Elke Mascha Blankenburg Geboren am in Mindelheim Gestorben am in Köln

Über Elke Mascha Blankenburg

Elke Mascha Blankenburg war eine der ersten bekannteren Dirigentinnen in Deutschland und eine leidenschaftliche Musikerin. Mit großem Engagement widmete sie sich der Sichtbarmachung von Frauen in der Musik und gründete zusammen mit anderen Musikerinnen, Komponistinnen und Musikinteressierten 1979 den Internationalen Arbeitskreis Frau und Musik (IAK).

Elke Mascha Blankenburg war „eine starke Persönlichkeit mit Außenwirkung und scheinbar unerschöpflicher Energie“1, wie sich Dr. Vivienne Olive (Komponistin, im heutigen erweiterten Vorstand des IAK) erinnert. Blankenburg verstand es, Personen zu begeistern, war weltweit gut vernetzt und stand in Korrespondenz mit vielen anderen Musikschaffenden, wie die vielen Korrespondenzen in ihrem Nachlass bezeugen. Der Name Mascha war ein Künstlerinnenname in Anlehnung an die Schriftstellerin Mascha Kaléko, für die sie eine große Verehrung hegte.2

Auch in der Presse finden sich viele positive Resonanzen. So schrieb etwa die Bonner Rundschau nach einer Aufführung der Johannes-Passion von J. S. Bach: „Neben hoher Musikalität scheint Elke Mascha Blankenburg eine bezwingende Ausstrahlungskraft zu besitzen, die Sänger und Orchester zu musikalischen Höchstleistungen zu inspirieren vermag. Sie weiß, was sie kann, und sie kann, was sie will.“3 Doch gab es nicht nur positive Kritiken: Blankenburg war sowohl in der Presse als auch im Rahmen von Arbeitsbeziehungen und Freundschaften durchaus mit Kritik konfrontiert, etwa weil sie durch eine starke Präsenz oft im Vordergrund stand und dadurch andere weniger sichtbar waren, was ihr häufig als Exzentrik ausgelegt wurde.

Musikbegeistert seit der Kindheit

Musik prägte Elke Mascha Blankenburg schon früh und begleitete sie ein Leben lang. Aufgewachsen in eher materiell bescheidenen Nachkriegsverhältnissen, jedoch inmitten eines sehr musischen und kunstinteressierten Elternhauses, fing Elke mit sechs Jahren an Klavier zu spielen. Ihre Mutter, Anneliese Feldmeyer, war Pianistin und Musikpädagogin, sie schrieb Gedichte und komponierte Lieder im romantischen Stil und unterrichtete ihre Tochter am Klavier. Mit zwölf Jahren begann Blankenburg außerdem noch Violine und Trompete zu spielen. Sie interessierte sich für Gesang, Tanz und Komposition und war als Sängerin in verschiedenen Chören sowie als Geigerin im Schulorchester aktiv, später dann im Heidelberger Universitätsorchester.4

Elke Mascha Blankenburg und ihre Musen

Ausbildung und Werdegang als Chorleiterin und Dirigentin

Elke Mascha Blankenburg studierte von 1963 bis 1966 in Heidelberg und Schlüchtern Kirchenmusik und widmete sich ab 1970 einem Studium der Chor- und Orchesterleitung in Köln. Schon während ihres Studiums komponierte sie Bühnenmusiken für das Heidelberger Zimmertheater. Sie nahm an internationalen Dirigiermeisterkursen, unter anderem in Nizza (Frankreich) und Ossiach (Österreich), teil und war eine der ersten Frauen, die in Deutschland eine Laufbahn als professionelle Dirigentin einschlug. Als Meisterschülerin von Hans Swarowsky von 1973 bis 1975 musste sich Blankenburg gegen die Erniedrigungen und Diskriminierungen durch ihre Kollegen und durch Swarowsky selbst behaupten und sich ihren Platz als einzige Frau in einer Klasse von 80 Schülern erkämpfen. Von Swarowsky wurde sie wohl einmal mit der Aussage konfrontiert, dass sie als Frau in die Küche gehöre und den Männern nicht den Platz wegnehmen solle. So berichtet Blankenburg im Interview der Zeitschrift freundin, das es von Swarowsky geheißen habe: „Gehen Sie dahin zurück, wo Sie herkommen, in die Küche.“5

Ihre Repertoireschwerpunkte lagen im sinfonischen Bereich auf Werken aus der Klassik und der frühen Romantik, im oratorischen Bereich umfasste das Repertoire alle Zeitepochen. Zusätzlich hatte Blankenburg intensive Erfahrungen bei der Aufführung der Werke von Komponistinnen, unter anderem derer von Jeanne Louise Farrenc, Clara Schumann oder Fanny Hensel.

