Titelblatt der ersten Ausgabe der FRAUENZEITUNG
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Selbstvergewisserung und gemeinsames Forum: FRAUENZEITUNG -Frauen gemeinsam sind stark

verfasst von: Julia Hitz, M.A.
veröffentlicht 22. Februar 2019
Die FRAUENZEITUNG - Frauen gemeinsam sind stark wurde zwischen 1973 und 1976 herausgegeben: von den Frauengruppen selbst. Sie ist eine reichhaltige Quelle für das breite Themenspektrum der Neuen Frauenbewegung – und für ihre internen Konflikte.

„Die Zeitung dient der Information, theoretischen Klärung und Erarbeitung von gemeinsamen Positionen innerhalb der Frauengruppen.“1 So heißt es im Geleit der ersten Ausgabe der FRAUENZEITUNG - Frauen gemeinsam sind stark vom 1. Oktober 1973. 
Seit dem Bundesfrauenkongress 1972 hatten sich Frauengruppen zunehmend vernetzt, mittlerweile fanden auch regelmäßige Delegiertenkonferenzen statt. Die Teilnehmerinnen waren Vertreterinnen von Frauengruppen aus der ganzen Bundesrepublik. Auf der Delegiertenkonferenz am 4./5. Mai 1973 in Frankfurt am Main, an der 37 Frauengruppen teilnahmen, wurde die FRAUENZEITUNG gegründet. 

Erste Ausgabe der FRAUENZEITUNG vom 1. Oktober 1973

Ein Konflikt entbrannte wegen der Erstausgabe der Zeitung efa, Herausgeberin war die Sozialistische Frauengruppe Köln (S.O.F.A.). Die Mehrheit der Anwesenden plädierte für eine autonome Zeitung, die im Wechsel von verschiedenen Frauengruppen herausgegeben werden sollte. In Reaktion darauf wurde in Frankfurt am Main am 4./5. Mai die FRAUENZEITUNG gegründet. In dem Streit manifestierten sich die zunehmenden Spannungen zwischen den autonom-feministischen und sozialistisch-feministischen Positionen.2

Frauengruppen machen eine Zeitung

Nun wurden aus den Frauen verschiedenster Gruppen Zeitungsmacherinnen: Jede Ausgabe der FRAUENZEITUNG sollte themenorientiert sein, redaktionell war jeweils immer eine andere Frauengruppe zuständig. Der Umfang betrug 16 bis 20 Seiten, die Zeitung wurde im DIN-A3-Format gedruckt und über einzelne Kontaktfrauen der Gruppen vertrieben, Angaben über die Auflagen finden sich nicht. Der Preis betrug 1 DM beziehungsweise 2 DM für die Doppelausgaben. Das Emblem der Zeitung: ein Venusspiegel, der von einer Faust durchbrochen wird. 

Zweite Ausgabe der FRAUENZEITUNG vom Januar 1974.

In den folgenden drei Jahren erschienen acht Ausgaben, die letzten vier waren Doppelnummern mit jeweils circa 32 Seiten Umfang. Folgende Gruppen waren verantwortlich: Die Sozialistischen Frauen Frankfurt erstellten die erste Ausgabe mit dem Thema ‚§218‘, es folgte 1974 eine Ausgabe zu autonomen Frauengruppen von den Darmstädterinnen, eine Frankfurt-Münchener Kooperationsausgabe zur ‚Frauenbewegung in Amerika‘ und schließlich die Gießener Frauen, die sich den Problemen von ‚Gründung und Funktionieren von Frauengruppen‘ widmeten. Ab 1975 erschien die Frauenzeitung jeweils als Doppelnummer: Die Bielefelder Frauen verhandelten das Thema ‚Sexualität‘, die Berlinerinnen fragten nach dem ‚Stand von Lesbischen Frauen in der Frauenbewegung‘, die Frauenaktion Dortmund widmete sich dem Thema ‚Arbeit‘ und die Frauen aus Aachen verantworteten im August 1976 die letzte Doppelnummer rund um das Thema ‚Leben mit Emanzipationsanspruch‘.

