Ruda auf dem Dach des Bootshauses des Casseler Frauenrudervereins
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Barbara Wagner
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AddF, Kassel, A-F-NLK2-02052
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Über Casseler Frauen-Ruder-Verein e.V.

Anfang des 20. Jahrhunderts war das Rudern für Frauen und Mädchen nahezu undenkbar. Wie kam es nun dazu, dass gerade in Kassel, wo es bisher nur zwei Herrenrudervereine und jeweils einen Schülerruderverein an den Oberschulen für Jungen gab, ein Frauenruderverein gegründet wurde?

Ein Anfang mit Hindernissen

1911 gründete sich in Kassel deutschlandweit zum allerersten Mal ein Ruderverein für Schülerinnen. Lehrerinnen des Oberlyceums in Kassel waren dann zwei Jahre später auch die Initiatorinnen, die die Leerstelle der fehlenden Frauenvereine füllten. Sie gründeten am 19. Mai 1913 den Casseler Frauen-Ruder-Verein (CFRV). Es war die neunte Vereinsgründung deutschlandweit, und somit zählt er zu den ältesten seiner Art. Bereits im September 1913 beteiligte sich der Verein mit einem Riemenvierer an der ‚Huldigungsfahrt der Ruderer‘ auf der Fulda aus Anlass der Tausendjahrfeier der Stadt Kassel. Von den männlichen Ruderern abgelehnt oder zumindest belächelt und mit dem Spottnamen ‚Wasserrührkränzchen‘ versehen, fanden die Frauen trotzdem Unterstützung durch Brüder, die im Ruderverein Cassel oder im Ruderklub Kurhessen Kassel ruderten. 1927 konnte das erste eigene Bootshaus an der Fulda eingeweiht werden. 

Was schickt sich? Die Hosenfrage!

Zur Ausübung des Rudersports war die Kleiderfrage ganz entscheidend, so konnte in langen Röcken nur mit festem Sitz gerudert werden, da sich diese sonst in den Rollbahnen verfingen. Die Kasslerinnen entschieden gleich: Weiße Blusen mit kleinem spitzem Ausschnitt, grüner Matrosenschlips, dunkelblaue bis über die Knie reichende Pumphosen und lange braune gestrickte Baumwollstrümpfe und braune Sandalen wurden zu ihrer Ruderkleidung.1

Neben Fahrten auf der heimischen Fulda standen in den Anfangsjahren schon Wanderfahrten auf der Eder und der Weser auf dem Programm. Damit erweiterten die Frauen nicht nur ihren Bewegungsradius, sondern machten unmittelbar Natur- und Körpererfahrung auf dem Wasser. Es wurde auf der Wiese gepicknickt, manchmal auch im Freien oder in Scheunen übernachtet. Das Training und Vereinsleben kamen aber auch im Winter nicht zum Erliegen. So standen gemeinsames Turnen und Skisport auf dem Programm.

Wintertraining des Casseler Frauen-Ruder-Vereins im Habichtswald hinter dem Herkules, 28.1.1929

Das Frauenrudern wird salonfähig

1919 gründete sich der Deutsche Damen-Ruder-Verband (DDRV), weil sich der Deutsche Ruderverband (DRV) weigerte, Frauen-Rudervereine aufzunehmen. Diesem trat der CFRV ebenfalls bei. Ziel dieses Verbandes war die Förderung des Frauenruderns. Er erreichte 1926 die Aufnahme in den Deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen und damit verbunden erstmals den Start von Ruderinnen bei den Deutschen Kampfspielen in Köln im Stilrudern. Der CFRV errang hier im Doppelvierer eine Bronzemedaille. Die Trainingsarbeit trug Früchte. Regelmäßig starteten Ruderinnen des CFRV nun erfolgreich bei den immer zahlreicher werdenden Wettkämpfen im Stilrudern, zum Beispiel 1929 und 1930 in Osnabrück. Beim Stilrudern wurde nach festgelegten Kriterien von (zunächst ausschließlich männlichen) Punktrichtern die ‚ästhetische‘ Ruderarbeit bewertet. Das Rennrudern hatte sich zu dieser Zeit noch nicht für die Frauen etablieren können. Alle Wettbewerbe wurden noch, und das noch bis in die 1950er-Jahre, als ‚Jungmann‘-Doppelvierer m.[it] St[euer]m[ann]. – einzig mit der männlichen Bezeichnung ausgeschrieben.

