Zeit der Veränderung schafft Zeit für Frauengeschichte
Mit elf Interviews wird der Blick auf die Transformationszeit in Leipzig erweitert. Die Befragten sind ost- und westdeutsche (ehemalige) Mitglieder der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. (LOPG). Diese wurde 1993 in einem frauenbewegten Umfeld gegründet. Die Interview-Partner:innen mussten mit gesellschaftlichen Umwälzungen und beruflichen Einschnitten zurechtkommen. Sie vernetzten sich in und über Leipzig hinaus. Mit ihren (Bildungs-)Veranstaltungen stellten sie Bezüge zwischen Geschichte und Gegenwart her.
Auswirkungen der Transformationsgesellschaft auf Beziehungen
In den Gesprächen beschreiben alle ostdeutsch-sozialisierten Gesprächspartner:innen die veränderten Lebensverhältnisse.1 Je nach Alter bedeuteten sie eine Prekarisierung der Lohnarbeit, die Arbeitslosigkeit oder den vorzeitigen Ruhestand, verbunden mit dem Gefühl, „nicht mehr gebraucht“2 zu werden.3
Mit dem Abbau von Betreuungsmöglichkeiten stieg der Druck auf Frauen, weniger zu arbeiten.4 Susanne Schötz erklärte im Interview, warum dem standgehalten wurde:
„Also den doppelten Lebensentwurf, den wir aus der DDR kannten, nicht aufzugeben, sondern daran festzuhalten, ein Recht zu haben auf Familie, aber auch auf Berufstätigkeit, auf beides. Darum ging es den Frauen.“5
Eine Gemeinsamkeit aller interviewten Personen ist, dass sie Eltern größtenteils minderjähriger Kinder waren.6 Trotz dieses Drucks gibt es in den Interviews kaum Erzählungen davon, dass Elternschaft als Belastung wahrgenommen wurde.7
Diese Zeit schuf gleichzeitig neue Möglichkeiten, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren8, unter anderem Vereine und Initiativen boten einen Lebensinhalt.9 Hier arbeiteten ost- und westdeutsche Engagierte zunehmend zusammen. Die westdeutschen Mitbegründerinnen der LOPG, Gisela Notz und Godula Kosack, sehen die Vereinigung auf persönlicher Ebene als Bereicherung. Gisela Notz:
„Also die Euphorie, die von vielen kam, endlich Mauer weg, das war natürlich klar, super. […] Erste Begegnung mit Hanna oder Herta oder Johanna, alles ganz wunderbar. Da haben wir auch gewonnen.“
Es wurden aber auch Niederlagen wahrgenommen, wie Godula Kosack schilderte:
„Das war so eine Zeit, wo wirklich so ein Rückschlag der Frauenbewegung vor allem im Osten war. Die Gesetzgebung. Es wurde auch nichts Progressives, Positives vom Osten übernommen, beispielsweise der Paragraf 218. Es wurde den Frauen plötzlich wieder auf gut Deutsch jeglicher Schwangerschaftsabbruch verboten und nur unter bestimmten Voraussetzungen geduldet.“10
Vernetzung und Selbstbildung in Vereinen
Die Gesprächspartner:innen vernetzten sich bundesweit über das Thema Frauenbewegungsgeschichte, unter anderem im Netzwerk Miss Marples Schwestern.11 Für die Professionalisierung und die persönliche Weiterentwicklung ist der i.d.a.-Dachverband hervorzuheben.12 In Leipzig entstand die Vernetzung zum Beispiel durch Doppelmitgliedschaften und gemeinsame Ziele.13 Teilweise wurden berufliche Kontakte aus der Zeit vor der sogenannten Wende fortgesetzt.14 Johanna Ludwig bildete für die LOPG den „Nukleus“15; sie motivierte Bekannte zur Mitarbeit im Verein. Die LOPG, in der sich viele Akademiker:innen zusammenfanden, forschte zu historischen Frauenpersönlichkeiten und ging mit Tagungen, Publikationen, literarisch-musikalischen Veranstaltungen und Gedenken zu runden Jahrestagen sowie Jubiläen in die Öffentlichkeit.16 Bei Aktionen, wie dem Kampf um den Erhalt des Henriette-Goldschmidt-Hauses, bei Petitionen und der Nutzung der raren Räume für Veranstaltungen kam die enge Vernetzung der Vereine in Leipzig zum Tragen.17
Neben der Bildung gemeinsamer (politischer) Interessengemeinschaften mit den anderen Frauenvereinen vor Ort gab es auch gegenseitige Hilfe in Form von Weiterbildung, wie durch das FrauenTechnikZentrum.18 Die hier angebotenen Qualifizierungsmaßnahmen halfen Frauen, sich am Computer auszubilden. Der Einstieg ins digitale Zeitalter war privat, wie im Verein, unabdingbar.19 Einige der Interviewpartner:innen erwarben in Selbstbildungsprozessen neues Wissen, zum Teil während der Erfassung von Archivmaterialien für das Louise-Otto-Peters-Archiv (LOPA) oder durch die Teilnahme an Tagungen.20 Waltraud Hering beschreibt die Bedeutung der Aktivitäten: „Das war immer sehr interessant, weil man hat dann neue Eindrücke bekommen, der Horizont wurde erweitert.“21 Sie war als Ausbilderin von Erzieher:innen in den 1990er-Jahren früh verrentet worden und hatte in der LOPG eine neue sinnstiftende Tätigkeit gefunden.