Doppelnummer 7/8 ‚Lesben in der Frauenbewegung‘
Doppelnummer 9/10 ‚Zwischen Kochtopf und Maloche‘

Was die Neue Frauenbewegung bewegte

 

Die FRAUENZEITUNG – Frauen gemeinsam sind stark ist ein reichhaltiger Fundus, um Themen der Neuen Frauenbewegung zu identifizieren, zu analysieren und auch um Konfliktlinien zu erkennen – und zu dokumentieren.
Zentrale Themen waren unter anderem Verhütung und Sexualität. Die Frage eines Zeitungsbeitrags Was denn nun? Pille, Spirale oder Gummi? zeigte den Konflikt, in dem sich Frauen bei der Verhütungsfrage befanden: Die Pille galt als gesundheitlich problematisch, die Spirale als unzuverlässig und das Kondom als „für fast alle Frauen ein Horror“.3 In der Doppelausgabe zur Sexualität wurden in fiktiven Texten sowohl die bisher unterwürfige Haltung von Frauen im Geschlechtsverkehr angesprochen als auch Fragen zur Onanie.4
Auch die Bandbreite der Aktionen spiegelt sich in den Ausgaben. Das Geleitwort präzisiert: „Selbstdarstellung oder Bericht über die Praxis einer Gruppe ist keine Alternative. In Berichten über die Praxis zu bestimmten Problemen (als Aktion, Wiedergabe einer Diskussion und Schwierigkeiten in einer Gruppe) ist beides enthalten.“5 Über Erfolge wurde berichtet, etwa die Aktion der Sozialistischen Frauengruppe Darmstadt zum Muttertag 19736 oder die Hausbesetzung in der Heidelberger Plöck7.

Doppelnummer 5/6 ‚Sexualität‘

Blick über den eigenen Tellerrand

Vor allem bieten die Ausgaben der FRAUENZEITUNG aufschlussreiche Einblicke in Vernetzung, Begegnung mit anderen Feministinnen und – davon angeregt – Selbstreflexion. So schrieben Ilona und Monika in ihrem Liebesbrief an die skandinavischen Genossinnen über ihren Aufenthalt auf der Ferieninsel Femø: „Zunächst fühlst du dich wirklich gemeinsam stark, weil es Frauen sind, die alles organisieren […] Dann ist da die Erfahrung sich ungeheuer entspannen zu können, da gibt es einfach keine Männer, um die man konkurrieren müßte, auf deren Anerkennung oder Ablehnung man achten müßte, für die man die ganzen bewußten oder unbewußten Mechanismen des Gefallenwollens in Gang setzen müßte, die einen als minderwertig behandeln, deren ungewollte Aufmerksamkeit oder Aggressionen oder ganz einfach deren Dummheit man ertragen müßte.“8

Ausgabe 3 der FRAUENZEITUNG: ‚Amerikanummer‘

Die ‚Amerikanummer‘ machte Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit der amerikanischen Frauenbewegung sichtbar: ob durch ein Interview mit der amerikanischen Frauenrechtlerin Margaret Sloan, die Probleme der schwarzen Frauen und Lesbierinnen als Doppeldiskriminierte in den Fokus rückt9, durch literarische Verarbeitungen wie Monster von Robin Morgan10 oder verschiedene Berichte zu Selbsthilfegruppen und Begegnungen in den USA.

Streit und Ärger

In der FRAUENZEITUNG werden auch zentrale Konfliktlinien der Neuen Frauenbewegung sichtbar: Da wurden Postulate ‚Natur‘ von Frauen aus einer Rede der amerikanischen Aktivistin Jean O´Leary gedruckt – und in der nächsten Ausgabe scharf kritisiert: „Unsere Hauptkritik richtet sich aber dagegen, daß sie [O´Leary, die Verf.] Kategorien wie Biologie und Instinkt zu ihrer Beweisführung heranzieht. Es ist hier illegitim, biologische Unterschiede anzuführen, sie zu werten und daraus gesellschaftliche Schlüsse zu ziehen. […] Jean O´Leary stellt Glaubenssätze auf, die sich nur im Vorzeichen von den folgenden Thesen des patriarchalischen Sexismus unterscheiden: - gesellschaftliche Ungleichheit der Geschlechter ist naturgegeben - Frauen haben Instinkte die ihr Wesen ausmachen - Frauen sind biologisch unterlegen - Frauen haben das Bedürfnis nach primären Beziehungen mit Männern. Wir lehnen diese neue Form von ‚Sexismus‘ ab. Die Frauenbewegung braucht keine Glaubenssätze!“11 Dies nimmt die Auseinandersetzung zwischen den Vertreterinnen der ‚Neuen Weiblichkeit‘ und Antibiologistinnen vorweg.12

