Über STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung.

STICHWORT ist feministische Bibliothek und Archiv zur Neuen Frauenbewegung und Lesbenbewegung in Österreich und Teil einer wichtigen Infrastruktur für die Frauen- und Geschlechterforschung. Im Folgenden geht es um die Besonderheiten, Kriterien und Herausforderungen der Bewegungsdokumentation im STICHWORT-Archiv.

Frauenbewegung im Archiv – STICHWORT Österreich

Gründungsimpuls für das Archiv der Neuen Frauenbewegung 1983 war, die schriftlichen und bildlichen Zeugnisse der Bewegung schon im Moment ihres Entstehens festzuhalten, sie zu bewahren, um sie der Bewegung sofort zugänglich zu machen. „Für die sieben Häute der großen Schlange Neue Frauenbewegung richten wir ein Archiv ein: gemach, gemach.“1  

Ab den frühen 1980ern begannen die Frauen des Archivteams – junge Wissenschaftlerinnen verschiedener Disziplinen –, aber auch bald andere aus der FrauenLesbenbewegung, die sich für den Archivgedanken begeisterten, mit dem aktiven Einsammeln aktueller Plakate, Flugblätter und anderer Zettel: Von der Wand ins Archiv hieß die Devise, und weiter: Von der Bewegung für die Bewegung. Reste von Klebestreifen und fallweise Ausbleichungen zeugen heute noch von der Sammlungsstrategie. Das historiografische Moment der Bewahrung und Sicherung frauen- und lesbenbewegter Geschichte ist erst ab Ende der 90er-Jahre in den Vordergrund gerückt. Die solcherart aus dem Fluss der Bewegung eingefangenen Stücke gehören heute zu den bei Kuratorinnen begehrtesten Dokumenten unseres Archivs und zu jenen, die den Stellenwert von STICHWORT als Fundort frauenbewegter Geschichte über Österreich hinaus wesentlich begründet haben.

Kernstück Bewegungsdokumentation

Langsam und kontinuierlich bildete sich ein Bestand zur österreichischen Frauenbewegung und in manchen Teilen geografisch darüber hinaus. ‚Bildete sich‘ ist wörtlich zu verstehen: Tatsächlich können wir nicht von Organisationen als Bestandsbildnerinnen sprechen, vielmehr ist fast immer das Archiv die Bestandsbildnerin. Schriftstücke, später auch Bild-Ton-Dokumente verschiedenster Provenienz wurden und werden im STICHWORT der sogenannten Frauengruppendokumentation zugeordnet. Aus ungeordneten Kisten privater Sammlerinnen ziehen wir bis heute ein ums andere Dokument feministischen Handelns und Denkens von den 1970ern bis heute und fügen es den Beständen der einzelnen Frauengruppen hinzu. Jede war bei irgendeiner Gruppierung aktiv, jede bekam per Post Aussendungen, nahm bei Veranstaltungen diverse Flugzettel mit. Durch Anschreiben an existierende Frauengruppen in größeren Abständen konnten Bestände in den letzten Jahren gezielt ergänzt werden, und Vor- und Nachlässe feministischer Aktivistinnen, wie sie in den letzten Jahren von STICHWORT übernommen wurden, enthalten meist auch Materialsammlungen.

STICHWORT dokumentiert die autonome Frauenbewegung in Österreich entlang von ‚Frauengruppen‘: ein Arbeitsbegriff, der die kurzfristige, womöglich nur einen Tag existierende Aktionsgruppe ebenso einschließt wie die seit Jahrzehnten professionell arbeitende feministische Organisation, den formlosen Zusammenschluss ebenso wie den formalen Verein. Die Frauengruppe stellt den Fokus des Sammlungsaufbaus dar. Das zugehörige Signaturensystem durchzieht alle Bestandsgruppen, auch die Bibliothek, und macht, parallel zur Inhaltserschließung, alles Material zu einer Gruppe sofort auffindbar, physisch genauso wie in der STICHWORT-Datenbank.

