Von Freigabe bis Bestrafung

Der § 218 war in der Frauenbewegung des frühen 20. Jahrhunderts kein zentrales, aber dennoch sehr kontrovers diskutiertes Thema. Die ausgewählten Zitatbeispiele lassen die vielfältigen Positionen und Argumente erkennen.
Minna Cauer
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Deutsches Historisches Museum, Kd 63/1447
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AddF – Archiv der deutschen Frauenbewegung
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Die im § 218 unter Strafandrohung an die Frau gestellte Forderung, eine keimende Leibesfrucht in ihrem Schoße unter allen Umständen auszutragen und auf die Welt zu bringen, ist ein unwürdiger Eingriff in die allerintimste Privatangelegenheit eines Weibes.

Gräfin Gisela von Streitberg : Das Recht zur Beseitigung keimenden Lebens. § 218 des Reichs-Straf-Gesetzbuches in neuer Beleuchtung (1904), in: Janssen-Jurreit, Marielouise (Hg.): Frauen und Sexualmoral, Frankfurt a.M. 1986, S. 156‒164, hier S. 15
Camilla Jellinek
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Darüber besteht für mich kein Zweifel: wenn die Männer die Kinder zu gebären hätten – ein männlicher § 218 wäre nie geschaffen worden!

Camilla Jellinek:  Die Strafrechtsreform und die §§ 218 und 219 StGB, Vortrag, gehalten am 9. Oktober 1905 in Breslau, in: Janssen-Jurreit, Marielouise (Hg.): Frauen und Sexualmoral, Frankfurt a.M. 1986, S. 165‒177, hier S. 176.
Clara Zetkin
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Deutsches Historisches Museum, F 52/2589
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Die Arbeiterklasse dürfe nicht vergessen, daß für ihren Befreiungskampf die große Masse von ausschlaggebender Bedeutung sei. Ein Blick in die Geschichte zeige, daß die aufstrebenden Klassen nicht durch ihre Qualität, sondern durch ihre Masse gesiegt hätten. Es sei der Kinderreichtum ein gesunder Reichtum gewesen.

Clara Zetkin , Vorwärts vom 24. August 1913, zitiert nach: Bergmann, Anna A.: Frauen, Männer, Sexualität und Geburtenkontrolle. Zur Gebärstreikdebatte der SPD im Jahre 1913in: Hausen, Karin (Hg.): Frauen suchen ihre Geschichte, München 1987, S. 83‒110, hier S. 96.
Alma Wartenberg, sitzend an einem Tisch
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Wenn der Staat auch noch soviel Gesetze gegen den Rückgang der Geburten schaffe, so müsse die Frau doch Herrin über ihren eigenen Körper bleiben. Das Recht, sie gegen die Geburten zu schützen, stehe ihr selbst gegen den Willen ihres Ehemannes zu!

Alma Wartenberg , Vortrag vom 28. Oktober 1912 in Schraplau in der Provinz Sachsen, zitiert nach: Bergmann, Anna A.: Frauen, Männer, Sexualität und Geburtenkontrolle. Zur Gebärstreikdebatte der SPD im Jahre 1913in: Hausen, Karin (Hg.): Frauen suchen ihre Geschichte, München 1987, S. 83‒110, hier S. 99.
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Ich kann nur nochmals eindringlich wiederholen, was ich bereits bei früheren Gelegenheiten zu Gunsten der Streichung gesagt habe. Wenn wir Frauen hier nicht für unsere Selbstverantwortlichkeit in der weiblichsten aller Lebensaufgaben, in der ‚Leben zu geben‘, wenn wir hier nicht gegen die Bewertung als willenlose Hilfswesen zur Hervorbringung von Kanonenfutter eintreten – dann verdienen wir m.E. keine andere Bewertung! Dies in Bezug auf das Prinzip. Was die Praxis anbelangt, so erscheint nach den Beobachtungen und Erfahrungen des täglichen Lebens diese Strafbestimmung einfach lächerlich.

Marie Stritt , o. T. 12. Juli 1906, 1 Bl., Sign..: B Rep. 235-01 MF-Nr. 2133-2140, Protokolle, Berichte und Korrespondenzen der Rechtskommission, Leipzig 29. Januar 1908, S. 338.

§§ 218 & 219 sollen ganz gestrichen werden. Begründung: Ich halte diese beiden Paragrafen für den bedenklichsten Eingriff in die persönliche Freiheit, die es geben kann. Ist eine Frau schwanger und setzt sich mit Wissen und Willen der Lebensgefahr aus, welche die Abtreibung stets mit sich bringt, so soll sie dies auf eigene Gefahr tun und nicht noch mit dem Strafrichter in Konflikt kommen.

Julie Eichholz , An die Mitglieder der Rechtskommission des Bundes Deutscher Frauenvereine, 15. Mai 1905, Sign..: B Rep. 235-01 MF-Nr. 2133-2140, Protokolle, Berichte und Korrespondenzen der Rechtskommission, Leipzig 29. Januar 1908, 3 Bl., S. 176‒178hier S. 178.
Minna Cauer
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Deutsches Historisches Museum, Kd 63/1447
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Haben Juristen, haben Männer denn eine Ahnung von dem, was im Frauenleben körperlich, geistig und seelisch vor sich geht, wenn die Frau die Empfängnis spürt? Was wissen denn Männer von dieser Seelenangst, von dieser namenlosen Sorge, von der Verzweiflung, wenn die Folgen eines leichtsinnigen oder eines im Rausche der Liebe und Leidenschaft geschlossenen Verkehrs empfunden werden?

Minna Cauer, 1908https://frauenmediaturm.de/historische-frauenbewegung/minna-cauer-menschlich-oder-juristisch/
Stand: 17. Mai 2021
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