Traditionslinien in der Frauenbewegungsgeschichte schaffen
In der LOPG setzten sich die Befragten mit der feministischen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert auseinander und stellten Bezüge zu ihrer Gegenwart her.
Zentral waren dabei die Erwerbslosigkeit sowie die prekäre Beschäftigungssituation, in der sich die Abhängigkeit von Frauen manifestierte.22 MONAliesA-Gründerin und LOPG-Mitbegründerin Susanne Scharff sagte über Louise Otto-Peters:
„Also da habe ich auch noch einmal ganz neu verstanden, in diesen gemeinsamen Veranstaltungen, was die uns auch für Wege geebnet hat. Also wir gehen heute ganz normal arbeiten. Aber dass das mal irgendjemand sagen musste und nicht irgendjemand, eben eine Frau, und das immer wieder betont hat, wie wichtig das ist für die Unabhängigkeit der Frau.“23
Historische Frauen-Persönlichkeiten als Vorbilder für jüngere Generationen sichtbar zu machen, war und ist allen Interview-Partner:innen ein Anliegen.24 Für den Zusammenhalt untereinander hatten Veranstaltungen große Relevanz. Dazu gehörten neben den Tagungen, den Abendunterhaltungen und dem Gedenken auch gemeinsame Ausflüge, die einen sozialen wie bildenden Charakter hatten. Dies führt Hannelore Rothenburg aus, die mehrere Publikationen der LOPG mit herausgab und sich sehr für das Archiv engagierte:
„Das waren Ausflüge, einmal im Jahr, um die Mitglieder zusammen zu bringen [...] da hat Johanna den Vortrag gehalten, was Louise Otto in dieser Gegend, wo wir gerade waren, gesucht hat und warum sie dort war. Und sie hat das auch immer mal mit Gedichten oder Ausschnitten aus irgendeiner Schrift von ihr belegt. Also diese Jahresausflüge, die waren eigentlich immer sehr schön. Und da haben sich auch die Mitglieder darauf gefreut.”25
Die Beziehungen der Mitglieder zueinander werden mal als freundschaftlich beschrieben, mal als gute Zusammenarbeit, gelegentlich wird der Begriff Solidarität gebraucht.26 Waltraud Hering bringt es auf den Punkt:
„Wir sind doch, wenn man so will, eine bunt zusammengewürfelte Truppe. Wir kannten uns nicht. Jeder hat einen anderen Beruf, jeder ist unterschiedlich alt. Und wir haben uns trotzdem von Anfang an verstanden.“27
Die entstandenen Beziehungen halten oft bis heute.28
In den Interviews steckt noch viel mehr. Spannend sind der Umgang mit Gesetzesänderungen und die Selbstorganisation von Wissenschaftler:innen während der Umstrukturierung der Hochschullandschaften. Sie enthalten außerdem Einsichten zur massenhaften Etablierung des PC und des Internets sowie zur (Nicht-)Reflexion von Elternschaft, Mutterschaft und Sorgearbeit. Dieses Forschungsmaterial ist im Louise-Otto-Peters-Archiv zugänglich.
- Peter, Laura
- Will, Kathrin
- Digitales Deutsches Frauenarchiv
- CC BY-SA 4.0
Fußnoten
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1
Vgl. Hering, Waltraud, Interview durch Laura Peter, Leipzig 2023; Thurm, Heiner, Interview durch Kathrin Will, Leipzig 2023; Nagelschmidt, Ilse, Interview durch Kathrin Will, Leipzig 2023; Leyh, Manfred, Interview durch Kathrin Will, Leipzig 2023; Schötz, Susanne, Interview durch Kathrin Will, Leipzig 2023; Scharff, Susanne, Interview durch Kathrin Will, Leipzig 2023; Franzke, Astrid, Interview durch Laura Peter, Leipzig 2023; Kämmerer, Gerlinde, Interview durch Laura Peter, Leipzig 2023.