Vor der Elektronisierung gab es Karteikarten und die dienten in den 80er- und 90er-Jahren vor allem der Informationsvermittlung: Welche Frauengruppen gibt es zu meinem Interessengebiet, wo kann ich Anschluss finden und aktiv werden? Nach Bundesland geordnet dienten sie der raschen Auskunft im Telefondienst. Denn das Archiv war zuallererst Informationszentrale. Die Kartei war später Grundlage der Frauengruppendatenbank, die heute nach wie vor umfassend über Tätigkeitsbereiche, Gründungs- und Auflösungsdaten, besondere Aktivitäten, aber vor allem auch über die Bestände informiert. Aus dem schmalen Karteikästchen ist ein umfangreiches, nach jedem denkbaren Kriterium durchsuchbares elektronisches Findbuch geworden mit über 920 Frauengruppen aus ganz Österreich (Stand 12/2018), zu denen wir Quellen in unterschiedlichem Ausmaß besitzen. Eine solche landesweite Gesamtdokumentation ist auch im Vergleich der i.d.a.-Einrichtungen einzigartig und konnte nur aufgrund der Involviertheit von STICHWORT in die Bewegung selbst und der damit verbundenen Vertrauensbasis aufgebaut werden. Sie verdankt sich aber auch der Übernahme der beiden anderen feministischen Archive Österreichs DOKU Graz und ArchFem nach deren Schließung 2011 – und natürlich auch der relativen Überschaubarkeit Österreichs im Gegensatz zu Deutschland.

Die Bewegung dokumentieren heißt, sie zu definieren

Was Frauenbewegung, was Lesbenbewegung ist, meinen wir zu wissen. Beim genauen Hinschauen verschwimmt das Bild jedoch sofort: Diese Bewegungen zu dokumentieren heißt auch, sie in einem Prozess zu definieren, der die sich ständig verändernden Realitäten reflektiert. Die Definition dient vorrangig als Handwerkszeug für die archivische Arbeit, mit dem wir aber implizit und wissentlich Einfluss nehmen auf die Geschichtsschreibung selbst. Die wesentlichsten Fragen sind: Was heißt autonom, was politisch, was Gruppe? Zuletzt auch: was Frauen?

Autonomie ist einer der wesentlichsten Begriffe der Neuen Frauenbewegung. Er bedeutet Abgrenzung von der Linken, von Frauenverbänden, – die in Österreich eine wesentlich geringere Zahl und gesellschaftspolitische Bedeutung haben als in Deutschland –, von der Frauenpolitik, somit Gleichstellungspolitik, von Männern und männerdominierten Institutionen wie Gewerkschaft oder Kirche; er impliziert Staatskritik und Kapitalismuskritik. Wir dokumentieren also die unterschiedlichen Äußerungsformen der unabhängigen Frauenbewegung seit 1972, nicht jedoch Frauenorganisationen von Parteien und Institutionen sowie kommerzielle Frauenbetriebe. Die Dokumentation schließt selbstverständlich auch aus der Bewegung entstandene, zumindest anfänglich in kollektiver Organisationsform arbeitende Frauenbetriebe wie die Wiener Buchhandlung Frauenzimmer (1977–2007) beziehungsweise die Buchhandlung ChickLit (seit 2012) oder den Wiener Frauenverlag (später Milena, 1980–2007) mit ein. Autonome Frauen- und Mädchenberatungsstellen, die späterhin von staatlich gelenkten Trägern wie dem Arbeitsmarktservice übernommen worden sind, schließen wir ab dem betreffenden Zeitpunkt aber aus, ebenso die aus autonom-feministischer Agitation hervorgegangenen und dann institutionalisierten universitären Koordinationsstellen für Frauenforschung. Berücksichtigt sind Vernetzungen, in denen autonome und Institutionsfrauen zusammenarbeiten, wie der Grazer Frauenrat (seit 2008) oder die aktuelle Blog- und Aktionsgruppe ‚Ohne uns viel Spaß‘, entstanden 2015 nach Angelobung der gegenwärtigen frauenlosen Landesregierung Oberösterreich.2

Bewegung bedeutet jedenfalls Veränderung herrschender Zustände. Einen gesellschaftsverändernden und damit politischen Impetus für die Aufnahme in die Sammlung vorauszusetzen, bedarf immer einer Kontextualisierung, zum Beispiel der Berücksichtigung des sozialen Raumes – Großstadt, Provinz, bäuerlich strukturierte Täler. Die Trennschärfe zwischen Frauentreffpunkten, die Frauen stärken und ‚da abholen wollen, wo sie stehen‘, und gemeinsamem feministisch-politischem Handeln ist nicht immer so klar, wie es scheinen mag. Eine Besonderheit ist die Bewertung von Lesbengruppen. Hier berücksichtigen wir auch dezidierte Sport- und Freizeitgruppen, denn lesbisches community-building ist nach unserem Verständnis per se politisch. Wurden früher klar Lesbengruppen innerhalb schwul-lesbischer Organisationen dokumentiert, zum Beispiel die Lesbengruppen in den Homosexuellen Initiativen (HOSI) in mehreren Bundesländern, so wurde die Trennung in dem Maße schwieriger, wie sich Lesben dort in die Gesamtorganisation einbrachten. Heute stellen uns die Strukturen queerer Gruppierungen vor neue, noch nicht gelöste Definitionsfragen.