Ausgabe 4 der FRAUENZEITUNG: ‚Probleme bei Gründung, Aufbau, Organisation von Frauengruppen‘

Aber auch ein bis heute andauernder Konflikt zwischen autonomen und linken Feministinnen trat zutage: So geht Vera vom Lesbischen Aktionszentrum Westberlin (LAZ)  mit der Doppelausgabe der Frauenaktion Dortmund (FAD) zum Thema ‚Arbeit‘ hart ins Gericht: „So, wie die Zeitung gemacht ist, unterscheidet sie sich kein bißchen von dem, was DKP, Gewerkschaft und linke Sozialdemokratie zur Frauenfrage vom Stapel lassen. Sie ist weder feministisch, noch frauenrechtlerisch, sondern sitzt allen Vorurteilen der traditionellen Linken über die gesellschaftliche und individuelle Situation von Frauen auf, obwohl gerade dies die Gründe sind, warum Frauen sich unabhängig von Männern organisiert haben.“13 Kurzum: Es zeichneten sich hier bereits Problemfelder ab, die bis heute in der Frauenbewegung kontrovers diskutiert werden.
Die Ausgabe vom August 1976 war die letzte, über die Einstellung der Zeitschrift ist wenig dokumentiert.

letzte Ausgabe der FRAUENZEITUNG: ‚Wie wir mit unserem Emanzipationsanpruch leben‘

Die Professionalisierung: Courage und EMMA

Am 17. Juni 1976 erschien die Nullnummer der Frauenzeitschrift Courage als Berliner Stadtzeitung, ab 1977 dann überregional: ein linksfeministisches und autonomes Blatt, das – wie viele Frauenprojekte in den 1970er-Jahren – als selbstverwaltetes Projekt organisiert war. Die Courage diente als Informations-, Kommunikations- und Diskussionsforum für Kleingruppen, Netzwerke und Projekte der autonomen Frauenbewegungen – gewissermaßen als deren ‚Sprachrohr‘.14 Die Redaktion lag bei Aktivistinnen des Berliner Frauenzentrums und des LAZ.  Innerhalb des feministischen Spektrums vertrat die Courage die Strömung der ‚neuen Weiblichkeit‘ und des sozialistischen Feminismus. So bejahte Courage die Entlohnung von Hausarbeit und neigte eher dem Flügel der ‚neuen Weiblichkeit‘ zu, der von einer natürlichen ‚weiblichen Friedfertigkeit‘ von Frauen ausging. Sie erschien bis 1984. 15

Im Juli 1976 lud Alice Schwarzer in einem Rundschreiben an alle Frauenzentren interessierte Journalistinnen zu einem Treffen ein, bei dem über die Gründung einer überregionalen Frauenzeitschrift, die an den Kiosk gehen konnte, beraten werden sollte. Die Journalistin plante ein professionelles Blatt, das sich auf dem allgemeinen Zeitschriftenmarkt behaupten sollte. Die Frauenzeitschrift sollte „maximal allgemeinverständlich und populär sein, das heißt in breitem Umfang den Problemen und Interessen der Mehrheit der Frauen Rechnung tragen, gleichzeitig jedoch die theoretische Diskussion über die Frauenfrage kreativ und kühn vorantreiben“, so Schwarzer.16

Der sich rasch anbahnende Konflikt zwischen den beiden feministischen Zeitschriften (und zwischen zwei Haltungen) wurde schnell sichtbar: In ihrer November-Ausgabe veröffentlichte die Courage etwa einen Boykott-Aufruf gegen die EMMA, die damals noch nicht einmal erschienen war. Am 26. Januar 1977 erschien in Köln die erste Ausgabe der Monatszeitschrift EMMA mit einer Startauflage von 200.000 Exemplaren, 100.000 wurden nachgedruckt.17

In den kommenden Monaten und Jahren wurde der Konflikt zwischen den beiden Zeitschriften – unter Beteiligung der sogenannten ‚Männermedien‘ –verschärft ausgetragen.

Verfasst von
Julia Hitz, M.A.

geb. 1982, Studium Geschichte, Völkerrecht und Politikwissenschaften, freie Journalistin und Redakteurin

Fußnoten