Entwurf einer Petition betr. Arbeiterinnenschutz, 1916
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Helene-Lange-Archiv im Landesarchiv Berlin
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Partizipationsmöglichkeiten für Frauen in der Politik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts

geschrieben von: Prof. Dr. Angelika Schaser
veröffentlicht 13. September 2018
Frauen konnten sich vor Erhalt des Frauenwahlrechts 1918 nur eingeschränkt politisch betätigen und waren von der ,hohen Politik‛ in Parlamenten und Regierungen ausgeschlossen. Sie beteiligten sich jedoch in privaten Kreisen an politischen Diskussionen und als Autorinnen an öffentlichen Debatten, reichten Petitionen ein und bündelten ihre Aktivitäten erfolgreich in der Frauenbewegung. Frauen prägten insbesondere die Sozialpolitik durch ihre karitativen, erzieherischen und pflegerischen Tätigkeiten und nahmen auch als Mäzeninnen gesellschaftlichen Einfluss.

Frauen galten im 19. Jahrhundert als grundsätzlich und von Natur aus unterschiedlich von Männern. Die Polarisierung der Geschlechter, denen unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten zugesprochen wurden,1 führte dazu, dass Mädchen auf ihr Leben als Hausfrau und Mutter vorbereitet wurden und auf den häuslichen Raum beschränkt werden sollten. Die Öffentlichkeit und die Politik waren dagegen der Handlungsraum, der Männern vorbehalten war. Im Bürgertum entwickelte sich die Vorstellung von separaten Lebensbereichen, die mit einer starken Hierarchisierung von einer als gesellschaftlich relevant angesehenen Öffentlichkeit und einer auf das Familienleben beschränkte Privatheit verbunden wurde. Dieses Modell erreichte im städtischen Raum eine hohe Attraktivität in alle sozialen Schichten. Männer strebten nach dem Ideal, der alleinige Ernährer einer Familie zu sein, und viele Frauen wünschten sich einen Ehemann, der nicht darauf angewiesen war, dass seine Frau und seine Kinder einer bezahlten Tätigkeit nachgingen.

Erste politische Aktivitäten von Frauen

Nur wenige stellten zu Beginn des 19. Jahrhunderts diese Geschlechterordnung in Frage. Aus der vereinzelten Kritik an der Situation von Frauen wurde im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine Frauenbewegung, die bis zum Ersten Weltkrieg in der Öffentlichkeit unübersehbar an Einfluss und Ansehen gewann. Es entstand eine vielfältige, publikumswirksame Vereinskultur mit eigenen Zeitschriften, Beratungsstellen, regelmäßig abgehaltenen Veranstaltungen, Treffen und Kongressen, die nicht nur das jeweilige städtische bzw. regionale Milieu prägte, sondern auch der nationalen und internationalen Vernetzung diente.

Die Frauenorganisationen wurden vornehmlich von Frauen aus bürgerlichen Schichten, zum Teil auch aus dem Adel, gegründet und geleitet. Daher stand die Forderung nach Bildungs- und Berufsmöglichkeiten für bürgerliche Frauen sowie die Verbesserung der sozialen Lage der Unterschichten im Mittelpunkt der zahlreichen Bildungs-, Berufs- und Wohltätigkeitsvereine.2 Aus der Bevormundung durch die bürgerlich geprägte Frauenbewegung lösten sich die Arbeiterinnen. Mit der Entstehung der sozialistischen Parteien und der Arbeitervereine organisierten sie sich zunehmend in Frauenabteilungen beziehungsweise in separaten Interessenvertretungen, um eine Gleichstellung der Frau in erster Linie durch die radikale Veränderung der Gesellschaft zu einer sozialistischen Gesellschaft zu erreichen.

