Siegrid Ernst
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Quelle: Archiv Frau und Musik
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Über Siegrid Ernst

Die 1929 in Ludwigshafen geborene Siegrid Ernst widmete sich als Pianistin der Aufführung zeitgenössischer Musik, ehe die kompositorische Arbeit ihr Schwerpunkt wurde. Sie unterrichtete unter anderem an der Hochschule für Künste in Bremen, wo sie heute freischaffend lebt.

Mütterlicherseits Enkelin eines Dorfschullehrers und Kantors, dessen Kinder alle musizierten, bekam Siegrid Ernst von frühester Kindheit an Musikunterricht, schließlich auch Privatunterricht in Musiktheorie. Als sie nach dem Abitur 1948 bei der Aufnahmeprüfung zum Studium der Musikpädagogik in Heidelberg aufgrund ihrer Vorkenntnisse eingeladen wurde, auch am Kompositionskurs Gerhard Frommels teilzunehmen, war sie überrascht: „[…] so eine Idee wäre mir nie gekommen! Aber ich war neugierig“.1 Sechs Jahre lang studierte sie schließlich bei dem Schüler von Hans Pfitzner, der sie entschieden förderte, obwohl Komponistin zu werden außerhalb ihrer Vorstellung lag: „Ich kannte keine Frau, die das jemals gemacht hätte, und war selbst auch noch lange Exotin in meinem Umkreis.“2

Interview mit Siegrid Ernst 2019

Erst als Mitgründerin und Vorstandsmitglied des von Elke Mascha Blankenburg Ende der 1970er-Jahre initiierten Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik (IAK) lernte sie andere Komponistinnen kennen, auch aus dem Ausland, und begann, sich selbstbewusst als Komponistin zu bezeichnen. „Da kamen viele starke Persönlichkeiten, Einzelkämpfernaturen zusammen, das war schon berührend, sich auszutauschen über die eigenen Erfahrungen […] eine ungeheure Aufbruchstimmung entstand: Jetzt machen wir was, jetzt hauen wir auf die Pauke und zeigen, wer wir sind!“3

Heute wünscht sie sich, dass die seit dieser Zeit zutage geförderten Werke von Komponistinnen mehr Eingang finden in die Konzertprogramme und in die Repertoires an Schulen und Hochschulen. Auch zuverlässigere Strukturen der Frauenförderung und der Vereinbarung von Familie und Beruf fordert die Mutter von zwei Kindern und langjährige Hochschullehrerin.

Als Pianistin widmete sich Siegrid Ernst solistisch und in Kammermusikensembles insbesondere der Aufführung zeitgenössischer Werke. Sie nahm als eine der ersten (von sehr wenigen) Frauen teil an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik bei Karlheinz Stockhausen und György Ligeti und setzte sich während eines Stipendiums der Bundesrepublik Deutschland für die Cité Internationale des Arts in Paris mit den Kompositionstechniken von Iannis Xenakis auseinander. Ihr Werkverzeichnis umfasst neben einigen Stücken für großes Orchester und Chorwerken zahlreiche Ensemble-Werke in einer „Mischung von freitonal-motivischen, experimentellen und aleatorischen Elementen“4 sowie pädagogische Literatur, die unter anderem im Furore Verlag publiziert wurden. Als Mitglied im Deutschen Musikrat und in der GEMA konnte sie für die Anerkennung von Musikerinnen in Orchestern werben und die Vorurteile gegenüber Komponistinnen abbauen. Sie wirkte viele Jahre als Jurorin für ‚Jugend musiziert‘ und bei Kompositionswettbewerben und ist Initiatorin des Bremer Komponistenpreises, dessen Jury sie bis heute vorsitzt.

Ihr wurden ein Ehrendiplom mit Goldmedaille des Istituto Europeo di Cultura in Italien und 1989 eine Ehrenprofessur der Interamerican University of Humanistic Studies in Florida, USA, verliehen; 2018 erhielt sie den Pfalz-Preis für ihr Lebenswerk und 2019 wurde sie anlässlich ihres 90. Geburtstags im Bremer Senat geehrt.

Stand: 20. Februar 2020
Verfasst von
Martina Bick

Musikwissenschaftlerin, Mitarbeiterin Musik und Gender im Internet (MUGI) der HfMT Hamburg

Empfohlene Zitierweise
Martina Bick (2020): Siegrid Ernst, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/siegrid-ernst
Zuletzt besucht am: 21.09.2020

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Fußnoten

  • 1. Ernst, Siegrid, Transkription des Interviews, S. 1.
  • 2. Ernst, Siegrid, Transkription des Interviews, S. 1.
  • 3. Ernst, Siegrid, Transkription des Interviews, S. 2f.
  • 4. Philipp, Beate: Siegrid Ernst zum 65. Geburtstag: Ein Portrait, in: Info-Archivnachrichten des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik e.V. Nr. 29, Kassel 1994, S. 7 f.