Deckblatt Frauenhandbuch Nr. 1
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Über Brot und Rosen

Die Westberliner Gruppe Brot und Rosen gab 1972 das Frauenhandbuch heraus, ein zentrales Dokument der Frauenbewegung. Die Gruppe kritisierte die Pille scharf und plädierte für mehr Eigenverantwortung der Frauen im Umgang mit ihrem Körper und ihrer Sexualität – und schuf damit ein ganz neues Bewusstsein.

„Wir fordern: die ersatzlose Streichung des §218, Abtreibung auf Krankenschein ambulant in allen Kliniken mit den schonendsten Methoden, Überführung der konfessionellen Krankenhäuser, Kindergärten und Schulen in die öffentliche Hand, Entwicklung unschädlicher Verhütungsmethoden, Kontrolle der Ärzte, Schutz der Frauen der dritten Welt vor Missbrauch durch die Pharmaindustrie!“1, schrieb die Berliner Frauengruppe Brot und Rosen in ihrem Frauenhandbuch Nr. 1: Abtreibung und Verhütungsmittel, das im April 1972 erschien.2

Die Abschaffung des §218 war zentrales Anliegen der Neuen Frauenbewegung und die Gruppe Brot und Rosen war mit ihren Aktionen maßgeblich daran beteiligt, die Abschaffung des sogenannten Abtreibungsparagraphen voranzutreiben. Brot und Rosen standen aber auch für einen neuen Umgang mit dem eigenen Körper, der Sexualität und einen kritischen Blick auf Verhütungsmittel. Das Frauenhandbuch, von dem es mehrere Wiederauflagen gab, ist eine der wichtigen Veröffentlichungen der Neuen Frauenbewegung. 

Frauenhandbuch Nr. 1 : Abtreibung und Verhütungsmittel, 2., überarb. und erw. Aufl. 1974

Gründung in Westberlin

Mit dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen bildete sich Anfang 1968 eine Frauengruppe innerhalb der Außerparlamentarischen Opposition (APO), die sich gegen die männlich dominierten Strukturen im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) auflehnte. Der legendäre Tomatenwurf von Sigrid Rüger am 13. September 1968 wurde zum Ausgangspunkt für die Gründung verschiedener Frauengruppen (Weiberräte) innerhalb des SDS, zu denen Männer keinen Zutritt hatten. 1969 löste sich der Aktionsrat aufgrund ideologischer Differenzen auf, und auch von den anderen Gruppen hatte keinen Bestand. 

Doch Frauen aus der feministischen Strömung des Aktionsrats taten sich zusammen, um über Selbstbestimmung, über Sexualität und Frauenkörper zu arbeiten und gründeten 1971 in Westberlin die Gruppe Brot und Rosen.3 Der Gruppenname war an die Parole „Wir wollen Brot, aber wir wollen auch Rosen“ angelehnt, welche aus einer Rede der New Yorker Gewerkschafterin Rose Scheidermann von 1911 stammte4 und 1912 von streikenden Textilarbeiterinnen in Lawrence/USA als Forderung aufgegriffen wurde. Das Zitieren der überlieferten Begriffe zeigt, wie sich die Neue Frauenbewegung auf die frühere Frauenbewegung bezieht. Und was sich in diesen Worten auch ausdrückt: Feminismus steht nicht nur für die Befriedigung der rein körperlichen Bedürfnisse (Brot) von Frauen, sondern kämpft darüber hinaus für die Freude, Lust und Eros (Rosen).5

Das bekannteste Mitglied von Brot und Rosen war Helke Sander, die schon im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen aktiv gewesen war und dort die Kinderläden mit ins Leben gerufen hatte.6

Im Fokus: Pille und Sexualität

Obwohl Brot und Rosen sich rege an den Diskussionen und Kämpfen gegen den §218 beteiligte, stellte die Gruppe ein anderes Thema in den Mittelpunkt: die ‚Offenlegung der Machtstrukturen in der Gesellschaft‘, die durch die Pille entstanden seien.7 Sie prangerten die Regierung, die Ärzteschaft, die Pharmazie und die Kirche an. Die Frauen setzten sich für Aufklärung über die Pille und andere Verhütungsmittel ein, im Frauenhandbuch von 1972 wiesen sie auf das Gefahrenpotenzial der Pille durch Nebenwirkungen hin.8 Die zentrale Botschaft, wie sie Alice Schwarzer später zusammenfasste: „Wir müssen unsere Angst verlieren vor Männern, die im Namen irgendeiner Wissenschaft Respekt für sich und ihre Handlungen fordern. Wir müssen es wagen, Fragen zu stellen.“9 Zwei Jahre später gab es die ersten Selbsthilfegruppen für Frauen, in denen sie sich mit körperlicher Selbstbestimmung und Sexualität auseinandersetzten.10 Zudem bot Brot und Rosen in Zusammenarbeit mit dem Frauenzentrum Berlin eine wöchentlich stattfindende medizinische Beratungsstunde an, die 1974 von ÄrztInnen übernommen und weitergeführt wurde.11

Das Frauenhandbuch entfaltet große Wirkung

Für das Frauenhandbuch Nr. 1: Abtreibung und Verhütungsmittel hatte die Gruppe viel recherchiert und diverse Ärzte befragt. Erste Kontakte waren durch das Mitglied Verena Stefan hergestellt worden, die als Physiotherapeutin beruflichen Kontakt zu Ärzten hatte. 1972 erschien das Frauenhandbuch mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren, die rasch vergriffen war.12 Verkaufspreis war 2,50 DM, das Buch wurde an Buchhandlungen und Frauengruppen verteilt. 1974 wurde die überarbeitete und erweiterte Auflage (Die Neu-Auflage betrug 100.000 Stück) für 6 DM verkauft.