Ziele und Aufgabenfelder der Frauenbewegung

Die Frauenbewegung setzte sich aus verschiedenen Vereinen und Organisationen zusammen, die von Frauen gegründet, geleitet und dominiert wurden und deren Mitglieder mehrheitlich Frauen waren. Diese Frauenvereine engagierten sich auf unterschiedlichen Feldern für eine Verbesserung der Situation von Frauen, mit der sie eine gesamtgesellschaftliche Verbesserung erreichen wollten. Einige forderten ein Mitspracherecht in Kommunen und Kirchen, eine Anerkennung der familiären Leistungen von Frauen, bessere Bildungs- und Erwerbsmöglichkeiten für Frauen und/oder die politische Gleichberechtigung. Andere bemühten sich um die Milderung der Not armer Bevölkerungsschichten, organisierten die Betreuung und Speisung von Arbeiterkindern, engagierten sich für eine bessere medizinische Betreuung von Frauen und Kindern, kämpften gegen schlechte Wohn- und Arbeitsbedingungen, gegen die staatlich geregelte Prostitution, Mädchenhandel und Alkoholmissbrauch.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich dabei das Petitionswesen zu einem wichtigen Instrument. Dieses Recht ermöglichte Gruppen, denen die vollen Bürgerrechte verwehrt waren, erheblichen Druck auf die politischen Machthaber auszuüben, indem Appelle nicht nur an Regierungen gerichtet wurden, sondern damit auch die öffentliche Meinung beeinflusst werden konnte.3 Während die einen Frauenvereine die Anerkennung der Gleichwertigkeit des weiblichen Geschlechts in einer reformierten Gesellschaft erreichen wollten, forderten die anderen gleiche Rechte und gleiche Pflichten in einer revolutionierten Welt.4 Wie radikal auch immer die Forderungen aussahen: Sie waren an eine Gesellschaft gerichtet, in der die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern kein anerkannter Wert und ein deutliches Machtgefälle zwischen Männern und Frauen allgegenwärtig war.

Petition des BDF an das Kriegsamt
Vorschläge des BDF zur gesetzlichen Regelung der Arbeitsbedigungen in der Bekleidungsindustrie

Nationalbewegung und Frauenbewegung

Die Entstehung und Entwicklung der Frauenbewegung war eng mit der Geschichte der jeweiligen Nationalbewegung und Nationalstaatsbildung verbunden. Dirk Reder sieht deshalb bereits in den patriotischen Frauenvereinen, die Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet und von Männern geleitet wurden,5 den Beginn der deutschen organisierten Frauenbewegung. Andere sehen den Anfang erst in den freireligiösen Gruppen und in den Frauenvereinen und Frauenzeitungen der 1840er-Jahre. Sylvia Paletschek hat in ihrer Untersuchung der Frauen im Deutschkatholizismus und in den freien Gemeinden um die Mitte des 19. Jahrhunderts herausgearbeitet, wie eng religiöse Oppositionsbewegung mit demokratisch-utopischen Gesellschaftsordnungen und den Anfängen der Frauenbewegung zusammenhing.6

Eine der Wegbereiterinnen der deutschen Frauenbewegung ist Louise Otto-Peters (1819–1895), die gerne als „Mutter der deutschen Frauenbewegung“ tituliert wird.7 Sie forderte bereits 1848 das Wahlrecht für Frauen und war 1865 eine der Gründerinnen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF). Nach der gescheiterten Revolution von 1848/498 konnte die Frauenbewegung durch die restriktive Gesetzgebung, die Frauen eine Mitwirkung in politischen Vereinen untersagte, behindert, aber nicht vollständig unterdrückt werden. Frauen mussten seitdem darauf achten, dass ihre Aktivitäten nicht von der Obrigkeit und Polizei als politisch eingestuft werden konnten, das Politische musste also ins Gewand des Unpolitischen verpackt werden. Um Forderungen durchzusetzen, konnten Frauen publizieren und versuchen, über ihre Familien und Netzwerke Einfluss auf Politiker und Parteien zu nehmen. Sie konnten aber auch Selbsthilfeorganisationen gründen und Petitionen verfassen und so unter erschwerten Bedingungen selbst politisch aktiv werden. In die politischen (Männer-)Parteien, über die der Weg zur Beteiligung in der ,hohen Politik‘ führte, konnten Frauen in den meisten Gebieten erst ab 1908 eintreten.

