Portrait von Molli Hiesinger
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Fotografin: Bettina Flitner
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Über Molli Hiesinger

Molli Hiesinger ist Mitgründerin des Heidelberger Frauenzentrums und Lehrerin. Der Besetzung der Villa Plöck 48, in der die Frauen das Frauenzentrum errichten wollten, folgte ein Gerichtsverfahren gegen die Besetzerinnen. Die Aktion sorgte für eine große Öffentlichkeit über die Stadtgrenzen hinaus.

Die Mutter arbeitete heimlich

Molli Hiesinger wurde 1950 in Heppenheim geboren. Ihre Mutter, die im kaufmännischen Bereich arbeitete, musste ihren Beruf aufgeben, als der Vater aus dem Krieg zurückkam. Auch der Vater hatte eine kaufmännische Ausbildung absolviert und arbeitete sich langsam vom Lektor zum Personalchef und Manager hoch. Die Mutter, die „unheimlich gerne gearbeitet“1 hat, war heimlich als Buchhalterin einer Parfümerie tätig und weihte Tochter Molli ein. Die fand das Arbeitsverbot, das der Vater der Mutter auferlegte, „ungerecht“2 und spürte selbst die Grenzen, die ihr als Mädchen gesetzt wurden.

So war Molli, die am liebsten mit den Jungs in den nahegelegenen Weinbergen spielte, empört darüber, dass sie zu Weihnachten „Mädchensachen“3 für ihre Aussteuer bekam. „War einfach ungerecht, weil diese Mädchensachen mir zu eng waren, so ausweglos, ja?“4

Rebellion im SDS

Resolution für die 23. o. DK. des SDS vorgelegt vom Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, 1968

Nach dem Abitur 1968 ging Molli Hiesinger nach Heidelberg, um dort Germanistik zu studieren. Gleich am ersten Tag an der Universität ging sie zu einer Mitgliederversammlung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS, um dort Mitglied zu werden, eckte dort aber bald an, weil sie sich nicht in die Rolle fügen wollte, die für sie als Frau auch im SDS vorgesehen war. „Ich wurde immer als Lesbe verschrien, weil: Ich wollte nicht das tun, was die anderen getan haben. Das waren ja wirklich viele Groupies. Ich erinnere mich an die Frauen, die mit den Körben herumgelaufen sind, wo die Eier drin waren, die die Genossen dann auf die Professoren geworfen haben. Da liefen die so wie Rotkäppchen mit so nem (...) Körbchen da nebenher, und die griffen rein und warfen. Also, das fand ich schon komisch. Oder sie haben eben auch mit blutigen Fingern nachts die Flugblätter auf die Matrizen getippt, die morgens vor der Fabrik verteilt wurden. Ich hab sie immer nur in Dienstleistungsfunktionen gesehen, und das behagte mir überhaupt nicht.“5

„Die SDS-Männer hatten viele Groupies“

Was Molli Hiesinger ebenfalls Unbehagen bereitete, war die Tatsache, dass die SDS-Genossen die Geschlechterfrage zum ‚Nebenwiderspruch‘ erklärten. „Also, ich hab natürlich den ‚Kapital’-Arbeitskreis mitgemacht und alles, was die Genossen so angeboten haben - was man lesen muss. (...) Und da kam die Sache eben auf: Was ist denn der Hauptwiderspruch? Und dann kam die Sache mit dem Nebenwiderspruch. (…) Das war der zwischen den Frauen und den Männern. Und da hab ich gedacht: Nee!“6

Als Pressereferentin des AStA war Molli Hiesinger dafür zuständig, wichtige internationale Texte zu übersetzen und stieß so früh auf feministische Schlüsseltexte von Simone de Beauvoir, Shulamith Firestone, Germaine Greer etc. Der Entschluss, sich aktiv in der Frauenfrage zu engagieren, kam durch ein einschneidendes persönliches Erlebnis: „Ausschlaggebend war, dass eine Kommilitonin von uns im Collegium Academicum zu einer Abtreibung nach Jugoslawien gefahren, und auf dem Rückweg verblutet ist. Sie ist gestorben.“7 Gegen die Subsumierung des Abtreibungsverbots unter die ‚Klassenfrage‘ setzte sich Molli Hiesinger zur Wehr.  

Plakat: Simone de Beauvoir, o.J.

„Dann kamen aus allen Ecken Frauen!“

Gemeinsam mit fünf Mit-Aktivistinnen initiierte sie im Herbst 1972 in Heidelberg eine Frauengruppe: „Wir haben in einem Studentenwohnheim gesessen und haben diskutiert: Wir gründen ne Frauenbewegung!“8

Die Gruppe wuchs rasch. „Wir waren sechs Frauen am Anfang und dann ging es so blitzschnell, dass aus allen Ecken Frauen kamen - mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen auch, aber sie fühlten sich dann (…) in diesem Becken so heimisch.“9
Am 17. November 1973 besetzten rund 100 Frauen eine leerstehende Villa in der Plöck 48 in der Heidelberger Altstadt, um dort ein Frauenzentrum zu gründen. Das Haus wurde schon am 23. Januar 1974 trotz breiter medialer Berichterstattung wieder geräumt, gegen fünf der Besetzerinnen wurde Anklage erhoben. Die Frauen nutzten den Gerichtsprozess, um aus ihren Aussagen politische Plädoyers zu machen: Sie plädierten für eigene Frauenräume und erklärten, warum diese notwendig sind und erkämpft werden müssen.10 Die Presse berichtete ausführlich über Besetzung und Prozess und ließ die Frauen dabei breit zu Wort kommen. „Die Ziele der Gruppe formulierte das Frauenzentrum gestern so“, schrieb zum Beispiel das Heidelberger Tageblatt unter dem Titel Die Plöck 48 vor der Verwahrlosung retten.11 „‚Dieses Haus, das in bestem Zustand ist, soll abgerissen werden und einem Parkhaus weichen‘“, man sei aber „‚der Meinung, dass man mit diesem Gebäude sinnvolleres machen kann – nämlich ein Frauenzentrum. Dort können wir zum Beispiel abwechselnd auf unsere Kinder aufpassen, um Zeit für uns selber zu haben, uns gegenseitig über Verhütungsmittel, Erziehungs- und Schulprobleme, Umgang mit Behörden informieren und persönliche Erfahrungen austauschen. Bücher, Frauenzeitungen und Informationsmaterial stehen zur Verfügung.‘“12    

