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Mädchenarbeit im Land Brandenburg

verfasst von: Lisa Schug
veröffentlicht 17. Februar 2020
Während Jugendarbeit mit und für Mädchen in der DDR quasi nicht existierte, erlebte sie nach der Wende einen Boom. In den 1990ern gab es allein in Brandenburg mindestens 71 Projekte, die sich an Mädchen richteten, deren Belange ernst nahmen und sichtbar machten. Nur wenige Projekte überlebten die 2000er.

Von null auf hundert in weniger als zehn Jahren

Als die ersten engagierten Frauen und Projekte in Brandenburg Anfang der 1990er-Jahre die ersten Mädchentreffpunkte gründeten, betraten sie Neuland. In der DDR hatte es zwar soziale Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gegeben, doch „Mädchenarbeit gab es in der DDR nicht als Ansatz praktizierender Kinder- und Jugendarbeit“.1 Erfahrungen im Umgang mit den speziellen Bedürfnissen und Belangen von Mädchen und jungen Frauen fehlten. Dabei gab es in der Nachwendezeit großen Handlungsbedarf.

Frauen und Mädchen galten als „Verliererinnen des Einigungsprozesses“2, denn „spätestens mit der Abwicklung der stark identitätstiftenden Betriebe, rasant steigender Zahlen arbeitsloser Frauen sowie der öffentlichen Debatte um den § 218 und die Fristenlösung, wurde klar, dass es sicher Gewinner, aber wohl kaum Gewinnerinnen der Einheit geben wird“.3 Genau deswegen hatte die Zeit des Umbruchs nach 1989 auch viele Frauen politisiert, die nun etwas ändern wollten.4 Auch von staatlicher Stelle gab es finanzielle und strukturelle Unterstützung, etwa durch die Förderung von Modellprojekten oder einen Posten für außerschulische Mädchenarbeit im Haushalt des Brandenburgischen Frauenministeriums.5 1993 gründete sich, mit Unterstützung der damaligen Brandenburgischen Frauenministerin Regine Hildebrandt6, die Kontakt- und Koordinierungsstelle für Mädchenarbeit im Land Brandenburg (KuKMA), als Informations- und Vernetzungsstelle für die wachsende Zahl von Mädchentreffs und -projekten. 1999 registrierte die KuKMA schon ganze 71 Anlaufstellen für Mädchen und junge Frauen im Land Brandenburg.7

Filmdokumentation: Lebendige Mädchenarbeit und Mädchenpolitik: Ein wichtiger Bestandteil der Gleichstellungsgeschichte des Landes Brandenburg, 2018

Der Brandenburger Ansatz

Von Beginn an folgte die Mädchenarbeit in Brandenburg dabei einem eigenen Ansatz. Zwar orientierten sich die ostdeutschen Praktikerinnen an dem, was in Westdeutschland in den Jahrzehnten zuvor gemacht worden war und traten auch in direkten Kontakt mit ihren westdeutschen Kolleginnen, doch dabei traten immer wieder große Differenzen zutage. Mädchenarbeit in Westdeutschland war aus der BRD-Frauenbewegung entstanden und die dortigen Frauen waren nicht unbedingt bereit, den Brandenburgerinnen bei der Entwicklung eines eigenen Ansatzes zu helfen. So beschreibt Anke Sieber, die damals in Eberswalde den DREIST e.V. für Mädchen mit Gewalterfahrungen aufbaute: „Das war kein Austausch […], sondern eher so ‚Wir bringen euch mal was bei‘. Und das war echt beschämend. Ich weiß auch, dass ich dann auch aufgestanden bin, weil ich das nicht ertragen habe, so behandelt zu werden […]. Und wir haben dann auch die Veranstaltung früher alle verlassen, weil es unerträglich war.“8 Unter den Mitarbeiterinnen in den Mädchentreffs waren zu Beginn viele Quereinsteigerinnen, die nach der Wende ihre Jobs verloren hatten.9 Einige von ihnen waren gänzlich ohne sozialpädagogische Expertise. Sie brachten dennoch viele Jahre Berufserfahrung und damit Wissen in ganz anderen, teilweise technischen Feldern mit10, was die Brandenburger Mädchenarbeit maßgeblich prägte.