1970 ging Blankenburg nach Köln und war dort 20 Jahre als Kantorin an der Christuskirche tätig. Dort gründete sie den Chor Kölner Kurrende, ein Chor, der Preisträger nationaler und internationaler Chorwettbewerbe wurde.

1980 gelang ihr im Rahmen des Festivals Frau und Musik ein Erfolg mit der Wiederaufführung der Oper La liberazione di Ruggiero dall‘isola d’Alcina (Druck Florenz 1625). Diese Oper von Francesca Caccini gilt als eine der ältesten gedruckten Opern aus der Feder einer Frau. Mit der Aufführung wendete sich Blankenburg selbstbewusst gegen damalige Aufführungstraditionen, musste jedoch neben viel positiver Resonanz auch Kritik einstecken, etwa weil die Inszenierung als zu laienhaft angesehen wurde. „Doch auch so war die Wirkung der ausdrucksvollen, abwechslungsreichen und wohlklingenden Musik recht stark.“, schreibt die Frankfurter Rundschau.6

1981 gründete Blankenburg das Leonarda-Ensemble in Köln, ein SolistInnenensemble, mit dem sie vorwiegend Vokalwerke aus Renaissance und Barock von Komponistinnen zur Erstaufführungen der Neuzeit brachte. Ein musikalischer Höhepunkt in Blankenburgs Karriere war 1984 die Welt-Uraufführung des Oratoriums nach Bildern der Bibel von Fanny Hensel. Nächtelang hatte Blankenburg die Partitur transkribiert und erinnerte sich: „Die Stille der Nacht schenkte mir die höchste Konzentration. Das Bewusstsein, dass ich die Erste bin, die diese Musik nach 153 Jahren hört und für die Uraufführung vorbereitet, verlieh mir das stolze Gefühl der Einmaligkeit.“7

Plakat zur Uraufführung von ‚Oratorium nach Bildern der Bibel‘
Eine Mappe zum ‚Leonarda Ensemble Köln‘
Elke Mascha Blankenburg dirigiert das Clara Schumann Orchester

1986 gründete Blankenburg in Deutschland das Clara-Schumann-Orchester in Köln, das derzeit einzige professionelle Frauensymphonieorchester. Mit dem Ensemble führte sie Werke von Komponistinnen der Klassik, Romantik und Moderne auf, beispielsweise von Jeanne Louise Farrenc, Fanny Hensel oder Clara Schumann. In den 1980er-Jahren veranstaltete Mascha Blankenburg außerdem in Köln und Bonn als Künstlerische Leiterin das erste ‚Internationale Komponistinnen-Festival‘ auf deutschem Boden. Weitere Komponistinnen-Festivals und ein ‚Internationales Orgel-Festival‘ folgten. Die Faszination für das Instrument Orgel hatte Blankenburg vor allem im Rahmen ihres Kirchenmusikstudiums entwickelt. Darüber hinaus initiierte sie den ‚Fanny-Mendelssohn-Wettbewerb für Komposition‘.

Engagement: Sichtbarkeit von Frauen in der Musik

Elke Mascha Blankenburg erfuhr selbst während ihrer Ausbildung und auch danach, wie schwer es für Frauen in der Musik war und ist, als Musikerin und besonders auch als Dirigentin akzeptiert zu werden, insbesondere von den Kollegen. Dies traf auch auf Komponistinnen zu, denen sich Blankenburg widmete. „Während meines fünfjährigen Studiums war nie auch nur von einer einzigen Komponistin die Rede. Das hat mich mißtrauisch gemacht.“8 erinnert sie sich.  1977 schrieb Blankenburg in der Zeitschrift Emma unter dem Titel „Vergessene Komponistinnen“ einen Text, in dem sie dazu aufrief, Kompositionen von Frauen ausfindig zu machen und aufzuführen.9

Es sammelte sich daraufhin ein Kreis von weltweit Engagierten und Musik-Interessierten um Elke Mascha Blankenburg, aus dem die Gründung des Vereins Internationaler Arbeitskreis Frau und Musik (IAK) hervorging. Die Komponistin Siegrid Ernst erinnert sich, dass das erste Treffen des Arbeitskreises geprägt war von „Maschas mitreißendem Temperament und der Aufbruchsstimmung der Frauenbewegung“.10

Aus diesem Arbeitskreis heraus entstand auch das einzigartige Archiv Frau und Musik, welches seinen Sitz mittlerweile in Frankfurt am Main hat. 

