Schreiben über Zuwendungen für den Kursus "Neuer Start ab 35"
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‚Neuer Start ab 35‘ – Frauen finden zurück zu sich selbst und in den Beruf

verfasst von: Vivien Helmli
veröffentlicht 18. Juli 2022
Welche beruflichen Möglichkeiten hatten Frauen, die viele Jahre die Hausfrauen- und Mutterrolle übernommen hatten oder lange erwerbslos gewesen waren? Das Projekt ‚Neuer Start ab 35‘ unterstützte Frauen dabei sich neuzuorientieren und wieder in den Beruf einzusteigen.

Bedarf sehen und handeln! Ein Projekt von Frauen für Frauen

Für Frauen konnte das Thema Erwerbstätigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Teufelskreis werden: Die Erwerbslosigkeit in Westdeutschland stieg auch unter Frauen an. Arbeitsplätze waren knapp bemessen und Männer wurden bevorzugt eingestellt. Dadurch wurden Frauen wieder in das Rollenbild der Hausfrau und Mutter geschoben, was zur Folge hatte, dass sie häufig nach der Geburt der Kinder für mehrere Jahre aus dem Beruf ausschieden oder nur Teilzeittätigkeiten annehmen konnten. Häufig war die Ehe für die Frauen deshalb die einzige Möglichkeit, finanzielle und gesellschaftliche Sicherheit zu erlangen. Alleinstehende Frauen hatten aufgrund der stigmatisierenden Rollenbilder nicht nur ein gesellschaftlich schlechteres Ansehen, sondern waren auch finanziell benachteiligt. Außerdem war die Betreuungssituation für Kinder schlecht, weshalb die Mütter selbst oft die Vollzeitbetreuung übernehmen mussten. Ohnehin galten Hausarbeit und Kindererziehung als ‚Naturberuf‘ und Lebenserfüllung der Frau, die sie selbstverständlich und unbezahlt auszuüben hatte. Die Rückkehr in den Beruf war für die Frauen nach der jahrelangen Tätigkeit als ‚Vollzeitmütter‘ extrem schwierig, obwohl sie der einzige Weg zur finanziellen Unabhängigkeit war. Frauen wollten also arbeiten, durch strukturelle Probleme und Stigmatisierung war es aber eine sicherere Wahl, sich dem patriarchal ausgerichteten System unterzuordnen. „In den 70er-Jahren kamen durch vielfältige Aktivitäten von Frauenverbänden und -organisationen, durch die neue Frauenbewegung sowie durch die international als ‚Lobby der Frauen‘ wirkende UN-Dekade der Frau (1975–1985) Frauenzielgruppen ins Gespräch, die bis dahin in dieser Intensität nicht wahrgenommen waren. Hierzu gehörten die sogenannten Berufsrückkehrerinnen, denen zu jener Zeit durch gesetzliche Fördermaßnahmen […] ein Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtert werden sollte.“1

Dr. Ellen Seßar-Karpp war damals bereits Mitglied des Deutschen Frauenrings (DFR) und im Ortsring Freiburg aktiv. Sie erkannte die Probleme, die sich für Frauen im Zusammenhang mit (Erwerbs-)Arbeit ergaben und welche Rolle diese für ihr Selbstbewusstsein spielte. Sie gründete 1976 mit der Unterstützung der damaligen Vorstandsfrau des Ortsrings Freiburg des DFR Grete Borgmann das Projekt Neuer Start ab 35. Der Gründungsort prägte den Namen des Konzepts: das ,Freiburger Modell’.2

Interview mit Dr. Ellen Seßar-Karpp, 2021

Der Neue Start ab 35 entwickelte sich über mehrere Jahrzehnte immer weiter und findet Anklang in der gesamten Bundesrepublik. Es handelt sich um ein Leuchtturmprojekt, in dem Frauen für Frauen Kurse gegeben haben. Anfänglich werden die Kurse im Untertitel als „Motivierungs- und Orientierungskurs für Frauen nach der Familienphase“3 bezeichnet. Berufsrückkehrerinnen als besondere Gruppe spielten in den 1980er-Jahren eine zunehmend wichtige Rolle in der Erwachsenenbildung und nahmen eine gesellschaftliche Sonderstellung ein. Im Nachklang der Neuen Frauenbewegung war es für viele Frauen zum Ziel geworden, selbst erwerbstätig zu sein und sich selbst persönlich zu verwirklichen. Für viele entstand, nach der jahrelangen Vollzeitbetreuung der Kinder, Raum, sich beruflich weiterzuentwickeln. „Ein großer Teil der Berufsrückkehrerinnen – 54% der arbeitssuchenden, nicht arbeitslos gemeldeten Frauen gegenüber ca. 20% der arbeitslosen Frauen […] – sucht und beginnt eine Teilzeitarbeit, nicht wenige von ihnen, nämlich jede siebte (gegenüber jeder zwanzigsten vor 1980) sind gezwungen, zunächst befristete Arbeitsverhältnisse zu akzeptieren“4 , schreiben Ellen Seßar-Karpp und Anke Büttger 1989 über die Frauen in Hamburg. Der Bedarf an den Kursen von Neuer Start war groß: In den Jahren 1984 und 1985 nahmen an den ersten sechs Kursen in sechs Städten 121 Frauen teil.