Titelblatt des Programms der 34. Generalversammlung des ADF vom 29.-31.10.1926 in Köln


1891 hatte die SPD als erste – und bis zum Ende des Kaiserreichs auch einzige – Partei das Wahlrecht für alle „über 20 Jahre alten Reichsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts“ gefordert.9 Doch sehr ernst war es der Partei mit dem Frauenwahlrecht nicht. Nur wenn man sich davon auch Unterstützung im Kampf um das Männerwahlrecht versprechen konnte, setzte man die Forderung nach dem Frauenwahlrecht ein.10

Erfolge der Frauenbewegung

Die sich als überparteilich präsentierende Frauenbewegung hatte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine Reihe bedeutender Erfolge im Bereich der Frauenbildung und Frauenerwerbsarbeit aufzuweisen: Die Mädchenschulreformen in Preußen (1908), Sachsen (1910), Bayern (1911) und Hessen (1911) markierten eine erste wichtige Etappe auf dem Weg der Mädchenbildungsreform, die schließlich in allen Ländern des Deutschen Reiches von 1899/1900 (Baden) bis 1909 (Mecklenburg-Schwerin) zu einer Öffnung der Universitäten für Frauen führte.

Auch die Frauenerwerbsarbeit nahm im Kaiserreich in absoluten Zahlen rasant zu. Nach der Berufszählung von 1895 waren neben 15,5 Millionen Männern jedoch nur 6,5 Millionen Frauen berufstätig, was etwa 25 Prozent aller Erwerbstätigen entsprach.11 Diesen großen Unterschied im Verhältnis von männlicher zu weiblicher Erwerbstätigkeit erklärte man damit, dass der Frau der Beruf im Allgemeinen nicht so viel bedeute wie dem Mann. Der eigentliche ,Lebensberuf‘ einer Frau bliebe doch die Rolle als ,Gattin, Mutter und Hausfrau‘, auf den Frauen ihr Streben ausrichteten, gleichgültig, ob sie diese Rollen jemals einnehmen könnten oder nicht.

Dies bot die Grundlage für die Unterscheidung von Männer- und Frauenarbeit sowie die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen12 und prägte die Erziehung und die Bildung von Mädchen und Jungen. Frauen passten ihre Arbeitsleistung im Gegensatz zu den Männern scheinbar problemlos den Bedürfnissen der Familie und der jeweiligen Lebensphase an.13 Die Forderungen der Frauenbewegung erhielten im Laufe des 19. Jahrhunderts zwar mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung, die Frauenrechtlerinnen blieben trotzdem eine Minderheit. Die meisten Frauen, die als Ehefrauen und Mütter das favorisierte Familienmodell lebten, hatten kein Interesse an einer Änderung dieser Lebensform. Sie reagierten auf die Diskussionen um die Rechte und die Pflichten der Frauen mit einem Festhalten an den alten Rollenmodellen, erzogen ihre Töchter zu künftigen Ehefrauen und Müttern und sorgten sich in erster Linie um deren standesgemäße Heiratschancen.

Fazit

Alle Frauen wurden in rechtlicher und wirtschaftlicher Hinsicht diskriminiert, unterschieden sich aber bezüglich des sozialen und ökonomischen Status deutlich, gehörten sie doch bestimmten Familien und einer spezifischen Schicht an, lebten auf dem Land oder in der Stadt. Wie und auf welche Weise Frauen als Gruppe integriert oder als Individuen politisch und rechtlich gleichgestellt werden sollten und konnten, war bis zum Ende des Ersten Weltkrieges umstritten. Unter Betonung der Geschlechterdifferenz setzte sich die Frauenbewegung erfolgreich für das Recht der Frauen auf persönliche Entwicklung ein.14 Die nachhaltige Wirkung dieser im 19. Jahrhundert etablierten Sonderrolle der Frauen schlägt sich bis heute in der unterschiedlichen Berufswahl von Frauen und Männern, den unterschiedlichen Karriereplanungen, den Unterschieden in der Bezahlung und im Einkommen sowie bei der Altersarmut von Frauen nieder. Die Untersuchung von Machtverhältnissen, Handlungsspielräumen und Lebenschancen zeigt auch heute, dass überall auf der Welt deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern festgestellt werden können.

