Tante Ly, Leonie und Mieze … Der Familiennachlass Alice Salomons
Der Besuch der Familie zum 150. Geburtstag von Alice Salomon in Berlin
Am 19. April 2022 wäre Alice Salomon (1872–1948) 150 Jahre alt geworden. Die Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH), als Nachfolgeinstitution der 1908 von Alice Salomon gegründeten Sozialen Frauenschule, feierte diesen Geburtstag mit einer Festwoche im Mai 20221, und 13 Nachkommen Alice Salomons reisten an, aus Israel, Großbritannien und den USA.
Dabei waren auch Eva Jacobs, eine Großnichte von Alice Salomon, und ihr Sohn Mark. Eva und Mark Jacobs hatten dem Alice Salomon Archiv der ASH Berlin bereits 2015, 2020 und 2021 wertvolle persönliche Dokumente Alice Salomons geschenkt, darunter bedeutsame Briefe und zwei Versionen ihrer Autobiografie. 2022 kam Mark Jacobs mit zwei riesigen Reisekoffern nach Berlin, darin ein einzigartiger Nachlass über das Leben und Arbeiten sowie die Familie Alice Salomons. Die aus verschiedenen Teilen der Welt angereisten Familienangehörigen stöberten bewegt in Fotoalben, Briefen und anderen Dokumenten ihrer Vorfahren in Berlin, die im Nationalsozialismus als Jüd_innen verfolgt und ins Exil geflohen waren oder ermordet wurden.
Gemeinsam hatte die weltweit verzweigte Familie sich – nach intensiven Debatten – für das Alice Salomon Archiv als Ort entschieden, um hier Materialien aus dem Privatbesitz der Familie zu sammeln und zugänglich zu machen: Dokumente, die von der Geschichte ihrer Großtante, Urgroßtante, Ururgroßtante Alice – zu ihren Lebzeiten von der Familie „Tante Ly“2 genannt –, von Verfolgung und von deutsch-jüdischen Beziehungen sprechen. „Wir vertrauen diese Schätze dem Alice Salomon Archiv an und denken, dass damit gut und fachlich umgegangen wird“3, so Mark Jacobs.
Zur (Exil-)Geschichte der Familie Alice Salomons
Alice Salomon wurde 1937 von den Nationalsozialist_innen aus Deutschland vertrieben. Die Gestapo hatte ihr nach einem Verhör am 26. Mai 1937 eine dreiwöchige Frist gesetzt, innerhalb derer sie Deutschland zu verlassen hatte.4 Vermutlich musste sie den größeren Teil ihrer Unterlagen in Deutschland zurücklassen oder vernichten, es ist kein bedeutender Nachlass überliefert. Sie ging nach New York ins Exil, wo sie die letzten Jahre bis zu ihrem Tod in finanziell begrenzten Verhältnissen und persönlich einsam verbrachte.5
Einige ihrer Familienangehörigen wurden ermordet, andere flüchteten in verschiedene Länder: Alice Salomons Nichte Charlotte Löwenstein (geb. Hepner, 1893–1951) emigrierte bereits 1924 nach Palästina, ihr Neffe Fritz Hepner (1894–1977) floh 1939 nach der Freilassung aus einem KZ nach Uruguay, andere Familienmitglieder wanderten nach Großbritannien, Argentinien und in die USA aus. Alice Salomons Schwester Olga Reisner (1876–194?) und ihr Neffe Richard Salomon (1894–1942) wurden in Vernichtungslager deportiert. Richard wurde in Auschwitz ermordet. Seine Mutter Marianne Bunzel Salomon (1867-1942), Ehefrau von Alice Salomons 1937 verstorbenen Bruder Ernst, beging 1942 Selbstmord. Richards Ehefrau Edith Müllerheim Salomon (1898–1976) besuchte 1920/21 die Soziale Frauenschule Alice Salomons, sie flüchtete im Juni 1939 nach England. Ihre Tochter Ilse Salomon Eden (*1928) – eine der „Enkelnichten“6, eine Wortschöpfung Alice Salomons – emigrierte im März 1939 mit einem Kindertransport nach England.7 Zusammen mit ihrer Mutter wanderte sie 1947 in die USA aus, später studierte sie Social Work bei Walter Friedländer an der Universität Berkeley.8
Schlüsselrollen mit Blick auf die Zusammenstellung und Bewahrung des Familiennachlasses kommen Alice Salomons Nichten Leonie Cahn (geb. Hepner, 1896–1994) und Maria Hepner (1896–1992) zu, Töchter von Alice Salomons Schwester Käthe und Schwestern von Charlotte Löwenstein und Fritz Hepner. Die Zwillinge Leonie und Maria, genannt Mieze, pflegten und bewahrten den Nachlass viele Jahre. Als junge Frauen waren sie zeitweise an der Sozialen Frauenschule ihrer Tante Alice in Berlin-Schöneberg tätig.9 In den 1920er-Jahren zog Leonie mit ihrem Mann Fritz Cahn in die Schweiz, wohin ihnen Maria 1933 nach einer Hausdurchsuchung durch die Nationalsozialist_innen folgte. 1974 wanderten die beiden Frauen nach Großbritannien aus, wo sie bis zu ihrem Lebensende gemeinsam lebten. In ihrer Londoner Wohnung lagerte die Familiensammlung und ging nach ihrem Tod an Eva Jacobs, Leonies Tochter und ‚Enkelnichte‘ Alice Salomons – bis zur Schenkung an das Alice Salomon Archiv.