Der Hamburger Frauenring und der Neue Start

Nachdem das Projekt im Freiburger Frauenring gegründet worden war, zogen die Leitung und Koordination durch Dr. Seßar-Karpp 1983 nach Hamburg. In Hamburg wurde das Projekt direkt wieder im Frauenring  angesiedelt. Kurse waren hier unter anderem in den Räumen des Hauses Wedell in der Bebelallee abgehalten worden. Da Ellen Seßar-Karpp als Mitglied des Frauenrings auch Vorsitzende der Arbeitskreise Frau und Arbeit und Neuer Start ab 35 war, gestalteten sich Organisation und Öffentlichkeitsarbeit für das Frauentechnikzentrum unkompliziert. Es gab Überschneidungspunkte der Angebote und durch die Bekanntheit der Programme und des Verbandes konnten viele Frauen der Zielgruppe erreicht werden. In den 1980er-Jahren waren die Kurse in den regelmäßig erscheinenden Programmen beworben worden, oft mit einer Anmerkung zur außerordentlichen Beliebtheit der Kurse: „Interessierte Frauen sollten sich bereits rechtzeitig für die Kurse im Jahr 1989 melden, da eine grosse Nachfrage besteht.“5 Die Teilnehmerinnen der Kurse waren zusätzlich zu Veranstaltungen des Frauenrings – wie einem „Clubnachmittag“6 – eingeladen gewesen und waren so in Berichterstattungen und Diskussionen im Verein aktiv eingebunden. Zum 10-jährigen Jubiläum der Durchführung der Kurse vom Hamburger Frauenring wurden ehemalige Teilnehmerinnen am 13. September 1994 zu einem „Klönabend“7 im Klubhaus in der Bebelallee eingeladen. Es ergab sich eine Win-Win-Situation für das Projekt und den Verein: Durch die Veranstaltungen konnten neue Mitglieder für den Verein akquiriert werden und die Mitglieder an den Kursen teilnehmen.

Interview mit Carmen Zakrzewski, 2021

Der Hamburger Frauenring betreute das Projekt auch finanziell und sorgte dafür, dass Zuwendungen von der Behörde für Schule und Berufsbildung, genauer dem Amt für Berufs- und Weiterbildung, kamen. Aus einem Briefwechsel mit der Behörde geht beispielsweise hervor, dass die zweite Vorsitzende 1990 um eine Zuwendung von 7000 DM für die Kurse in Hamburg bat.8 Dem HFR gelang es, Politik und Öffentlichkeit für neue Perspektiven auf das Thema Frauen und Arbeit zu sensibilisieren.

Ganzheitlicher Ansatz als Erfolgsfaktor

Eine Besonderheit des Kurses war, dass es sich dabei um „keine[n] Wiedereingliederungskurs […], kein[en] Kurs zur ausschließlichen Wissensvermittlung [… und] keine Gesprächs- und Selbsterfahrungsgruppe“9 handelte. Der Fokus lag darauf, Frauen Unabhängigkeit – nicht nur in finanzieller Hinsicht – zu ermöglichen. Die breit aufgestellte Zielsetzung des Freiburger Modells führte zu einem ganzheitlichen Curriculum, welcher eine Motivationsphase, ein Betriebspraktikum und eine Phase der Nachbetreuung beinhaltete. Die Kombination aus Kurs und wissenschaftlicher Betreuung des Projekts bot die Möglichkeit der Auswertung.

In der Motivationsphase ging es darum, in unterschiedlichen Bereichen nicht nur Fachwissen für den Berufsalltag zu vermitteln, sondern in Fächern wie Psychologie, Pädagogik und Rhythmik, aber auch Recht und Arbeitsmarktlehre, ein umfassendes Programm anzubieten.10 Das Betriebspraktikum sollte den Kursteilnehmerinnen Einblicke in das jeweilige Berufsfeld ermöglichen, sie aber auch ihre eigene Belastbarkeit erfahren lassen. In Hamburg war ein Praktikum zum Beispiel auch im Frauentechnikzentrum möglich. Im Anschluss an den Kurs gab es in Absprache mit den Kursträgerinnen und Dozentinnen die Möglichkeit einer Nachbetreuung.

Frauen im Fokus – in Beruf und Persönlichkeitsentwicklung

Der Name des Kurses verrät bereits viel über Ziele und auch Zielgruppe. 
Als Dozentinnen für die Kurse wurden bevorzugt Frauen angestellt, die nach bestimmten Kriterien ausgesucht worden waren, „[d]a sich die Teilnehmerinnen in einer besonders sensiblen Phase ihres Lebens befinden“11 . Es wurden fachlich qualifizierte Frauen gesucht, die möglicherweise die Lebensbedingungen der Teilnehmerinnen aus eigener Erfahrung nachvollziehen konnten, also zum Beispiel selbst Mütter waren. Aus dem Pool der Teilnehmerinnen wurden oftmals Dozentinnen angeworben, da diese die Umstände der Kurse bereits kannten und auch mit der Lebensrealität der Teilnehmerinnen vertraut waren.