Verleihungsurkunde des Bundesverdienstkreuz

1999 wurde Blankenburg für ihre künstlerische Leistung und musikwissenschaftliche Forschungsarbeit das Bundesverdienstkreuz am Bande durch den Bundespräsidenten Roman Herzog verliehen. Ab 2002 arbeitete Blankenburg vor allem als freie Autorin, Referentin und Musikjournalistin. 2003 erschien ihre Publikation Dirigentinnen im 20. Jahrhundert. Porträts von Marin Alsop bis Simone Young (Europäische Verlagsanstalt), für die Blankenburg mehrere Jahre recherchiert und weltweit Interviews geführt hatte. In ihrem Buch stellt Blankenburg eine Reihe von Dirigentinnen – darunter Marin Alsop, Nadia Boulanger, Linda Horowitz oder Sylvia Caduff – vor und porträtiert ganz unterschiedliche Lebens- und Berufswege. Wie sie im Vorwort beschreibt, sei es ihr Anliegen gewesen, zu zeigen, wie sich Frauen über „bestehende Vorurteile und Hindernisse hinweggesetzt haben“11 und in einem stark männlich geprägten Berufsbild ihren Weg gegangen sind. Die umfassenden Recherchearbeiten sowie Blankenburgs Materialsammlungen zu einzelnen Dirigentinnen sind in ihrem Nachlass überliefert und können im Archiv Frau und Musik eingesehen werden.

Im Dezember 2017 wurde Blankenburg posthum die Ehrenbürgerschaft von Köln verliehen. Um ihr fundamentales Schaffen zu würdigen, beschloss der Internationale Arbeitskreis Frau und Musik im Rahmen einer Mitgliederversammlung am 26. Mai 2013, Elke Mascha Blankenburg posthum zur Ehrenvorsitzenden zu ernennen. Elke Mascha Blankenburgs Nachlass befindet sich im Archiv Frau und Musik und kann dort für Recherchen und wissenschaftliche Forschungen eingesehen werden.

Autor*in
Anne-Marie Bernhard

Wissenschaftliche Mitarbeiterin / Projektkoordination PARFUMO- Projekt Archiv Frau und Musik Online / Archiv Frau und Musik

 

Susanne Wosnitzka

freischaffende Mitarbeiterin Archiv Frau und Musik

Netzwerk von Elke Mascha Blankenburg

Zitate von Elke Mascha Blankenburg

Mir war bewußt, dass ich eine Korrektur der Musikgeschichte, die Komponistinnen bis dahin unterschlagen hatte, einleite.
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Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert, Hamburg 2003, S. 269.
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Nie brauche ich soviel Kraft und Konzentration wie beim Dirigieren, aber nie wird man auch so belohnt. Man hebt den Taktstock, dann kommt der Einsatz – das ist etwas Ungeheures.
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Zeitschrift Prisma, 9/1990.
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Meine Arbeit soll helfen, die Vorurteile endlich zu begraben, sie soll Veranstalter und Agenten ermutigen, Dirigentinnen mehr in den Musikbetrieb zu integrieren.
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Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert, Hamburg 2003, S. 33.
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Biografie von Elke Mascha Blankenburg

Geburt in Mindelheim

1949 - 1970

Klavier-, Ballett-, Violinenunterricht

1963 - 1966

evangelische Kirchenmusik, Studium

1970 - 1971

Aufbaustudium Chor- und Orchesterleitung

1970 - 1990

Kirchenmusikerin an der Christuskirche Köln-Dellbrück

1970

Gründung des Chors Kölner Kurrende

1971 - 1979

internationale Meisterkurse für Dirigenten u.a. in Nizza, Sion, Stuttgart, Ossiach

1973 - 1975

Meisterschülerin von Hans Swarowsky

November 1977

Artikel „Vergessene Komponistinnen“ in der Zeitschrift EMMA, Ausgabe Nr. 11, November 1977, S. 44-46

1979

Gründung des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik e.V.