Auch die Probleme und Themen waren oftmals andere als in westdeutschen Mädchentreffs. Schließlich machten viele der Besucherinnen die Erfahrung, dass Eltern ihre Arbeitsstellen verloren und große Bevölkerungsteile mit sozialem Abstieg kämpften. Inhaltlich ging es darum, Abwanderung von jungen Frauen in den Westen zu verhindern und ihnen bei der beruflichen Orientierung schon frühzeitig Perspektiven aufzuzeigen.11 Als Reaktion auf die Verbreitung rechtsextremer und rassistischer Ideologien unter Mädchen wurden auch deutsch-polnische Austauschprojekte und Geschichtsprojekte zur NS-Zeit zu einem Schwerpunkt Brandenburger Mädchenarbeit.12

Was der Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen in Brandenburg von Anfang an zu eigen war, war der ständige Kampf um Stellen und Fördermittel, der tiefe Spuren hinterlassen hat. Zwar konnten der laufende Betrieb und auch die Durchführung von Projekten mithilfe von ABM-Stellen, Projektstellen oder Stellen aus dem sogenannten 610-Stellen-Programm für Jugend(sozial)arbeit des Landes Brandenburg bewältigt werden, doch ein Aufbau nachhaltiger Strukturen war mit überwiegend befristeten Stellen kaum möglich.13 Dazu kam für viele Projekte die Schwierigkeit, sogenannte Eigenmittel aufzubringen, also jene finanziellen Beiträge zur Fördersumme, die der Projektträger selbst stemmen muss. Teilweise mussten die Beschäftigten diese letzten Endes aus eigener Tasche bezahlen, um ein Projekt überhaupt durchführen zu können. So berichtet die ehemalige Leiterin des Mädchentreff Schwedt, Ellen Fehlow: „Mein ehemaliger Vorstand […], der sagte‚ okay, du kannst die Stelle kriegen, aber du musst schon selbst die Eigenleistung aufbringen. […] Ich glaube, es waren nachher schon im Monat 250 - 300 Euro.“14 In einer Danksagung schreibt die ehemalige Leiterin der KuKMA, Tina Kuhne, über die Gründerinnengeneration: „Sie waren oft Pionierinnen, die viele unterschiedliche „Baustellen“ im Blick haben mussten. Ihr Engagement und ihr Durchhaltevermögen trotzte den teilweise massiven materiellen Einschränkungen oft sehr lange.“15

„Mädchen mischen mit, in Politik und überhaupt... !“16

Trotz dieser mehr als holprigen Startbedingungen gelang es einer Vielzahl motivierter junger Frauen, nicht zuletzt auch durch massive Selbstausbeutung17, bis Anfang der 2000er-Jahre ein fast flächendeckendes Angebot an Mädchentreffpunkten und -projekten im Land Brandenburg aufzubauen. Die Kontakt- und Koordinierungsstelle KuKMA vernetzte diese Anlaufstellen und somit auch die Mitarbeiterinnen und Besucherinnen miteinander. Beim jährlichen MädchenProjekteTag der KuKMA im Rahmen der Brandenburgischen Frauenwoche trafen sich Mädchen aus ganz Brandenburg für gemeinsame Workshops und Seminare. Spätestens der MädchenProjekteTag 2002 unter dem Titel ‚GIRLANDE‘ schuf außerdem auch eine Öffentlichkeit für die politischen Belange von Brandenburger Mädchen und jungen Frauen. Am 8. März 2002 zogen die 150 Teilnehmerinnen in den Brandenburgischen Landtag in Potsdam ein, wo sie einen ganzen Tag lang mit MinisterInnen und Landtagsabgeordneten ihre Belange diskutieren und auf die spezifischen Anliegen junger Frauen aufmerksam machen konnten.18 Ulrike Häfner, damals Leiterin der KuKMA, resümierte: „Das Projekt [… ] ermutigte zum Widerspruch. […] Mädchenarbeit erfuhr deutliche Wertschätzung. Wenigstens für kurze Zeit glaubhaft, später eher rhetorisch, dennoch – PolitikerInnen und Verantwortliche anderer berührter Arbeitsfelder zeigten Respekt vor und gegenüber den Belangen von Mädchen und Frauen.“19