Der Nachlass der Familie Alice Salomons
In dem Familiennachlass finden sich Briefe, Fotos und Fotoalben, (Reise-)Tagebücher, Familienhistorien, Manuskripte, Zeitungsausschnittsammlungen, Audio-Kassetten, Urkunden, Verträge und weitere Dokumente mit zeitlichem Schwerpunkt auf dem späten 19. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zudem Skripte der Autobiografie Alice Salomons. Bedeutende Parallelbestände befinden sich in der Wiener Library Collection London, dem Leo-Baeck-Institute New York sowie im Archiv für Zeitgeschichte des ETH-Archivs in Zürich.
Der Familiennachlass enthält herausragende Dokumente wie zum Beispiel die Autobiografie Alice Salomons, die Tagebücher Leonie Cahns und die Autobiografie Maria Hepners sowie persönliche Fotografien von Alice Salomon. Sie erzählen kleine und große Geschichten vom Alltag einer Familie, in der „der Familienzusammenhalt nicht [immer, S.T.] so groß gewesen“10 ist. Aus den Materialien können neue Eindrücke zur Person Alice Salomon und zu ihren nahen Verwandten gewonnen werden. Die Dokumente gewähren Einblicke in die Geschichte jüdisch-bildungsbürgerlichen Lebens, in die Berliner Bohème im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, in (jüdische) Frauen(bewegungs-)geschichte und in die nationalsozialistische Machtergreifung aus Perspektive der Familienmitglieder: Ermordungen, Vertreibung aus Deutschland, das Leben im Exil ebenso wie Aktivitäten im Widerstand.
Schlüsseldokumente des Familiennachlasses
Der Familiennachlass Alice Salomons erreichte in verschiedenen Schritten das Alice Salomon Archiv, mit herausragenden Schlüsseldokumenten.
2015 war es eine Sammlung mit Korrespondenzen, die der Urgroßenkel Alice Salomons, Mark Jacobs, und seine Ehefrau Susan dem Alice Salomon Archiv übergaben. Die Sammlung enthielt etliche Originalbriefe von Alice Salomon und weiteren Angehörigen. In den vielen Briefen, die sich die Familie schrieb – eine „Family of Letters“11, wie sie Mark Jacobs 2022 nannte –, lassen sich die Widrigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatte, aber auch die zahlreichen gegenseitigen Besuche der Familienmitglieder nachlesen. Durch die umfangreiche Fotosammlung bekommen die Briefe Gesichter.
Im Jahr 2020 kam die Nachricht aus London, dass die Familie Jacobs Originalmanuskripte von Alice Salomon gefunden hatte. Die Familie ließ es sich nicht nehmen, diesen bedeutenden Fund persönlich nach Berlin zu bringen: Es handelte sich um zwei Manuskripte der Autobiografie Character is Destiny mit Notizen eines Verlegers sowie handschriftlichen Anmerkungen von Alice Salomon. In den Jahren ihres New Yorker Exils (1937–1948) hat Alice Salomon ihre Lebenserinnerungen in englischer Sprache verfasst. Die Publikation erwies sich als schwierig – über „die wirklichen Gründe können wir bis jetzt nur spekulieren“12 – und erschien nicht zu Alice Salomons Lebzeiten. Ihre Freundin und Kollegin Emmy Wolff übertrug zwischenzeitlich den Text ins Deutsche, eine Publikation gelang 1958 nur teilweise in einer von der Berliner Sekretärin Alice Salomons, Dora Peyser, verfassten Biografie.13 Nachdem die Manuskripte in der Zwischenzeit verschollen waren, stieß Joachim Wieler 1981 im Zuge seiner Forschungen zu Alice Salomons Exilzeit in den USA bei Ilse Eden auf eine Fassung des Textes. Diese wurde ins Deutsche übersetzt und 1983 publiziert.14 Eine Edition des englischen Originals erfolgte gut 20 Jahre später.15 Auf Grundlage einer später gefundenen, ausführlicheren Fassung erschien 2008 schließlich eine erweiterte deutsche Version.16 Die zwei weiteren Manuskriptfassungen, die sich nun im Alice Salomon Archiv befinden, sind mit ihren originalen Anmerkungen ein großer Schatz, nicht nur in Hinsicht auf die öffentliche Zugänglichmachung von Alice Salomons Dokumenten.