1980

Organisation des ersten internationalen Komponistinnen Festivals in Köln/Bonn „Frau und Musik“

1981

Gründung Leonarda-Ensemble, Köln

1986

Gründung Clara Schumann Orchester, Köln

1986 - 1999

Gastdirigate in der Kölner Philharmonie

1989

Ernennung zur Stadtmusikerin der Stadt Unna

1999

Aufgabe der Tätigkeit als Dirigentin aufgrund eines Hörsturzes

1999

Verleihung des „Bundesverdienstkreuzes am Bande“ durch Bundespräsident Roman Herzog

2002

Gastprofessorin für Chordirigieren am Conservatorio de Musica in Frosinone/Italien

2002

Aufbau des Internationalen Dirigentinnen Archivs (IDAK), Köln

Tod in Köln

Fußnoten

  • 1. Olive, Vivienne: Zum Tod von Elke Mascha Blankenburg – Ein Nachruf in: Viva Voce, H. 96, 2013, S. 4.
  • 2. Vgl. http://www.genios.de/presse-archiv/artikel/KSTA/20130314/streiterin-fuer-frauen-in-der-musik/KS031420138207961.7151595008.html Zugriff am 06.11.2018.
  • 3. Vgl., o.A.: Hundert junge Sänger unter ihren Fittichen, in: Bonner Rundschau, 25. März 1981. Quelle: Archiv Frau und Musik e.V.; Nachlass Elke Mascha Blankenburg (Presseartikel).
  • 4. Vgl. Ordner mit Lebensläufen von Elke Mascha Blankenburg selbst zusammengestellt. Quelle: Archiv Frau und Musik e.V., Nachlass Elke Mascha Blankenburg.
  • 5. Vgl. Artikel: o.A.: freundin stellt vor. Mascha Blankenburg, in: freundin, (Jg. o.A.) 1986, S 136. Quelle: Archiv Frau und Musik e.V, Nachlass Elke Mascha Blankenburg, Presse (Ordner 1978-1986).
  • 6. Vgl. o.A.: Vom mühsamen Kampf um das Selbstverständliche. Das Festival „Frau und Musik“ in Bonn/Köln, in: Frankfurter Rundschau, Nr. 284, 6. Dezember 1980.  Quelle: Archiv Frau und Musik e.V., Nachlass Elke Mascha Blankenburg  (Presseartikel, Ordner Festival 1980 FuM).
  • 7. Blankenburg, Elke Mascha: Rosen für Fanny Mendelssohn, in: Heidenreich, Elke (Hg.): Ein Traum von Musik: 46 Liebeserklärungen, München 2010, S. 43.
  • 8. Blankenburg, Elke Mascha: Vergessene Komponistinnen, in: Schwarzer, Alice (Hg.): EMMA, 1. Jg., 1977, H. 11,  S. 44. Als Digitalisat einsehbar unter: https://www.emma.de/lesesaal/45142#pages/45 (Zugriff am 16.01.2019).
  • 9. Ebenda.
  • 10. Ernst, Siegrid: Zum Tod von Elke Mascha Blankenburg – Ein Nachruf, in: Viva Voce, H. 96, 2013, S. 5.
  • 11. Blankenburg, Elke Mascha: Dirigentinnen um 20. Jahrhundert. Porträts von Marin Alsop bis Simone Young, Hamburg 2003, S. 19.
Ausgewählte Publikationen
Blankenburg, Elke Mascha: Fanny Mendelssohn-Hensel, in: Mirus Helma / Wisselinck, Erika (Hg.): Mit Mut und Phantasie. Frauen suchen ihre verlorene Geschichte, 1987, S. 92 f.
Blankenburg, Elke Mascha: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert. Portraits von Marin Alsop bis Simone Young, Hamburg 2003.
Blankenburg, Elke Mascha: Dirigentinnen gestern und heute. Der vernachlässigte Anteil im Musikbetrieb, in: Das Orchester, 2005, H. 5, S. 15-20.
Blankenburg, Elke Mascha: Rosen für Fanny Mendelssohn, in: Heidenreich, Elke (Hg.): Ein Traum von Musik. 46 Liebeserklärungen, München 2010, S. 43-50.
Blankenburg, Elke Mascha: Tastenfieber und Liebeslust. Ein E-Mail-Roman, Meßkirch 2011.
Schüler, Johanna: Elke Mascha Blankenburg. Lexikonartikel, in: Kreutziger-Herr, Annette / Unseld, Melanie (Hg.): Lexikon. Musik und Gender, Kassel 2010, S. 150-151.
Archiv Frau und Musik, Internationaler Arbeitskreis e.V. (Hg.): Dirigentinnen-Reader. Eintrag zu Elke Mascha Blankenburg, Frankfurt a. M. 2002, S. 18-19.
Ernst, Siegrid et. al.: Elke Mascha Blankenburg. Ein Nachruf, in: Viva Voce, 2013, H. 96, S. 4-6.