„Es wird weggespart, was noch gar nicht aufgebaut war.“20

Doch der Boom in der Brandenburger Mädchenarbeit dauerte nur kurz an – zu kurz, um nachhaltige Netzwerke und Strukturen aufzubauen. Bereits im Jahr 2001 hatte eine rigide Sparpolitik auf Landesebene das Ende für eine Vielzahl von Mädchenprojekten eingeläutet. „30 Prozent weniger Förderung [bedeuteten] für viele Mädchen- und Frauenprojekte das Aus. Der Haushaltstitel zur Förderung von Mädchenarbeit [wurde] aus dem Etat des MASGF gestrichen“, erinnert sich Ulrike Häfner. So fand mit der ‚GIRLANDE‘ 2002 auch das letzte Mal ein MädchenProjekteTag statt.

MädchenZunkunftswerkstatt Veranstaltungen März 2001

Der explorative Charakter Brandenburger Mädchenarbeit entpuppte sich letzten Endes also als entscheidender Nachteil. Zu wenig Druck konnte aufgebaut werden, als massive, einschneidende Kürzungen drohten, auch wenn verschiedene Akteur*innen sich in der Politik immer wieder für den Erhalt der Mädchenarbeit stark machten. Dass Geschlecht kein Luxusthema ist, dass auch Quereinsteigerinnen gute und wichtige Arbeit im sozialpädagogischen Bereich leisten können, kam dennoch bei den Entscheidungsträger*innen nicht an. Anfang der 2000er-Jahre war der Traum einer flächendeckenden Brandenburger Mädchenarbeit ausgeträumt. Die Zahl der von der KuKMA verzeichneten Mädchenprojekte minimierte sich innerhalb kürzester Zeit, von den Mädchentreffpunkten überlebten nur fünf.21 Auch Strukturen, die einen fachlichen und inhaltlichen Austausch ermöglichten, mussten ihre Arbeit mangels Förderung vorübergehend einstellen. Dazu zählte etwa die Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenpolitik, in der auch freie Träger der Jugendhilfe saßen und die seit 2000 die Interessen „von Mädchen und jungen Frauen in verschiedenen Politikfeldern“ vertreten hatte, etwa durch Tätigkeit in verschiedenen Landesgremien.22

An diesem Status Quo hat sich seit den frühen 2000er-Jahren kaum etwas geändert. Die wenigen verbliebenen Projekte kämpfen weiterhin und stetig um ihre Existenz und müssen zusätzlich Generations-, Träger- und Personalwechsel bewältigen. Und doch lassen sich die Brandenburger Mädchenarbeiterinnen nicht unterkriegen. In Brandenburg an der Havel ist 2019 ein neuer, intersektionaler Mädchentreff entstanden. Das Motto bleibt: „Mädchen mischen mit, in Politik und überhaupt... !“23.

Stand: 17. Februar 2020
Verfasst von
Lisa Schug

geb. 1989, studierte Skandinavistik, Medienwissenschaften, Interkulturelle Kommunikation und Gender Studies. 2018 freie Mitarbeiterin des FFBIZ – das feministische Archiv im Projekt „Lebendige Mädchenarbeit – ein wichtiger Baustein in der Gleichstellungsgeschichte des Landes Brandenburg“.