Frauenzentrum Heidelberg eröffnet, ca. 1974
Richtigstellung des Frauenzentrums Heidelberg, 1974

Die Frauen mieten eine alte Schreinerei

Molli Hiesinger und ihre Mitstreiterinnen mieteten nun eine alte Schreinerei und richteten dort das Frauenzentrum ein. Dort gründeten sie „Theorie-Gruppen“13 , die sich mit feministischen Texten beschäftigten, und eine Straßentheatergruppe, die feministische Themen öffentlichkeitswirksam nach außen trug. In Consciousness-Raising-Gruppen setzten sich die Frauen mit ihrer persönlichen Situation auseinander, bei Selbstuntersuchungen mit dem Spekulum entdeckten sie ihren Körper.

Außerdem boten die Aktivistinnen Schwangerschaftsberatungen an. Sie bauten ein Netzwerk aus ÄrztInnen auf, die Abbrüche durchführten, und verwiesen ungewollt schwangere Frauen an sie. „Also, wir haben Beratungen gemacht im Frauenzentrum: Abtreibungsberatung. Wir haben Frauen, die abtreiben wollten, nicht unbedingt weggeschickt zum Abtreiben, sondern vorher mit ihnen gesprochen. Aber nicht, wie es jetzt ist in den Organisationen, sondern wir haben mit ihnen über ihr Leben gesprochen und auch so ein bisschen diese Selbsterfahrungssachen da reingebracht. Und wenn sie dann gesagt haben: Wir wollen! Dann haben wir sie begleitet.“14

Busfahrten nach Holland

Das Frauenzentrum organisierte Busfahrten nach Holland, wo Abtreibung damals schon legal war, und halfen damit nicht nur ungewollt schwangeren Frauen, sondern setzten auch ein politisches Zeichen.

Bald entstanden in Heidelberg auch ein Frauenbuchladen und ein Frauencafé. Molli Hiesinger verließ Heidelberg 1976 aus beruflichen Gründen. „Da hab ich in Mannheim gearbeitet und hab diese Frauenfrage in meinen Alltag, in meinen Beruf mit hineingenommen. Was ich eigentlich bis zum Schluss gemacht habe und auch heute noch tue.“15  

 

Stand: 10. November 2021
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Verfasst von
Chantal Louis

studierte Journalistik und Politikwissenschaften in Dortmund. Seit 1994 ist sie Autorin und Redakteurin bei der Zeitschrift EMMA. Sie schrieb mehrere Bücher und arbeitete als freie Journalistin u.a. für WDR und Deutschlandfunk.

Empfohlene Zitierweise
Chantal Louis (2021): Molli Hiesinger, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/molli-hiesinger
Zuletzt besucht am: 31.01.2023
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  • Chantal Louis
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
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Biografie von Molli Hiesinger

1950

Geburt in Heppenheim

ca. 1968

Mitbegründerin der SchülerInnen-Organisation ‚Rote Garde Bergstraße‘

Juni 1968

Abitur

Oktober 1968

Umzug nach Heidelberg, Beitritt zum Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS)

ca. ab 1970

Pressereferntin des AStA

1972

Gründung der Heidelberger Frauengruppe

1974

Hausbesetzung und Gründung des Heidelberger Frauenzentrums

ca. 1976

Umzug nach Mannheim, Berufstätigkeit als Lehrerin

Fußnoten

  • 1FMT, P13-Hies-01, Molli Hiesinger, Transkript, S. 2.
  • 2Ebenda.
  • 3Ebenda, S. 1.
  • 4Ebenda.
  • 5Ebenda, S. 4.
  • 6Ebenda.
  • 7Ebenda, S. 6.
  • 8Ebenda.
  • 9Ebenda, S. 8.
  • 10Alle Erklärungen der angeklagten Frauen in: Frauenzentrum Heidelberg (Hg.): Frauen in der Plöck 48 oder Bagger, Bullen und Beamte. Dokumente und Erfahrungen um Heidelbergs erstes Frauenzentrum, Heidelberg 1974.
  • 11Die Plöck 48 vor der Verwahrlosung retten, in: Heidelberger Tageblatt vom 19./20.1.1974, in: Frauen in der Plöck 48 oder Bagger, Bullen und Beamte.
  • 12Ebenda.
  • 13FMT, P13-Hies-01, Hiesinger, Transkript, S. 10.
  • 14Ebenda.
  • 15Ebenda, S. 11.
Ausgewählte Publikationen
Frauenzentrum Heidelberg (Hg.): Frauen in der Plöck 48 oder Bagger, Bullen und Beamte. Dokumente und Erfahrungen um Heidelbergs erstes Frauenzentrum, Heidelberg 1974.
Horsch, Gerlinde: Wie alles anfing ... Die Neue Heidelberger Frauenbewegung, in: Amt für Frauenfragen Heidelberg (Hg.): Die Vergangenheit ist die Schwester der Zukunft. 800 Jahre Frauenstadtgeschichte in Heidelberg, Ubstadt-Weiher 1996, S. 259‒268.