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2
Hering, Interview, S. 2, Z. 61–65.
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3
Vgl. Beckmann, Karin (2020): Zerstörte Hoffnungen, neue Herausforderungen. Die Erwerbssituation ostdeutscher Frauen in den frühen 1990er-Jahren, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv. URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/zerstoerte-hoffnungen-neue-herausforderungen-die-erwerbssituation-ostdeutscher-frauen, zuletzt besucht am: 03.09.2024.
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4
Vgl. Marzell, Pia (2020): Kinderbetreuung im Umbruch. Arbeitsbiografien von Erzieherinnen nach 1989/90, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, abgerufen am 14.09.2023 unter: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/kinderbetreuung-im-umbruch-arbeitsbiografien-von-erzieherinnen-nach-198990.
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5
Schötz, Interview, S. 8, Z. 365–371.
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6
Vgl. Thurm, Interview; Leyh, Interview; Scharff, Interview; Kämmerer, Interview; Franzke, Interview.
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7
Vgl. Thurm, Interview, S. 13 f.; Nagelschmidt, Ilse, Interview durch Kathrin Will, Leipzig 2023, S. 17; Scharff, Interview, S. 19.
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8
Vgl. Scharff, Interview, S. 1.
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9
Vgl. Kämmerer, Interview, S. 1 f.; Hering, Interview, S. 2; Schötz, Interview, S. 8; Leyh, Interview, S. 1.
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10
Kosack, Interview, S. 5.
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11
Vgl. Kämmerer, Interview; Rothenburg, Interview; Franzke, Interview; Nagelschmidt, Interview.
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12
Vgl. Scharff, Interview, S. 1.
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13
Vgl. Leyh, Interview, S.4f.; Franzke, Interview, S.8; Scharff, Interview, S.2.
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14
Vgl. Nagelschmidt, Interview, S. 4 f.; Leyh, Interview, S. 5.
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15
Thurm, Interview, S. 7.
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16
Vgl. Schötz, Interview, S. 5.
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17
Vgl. Scharff, Interview; Schötz, Interview, S. 10 f.
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18
Vgl. Scharff, Interview, S. 16.
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19
Vgl. Schötz, Interview, S. 21 f; Scharff, Interview, S. 16 f; Rothenburg, Interview, S. 6.
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20
Vgl. Rothenburg, Interview, S. 11; Hering, Interview, S. 3.
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21
Hering, Interview, S.2.
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22
Vgl. Schötz, Interview, S. 7; Hering, Interview, S. 2.
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23
Scharff, Interview, S. 3.
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24
Vgl. Kämmerer, Interview; Scharff, Interview; Schötz, Interview.
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25
Rothenburg, Interview, S. 10.
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26
Vgl. Nagelschmidt, Interview, S. 15, 17.
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27
Hering, Interview, S. 10.
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28
Vgl. Leyh, Interview; Hering, Interview; Schötz, Interview.
Ausgewählte Publikationen
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Bock, Jessica: Frauenbewegung in Ostdeutschland, Halle (Saale) 2020.
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Franzke, Astrid: Aktuelle Sicht auf die Rechte der Frauen, in: Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. (Hg.): LOUISEum 8, Was Frauen bewegte, was Frauen bewegt, Leipzig 1998, S. 6–12.
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Irmscher, Evelin: Frauenaktivitäten in Leipzig, in: Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. (Hg.): LOUISEum 8, Was Frauen bewegte, was Frauen bewegt, Leipzig 1998, S. 20–21.
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Kaminsky, Anna: Frauen in der DDR, Erfurt 2015.
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Mede-Schelenz, Anja: Freundschaft in der DDR, Erfurt 2017.
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Schlegel, Uta: Weibliche Jugendliche in Ostdeutschland, in: Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. (Hg.): LOUISEum 10, Frauenaufbruch, Leipzig 1999, S. 63–71.
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Soziokulturelles Zentrum Frauenkultur e.V. Leipzig: 30 Jahre Gesellschaft im Spiegel von 30 Jahren Soziokulturelles Zentrum Frauenkultur Leipzig, Leipzig 2020.
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Zeitschel, Annett: Zur aktueIIen Situation Leipziger Frauenvereine, in: Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. (Hg.): LOUISEum 28, Politikverbot – Politikzugang – Politikverdruss, Leipzig 2009, S. 129–148.