Empfohlene Zitierweise
Lisa Schug (2020): Mädchenarbeit im Land Brandenburg, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/maedchenarbeit-im-land-brandenburg
Zuletzt besucht am: 14.07.2020

Fußnoten

  • 1. Kruschwitz, Simone / Schröter-Hüttich, Katrin: Mädchenarbeit in den Regionen Sachsens, in: Busse, Stefan / Ehlert, Gudrun (Hg.): Soziale Arbeit und Region. Lebenslagen, Institutionen, Professionalität, Berlin 2009, S.388–404, hier S. 391.
  • 2. Häfner, Ulrike / Sieber, Anke: Mädchen- & Frauenrechte im Land Brandenburg. Eine Zeitreise von 1949 bis in die Gegenwart, in: Frauenpolitischer Rat im Land Brandenburg: Mit Recht und Courage. Frauenrechte zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Potsdam 2006, S. 15‒23, hier S. 17.
  • 3. Häfner, Ulrike: Im Osten nichts Neues? Entwicklungen von Mädchenarbeit in den neuen Bundesländern. Bericht einer Zeitzeugin zu Entwicklungen von Mädchenarbeit in den neuen Bundesländern, in: Betrifft Mädchen, 2002, H. 4, S. 4‒8, hier S. 4.
  • 4. Häfner, Ulrike: Im Osten nichts Neues? Entwicklungen von Mädchenarbeit in den neuen Bundesländern. Bericht einer Zeitzeugin zu Entwicklungen von Mädchenarbeit in den neuen Bundesländern, in: Betrifft Mädchen, 2002, H. 4, S. 4‒8, hier S. 4.
  • 5. Ganz, Tille / Kuhne, Tina: „… und dann denke ich wieder an unsere Großartigkeit“, Berlin 2018, Minute 8:50 f.
  • 6. Kuhne, Tina: 20 Jahre KuKMA. 20 Jahre Engagement und Impulse für Mädchenarbeit - für Mädchen und junge Frauen im Land Brandenburg, in: Aufmerksam werden und in Bewegung bringen. Impulse zur Umsetzung von Geschlechtergerechtigkeit im Land Brandenburg. Dokumentation der Fachtagung am 19.09.2013, Potsdam 2013, S. 9‒16, hier S. 9.
  • 7. FFBIZ, A Rep. 400 Berlin 20.7, „KuKMA”.
  • 8. Ganz / Kuhne: „… und dann denke ich wieder an unsere Großartigkeit“, Minute 5:58 ff.
  • 9. Kuhne: 20 Jahre KuKMA, S. 9.
  • 10. Kuhne: 20 Jahre KuKMA, S. 9.
  • 11. Häfner: Im Osten nichts Neues?, S. 4.
  • 12. Ganz / Kuhne: „… und dann denke ich wieder an unsere Großartigkeit“, Minute 29:00 ff.
  • 13. Häfner: Im Osten nichts Neues?, S. 3.
  • 14. Ganz / Kuhne: „… und dann denke ich wieder an unsere Großartigkeit“, Minute 50:58 ff.
  • 15. Kuhne, Tina: Danksagung, in: Aufmerksam werden und in Bewegung bringen. Impulse zur Umsetzung von Geschlechtergerechtigkeit im Land Brandenburg. Dokumentation der Fachtagung am 19.09.2013, Potsdam 2013, S. 4 f, hier S. 4.
  • 16. FFBIZ, A Rep. 400 Berlin 20.7, “KuKMA”; Mottospruch der Girlande 2002.
  • 17. Häfner: Im Osten nichts Neues?, S. 3
  • 18. FFBIZ, A Rep. 400 Berlin 20.7, “KuKMA”.
  • 19. Häfner, Ulrike 2003: GIRLANDE 2002 - Politik für Mädchen und junge Frauen im Land Brandenburg, in: Mädchenpolitisches Hearing der neuen Bundesländer 2003. Eindrücke und Ausblicke. BAG Mädchenpolitik, S. 60–62, hier S. 62.
  • 20. Pfitzner, Jeanette: Mädchenarbeit in Ostdeutschland, in: Sachverständigenkommission 11. Kinder- und Jugendbericht (Hg.): Mädchen- und Jungenarbeit - Eine uneingelöste fachliche Herausforderung, S. 277–296, hier S. 294.
  • 21. FFBIZ, A Rep. 400 Berlin 20.7, “LAG Mädchenpolitik”.
  • 22. FFBIZ, A Rep. 400 Berlin 20.7, “LAG Mädchenpolitik”.
  • 23. FFBIZ, A Rep. 400 Berlin 20.7, “KuKMA”; Mottospruch der Girlande 2002.