1933 schloss sich der DDRV dem DRV an, und, da er seine Ziele als erreicht ansah, löste sich kurze Zeit später selbst auf. Mit der Gründung des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen am 30. Januar 1934 wurden die deutschen Sportverbände gleichgeschaltet und 1936 musste sich der DRV selbst auflösen. Die Einstellung zum Frauensport hatte sich in der Zeit des Nationalsozialismus aber geändert, und mit dem propagierten ‚straff-sportlichen‘ Frauenideal wurden auch Wettkämpfe für Frauen möglich und nicht von vornherein abgelehnt. Eine der Mitarbeiterinnen in der Abteilung für Frauenrudern war Lotte Cloos (1898–1997), seit 1925 Vorsitzende des CFRV. Sie war bereits seit den 1930er-Jahren als Lehrwartin und als Punktrichterin auf Regatten tätig. Auch durch ihren Einsatz führte der Verein von 1934 bis 1941 eigenständige Frauen-Regatten in Kassel durch.

„Auf diesen Regatten erfreute sich das Stilrudern immer noch größter Beliebtheit. Noch 1937 traten in Kassel in elf klassischen Stilruderwettbewerben mindestens fünf, einmal sogar zehn Boote an.“2 Bei diesen Wettbewerben waren Ruderinnen aus dem gesamten Deutschen Reich am Start. Ruderinnen des CFRV besuchten ebenfalls Regatten reichsweit, an die letzte, 1942 in Berlin-Grünau, schloss sich gemeinsam mit den Berlinerinnen eine gemeinsame Wanderfahrt im Spreewald an.

Im weiteren Kriegsverlauf kam der Ruderbetrieb immer mehr zum Erliegen, gegen Kriegsende wurde auch das Bootshaus des CFRV durch Bomben zerstört. Aus dem Trümmerschutt wurde nur noch ein Splitter des bei der 25-Jahrfeier 1938 getauften Renndoppelvierers ‚Ostmark‘ geborgen. 

Im Anschluss an eine Regatta in Berlin geht es zur Spreewaldfahrt, die Boote werden mit Hilfe von Pferdewagen transportiert, 1942
Collage mit dem Holzsplitter des zerstörten Bootes „Ostmark“.

Neujustierung nach dem Krieg

Nach dem Krieg waren die Ruderkameradinnen in alle Winde zerstreut. So kam es erst am 5. Oktober 1946 zur Neugründung des Vereins, der allerdings zunächst nur auf dem Papier existierte. Zwar wurde bereits 1949 ein Grundstück vom Forstamt der Stadt Kassel gepachtet und mit der Beseitigung der Bombentrichter begonnen. Aber es fehlte an Geld, um mit dem Bau eines Bootshauses zu beginnen. 

 

Mithilfe der Rudergesellschaft Kassel 1927 konnte der Ruderbetrieb langsam wieder aufgenommen werden, da die Ruderer ihre Boote auch den CFRV-Kameradinnen zur Verfügung stellten. Auch die Stadt Kassel förderte ihre Rudervereine und stiftete zum örtlichen Wasserfest, dem sogenannten ‚Zissel‘, 1949 jedem Verein ein Boot.

Den Auftakt der ersten Nachkriegsregatta in Kassel 1950 bildete eine weitere gemeinsame Bootstaufe: Hier konnte der CFRV einen zweiten, vom Eschweger Ruderverein geschenkten, Vierer taufen. Nun standen wieder regelmäßig neben der Kasseler Ruderregatta auch Starts in den Stilruderwettbewerben zum Beispiel in Hann, Münden, Gießen, Höxter, Hameln oder Frankfurt am Main auf dem Programm. 

Der Gig-Doppelvierer des CFRV bei der Kasseler Regatta, 1968

Eine neue Zeit bricht an

Gruppenbild der Festgesellschaft vor dem Rohbau des neuen Bootshauses des CFRV in Kassel anlässlich des Richtfestes am 22.07.1960.

