1981 datiert ist. Die Mappe stammt aus dem Vorlass der Filmemacherin Tamara Trampe. Als Autor*innen sind Sibylle und Hannes Schönemann genannt, Tamara Trampe als Dramaturgin und Sibylle Schönemann als Regisseurin. Offen ist, warum der Film nicht realisiert wurde.

Heute würde man Die Unterbrechung als Coming-of-Age-Film bezeichnen: Gudrun ist um die 18 Jahre alt und scheint sich vom Gros der Bevölkerung in ihrem Heimatort auf Usedom zu unterscheiden. Ihr Leben besteht aus Arbeit, Disco und Liebschaften. Gudrun ist schwanger und steht damit alleine. Erst als sie auf die zehn Jahre ältere Andrea trifft, die in Bansin nach ihrer leiblichen Mutter sucht, von der sie nach ihrer Geburt zur Adoption freigegeben worden war, scheint Gudrun unverhofft eine Gesprächspartnerin auf Augenhöhe gefunden zu haben. Gudrun bricht mit Andrea nach Berlin auf, wo sie mehrfach an dem Versuch scheitert, ihre Schwangerschaft zu beenden.

Die Gestaltung der Figuren mit ihrem freien Ausdruck weiblicher Sexualität und ihrer sehnsuchtsvollen Suche nach Identität sowie der Fokus auf die Solidarität und Freundschaft zwischen den Frauen einer jungen Generation ist sehr beeindruckend.

Das Exposé unterscheidet sich unserer Auffassung nach von den genannten Spielfilmproduktionen durch die nicht moralisch wertende Darstellung einer ungewollten Schwangerschaft und durch die vielseitige Auseinandersetzung mit den (Un-)Möglichkeiten einer legalen Abtreibung, sowie den einschränkenden Implikationen, die ungewollte Schwangerschaften für weibliche Lebensentwürfe bedeuten können. Selbst das überraschende Ende, wenn Gudrun am Bahnsteig des Berliner Ostbahnhofs steht und zurück in ihr Heimatdorf aufbrechen will, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Exposé die herrschende Fristenregelung und frauenfeindlichen Missstände im Umgang mit weiblicher Sexualität in der DDR deutlich kritisiert. 

Welcher Film sollte mehr Aufmerksamkeit erhalten?

Ein ganz besonderer Fund ist der schon erwähnte Dokumentarfilm kinder kriegen? (Sibylle Schönemann, 1976). Eine 16mm-Kopie liegt im Archiv der Filmuniversität Babelsberg. Sibylle Schönemann gehört zur letzten Generation der DEFA und wurde später mit ihrem viel beachteten und geehrten Film Verriegelte Zeit (1990) bekannt, in dem sie ihre politische Haft re-inszeniert und die Verantwortlichen konfrontiert. In nur 18 Minuten macht kinder kriegen? Abtreibung zum facettenreichen, zentralen Thema. Unterschiedliche Lebenserfahrungen, Emotionen wie Trauer und Scham und ethisch-politische Haltungen werden eingefangen: Sibylle Schönemann spricht mit einer Krankenschwester, mehreren Patientinnen, einer jungen Mutter, mit Frauen, die abgetrieben haben oder von ihrem Partner dazu gezwungen wurden, Frauen, die in der DDR geboren wurden und Frauen, die im Nationalsozialismus aufgewachsen sind. Anders als bei dem schon erwähnten Kalender einer Ehe werden die rigorosen Aussagen eines Arztes und Experten durch die aus dem Off gestellten Fragen der Regisseurin nahezu sabotiert. Eine von der Filmemacherin forcierte Gruppen-Situation entlarvt das Thema Abtreibung als Tabu. Der Film im Stil des Cinéma Vérité beginnt  und endet mit auffallend kontrastierender Jazzmusik und collagenhaften Close-Ups der Porträtierten.

Wie gestalten sich Forschungsstand und -potenziale zum Thema?  

Der filmische Diskurs um Schwangerschaftsabbrüche ist fester Bestandteil feministischer Forschung in der Filmwissenschaft. So wurde etwa das Weimarer Kino mit der Dissertation von Ursula von Keitz Im Schatten des Gesetzes. Schwangerschaftskonflikt und Reproduktion im Film 1918-1933 aufgearbeitet. Anders verhält es sich unseres Wissens nach mit der DEFA-Filmproduktion und dementsprechend lohnend wäre eine intensive Auseinandersetzung mit dem im Filmmuseum Potsdam vorhandenen Material. Zwar gibt es filmwissenschaftliche Untersuchungen zur Darstellung von weiblicher Sexualität und Identität, jedoch nicht mit Fokus auf das Thema Abtreibung. 

Das Filmmuseum Potsdam (In-Institut der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf)  beherbergt eine bedeutende Sammlung an film related material, seltene Film- und Kinotechnik, eine eigene Filmsammlung, sowie nach dem Bezug unseres neuen Sammlungsgebäudes in Babelsberg einmalige Objekte zur Geschichte des Sehens und der Wahrnehmung seit dem 16. Jahrhundert der Collection Werner Nekes. Der Schwerpunkt der Sammlungstätigkeit ist die über 100-jährige Geschichte des Filmstandorts Babelsberg einschließlich des größten Filmproduktionsbetriebes der DDR, der DEFA.

Stand: 17. Mai 2021
Lizenz (Text)
Verfasst von
Inga Selck

M.A., Filmwissenschaftlerin, Wissenschaftlich-Künstlerische Referentin und Stv. Sammlungsleitung des Filmmuseum Potsdam, Kuratorin der Ausstellung Film!Her!Story! (Eröffnung 2024), gemeinsam mit Dr. Johanne Hoppe.

Elena Baumeister

M.A., Filmwissenschaftlerin, wissenschaftliche Volontärin am Filmmuseum Potsdam. Ko-Kuratorin Ausstellungsprojekt Film!Her!Story!.

Empfohlene Zitierweise
Inga Selck/Elena Baumeister (2021): Schwangerschafts­konflikt und Abtreibung im DEFA-Film, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/218-und-die-frauenbewegung/abtreibung-im-defa-film
Zuletzt besucht am: 12.06.2021