Im Gespräch mit Ellen Seßar-Karpp und ehemaligen Teilnehmerinnen wird immer wieder deutlich, dass die wichtigsten Ziele des Kurses Solidarität und die Fokussierung auf jede einzelne Persönlichkeit waren.12  Jede Frau sollte ihren Platz in der Welt finden. Daher war die Kombination von fachlicher und emotionaler Kompetenz bei den Dozentinnen besonders wichtig.

Einflussreiches Kurskonzept mit Zukunft

Die Kurse, die unter dem Titel Neuer Start ab 35 konzipiert und durchgeführt worden sind, waren so erfolgreich, dass sie in ganz Deutschland Verbreitung fanden. Der Hamburger Frauenring benötigte keine großen Werbekampagnen. Alleine durch die Mund-Propaganda waren die Kursplätze sehr schnell ausgebucht. Viele Bundesländer, etwa Niedersachsen, Baden-Württemberg und Hessen, siedelten die Kurse zum Beispiel bei den Bildungsministerien an. Es gibt sie bis heute. In Bayern werden beispielsweise Kurse als Förderprogramm des Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration nach wie vor angeboten.13 Mit dem Deutschen Frauenring, seinen Ortsringen und Dr. Seßar-Karpp haben sie allerdings nichts bzw. kaum etwas zu tun. Das Kurskonzept hat in den letzten 45 Jahren vielen Frauen bei einer Neuorientierung nach der Familienphase und beim Wiedereinstieg in den Beruf geholfen. Durch die vielfältigen Möglichkeiten, die nicht zwangsläufig den Wiedereinstieg als (einzige) Lösung angesehen haben, ist die Frau als Person in den Fokus gerückt worden. Damit sind ihr Selbstbewusstsein und ihre Unabhängigkeit in einem System gestärkt worden, in dem für Frauen entweder Familie oder Beruf vorgesehen ist. Die Vereinbarkeit von beidem war und ist bis heute oft schwierig. Das Projekt hat den Begriff der Arbeit für Frauen neu gedacht und wird auch heute noch als Leuchtturmprojekt in der Frauenarbeit angesehen.

Stand: 18. Juli 2022
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Verfasst von
Vivien Helmli

Studierte Deutsche Sprache und Literatur, Bibliotheks- und Informationsmanagement (B.A.) und Deutschsprachige Literaturen (M.A.) und schrieb ihre Masterarbeit zum Thema „Feministische Politisierung durch Schreiben“. Im FrauenStadtArchiv übernimmt sie die Leitung und ist außerdem wissenschaftliche Mitarbeiterin im DDF-Projekt „Frauen – Arbeit – Selbstorganisation“.

Empfohlene Zitierweise
Vivien Helmli (2022): ‚Neuer Start ab 35‘ – Frauen finden zurück zu sich selbst und in den Beruf, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/neuer-start-ab-35-frauen-finden-zurueck-zu-sich-selbst-und-den-beruf
Zuletzt besucht am: 04.10.2022
Lizenz: CC BY-SA 4.0
Rechteangabe
  • Vivien Helmli
  • Digitales Deutsches Frauenarchiv
  • CC BY-SA 4.0

Fußnoten

  • 1Seßar-Karpp, Dr. Ellen: „Neuer Start ab 35“ in Niedersachsen. Motivierungs- und Orientierungskurs für Frauen nach der Familienphase“, S. 3.
  • 2Ebenda, S. 9.
  • 3Ebenda.
  • 4Büttger, Anke / Seßar-Karpp, Ellen: Frauen in Beruf - Arbeitsmarkt - Weiterbildung unter besonderer Berücksichtigung technischer und informationstechnischer Bereiche - dargestellt am Beispiel Hamburg; Studie im Auftrag der Unesco, Paris, Hamburg 1989, S. 40.
  • 5Frauenstadtarchiv Hamburg (im Folgenden: FSAHH), HFR002;4 „Programme des Hamburger Frauenrings“, Bl. 116.
  • 6Ebenda, S. 129.
  • 7Ebenda, S. 18.
  • 8FSAHH, HFR003; 8 „Schreiben über Zuwendungen für den Kursus ‚Neuer Start ab 35‘“.
  • 9Seßar-Karpp, S. -II-.
  • 10Ebenda, S. 37.
  • 11Seßar Karpp, S. 15.
  • 12Podcast: Frauen prägen Hamburg, Folge 4: Frauen, Arbeit, Selbstorganisation, Zugriff am 18.07.2022 unter: https://open.spotify.com/episode/4nQ35TsNM18qcKYROZcuKA?si=ac9d58944fad421a.
  • 13Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): Bundesland Spezial: Wiedereinstiegsangebote in Bayern (BY), Zugriff am 18.07.2022 unter https://www.perspektive-wiedereinstieg.de/Inhalte/DE/Wiedereinstieg/Wiedereinstieg_konkret/Beratung_vor_Ort/bundesland_spezial_wiedereinstiegsangebote_in_Bayern_BY.html.