Endlich konnte 1959 durch Vermittlung des Kasseler Architekten Fritz Catta (1886–1968), Ehemann des CFRV-Mitglieds Henny Catta (1889–1972), eine freigewordene Regierungsbaracke erworben werden. Die Mitglieder halfen beim Aufbau durch zahlreiche Arbeitsstunden, gleichzeitig unterstützten viele heimische Betriebe großzügig den Neubau. Diese Liste liest sich wie das Who is Who des nordhessischen Handwerks. Am 3. Juli 1961 fand die feierliche Eröffnung des neuen Bootshauses statt. In das neue Heim des CFRV zog der Ruderverein der Mädchen-Mittelschulen mit ein. Als erste Frau erhielt Lotte Cloos 1964 die Goldene Sportplakette der Stadt für ihre Verdienste um den Rudersport. Erst 1991 wurde mit Margarita Gerke (1923–2008), der Ehrenvorsitzenden, wieder einer Frau diese Auszeichnung zuteil. Neben der lebenslangen Verbundenheit mit dem Verein fällt auch das häufig (sehr) hohe Lebensalter der Frauen auf, Rudersport hält also körperlich und geistig fit.

Mehr als Wassersport – das Vereinsleben

Einen ganz wesentlichen Bestandteil des Vereinslebens bildeten von jeher die Festveranstaltungen. Bereits in den ersten Jahrzehnten des Vereinslebens gab es Gesellschaftsabende und Maskenfeste, die stets gut besucht waren und bei denen die Ruderinnen mit beeindruckenden Darbietungen aufwarteten. Hierfür verantwortlich war über viele Jahre Henny Catta. Diese Tradition wurde auch in den 1950er-Jahren wieder aufgenommen. Auch beim Zissel ist der CFVR stets mit einem Boot vertreten und bis heute Ziel des Festzugs sowie Sitz des Preisgerichts. 

Wegen der allgemeinen Entwicklung im Vereinssport wurde der CFRV schon in den 1970er-Jahren vom reinen Frauen-Ruder-Verein zum Familienverein und auch die Aufnahme von Männern als Mitglieder wurde möglich. Bei Entscheidungen das Vereinsleben betreffend hatten Männer zunächst eingeschränktes Mitspracherecht, indem sich drei Männer eine Stimme ,teilen‘ mussten. 1979 wurde ihnen das gleiche Stimmrecht wie den Frauen zugebilligt. Auch waren und sind innerhalb des CFVR Betriebssportgruppen und eine Integrationsgruppe aktiv.

Der Ruderbetrieb verlagerte sich mehr und mehr zum Freizeit- und Wanderrudern, nur vereinzelt gab es noch Teilnahmen bei Regatten. Den Schlusspunkt im Rennsport setzte dann der Weltmeister von 2001 im Männer-Einer Marcel Hacker. Dafür belegen die RudererInnen des CFRV alljährlich beim Hessischen Ruderverband vordere Plätze im Wanderruderwettbewerb.

Zur Überlieferung

Während die Fotos bereits die Anfangsjahre zeigen, setzt der Großteil der erhaltenen Vereinsakten aufgrund von Kriegsschäden erst nach 1945 ein. Es ist das Verdienst der Ruderkameradin Hildegard von Elstermann (1925–2010), die mehrere Jahrzehnte durchgängig das Vereinsarchiv führte und dabei nicht nur den CFRV, sondern auch das Frauenrudern allgemein im Blick hatte. Nach ihrem Tode ist diese Sammlung in das AddF übergegangen. Es sind derzeit rund fünf laufende Regalmeter. Enthalten darin sind unter anderem Korrespondenzen, (Jahres)-Berichte, Statistiken und Kilometerlisten zu den (Wander-)Ruderfahrten, Zeitungsausschnitte, aber natürlich auch Objekte und Devotionalien, wie sie aus dem Vereinsleben bekannt sind: Anstecker, Medaillen und Urkunden, Wimpel und Fahnen. Der Verein brachte aber auch über zwei Jahrzehnte die vereinseigene Zeitschrift Flüstertüte heraus. Über 2.000 Fotografien konnten bereits verzeichnet, digitalisiert und erschlossen werden. Diese Arbeit übernahmen mit ehrenamtlichem Engagement dankenswerterweise Rosemarie Rohde, Ehrenvorsitzende, und Dr. Barbara Wagner, Vorsitzende des Ältestenrates des CFRV. 

Stand: 02. August 2021
Lizenz (Text)
Verfasst von
Dr. Barbara Wagner

Medizinerin; Ruderin seit 1967; seit 1990 im CFRV, Ehrenamtliche im AddF.