Im Rahmen der größten Schenkung 2021 (in Corona-Zeiten eingereicht per Post) und 2022 (anlässlich der Feier des 150. Geburtstages von Alice Salomon) sind für die Geschichte der Person Alice Salomons sicherlich bisher unbekannte Fotos aus dem Besitz ihres Schwagers Felix Hepner bedeutend, die Alice Salomon in privaten Situationen zeigen. Felix Hepners Familienhistorie liefert umfangreiches Kontextmaterial zu den Familienbeziehungen Alice Salomons.
Weitere beachtenswerte zeithistorische Dokumente aus dem Nachlass sind die Tagebücher von Leonie Hepner, verfasst in den Jahren 1913–1920. Die Aufzeichnungen der jungen Frau erzählen von ihrer Berliner Zeit, in welcher sie kurzzeitig an der Sozialen Frauenschule Salomons tätig war und in der sie sich danach einem Gesangsstudium widmete. Zu ihren Berliner Kontakten gehörten Persönlichkeiten wie der Künstler Jussuf Abbo, der Violonist Bronislaw Huberman und die Sopranistin Adelheid Armhold.
Teil der Schenkung ist die Autobiographie von Leonies Zwillingsschwester Maria Hepner, genannt Mieze: Erinnerungen einer 90jährigen, die sie Mitte der 1980er-Jahre verfasste. Die Autobiografie dokumentiert ihr Leben, darunter ihre Zeit in Berlin, als sie ebenso wie ihre Schwester in Alice Salomons Frauenschule tätig war. Nach ihrem Studium bei den Grafologen Ludwig Klages, Max Pulver und Robert Saudek baute sie – als Entwicklerin des Hepner Writing Test – in Berlin ein eigenes grafologisches Institut auf.
Die Bedeutung des Familiennachlasses von Alice Salomon für eine frauenbewegte Geschichte
Der Familiennachlass Alice Salomons gewährt nicht nur Einblicke in das Leben Alice Salomons sowie in das ihrer Familie, sondern auch in das jüdisch-bürgerliche Leben Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts, das Erleben von Flucht, Vertreibung, Ermordung und das Leben in der jüdischen Diaspora. Die Dokumente schaffen eine Basis, sich der Privatperson Alice Salomon nähern zu können sowie der Geschichte einer jüdischen Familie, die in Schlesien und Berlin lebte, letztlich aber nach Israel, Großbritannien, in die Schweiz, Nord- und Südamerika vertrieben wurde. Der Familiennachlass erzählt zahlreiche Geschichten, die nun durch ihre Digitalisierung und Online-Stellung für Menschen auf der ganzen Welt nachvollziehbar und erlebbar werden können.
- Toppe, Sabine
- Digitales Deutsches Frauenarchiv
- CC BY-SA 4.0
Fußnoten
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1
alice No 42, magazin der Alice Salomon Hochschule Berlin: 150 Jahre Alice Salomon, Berlin 2022.
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2
Jacobs, Eva and Mark: A „Family of Letters“, in: alice No 42, magazin der Alice Salomon Hochschule Berlin: 150 Jahre Alice Salomon, Berlin 2022, S. 31–33, hier S. 31.
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3
ASH Berlin News vom 04.05.2022: AGH-Präsident Dennis Buchner empfängt Familienangehörige von Alice Salomon anlässlich der Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag von Alice Salomon, https://www.ash-berlin.eu/hochschule/presse-und-newsroom/ash-news/agh-praesident-dennis-buchner-empfaengt-familienangehoerige-von-alice-salomon/.