Autor*in
Prof. Dr. Angelika Schaser

ist Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen u. a. die Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie die Autobiographie- und Biographieforschung. 2010 erschien ihre Schrift Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft in einer zweiten aktualisierten Auflage. 2006 veröffentlichte sie das Buch Frauenbewegung in Deutschland 1848–1933.

Fußnoten

  • 1. Hausen, Karin: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Dies.: Geschlechtergeschichte als Gesellschaftsgeschichte, Göttingen 2012, S. 19–49. Die Rezeptionsgeschichte des 1976 zum ersten Mal veröffentlichten Aufsatzes kommentiert Karin Hausen im selben Band, S. 83–105.
  • 2. Vgl. z. B. Heinsohn, Kirsten: Politik und Geschlecht. Zur politischen Kultur bürgerlicher Frauenvereine in Hamburg. Hamburg 1997.
  • 3. Zaeske, Susan: Signatures of Citizenship. Petitioning, Antislavery & Women’s Political Identity. Chapel Hill, London 2003, S. 12f. und 184.
  • 4. Zu den Handlungsoptionen vor Erhalt des Frauenwahlrechts vgl. Schaser, Angelika: Zur Einführung des Frauenwahlrechts vor 90 Jahren am 12. November 1918, in: Feministische Studien (2009), S. 97-110.
  • 5. Reder, Dirk Alexander: Frauenbewegung und Nation. Patriotische Frauenvereine in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert (1813–1830), Köln 1998, S. 19–20.
  • 6. Paletschek, Sylvia: Frauen und Dissens. Frauen im Deutschkatholizismus und in den freien Gemeinden 1841–1852, Göttingen 1990.
  • 7. Schaser, Angelika: Frauenbewegung in Deutschland 1848–1933, Darmstadt 2006, S. 18–19.
  • 8. Zu den Formen der Beteiligung von Frauen im Vormärz und an der Revolution 1848/49: Lipp, Carola (Hg.): Schimpfende Weiber und patriotische Jungfrauen. Frauen im Vormärz und in der Revolution 1848/49, Bühl-Moos 1986. [Neuauflage Baden-Baden 1998].
  • 9. Miller, Susanne / Potthoff, Heinrich: Kleine Geschichte der SPD. Darstellung und Dokumentation 1848–1983, 5. Aufl., Bonn 1983, S. 308–314.
  • 10. Bader-Zaar, Brigitta: Zur Geschichte des Frauenwahlrechts im 19. Jahrhundert. Eine international vergleichende Perspektive, in: Ariadne, H. 40, 2001, S. 6–13, hier S. 9.
  • 11. Wilbrandt, Robert / Wilbrandt, Lisbeth: Die gegenwärtige Lage der Frauenarbeit in Deutschland, in: Lange, Helene / Bäumer, Gertrud (Hg.): Handbuch der Frauenbewegung, Bd. 4: Die deutsche Frau im Beruf, Berlin 1902, S. 355–379, hier S. 55.
  • 12. Hausen, Karin: Wirtschaften mit der Geschlechterordnung, in: Dies. (Hg): Geschlechterhierarchie und Arbeitsteilung. Zur Geschichte ungleicher Erwerbschancen von Männern und Frauen, Göttingen 1993, S. 40–67, hier S. 62.
  • 13. Kessel, Martina: Individuum/Familie/Gesellschaft – Neuzeit, in: Dinzelbacher, Peter (Hg): Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen, Stuttgart 1993, S. 38–53, hier S. 42.
  • 14. Allen, Ann Taylor: Feminism and Motherhood in Germany, 1800–1914, New Brunswick/New Jersey 1991.
Ausgewählte Publikationen
Hausen, Karin: Geschlechtergeschichte als Gesellschaftsgeschichte, Göttingen 2012.
Heinsohn, Kirsten: Politik und Geschlecht. Zur politischen Kultur bürgerlicher Frauenvereine in Hamburg, Hamburg 1997.
Reder, Dirk Alexander: Frauenbewegung und Nation. Patriotische Frauenvereine in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert (1813–1830), Köln 1998.
Schaser, Angelika: Frauenbewegung in Deutschland 1848–1933, Darmstadt 2006.