Else Kienle: Frauen. aus dem Tagebuch einer Ärztin

Die Ärztin Else Kienle zählt zu den kämpferischen Ärztinnen der Weimarer Republik, die sich für eine Reform des § 218 einsetzten. Sie wurde inhaftiert und schrieb im Gefängnis das Manuskript zu ihrem Buch Frauen. Aus dem Tagebuch einer Ärztin.
Cover: Else Kienle, Frauen : Aus dem Tagebuch einer Ärztin
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Urheberin: Else Kienle
Quelle: Archiv der deutschen Frauenbewegung, Signatur 19970
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In der fünfwöchigen Untersuchungshaft im Stuttgarter Frauengefängnis, vom 20. Februar bis 28. März 1931, begann die 31-jährige Ärztin Else Kienle ihre Erfahrungen aus der Praxis aufzuschreiben. Bereits ein Jahr später veröffentlichte sie diese unter dem Titel Frauen. Aus dem Tagebuch einer Ärztin, eine lebensnahe und bis heute verstörende Sammlung von Beobachtungen, Analysen und Forderungen. 

Kienle, Else, Frauen : Aus dem Tagebuch einer Ärztin, 1932

Kienle beginnt ihre Schilderungen mit Szenen aus dem Gefängnis und den täglichen 6- bis 8-stündigen Verhören durch den Untersuchungsrichter: „Vor ihm auf dem Tisch stehen die Kästen meiner Krankenkartotheken. Dort sind die Krankengeschichten meiner Patienten aufgezeichnet – die Arbeiten vieler Jahre. Jetzt suchen seine Finger achtlos in den Kartenstößen, ziehen hier und da Blätter heraus, sichten sie auf, werfen sie durcheinander, – wühlen in diesen Karten, die für mich lebendige Schicksale bedeuten. Für ihn sind es Namen, Verbrechen.“1 Die von der Polizei beschlagnahmten Karteikarten werden in Kienles Tagebuch lebendig. Sie eröffnen Einblicke in Schicksale von Frauen aus unterschiedlichen Lebensverhältnissen – von der ‚höheren Tochter‘ bis zur überarbeiteten Familienmutter eines Arbeiterhaushaltes. Außerdem reflektiert Kienle ihre Position als Ärztin. 

Im Zusammenhang mit den Memminger  Prozessen wurde ihr Tagebuch 1989 von 1932 wieder neu aufgelegt und mit erläuternden Vor- und Nachworten versehen, u.a. vom damals angeklagten Gynäkologen Horst Theissen, dessen Patientenkartei ebenfalls beschlagnahmt worden war. 

Else Kienle
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Die Ärztin Dr. Else Kienle bei ihrer Rede im Berliner Sportpalast. 1931.

Else Kienle  wurde am 26. Februar 1900 in Heidenheim geboren. Ihr Vater war Realschullehrer, beide Großväter waren Ärzte. Im Gymnasium zählte sie zu den ersten Mädchen und statt wie vom Vater gewünscht, Philologie zu studieren, setzte sie auch mit Hilfe ihrer Großmutter ein Medizinstudium durch. Bereits als junge Assistenzärztin versuchte sie die Folgen der rigiden patriarchalen Sexualmoral effektiv zu behandeln. 1928 eröffnete sie ihre Praxis für Haut-, Harn-, Beinleiden und Kosmetik in Stuttgart. Außerdem initiierte und leitete sie eine Beratungsstelle des „Reichsverbandes für Geburtenregelung und Sexualhygiene“. In Stuttgart und Umgebung hielt sie Vorträge zur Aufklärung, die auch Arbeiter*innen erreichte. Gemeinsam mit dem kommunistischen Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf hatte Else Kienle Patientinnen Abtreibungen ermöglicht. 1931 wurde sie zusammen mit Friedrich Wolf in Stuttgart, wegen Verstoßes gegen den § 218 verhaftet. Diese Verhaftungen lösten eine der größten Protestbewegungen der Weimarer Republik aus.2 Else Kienle emigrierte bereits 1932 in die USA, heiratete vier Mal und hatte keine Kinder. In New York praktizierte sie als bekannte Ärztin für Dermatologie und Schönheitschirurgie bis zu ihrem Tod am 6. Juni 1970.

Stand: 17. Mai 2021
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Fußnoten

  • 1. Kienle, Dr. Else: Frauen. Aus dem Tagebuch einer Ärztin. Neuausgabe: Vorwort: Dr. Horst Theissen: Historische Erläuterungen: Maja Riepl-Schmidt. Stuttgart 1989, S.22 f.
  • 2. Steinecke-Fittkau,Verena:  Eine Ärztin und der ‚Klassenparagraph‘, in: taz vom 14.12.1987, Zugriff am 17.5.2021 unter https://taz.de/!1856069/