Laura Schibbe

M.A., Europäische Ethnologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin im AddF, verantwortlich für die Bereiche Vermittlung und Kommunikation.

Empfohlene Zitierweise
Dr. Barbara Wagner/Laura Schibbe (2021): Casseler Frauen-Ruder-Verein e.V., in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/casseler-frauen-ruder-verein-ev
Zuletzt besucht am: 03.08.2021
Rechteangabe
  • Dr. Barbara Wagner
  • Laura Schibbe
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY 4.0

Netzwerk von Casseler Frauen-Ruder-Verein e.V.

Biografie von Casseler Frauen-Ruder-Verein e.V.

Gründung in Kassel

1926

Erster Medaillengewinn bei den Deutschen Wettkampfspielen, Köln, Vorläufer des deutschen Meisterschaftsruderns

1927

Neubau eines Bootshauses wird bezogen

1934 - 1941

Eigenständige Frauen-Regatta in Kassel durchgeführt, organisiert vom CFRV

1943

Zerstörung des Bootshauses, Verlust der Boote

05.10.1946

Wiedergründung des Vereins, Antragstellung bei der Militäradministration

Pacht eines Grundstückes an der Fulda

Erster Nachkriegs-Zissel, Geschenk eines Bootes durch die Stadt Kassel

September 1949

Erste Regatten nach dem Krieg werden besucht

Wiedergründung des Deutschen Ruderverbandes, in Wetzlar, Lotte Cloos, Vorsitzende des CFRV, als einzige Frau in den Vorstand gewählt

1950

Erste Kasseler Nachkriegs-Regatta

1953

Anmietung von Kellerräumen als provisorisches Bootshaus

1961

Ein eigenes Bootshaus kann bezogen werden, dort ist der Verein bis heute ansässig, Auedamm 35

1964

Goldene Sportplakette der Stadt an die Ehrenvorsitzende des Vereins Lotte Cloos

1969

Erstmaliger Start im Rennrudern

1970

Letztmaliger Start im Stilrudern

1979

Volle Mitgliedsrechte für Männer werden eingeführt

1984

Die erste Betriebssportgruppe startet

1991

Goldene Sportplakette der Stadt an die Ehrenvorsitzende des Vereins Margarita Gerke

1993

Zum 90-jährigen Vereinsjubiläum wird die „Ruda“, eine den Nana-Figuren von Niki de St. Phalle nachempfundene Installation, von fünf Vereinsfrauen geschaffen und auf dem Vordach des Bootshauses angebracht

1999

Letztmalig erscheint die Vereinszeitschrift „Flüstertüte“, (1977-1999)

2000

Marcel Hacker, Vereinsmitglied des CFRV seit Jahreswechsel 1999/2000, gewinnt die Bronzemedaille im Einer bei der Olympiade in Sydney

2001

Marcel Hacker wird Weltmeister im Einer in Sevilla

seit 2005

Integrations-Sport in Zusammenarbeit mit der DIAKOM bdks

2010

Das Vereinsarchiv wird an das AddF übergeben

2013

100 Jahre Vereinsjubiläum werden gefeiert, eine eigene Broschüre wird aufgelegt

seit 2013

Zwei Ehrenamtliche digitalisieren und erschließen die Fotosammlung des CFRV

2014

Objekte aus dem Bestand des Vereins gehen in die Dauerausstellung des Landesmuseums Kassel, mhk

Fußnoten

  • 1. Pumphosen und Ruderblusen waren auch in anderen Clubs die Ruderkleidung, vgl. Hutmacher, Anne: Die Entwicklung des Frauenruderns in Deutschland, Köln 2010, S. 150.
  • 2. Hutmacher: Die Entwicklung, S. 219.
Ausgewählte Publikationen
Becker, Ellen: Mit Rock und Riemen. Die Entwicklung des Frauenruderns im Deutschen Reich und in der Bundesrepublik, Greven 1992.
Casseler Frauen-Ruder-Verein: 50 Jahre Casseler Frauen-Ruderverein, Kassel 1963.
Casseler Frauen-Ruder-Verein: 75 Jahre Casseler Frauen-Ruder-Verein e. V., Kassel 1988.
Casseler Frauen-Ruder-Verein: 1913-2013. Das Wasserrührkränzchen wird 100, Kassel 2013.
Hutmacher, Anne: Die Entwicklung des Frauenruderns in Deutschland, Köln 2010.