Nicht nur ein steinernes Archiv – der Garten der Frauen e.V. in Hamburg

geschrieben von: Garten der Frauen e.V.
veröffentlicht 13. September 2018
Das Patriarchat macht auch vor dem Tod nicht Halt. So werden die Leistungen von Männern auch nach deren Tod immer noch mehr gewürdigt als die von Frauen. Um das zu ändern, gründete Dr. Rita Bake mithilfe von Helga Diercks-Norden und Dr. Silke Urbanski im Jahr 2000 den Garten der Frauen e.V. auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg.

Zu Beginn stand der Versuch, die Nutzungsdauer der von Abräumung bedrohten Grabstätten bedeutender Frauen zu verlängern. Doch dazu fehlten die Geldmittel. Also musste nach Alternativen gesucht werden. Dr. Rita Bake wandte sich an die Verwaltung des weltweit größten Parkfriedhofs, des Ohlsdorfer Friedhofs in Hamburg, mit der Idee, dort einen ‚Garten der Frauen‘ zu errichten. Hierher sollten die Grabsteine bedeutender Frauen verlegt werden, wenn die Nutzungsdauer ihrer Grabstätten abgelaufen war und niemand für eine Verlängerung aufkam. Kurzbiografien dieser Frauen sollten in Form von Aluminium-Ringbüchern auf Ständern in der Nähe dieser Grabsteine aufgestellt werden. Um dieses Erinnerungsprojekt Realität werden zu lassen, musste ein gemeinnütziger Verein gegründet werden: der Garten der Frauen e.V.

Garten der Frauen
Quelle
Garten der Frauen e.V.
Lizenz
Der Garten der Frauen in Hamburg

Zur Finanzierung werden den weiblichen Vereinsmitgliedern Grabplätze in Gemeinschaftsgrabanlagen im Garten der Frauen angeboten. Mit dem Erwerb ihrer Grabstätte treten sie zugleich als Mäzeninnen zum Erhalt der historischen Grabsteine auf.
Durch dieses Konzept von einem Ort für Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof, der sowohl einen musealen als auch einen Bereich für Beisetzungen hat, wird Frauengeschichte kontinuierlich fortgeschrieben. Gleichzeitig wird mit dem Angebot der Gemeinschaftsgrabstätten dem Prinzip der jahrhundertealten Tradition der Genossenschaftsgrabanlagen gefolgt. So kommt der Verein neben der Pflege des musealen Teils auch für die Grabpflege und die Bepflanzung der Gemeinschaftsgrabanlagen auf.
Im September 2000 wurde der Verein gegründet und nach neunmonatiger Gartenbauzeit konnte der Garten der Frauen im Juli 2001 eröffnet werden.
Ein Jahr später stellte sich für Rita Bake immer dringender die Frage: Wie halten wir die Erinnerung an diejenigen bedeutenden Frauen Hamburgs wach, deren Grabstellen auf dem Ohlsdorfer Friedhof bereits aufgehoben und deren Grabsteine – soweit welche vorhanden waren – bereits entsorgt wurden? Für sie sollten Erinnerungssteine in Form einer Spirale, dem Symbol des immer wiederkehrenden Lebens, aufgestellt werden.

So wurde 2007, dem ‚Europäischen Jahr der Chancengleichheit für alle‘, ein gemeinsamer Erinnerungsstein für Gunda Werner und die Prinzessin Salme von Oman und Sansibar aufgestellt. Gunda Werner war eine Streiterin für Frauenrechte und Frauenbildung und lebte in einer Lebensgemeinschaft und Liebesverbindung mit einer Frau. Die nach Hamburg zugewanderte Prinzessin Salme von Oman und Sansibar hatte einen Hamburger Kaufmann geheiratet, den Namen Emily Ruete angenommen und in Hamburg in kultureller Zerrissenheit gelebt. Die auf dem als Säule gestalteten Erinnerungsstein angebrachten Symbole greifen die Themen Migration/Zuwanderung und gleichgeschlechtliche Lebensweisen auf – und setzen ein Zeichen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.
2010 wurde, zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November, ein Erinnerungsstein für Christel Klein aufgestellt, die exemplarisch für all diejenigen Frauen steht, die Opfer häuslicher patriarchaler Gewalt wurden. Zur Sichtbarmachung der an ihr begangenen Gewalt wurde der Erinnerungsstein für die von ihrem Ex-Ehemann erschossene Frau an drei Stellen durchbohrt.
Zwei bedeutende Frauen wurden unter einem Blumenbeet bestattet und erhielten einen eigenen, neu geschaffenen und durch Spenden finanzierten Grabstein:

  • Gerda Gmelin (1919-2003), Prinzipalin des Theaters im Zimmer, Schauspielerin
  • Domenica Anita Niehoff (1945-2009), Prostituierte, Kämpferin für die Rechte der Huren, Streetworkerin, ‚St. Paulis großes Herz‘, wie sie auch liebevoll bezeichnet wird.