Hoch quer mit ohne bunt

Die Quellen zu österreichischen autonomen Frauengruppen ziehen sich durch alle Sammlungen von STICHWORT. Zentral ist die Aufstellung des eigentlichen Quellenbestandes mit Flugschriften, (teil)öffentlichen Aussendungen, aber auch Protokollen, Korrespondenzen und anderen Interna in derzeit rund 350 Archivboxen. Der Umfang ist jeweils sehr verschieden und reicht im Einzelfall von nur einem Dokument bis hin zu mehreren Laufmetern Boxen zu einer Gruppe. Weitere zu den einzelnen Gruppen gehörige Dokumente finden sich aufgestellt in der Plakate-, Audio-, Video-, Foto- und Objektesammlung. Periodika – redaktionelle Zeitschriften sowie organisationsinterne Infoblätter – sind Teil der reichhaltigen internationalen Zeitschriftensammlung. Broschüren und Buchpublikationen von Frauengruppen sind in die Bibliothek integriert.

Am Anfang der sehr genauen Erfassung und Erschließung stand ein Forschungsprojekt, mit dem die Sammlung 1990 nach formellen und inhaltlichen Kriterien untersucht worden ist.3  Der damals begonnene Datenkorpus, vor allem zu Flugschriften, Plakaten, Objekten und Artikeln in österreichischen feministischen Zeitschriften, lässt auch formal genaue Recherchen zu und ist Basis für die Beantwortung von Forschungsanfragen, aber auch für die Suche nach passenden Ausstellungsstücken und Illustrationen zu allen möglichen Themen, aus dem städtischen oder ländlichen Raum, in Hoch- oder Querformat, schwarz-weiß oder bunt, in klischeehaftem Lila, in linkem Rot, in New-wave-Farben, mit Frauenzeichen, mit Lesbenzeichen; nur Text oder auch Grafik, mit irgendeinem Foto oder dem Foto einer Frau mit appellativem Charakter.

Stichwortgeberinnen sein in feministischen Diskursen

Nachgefragt wird dies heute für Ausstellungen und wissenschaftliche Arbeiten aus ganz Österreich, aber auch aus Deutschland und anderen Ländern. Das seit 1996 stattfindende Veranstaltungsprogramm schafft zudem eine Verknüpfung von feministischer Theorie und Praxis. Zusätzlich finden in den letzten Jahren archivpädagogische Workshops in verschiedenen Formaten statt, die die wissenschaftliche Nutzung des Archivs fördern und für eine kritische Geschichts- und Überlieferungsreflexion der Neuen Frauenbewegung und Lesbenbewegung sensibilisieren wollen.

Veröffentlicht: 29. Oktober 2019
Verfasst von
Margit Hauser

langjährige Mitarbeiterin und Geschäftsführerin von STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung in Wien, studierte Philosophie, Psychologie und Romanistik und veröffentlichte zur feministischen Philosophie sowie zum feministischen Informations- und Dokumentationswesen. Sie ist seit Anfang der 90er-Jahre in der Vernetzung der FrauenLesbenBibliotheken und -archive aktiv. Seit 2005 ist sie im Vorstand von i.d.a.

Empfohlene Zitierweise
Margit Hauser (2019): STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung., in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/stichwort-archiv-der-frauen-und-lesbenbewegung
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Netzwerk von STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung.

Biografie von STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung.

Herbst 1983

Gründung in Wien

Gründung der <sektion archiv> im Verein Frauenforschung und weiblicher Lebenszusammenhang

6. österreichisches Lesbentreffen (Arbeitskreis/Aktion: „Nicht schon wieder! - „Oh, doch!“ - Lesben in der Frauenbewegung)

Feministisches Lauffeuer. Veranstaltung anläßlich 20 Jahre autonome Frauenbewegung in Österreich. Ort: Wien, stadtweite Aktionen. (Initiative und Mitorganisation)

Schlaflose Nächte. Demonstration österreichischer Frauen- und Mädchengruppen am Ballhausplatz und nachfolgend Gründung der Vernetzung Schlaflose Nächte.

Fußnoten

  • 1Frauenforschung und weiblicher Lebenszusammenhang, in: AUF. Eine Frauenzeitschrift, o. Jg., 1985, H. 46, S. 11.
  • 2Ohne uns Viel Spaß, Zugriff am 29.10.2019 unter http://www.ohneunsvielspass.at/.
  • 3Verein Frauenforschung und weiblicher Lebenszusammenhang: Die autonome Frauenbewegung im Spiegel ihrer Medien. Projektbericht, Wien: 1991, 219 Seiten; anforderbar über die Amtsbibliothek des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Wien.