Im Frauenhandbuch wurden die wichtigen Fragen zur Sexualität gestellt – und beantwortet. Es war eine der ersten Veröffentlichungen, in der weibliche Homosexualität auch als ‚Lebensauffassung mit Vorteilen‘ diskutiert wurde; eine ‚richtige‘ Frau war nicht mehr nur eine, die Kinder gebar.13 Damit einhergehend kam es zu einem Umschwung in der Bewertung der Pille.

Laut der Historikerin Kristina Schulz gehörte das Frauenhandbuch zu den Veröffentlichungen, die die Bewegung intern festigte.14 „Zugleich wurde damit eine neue Richtung der Bewegung deutlich, die sich nicht mehr nur in Protestaktionen gegen den Abtreibungsparagraphen engagierte, sondern eher indirekten gesellschaftlichen Druck aufbaute, indem bei Frauen ein Bewusstsein für ihre Situation geschaffen und neue Möglichkeiten der Sexual- und Lebensgestaltung aufgezeigt wurden.“15 Das Frauenhandbuch war im deutschsprachigen Raum das erste seiner Art und es löste eine bundesweite Publikationswelle in Selbstverlagen aus. 1975 erschien unter anderem das Buch Hexengeflüster des Berliner Frauenzentrums, welches sich mit der weiblichen Sexualität auseinandersetzte, und im Januar 1977 widmete der Spiegel der Pille (und ihren Nebenwirkungen) eine Titelgeschichte.16

Teach-in in Berlin 

Brot und Rosen nahmen an den wichtigen Treffen, Demonstrationen und Diskussionen der Neuen Frauenbewegung der 1970er-Jahre teil, wie zum Beispiel dem Frauentribunal 1972 in Köln oder den Frauenkongressen in Frankfurt am Main.

Zusammen mit anderen Gruppen veranstalteten Brot und Rosen im Rahmen der Aktion Letzter Versuch für die Verabschiedung der Fristenlösung beim §218 innovative Aktionen, die die Medien und viele Frauen erreichten.17 Ein Höhepunkt war das von ihnen veranstaltete Teach-in am 6. Februar 1974. Bei dieser Veranstaltung an der Berliner Technischen Universität zeigten sie fünf Ärzte, „wegen Unzucht mit Abhängigen, gefährlicher Körperverletzung, unterlassener Hilfeleistung, Betrug, Steuerhinterziehung und Erpressung“18, öffentlich an. Sie wollten erreichen, dass die Ärzteschaft und das Gesundheitswesen stärker kontrolliert werden und es Frauen einfacher gemacht wird, abtreiben zu können. Über 2.000 Menschen nahmen an der Veranstaltung teil und informierten sich über den §218, Verhütung und die Macht der Ärzte. 

Verfasst von
Lisa Szemkus

geb. 1990, Studentin Geschichte, 2017–2018 Praktikantin im FrauenMediaTurm

Netzwerk von Brot und Rosen

Fußnoten

  • 1. Brot und Rosen: Frauenhandbuch Nr. 1, überarbeitete und erweiterte Auflage, Berlin 1974.
  • 2. FMT (FrauenMediaTurm), BR.01.014, Akte Brot und Rosen “Liebe Schwestern und Genossinnen“, Brief vom 15.4.72.
  • 3. Lenz, Ilse: Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Eine Quellensammlung, Wiesbaden 2008, S. 52.
  • 4. Orleck, Annelise: Rose Schneiderman, in: Jewish Women: A Comprehensive Historical Encyclopedia, Zugriff am 21.1.2019 unter https://jwa.org/encyclopedia/article/schneiderman-rose.
  • 5. Lenz: Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, S. 104.
  • 6. Ebenda, S. 50 f.
  • 7. Silies,Eva-Maria: Liebe, Lust und Last. Die Pille als weibliche Generationserfahrung in der Bundesrepublik 1960-1980, Göttingen 2010, S.386 ff.
  • 8. FMT, FB.05.174, „Informationsveranstaltung zur Schwangerschaftsverhütung“, 20.9.1972.
  • 9. Schwarzer, Alice: So fing es an. 10 Jahre Frauenbewegung, Köln 1981, S. 39.
  • 10. Ebenda.
  • 11. FMT, FB.05.033, Deshalb müssen wir Frauen fordern! Forderung nach Anwendung der Absaugmethode.
  • 12. Brot und Rosen: Frauenhandbuch Nr. 1, Berlin 1972.
  • 13. Silies: Liebe, Lust und Last, S. 386–389.
  • 14. Schulz, Kristina: Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968-1976, Frankfurt a. M. 2002, S. 162.
  • 15. Silies: Liebe, Lust und Last, S. 391
  • 16. Der Spiegel, 1977: Überdruß an der Pille, Zugriff am 21.1.2019 unter  http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1977-6.html.
  • 17. Lenz: Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, S. 106.
  • 18. Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1, 1974, S. 11.
Ausgewählte Publikationen
Brot und Rosen: Frauenhandbuch Nr. 1, überarbeitete und erweiterte Auflage, Berlin 1974.
Lenz, Ilse: Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Eine Quellensammlung, Wiesbaden 2008.
Silies, Eva-Maria: Liebe, Lust und Last. Die Pille als weibliche Generationserfahrung in der Bundesrepublik 1960-1980, Göttingen 2010.
Schwarzer, Alice: So fing es an. 10 Jahre Frauenbewegung, Köln 1981.
Schulz, Kristina: Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968-1976, Frankfurt a. M. 2002.