Im Garten der Frauen wird mit historischen Grabsteinen und neuen Erinnerungssteinen zum Beispiel an Künstlerinnen, Wohltäterinnen, Politikerinnen, Widerstandskämpferinnen gegen das NS-Regime, weibliche Opfer des Nationalsozialismus, Gewerkschafterinnen, aber auch an viele Protagonistinnen der Ersten Hamburger Frauenbewegung erinnert, zum Beispiel an Anna Wohlwill (1841–1919), Antonie Traun (1850–1924), Marie Kortmann (1851–1937), Helene Bonfort (1854–1940), Anna Meinertz (1840–1922), Laura Bromberg, Klara Fricke, Emma Ender (1875–1954) Margaretha Treuge (1876–1962), Johanne Reitze (1878–1949), Emmy Beckmann (1880–1967). Hinzu kommen Frauen der neuen Hamburger Frauenbewegung nach 1945, die im Garten der Frauen bestattet sind, wie Andrea Hennemann (1957–2000) oder Karin Wilsdorf (1944–2015).

Der Verein Garten der Frauen sieht die in den Gemeinschaftsgräbern bestatteten Frauen als genauso bedeutend und erinnerungswürdig an wie die Frauen, die zu Lebzeiten oder postum Berühmtheit erlangten und deren historische Grabsteine beziehungsweise Erinnerungssteine im Garten der Frauen stehen. Der Verein macht keinen Unterschied zwischen Frauen, die – nach welchen gesellschaftlichen Kriterien auch immer – als bedeutend betrachtet werden, und denen, deren Leistungen der Gesellschaft als weniger erwähnenswert erscheinen, die Haltung ist: Wir alle sind Teil eines großen Ganzen. Und so stellt sich dem Verein Garten der Frauen nicht die in unserer heutigen Zeit besonders in Politik, Wirtschaft und Showgeschäft oft gestellte Frage: Wer ist wichtig und prominent und wer weniger. Alles und alle sind miteinander verbunden. Und damit alles und alle ein Ganzes bilden, ist es wichtig, ‚dass uns auch nicht eine fehle‘, frei nach dem bekannten Gutenachtlied ‚Weißt Du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet, an der ganzen großen Zahl‘ des Predigers Wilhelm Hey (1789-1854).

Multimediale Führung durch den Garten der Frauen

Es werden Führungen der besonderen Art durch den Garten der Frauen angeboten: An diversen historischen Grabsteinen werden die Stimmen der Frauen per Audioaufnahmen abgespielt, etwa von der Hörspiel- und Synchronsprecherin Marga Maasberg (1903–1981), der Direktorin des St. Pauli-Theaters, Anna Simon (1892–1964) sowie der Tänzerin und Tanzpädagogin Lola Rogge (1908–1990) . Auch von der Streetworkerin und Prostituierten Domenica Niehoff sowie der Domina Ellen Templin sind Tonaufnahmen vorhanden, die an ihren Grabplätzen abgespielt werden können. An historischen Grabsteinen von Malerinnen oder Schriftstellerinnen sind auf Notenständern Reproduktionen ihrer Bilder oder Texte aus ihren Büchern angebracht.

Grabstein von Domenica Niehoff im Garten der Frauen
Quelle
Garten der Frauen e.V.
Lizenz
Grabstein von Domenica Niehoff im Garten der Frauen
Grabstein von Ellen Templin u.a. im Garten der Frauen
Quelle
Garten der Frauen e.V.
Lizenz
Grabstein von Ellen Templin u.a. im Garten der Frauen


Der historische Wasserturm – Ausstellungsort über Frauen, an die im Garten der Frauen erinnert wird

Der in der Nähe des Eingangs zum Garten der Frauen befindliche Wasserturm von 1898 wird seit 2003 auf Initiative von Rita Bake als Dokumentationszentrum genutzt. In seinen Räumen zeigt der Verein auch Ausstellungen zu Frauen, deren historische Grab- oder Erinnerungssteine im Garten der Frauen aufgestellt sind. Der Wasserturm bietet so die Möglichkeit, Lebenszeugnisse von Frauen zu zeigen, die unter freiem Himmel nicht präsentiert werden können.

Erinnerung wachhalten

Der Garten der Frauen ist ein ‚laufendes Projekt‘ und deshalb stets im Wandel. Es werden dort immer wieder neue historische Grab- und Erinnerungssteine für Frauen, die dem Verein Garten der Frauen viel bedeuten, aufgestellt. Die Forschung zu ihnen wird kontinuierlich fortgesetzt. Der Garten der Frauen ist ein öffentlich zugängliches steinernes Archiv, eine Freiluft-Erinnerungsstätte, ein 1600 Quadratmeter großes Frauengeschichtsbuch, wo die Erinnerung an die verstorbenen Frauen wachgehalten wird.

Autor*in
Garten der Frauen e.V.