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4
Ferreira, Hannah / Lau, Dayana: „I was not in the least afraid, not for a single minute.“ Alice Salomons Memorandum eines Verhörs durch die Gestapo 1937, Selbstzeugnisse revisited, 05.03.2024, https://selbstzeugnisse-revisited.de/i-was-not-in-the-least-afraid-not-for-a-single-minute/.
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5
Wieler, Joachim: Er-Innerung eines zerstörten Lebensabends – Alice Salomon während der NS-Zeit (1933–1937) und im Exil (1937–1948), Lingbach/Darmstadt 1987.
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6
Gesellschaft für Exilforschung: Neuer Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung e. V., Nr. 26, Dezember 2005, S. 2.
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7
Eden, Ilse: „We were children“: A reflection by Ilse Eden. https://jfcs-eastbay.org/we-were-children-a-reflection-by-ilse-eden/.
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8
Die Familie Alice Salomons, in: alice No 42, magazin der Alice Salomon Hochschule Berlin: 150 Jahre Alice Salomon, Berlin 2022, S. 38 f.
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9
Çakır, Filiz Gisa: Auf den Spuren von Alice Salomons Familiengeschichte, in: alice No 44, magazin der Alice Salomon Hochschule Berlin, S. 52–53.
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10
„Alice Salomon als Opfer kam eigentlich nicht vor“. Ein Gespräch mit Adriane Feustel und Joachim Wieler über ihre Begegnungen mit Familienangehörigen von Alice Salomon, in: Alice No 42, magazin der Alice Salomon Hochschule Berlin: 150 Jahre Alice Salomon, Berlin 2022, S. 34–37, hier S. 35.
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11
Jacobs, Eva and Mark: A „Family of Letters”, S. 32.
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12
Wieler, Joachim: Nachwort, Salomon, Alice: Charakter ist Schicksal. Lebenserinnerungen. Aus dem Englischen übersetzt von Rolf Landwehr, mit einem Nachwort von Joachim Wieler, Weinheim/ Basel 1983, S. 337.
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13
Peyser, Dora: Alice Salomon – Ein Lebensbild, in: Muthesius, Hans (Hg.): Alice Salomon. Die Begründerin des sozialen Frauenberufs. Ihr Leben und ihr Werk. Köln, Berlin 1958, S. 9–121.
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14
Salomon, Alice: Charakter ist Schicksal.
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15
Salomon, Alice: Character is Destiny. The Autobiography of Alice Salomon, University of Michigan Press 2004.
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16
Salomon, Alice: Lebenserinnerungen. Jugendjahre – Sozialreform – Frauenbewegung – Exil, Frankfurt am Main 2008.
Ausgewählte Publikationen
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„Alice Salomon als Opfer kam eigentlich nicht vor“. Ein Gespräch mit Adriane Feustel und Joachim Wieler über ihre Begegnungen mit Familienangehörigen von Alice Salomon, in: Alice No 42, magazin der Alice Salomon Hochschule Berlin: 150 Jahre Alice Salomon, Berlin 2022, S. 34–37.
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Alice No 42, magazin der Alice Salomon Hochschule Berlin: 150 Jahre Alice Salomon, Berlin 2022.
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Çakır, Filiz Gisa: Auf den Spuren von Alice Salomons Familiengeschichte, in: alice No 44, magazin der Alice Salomon Hochschule Berlin, S. 52–53.
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Die Familie Alice Salomons, in: Alice No 42, magazin der Alice Salomon Hochschule Berlin: 150 Jahre Alice Salomon, Berlin 2022, S. 38–39.
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Feustel, Adriane: Das Alice Salomon Archiv (Berlin), in: Hering, Sabine / Waaldijk, Berteke (Hg.): Die Geschichte der Sozialen Arbeit in Europa (1900-1960), Opladen 2002, S. 213–214.
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Jacobs, Eva and Mark: A „Family of Letters“, in: Alice No 42, magazin der Alice Salomon Hochschule Berlin: 150 Jahre Alice Salomon, Berlin 2022, S. 31–33.
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Peyser, Dora: Alice Salomon – Ein Lebensbild, in: Muthesius, Hans (Hrsg.): Alice Salomon. Die Begründerin des sozialen Frauenberufs. Ihr Leben und ihr Werk. Köln, Berlin 1958), S. 9–121.
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Wieler, Joachim: Er-Innerung eines zerstörten Lebensabends – Alice Salomon während der NS-Zeit (1933–1937) und im Exil (1937–1948), Lingbach/Darmstadt 1987.